dokument #83

„Wen es nach Ruhe verlangt, der leidet an der Unruhe des Alltags, wer sich nach Stille sehnt, weiß, daß seine innere Entwicklung auf Unberührtheit von außen angewiesen ist.“*

 

…und in der Gegenwart: sitzen wir am Tisch, und wissen nicht weiter. Es ist still hier im Haus, was sehr ungewohnt ist. Sehr ungewohnt. So ungewohnt, dass wir in der Stille, die herrscht, den Lärm und das Geschrei, die sonst hier herrschen, weiterhin hören…

Wenn wir hier fertig sind zu tippen, werden wir eine  Strafanzeige schreiben und abschicken. Es geht zu weit, unter uns. Seit langem schon. Seitdem wir hier sind, schon. (Und das ist „lang“…) Und natürlich auch, vor allem auch: darüber hinaus. – Doch nicht für uns, die wir nur Zeugen sind, sondern für die, die es direkt betrifft.

Gestern haben wir gehört, wie das Kind geschlagen wurde. Eindeutig. Da kann man nicht wegsehen, oder weghören…

Da kann man nicht sagen: „dass irgendwer doch irgendetwas tun muss“, wohl wissend, dass man sich nicht selbst damit meint… Wir wollen das Thema (vorerst) nicht weiter hier ausbreiten. Zumal wir das andernorts schon mehr als genug getan haben… – geredet wird viel. Und schlimmer als „Positionen“ aus der Ferne, ist der depressive Fatalismus, der einem weismachen will „dass man doch tun kann, was man will, geschehen wird nichts…“ – Würden wir so denken, wüßten wir keinen Grund mehr zu leben…. ja nachdem, wie man „Leben“ definiert. Und wenn wir eines ziemlich genau wissen, dann ist das, dass wenn nichts mehr übrig geblieben ist von „diesem Leben“, dass genau da „der Widerstand“ sitzt. Und ist er gebrochen, und fort, dann war es das mit einem selbst… – völlig gleich, wie lange man noch „weiter/lebt“…

Wie werden auch zum Jugendamt gehen, und denen, unter Nennung unseres Namens, erzählen, wovon wir hier jeden Tag Zeuge werden und sind.

„Das ist kein Leben so…“

Doch was wir eigentlich sagen wollten, ist…. dass wir hier sitzen, und es nicht gewohnt sind zu essen, so dass es „normal“ ist… das ist so eines der für uns „kleineren Themen“, über das wir uns streiten. Das uns beschäftigt, aber nicht ausfüllt…

In dieser Gegenwart… wir ziehen jetzt bald zum 3. mal um, seitdem wir betreut sind. Hier sitzen wir nur noch die Zeit ab, die endlich vergehen soll… Halten uns die Ohren zu, wenn der Missbrauch unter uns, wieder so  lärmt, und „machen uns weg“, ohne dass wir das beeinflussen müssten…

Oder gar könnten.

Wir wußten gerade nicht, was wir tun sollen. Der Körper war so ungewohnt schwach… sowie diese Stille, in der wir weiterhin hören, wie…

Die Therapie macht uns „pragmatisch“, auf eine seltsame, uns sehr fremde Art, die wir nicht wollen… wir kommen an, in dieser „äußeren Welt“, fühlen eine seltsame „Leere“ in uns, wenn wir uns nicht ablenken… – vielleicht mag das für manchen ein Erfolg sein. Für uns ist es das nicht, weil wir wissen, dass wir nur „gehorchen“, und „nur so tun, als ob…“…

So wie mit „dem essen“, das für uns nie etwas „normales“ sein kann… wir tun einfach „so als ob wir es normal täten“, imitieren, äffen nach…und das ist vielmehr, als wir diesbezüglich, ein Leben lang konnten…

„Reicht das denn nicht…?“- fragt einer, fast schon verzweifelt, während ein andere „Widerstand“ schreit, ohne zu wissen ob „dafür“oder „dagegen“…

Wenn man nichts isst, fühlt man sich fitter. Und Essen an sich deprimiert… „essen hat für sie nichts sinnliches“, sagt der Therapeut.“Wir sind lieber aktiv, als gesättigt“, sagen wir zu ihm zurück… – so geht das seit Jahren, während unter uns, und an so vielen Orten, ein kleines Kind ausbaden muss, was ein_e andere hasst, weil er_sie womöglich die Liebe nie kannte. / Wer kann das schon wissen…. Du bist was Du tust!

Wir sitzen die Zeit hier einfach nur ab. Befreien uns allmählich…von diesem „Nichts-Tun“ und „nichts können“, dass uns so krankhaft, seitdem wir hier sind, befallen hat…

Und vorher schon… da war es da. Wir verstehen, was da passiert ist mit uns. Müssen alles was war für uns schreiben, so dass wir es sehen… und so überwinden.

Das ist unser „Widerstand“, der uns befreit, auch wenn der Therapeut uns immer einreden will, dass das Schreiben für uns eine „pathologische Flucht“ ist…. – Doch ohne es, könnten wir nicht sehen. Wüssten keinen Grund wofür wir denn lebten (außer „die Liebe“, die immer viel „besser ist“, wenn wir mit ihr alleine sind…) , und wie wir uns erinnern, und daraus Lehren ziehen könnten…

„Wir wissen es nicht…“, weil wir so vieles versucht haben…, und nichts fanden, das ihm irgendwie gleicht…

So wie Du.

Was war das nur mit Dir?….

ich weiß es immer noch nicht…. Nur, dass Du immer noch hier bist. Viel mehr, als irgendwas sonst. – Ich setzte mich hier hin, an den Tisch, schlug dieses Buch auf, das ich neulich auf der Straße fand. Las ein paar Zeilen… und sogleich, waren Deine Worte wieder da. Der Klang deines Wesens… es hallt so in mir nach. Ich ahme Deinen Gesichtsausdruck nach, sehe Dich neben mir, wenn ich alleine draußen rumziehe…

Es hört einfach nicht auf… – und soll es auch gar nicht. So lange ich nicht weiß, was vor bald einem Jahr, mit mir und Mut uns nur geschehen ist…  – Und es geht nicht „um Dich“, das wissen wir beide. Wir waren nur Begegnungen am Rande, auch wenn wir füreinander die ersten waren, die uns „tatsächlich sahen“. Ohne den Schleier, oder die… „Augen der anderen“, durch die man sich sieht, wenn man auf jene Art be(und er-)schaffen ist, wie wir beide das sind…

Ich muss verstehen, weil seitdem alles hängt…. Doch vorher muss ich diese Anzeige schreiben, denn die Gewalt und der Missbrauch, in und um uns herum, hören einfach nicht auf….

Es gibt da einen Satz, einen von vielen, den ich hoffentlich nie sagen werde. Nie sagen muss, solange ich lebe. Er wird stets als Frage formuliert, obwohl er gar nicht so gemeint ist:

„Was hätten wir denn tun sollen…“

….ich weiß es doch  auch nicht!

 

 

*Werner Keller „Wie es auch sei das Leben…“/Beiträge zu Goethes Dichten und Denken, Wallstein Verlag, S.103

dokument #82

dieser Totstellreflex…

Gleich das erste, was wir tun mussten, in der Betreuungswohnung, war, dass wir die Fenster zuklebten. Anders ging das nicht. Da führte auch kein Weg daran vorbei… man will sich ja auch nicht ständig tot stellen müssen, nur weil andere, die es vielleicht gar nicht gibt, einen wahrnehmen könnten, beobachten und sehen.

Natürlich taten wir das nicht einfach so. Das war uns nicht möglich. Man hätten uns ja sehen können dabei…

Wir schliefen zu der Zeit noch am Stadtrand, in einer leeren Übergangswohnung, in die man uns temporär einquartiert hatte. Reiner Pragmatismus: wir waren von der Strasse weg, und über die Feiertage, die gerade waren, „versorgt“, sozusagen… Uns gefiel das. Ausgesprochen gut sogar. So ein „Übergang“ in einer leeren, frisch renovierten, und dadurch: vollkommen unpersönlichen, Wohnung. (Viel Gepäck war das ja nicht, das wir hatten. Nicht genug auf jeden Fall, um eine Duftmarke zu setzen dort. Diesen Räumen unsere Spuren aufzudrücken, einen Stempel… )

Wir schliefen auf dem Boden dort, hatten unser „Handgepäck“ in einer Kiste, ganz am Rande eines Zimmers abgestellt.

So eine Leere ist wie für uns geschaffen. Nichts um einen rum, das einen einengt, oder festhält gar. Nichts, das einen aus sich rausfallen lässt, weil.. Und dann noch dieser Platz da drin: 3 Zimmer. Wir sind ja sehr beweglich, laufen viel herum, und auf und ab. Führen unsere „Debatten“ mit uns gerne so, dass wir dabei, würde man messen, ein gutes Stück durchwandern und zurücklegen. Ohne dass wir das natürlich merken. Das geschieht so am Rande, für uns; also dort, wo unser Gepäck auch abgestellt ist.

Dass wir, bevor wir bald um- und einzogen, die Fenster abkleben mussten, weil… war also klar. Nur wie und mit was, das wussten wir nicht ganz so genau. Für das, was einem als ersten einfällt, wenn man darüber nachdenkt, hatten wir kein Geld. Und auch nicht die Einsicht. Zudem waren auch „die Feiertage“, da war das nicht alles so schnell und einfach zu bekommen. Zudem das Werkzeug, das man braucht. Das kommt ja auch noch dazu.

Also liefen wir tagsüber, da am Stadtrand, wo wir waren, herum, schauten, was es dort so gab an Stadtrandgeschäften (letztendlich sind es ja doch überall dieselben Filialen, derselben paar Ketten…) und was uns wohl schnell helfen könnte. Welches Zeug wohl dafür taugt, dass man mit ihm „gefährliche“ Fenster so verklebt, dass sie auch blickdicht sind. Dass nichts durch sie hineindringt, und wir beschützt sind vor dem, das dazu führt, dass wir im Außen sind, und unseren Körper hinter uns verlassen haben…

Bastelpappe, das war es! Dicke, mit irgendwelchen Mustern und Bildern, bedruckte Bastelpappe, war es, die wir schließlich fanden. Die war ganz hervorragend dafür geeignet, und kostete nicht viel. Uns störte das auch nicht, dass von jedem aufgedruckten Muster, für das wir uns entschieden, nur sehr wenige Bögen noch auf Lager waren. Also kauften wir einfach zig verschiedene, in diesem 1-Euro-Shop, da in stadträndig-zentraler Lage. Und Klebeband das kauften wir. Diese ganz flexible Gafferband, das wir sowieso andauernd kaufen, da müssen wir gar keine Fenster für verkleben. Das braucht man ständig irgendwie für irgendwas….und wenn man es nicht hat, aber braucht, dann fehlt es arg. So wie meistens alles fehlt, was man arg braucht, und stattdessen nur da ist, was man hat, das einem noch geblieben ist….



Schnitt
Es ist so ein Wahnsinn… Die ganze Zeit versuchen wir nun schon uns einem Punkt zu nähern. Einem ganz bestimmten. Einer, der wohl ein großer Unfall war. Ein Zusammenbruch, ne Explosion, ein lauter Knall…

Es ist ja auch nicht so, dass wir darüber nicht geschrieben hätten. Vor allem danach. Es ist alles da, und aufgeschrieben. Doch wie so oft, bei uns, ist alles irgendwo verstreut, und dadurch also nichts, auf das wir Zugriff hätten. Also versuchen wir es ganz von vorn. – Es funktioniert nur nicht, wir „boykottieren“ uns selbst. Der Therapeut sagt das andauernd auch zu uns, dass wir das tun. Dann stammeln wir sehr wirres Zeug darauf, weil wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Dass er recht hat, wissen wir, und das bestreiten wir auch nicht. Es ist nur so…. wir haben dann nichts „anzubieten“. Nichts mit dem ersichtlich würde, wie sich das wohl ändern kann, dass wir uns selbst so krass….im Wege stehen, und uns bekämpfen einander.

Wir merken es ja hier, vor allem hier, sehr deutlich, wenn wir hier schreiben. Das ist uns sehr wichtig. Weil wir so ja auch versuchen etwas zu sehen und verstehen. Uns an diesen Punkt zu schreiben, an dem wir etwas überwunden haben. – Wir können das nur schriftlich. Und ganz alleine nur für uns. – Im Grunde ist das gar nicht schwer, was wir hier tun, sollte man meinen. Bzw., besser gesagt: „ich“ bin das, der denkt: „das ist doch einfach, irgendwie…“… Doch wenn ich mir anschaue, was jedes mal passiert, wenn wir damit beginnen aufzuschreiben….wie sehr wir gegeneinander eskalieren, bis nichts mehr von uns übrig ist, das irgendetwas sieht und kann (man muss sich nur mal die Zeit anschauen, die vergeht, zw. den kleinen Texten, dann hat man eine leichte Ahnung davon…).

Doch wir geben jetzt nicht auf damit, das ist nicht unser Stil. Wir sind sehr trotzig, und wenn es darauf ankommt auch sehr „stark“…. – Wir näheren uns diesem „Knall“, an dem wir auseinanderplatzten jetzt einfach chronologisch von zwei Seiten. Von der Vergangenheit heraus nach vorne, und von der Gegenwart aus nach da, und weiter mit. Denn schließlich sind das wir ja nur, die all das hier verstehen müssen. Und „verstehen“ tun, wir, daran fehlt es nicht, und mangelt(e) es auch nie….

Es ist etwas anderes. Verdammter „Selbstboykott“. – Das Wort sagt sich viel zu selbstverständlich, als dass es uns so helfen kann… Der Therapeut weiß das genau, und sagt es zu uns dennoch andauernd. Steter Tropfen höhlt den Stein… wir werden sehen, was wie hier anrichten, und ob wir irgendwann dort landen werden, wo wir denken, dass wir dort….verschollen und verloren (gegangen) sind…

Und weiter geht’s im Text….

dokument #81

Nur für den Übergang, nur zu Besuch…

… als wir die neue, „eigene“, Betreuungswohnung das erste Mal betraten, da froren wir gleich ein. „Vor Überwältigung“, liegt’s auf’s der Zunge zu sagen, was sogar fast richtig wäre, und ist. Aber nur fast. Denn es war weder Ergriffenheit, die unseren Busen beben liess, noch Freude schöner Götterfunken, sondern lediglich der Schock. Denn da die Wohnung im Innenhof lag, sah man, durch die Fenster hindurch, die düstrig-kalte Häusefront der anderen Seite. Viel, viel zu nah, stand sie vor uns und starrte uns an, und zu uns hinein. All diese bedrohlichen Fenster, samt der spitzen Blicke, die sie in sich versteckten …- Wir können das nicht: „wahrgenommen werden“ (da reicht es schon aus, dass wir den Verdacht haben, dass dem evtl. so ist..). Besonders da nicht, wo wir schlafen des Nachts.

Doch nicht nur da… Es ist so fast überall: sobald man „uns wahrnimmt“ / „uns sieht“, geschieht etwas mit uns, auf das wir keinerlei Einfluss mehr ausüben können, besitzen, selbst wenn wir das wollen… – „Wir sehen uns dann selbst (nur) von außen“, verkürzt gesagt. Und wir schaffen es dann nicht, „in unseren Körper“, der erstarrt der Dinge harrt, bis die Gefahr vorüber ist, zurückzukehren, ihn uns zurück zu annektieren, erneut. Und ihn zu steuern…

Dort, wo wir zuvor geschlafen hatten, war das sehr schlimm und ausgeprägt gewesen.Was musste es dort denn auch nur so verdammt hellhörig sein? So hellhörig, dass es uns überwältigte… Und zwar jedesmal, wenn die anderen Existenzen dort, durch den breiten Spalt unter unserer Tür, zu uns hinein drangen… Wir taten oft nichts anderes dort, als in diesem „Totstellreflex“ verharrend auf dem Bett zu liegen. Zu warten und zu lauschen, bis der Lärm von außen ganz verschwunden war, und wir uns wieder regen konnten, um unseren „Bedürfnissen“, die man nicht abstellen kann, die wenigen, die übrig sind, nachzukommen.

Dieser „Totstellreflex“, der uns stundenlang, und wenn es sein muss sogar tagelang, befallen und umschließen kann… Der ist tiefer in uns drin, als anderes. Und wir haben keinen Plan, wie wir ihn überwinden könn(t)en. Egal, wie oft man uns erklärt, woher er rührt, und wie er sich darstellt. Weswegen er sich einstellt …

Die Therapie, die wir machen, hilft dabei leider auch gar nicht (mehr). Die Geduld, mit uns, so wie es scheint, ist aufgebraucht, und eingestellt.. Es entspricht nicht so ganz dem Ehrgeiz des Arztes, uns bei unserem „alltäglichen: wir-wissen-nicht-wie, -oder-wer“ („…das wird nie weniger sein. Das müssen sie wissen: ob wir uns damit aufhalten wollen, oder ob wir uns um eine „höhere Ebene“ bemühen, in der das alles seinen Ursprung hat…“) zur Seite zu stehen… Er will uns lieber gleich schon „zusammengeführt“ haben. Und zwar ganz und komplett. Ohne erkennbare Risse. Und lieber gestern als heute…. Doch soweit sind wir noch nicht. Sind wir noch lange nicht, auf Biegen und Brechen. Weder jetzt und hier, noch sonst irgendwo in der Zeit, durch wie wir springen wie Flummis, während uns die Gegenwart nicht mehr sieht. „Wir lernen uns doch gerade erst kennen…“, denken wir für uns, seitdem wir das nicht mehr aussprechen dort, als Erwiderung auf… während wir uns immer mehr entfernen und verschließen von und vor dem, das uns ver-zerrt und übergeht. Uns so nicht haben will: „so gespalten“…. wie wir es nun einmal sind.

Dieser „Totstellreflex“….

Das Äußere ist einfach, viel zu häufig und oft, viel, viel zu laut für uns. Ohrenbetäubend. „Die Blicke“, die uns streifen, und verraten könnten, viel zu dicht an uns dran. Sie durchstreifen und durchleuchten uns wie Röntgenstrahlen, gegen die wir machtlos sind wie Ameisen im Ozean. Wir nehmen uns dann selbst nur wahr von diesem Aussen. Jedes Geräusch, das wir produzieren (könnten), wird vermieden. Wird  „eingefroren“, abgestellt, unterbunden. Jede Bewegung erstarrt. Sogar das „dringlichste“ bleibt, in uns drin, solange still stehen, bis…. bis es außen wieder so still und ruhig geworden ist, wie es innendrin die ganze Zeit war. Wir hören dann auf zu existieren, könnte man sagen. Je nachdem, wonach oder womit man „Existenz“ definiert. Wie tief man dieses „Existenzminimum“ (also der Punkt ab dem man davon sprechen kann) stapelt, und ansetzt…  – Womöglich denken wir, in einem solchen Zustand, absolut nichts; das wissen wir nicht. Das ist sehr schwer nur zu sagen, weil dann, wenn wir uns wieder regen können, ist dieser Zustand nämlich so, als wäre er nie dagewesen, nie geschehen.

Von sich selbst komplett entfremdet…“, sagt einer von uns , wenn solche Sätze wie jetzt hier getippt sind. So als sei man seine eigene Romanfigur, die man sich bloß ausdenkt. Dabei schreiben wir von dem größten Teil unseres erlebten Er-lebens. Der Teil also, an den so viel(e) unserer Erinnerung_en fehlt/-en…

Ob wir uns (& sie) je wieder finden?

… oder gar: „wieder-er-finden“?

Wollen wir das überhaupt?… / und wenn ja/nein: weswegen?

Die Gegenwart schweigt. Das ist so ein surrealer Zustand aber auch, in dem wir uns seit langer Zeit schon befinden. So als träumten wir nur, wenn wir wach sind, von einem „Schlaf“, der gar keiner ist… und all das, was wir nicht mehr tun, aber tun woll(t)en, das fällt uns schon gar nicht mehr ein.

Wir haben komplett vergessen, dass wir das meiste „vergessen“…

dokument #80

Was war das nur, vor dem wir jetzt schon wieder flüchteten?…

… zu den dafür zuständigen Helfer_innen sagten wir: „Die Wohnung! Und alles, was da drin und drumherum ist!“. Wir sagten das sehr stets, und auch sehr dringlich. So wie ein Mantra ohne Sinn, von dem man dennoch nicht ablassen kann. Vielleicht ja gerade deswegen… Doch es stimmte ja auch. Wir gingen nicht mehr raus, obwohl die Sonne schien, und alles auf_blühte, hatten uns zugestellt mit altem Krempel, von dem wir dachten, dass es gut sei, wenn er bei uns ist, und uns umgibt. Dämlicher Krempel… was sich im Laufe einer Existenz aber auch alles ansammeln und anhäufen muss. So als wäre es das wert. In unserem Falle waren das: Bücher, hauptsächlich Bücher, und zwar Unmengen davon. Und Papier, noch und nöcher, vollgekritzeltes Papier, auf dem wir das meiste selbst nicht mehr entziffern konnten. Und Bilder, natürlich, (nicht von uns, denn die besaßen wir nicht, was uns nie verstimmte. Im Gegenteil.„Auch so ein Form der Dissoziation…“, würde der Therapeut jetzt dazu sagen. – Doch es gibt ja auch sehr „angenehme“… ) aus irgendwelchen Zeitschriften, u.ä., herausgerissene Bilder: Catherine Deneuve, in einen Text versunken, oder: das eines Fahrrades, das, von irgendwem, auf einem leeren Weg stehengelassen wurde, und jetzt da im Weg steht, oder: ein Kind vor einem Spiegel, in dem man es nicht sieht… uisw, usf. Und die schweren, so unglaublich kompliziert zu transportierenden, Schallplatten, und …

Diese Bücher… Irgendwann in einem alten, weit entfernten Leben, in einer weit entfernten Stadt, da waren sie mal bedeutungsvoll gewesen. Habseligkeiten einst. Flucht und Sinngebung zugleich. Der (innere) Ort, an dem wir waren, und der uns mit „der Welt“ verband, in die wir nicht gehörten… Doch das war lange her. Nun türmten sie sich, seit Jahren, in dieser Lagerbox im Randbezirk, und reiften hin zur Putreszenz, vermoderten, verwahrlosten. Stapelten sich zur Decke dort, und staubten ein. Fielen uns auf den Kopf, wenn wir die Türe öffneten…

Das war immer sehr sonderbar, wenn wir da standen, vollkomen entfremdet von uns und dergleichen, und paralysiert auf all das Zeug da starrten, von dem wir nicht wußten, wie wir weiter jetzt mit ihm verfahren sollten, weil unser Leben in dieser großen Stadt ja, seitdem wir wieder hier sind, ausschließlich daraus bestand, uns von einem Übergang zum nächsten zu hangeln, ohne Platz, für all diese Reste… nutzloser Krempel. Dämliches Zeug. Angesammelter Mist. Die einzige Konstanz (dadurch: „Bezug“), die noch irgendwie bestand, war lediglich der Dauerauftrag, mit dem wir, Monat für Monat, das Lagern dieses Krempels da bezahlten… Prekäres Vagabundentum, in das wir eingeschlossen sind. Das dem je anders war, das kennen wir nicht.

Mit der Betreuungsmaßnahme änderte sich das dann, hin zum Guten für uns. Zumindest ein wenig. Wir bekamen eine Wohnung zugeteilt, man höre und staune. Eine eigene, ganz alleine für uns. Zwar hatte der Therapeut große Sorge, dass wir, recht bald, für uns alleine („uns selbst ausgeliefert“) von einem immer lauter werdenden Stimmengewirr in uns, erschlagen werden würden. Doch diese Ansicht vertraten wir nicht. So etwas sagt(e) auch nur jemand, der es sich leisten kann, zwischen sich und der äußeren Welt, eine dicke Mauer zu haben. – „Komfort“ nennt man das dann. – Jemand, der nicht alle paar Wochen seinen klammen Koffer packen muss, und weiterzieht, zur nächsten Zwischenmiete. Hinein ins nächste dieser unerträglich lebensunwerten Zimmern, vollgestellt mit Plunder meist, der einfach nur noch traurig ist. Hinein in diese Wohnung eines Menschen, mit dem man nie etwas zu tun haben wollte, wenn man sich das denn aussuchen könnte, und dessen Leben man nun „sponsoren“ soll, indem man sich von ihm in einer Abstellkammer parken lässt… Bei wem wir da schon alles schliefen…, ohne Hoffnung auf: „ein Zimmer für sich…“.

Anderthalbjahre funktionierte es sogar ganz anständig mit uns, und jener Wohnung, ganz alleine für uns…Wir hatten eine Tür, die wir hinter uns verschließen konnten, und niemanden in umittelbarer räumlicher Nähe, dessen Atem und Abreagieren, wir mitbekommen (mit-ertragen) mussten… Und das war das wertvollste. Und notwendigste.

dokument #79

Jetzt haben wir ihn: den neuen, weissen Raum, nach dem wir verlangten. Wie ein Bushaltestellehäuschen, in einer fremden Regenstadt, empfing er uns. Umschloss uns dann.

Zu Beginn, als noch nichts weiteres von uns hier war, außer unserem unsäglich verwirrten Körper, samt seiner zuckenden multiplen Psyche, da tat er uns tatsächlich auch… gut. Soweit man das so sagen kann… Er war etwas zum unterstellen. Etwas, an das man sich anlehnen konnte. Fast ein Versteck, und so wie wir, insgeheim und dringlich, hofften: vielleicht ja sogar eine Art Neubeginn und Sicherheit (denn diese Worte fielen oft, wenn wir mit den Helfern_innen darüber sprachen, was wir da mal wieder taten)… Auch wenn es nichts anderes war, als ein morsches Brett, auf offener See, an das wir uns krallten. Eines, das uns zu verstehen gab: „Halt, hier geblieben! Denn etwas anderes, oder gar besseres, werdet ihr nicht finden. Völlig gleich, wie lange ihr noch sucht…“.

Und da wir ohne Kraft, und außer Atem waren, vollkommen aufgezehrt, von dem, das uns jagte und uns vor sich her trieb, und überall fand (es war nur eine Frage der Zeit), glaubten wir ihm… Was hätten wir auch tun sollen, anderes? Denn eine Auswahl hatten wir ja nicht nicht. Das morsche Brett lag da schon richtig.

Also schloßen wir die Tür und legten uns hin, auf diesen Boden aus Holzdielen, der ächzte und knarrzte. Sackten dort zusammen, und ließen uns fallen. Keuchten mehr, als dass wir austameten. So als wären wir auf Bewährung draußen, fühlte sich das an.

Wie befreiend das für einen Augenblick doch war, dass der Raum, der sogleich die ganze Wohnung fast schon war, nichts anderes enthielt, als uns. Alles, was hier von einem Leben vor uns zeugte, war weggeschafft worden. So als wäre es nie dagewesen. Nur hier und dort entdeckte man (wenn man das wollte) die Spuren eines unbekannten Vorbewohners. Ein alter, gelber, schon lange keinen Geruch mehr verströmender, Duftbaum, beispielsweise, der im Flur, über der Tür hing, die hinter uns ins Schloss gefallen war. Zu schäbig und zu trostlos, um ihn abzuhängen, baumelte er da… Eines dieser Dinge, die man nicht mehr sehen kann und will, und die einen auch nichts mehr angehen sollen, sobald man sicher weiß, dass man sie bald verlassen kann.

Was war das nur schon wieder, von dem wir jetzt nun flüchten mussten? Einfach wäre es zu sagen: „Alles!“…. – Nur war dieses „Alles!“ eben auch genau das, das wir verstehen und überwinden wollen; selbst wenn wir es nicht sehen in seinen Einzelteilen und all seinen Faktoren. Zu viele Splitter. Zu viele Trigger… Und am Ende nur der Überlebenstrieb, der als Fluchtreflex dann ausbricht. Sich seinen Weg bahnt, und dann durchbricht… Zu viele Worte ohne Sinn, die wir wie wild geschrieben hatten, um durch sie überhaupt noch was zu sehen… All diese Themen, von denen man sagt, dass sie in Therapie gehören. Alleine schon eines von ihnen, viel mehr als genug.

Sowieso: die Therapie…. – Gerade jetzt, wenn wir hier schreiben, sträubt sich alles in uns, überhaupt je wieder, dort zu sein. In diese Praxis da zu gehen, und dort zu sitzen… – Nicht weil sie „anstrengend“ ist – das macht uns nichts – sondern weil sie uns mit fortlaufender Dauer alles, wirklich alles, verleidet, was wir für uns entweder als „Fortschritt“ verstehen und so begreifen, oder uns die „Freude“ raubt an dem, das wir „dagegen“ tun, wenn wir es denn können… Mittlerweile ist es sogar schon soweit mit uns gekommen, dass wir rein gar nichts mehr von dem tun können, von dem wir denken, dass es „besser ist, als..“. – All das, das einem einzelnen von uns gehört, ihn handeln lässt… Beseelt von diesem frohen Anfängergeist des Dilettanten…

Seit den letzten Sitzungen haben wir sogar diesen felsenfesten Eindruck, irgendwo am Rande, dass während unserer Anwesenheit, der Therapeut mehr mit sich am austragen ist (und all das dann auf uns „projiziert“…) als dass er uns „sieht“, und mit uns arbeitet, so, dass es uns auch hilft. Etwas bringt.

Wir sind so satt davon ihm zu „beweisen“, dass wir tatsächliche „viele“ sind… Dazu gezwungen sein, es ihm „beweisen“ zu müssen, nur um uns dann anzuhören, dass wir gefälligst un-/gespalten sein sollten… – Doch dieses wie, das zeigt er uns nicht… Wir werden später noch darauf zurück kommen. Da führt kein Weg daran vorbei. – DIS ist eine Glaubenssache, an die er wohl nicht wohl glauben will… Nicht glauben kann. Und jedes kleine bißchen, dass wir „im Umgang miteinander“ für uns selbst entdeckten und versuchten, so lange bis es halbwegs klappt, dass erreich(t)en wir nicht „durch die Therapie“, sondern „trotz“ all dieser….uns verspottenden Gesprächen. Irgendwas läuft da verkehrt…

Wie sind wir denn nur da schon wieder in diese Rolle reingeruscht, hinein geschlittert, rein-gefallen, in der wir nun so unverrückbar feststecken? Wir sind mal wieder dieser Spiegel, in den jemand hineinsieht, etwas erblickt, und es nicht sehen will. Dieser Spiegel, der wir schon so oft waren….Das Spiegelscherbenkind, das immer wieder neu zerschlagen wird, so wie der Überbringer einer Nachricht, die wahrlich keine gute Kunde ist, bevor es sich zusammensetzen kann. Und nach den Augen, seine Arme öffnet. Ausbreitet, der Welt zugewandt, und offen hält, völlig gleich was da kommt…

Wir kennen das schon.

Und nie war es groß anders… Nie bleibt etwas zurück, außer: das Leben an sich, dieses nackte. Das, damit wir es bewahren können fliehen muss und flüchtet… rein in diesen Kreisverkehr, in dem es von Geburt an drinsteckt.

Wir kennen das schon. Und Selbstmitleid ist das nicht.

Und irgendwann…. viel später, wenn dieser sprichwörtliche Sturm dann abgeflaut ist, und wir an einen Ausgangspunkt zurück gefunden haben, von dem aus wir versuchen (können), die klammen Reste zu sortieren, zu strukturieren und zu…. verstehen, bevor es uns mal wieder einholt und findet, wenn wir dann da liegen, irgendwo auf einem Boden, und der Atem sich beruhigt, für einen kurzen Augenblick…. dann denken wir, zu guter letzt, und immer lauter und öfter: „Es ist doch längst schon zu spät!… Mal wieder zu spät…viel zu spät… Es ist zu spät, es ist zu spät…

Es

ist
zu

spät!“



Welch Glück für uns dann, stets, dass unser angeborener Dilettanten-optimismus stärker ist, als das, was uns Erfahrung lehrt… Hier sind wir nun also, an einem Punkt, von dem wir glauben, dass er ein Anfang sein kann und ist. Beginnen wir damit, die Scherben, die wir sind, wie ein Puzzle zusammenzulegen. Vielleicht entsprechen sie uns ja sogar, das kann man nie wissen.

dokument #78

„Ich will nie mehr so rein und so dumm sein wie weisses Papier….“*

Nächste Wochen ziehen wir um in eine neue Wohnung. Am Dienstag, um es genauer zu sagen… Dieses Wissen darum wirkt so fern und so unwirklich, und gleichzeitig sehr nah. Aber so ist da ja bei fast allem, und man kennt es auch nicht anders.

Im Grunde sollten hier Dinge getan werden, die damit zusammenhängen. Praktische Dinge, wie ausmisten und einpacken… aber noch hängen sie alle beim „begreifen“, „äußern“ und „debattieren“ darüber fest, und da will ich ihnen nicht dazwischenfunken. Zumal alles, was damit einhergeht, zur Zeit auch nur ein Nebenstrang für uns ist; wenn auch ein sehr wichtiger… Was zählt ist: dass diese notwendige Veränderung definitiv stattfinden wird. Logistik und Zeitpunkt des Umzugs, samt Bezahlung der Kosten, wurden schon, mit Hilfe der Betreuerin fixiert. Morgen wird der Flur hier voll mit leeren Kisten sein, die wir hierher geschleppt haben werden…das läuft, und „ich“ bin diesbezüglich sorgenfrei…. wahrscheinlich weil „ich“ schon  wieder viel, viel weiter bin bei allem, während alle anderen noch in der unmittelbaren Gegenwart, der gerade stattgefundenen Vergangenheit…und dem Wust des großen grell-nebligem „früher“  festhängen… dort eingesperrt sind, und nicht frei kommen.

Wir lernen zur Zeit so viel wesentliches…. begreifen und ziehen (endlich!) langfristige Schlüsse daraus…. und gleichzeitig zerreißt es uns immer mehr. – So wissen wir jetzt beispielsweise, dass, wenn man uns runterdekliniert auf die „starken, wesentlichen“, da nichts übrig bleibt, dass man „zusammenführen“ könnte, so wie es in Therapie die ganze Zeit versucht wurde. Das war sehr schlimm und sehr fatal für uns, diese Bemühungen…und auch sehr schädlich.

…und jetzt, wo sie „überstanden“ sind, und „abgewehrt“ wurden, da wissen wir, „wer“ übrig bleibt von uns, wenn man „sie“ freilegt. Wie eigen-ständig sie ihrem Wesen und ihrer Auffassung nach sind. Welche Bedingungen und Umstände sie brauchen…um an dem „arbeiten“ zu können, das für sie wichtig erscheint. Und vor allen Dingen: wie widersprüchlich und parallel sie sind. Zu unterschiedlich dafür „sie zu vereinen“, zu stark in ihrem Ausdruck, um sie „unter einem Hut“ zusammenzubringen…

Was soll’s. Im Grunde kennen wir es ja auch gar nicht anders…mit einer wesentlichen Neuerung allerdings: Diese „Klarheit“ darüber, so zu sein…die ist in diesem Ausmaß neu. Und auch sehr prägend. Doch was noch viel wichtiger ist: „ich“, der ich hier schreibe, ich weiß endlich… wofür und wesewegen ich „erwachsen“ werden will. Und weiß auch, wie schwer und keinesfalls geradeaus dieser Weg sein wird das zu erreichen, worauf ich hinauswill… – wie unglaublich herausfordernd auch dieser Aufwand damit sein wird…sich jeden Tag aufs Neue kallibrieren zu müssen, sich die Ein- und Zustimmung deren dafür einzuholen, die noch ganz woanders festhängen…anderes wollen und müssen, als „ich“… – doch dieses „wofür“ übertönt sie alle, letztendlich. Auch wenn gleich hinter ihm die „harte Realität“ des ihm nicht-Entsprechens lauert, mit all ihrer Ohnmacht…ihrer Verzweiflung…und all den Fakten, die das Gegenteil dessen beweisen, das man erreichen will…

Das schreibt sich alles so leicht, auch wenn schon dieser Satz darüber alles andere als „wahr“ ist. Denn es schreibt sich nicht leicht…wenn man die ganze Zeit Bilder sieht, in einem Vielstimmigkeiten-strudel gefangen ist…und andauernd auch alle_s in einem aufplatzt, das gerade noch „gesehene“ wegwischt… – Ach, Wirklichkeit, du wildes Land.

…und zu allem Überfluss, steht nun auch noch, für einen von uns, diese Vermutung „hochfunktionaler Autismus/Asperger-Autismus“ ausgesprochen im Raum. Als wenn es nicht schon genug wäre mit „bezeichnenden Worten“…doch es würde (neben dieser „Hochsensibilität“) einiges erklären in Bezug auf diese „zu wenigen/zu durchlässigen Reizfilter“, die so vieles aufnehmen, womit dieses Gehirn dann überfrachtet wird, sich aufhängt…dieses „Orientierungslosigkeit“ so mancher in Folge geringfüger Veränderungen, die nicht verarbeitet werden können…und auch diese (lebenslange) Konzentrationslosigkeit so mancher in Bezug auf diese Dinge, für die kein gegenwärtiges, direktes Interesse besteht…auch wenn man weiß, dass man es gerne aufbringen würde, es geht einfach nicht, während man für das, das einen „wirklich interessiert“ keinerlei Mühe aufwenden muss, um sich da jedes noch so kleine Detail zu behalten… – all diese Worte.

Und dann diese „Wirklichkeit“, die um mich herum passiert, und irgendwie stattfindet…und viel zu oft: fernab von mir. – Letztens habe ich ein Tagebuch, der jüngsten Vergangenheit, gelesen, das ein anderer von uns woanders führt… ich war so entsetzt darüber zu sehen, was hier doch alles noch so los war…und wie sehr man es doch abspalten und ausblenden kann… es überrascht einen doch immer wieder sehr, diese „Fähigkeit“ zu zelebrieren… Und das ist noch sehr positiv formuliert. Innendrin sieht man das anders.

Ich komme kaum mit dem hinterher, das für uns aufzuzeichnen ist, so dass es „beschriebenes Wissen“ für uns wird, und sich so setzen und verinnerlichen kann… auch das ist sehr merkwürdig zu sagen: „ich komme nicht zum schreiben, ausformulieren…“ – denn wenn man nur die letzten drei, vier Tage nimmt, dann sind hier bestimmt 60, 70 Seiten alleine schon von Hand beschrieben worden nur…irgendwer schreibt immer irgendwas, aus den verschiedensten Gründen, und kaum ist „es“ fertig, geht es gleich weiter, vorwärts und im Kreis,… womit auch immer. Und für das, was gerade war, fehlt „der Blick“… – und mir die Zeit und die Muße all das so annotierte auszuformulieren. Noch wartet es… – auch wenn es sich jeden Moment, der verstreicht, immer weiter erübrigt…

…und ich, beinahe alle Kraft dafür aufwende, in alle dem, dieses „wofür“ in all seiner Klarheit, die es für mich bedeutet, nicht aus den Augen zu verlieren. Abgespaltene Wochen, die so vergehen, verstreichen….bis man dann irgendwann vor einer Wand steht, von der aus einem die Buchstaben entgegenstrahlen „zu spät!“, und um die es scheinbar keinen (Aus-)Weg gibt. Keinen anderen als den: wieder neu anzufangen, und so zu tun…als ob das gerade stattgefundene nichts weiteres gewesen wär, auch wenn die Sprache, die es spricht, im Inneren, ganz anderes erzählt… was soll’s. So ist das Leben. Und dieses „wofür“…ist jenes, das ich mir wünsche. Auch wenn es so vielen in mir widerspricht. Wir werden sehen, worauf das hinausläuft.

Doch was ich eigentlich (noch) sagen wollte, in Bezug auf die nun kommende Wohnung, ist:  dass ich mich sehr freue, auf diese „Chance“, die sie zum jetzigen Zeitpunkt für uns ist…. denn hier, wo wir gerade jetzt noch sind, da geht es nicht mehr weiter. So viel, dass hier passierte, sich veränderte…uns entsprach, und dann wiederum nicht… „Weisses Papier“: so wird diese neue Bleibe für uns werden. Nichts von hier, wird uns nach da begleiten, so wollen wir das. Kein Krempel, an dem Erinnerungen haften…nichts von „Bedeutung“, das uns ihm Weg rumsteht, und unsere zersplitterte Aufmerksamkeit, in seinen Bann zieht, verwirrt… Nur das allernötigste wird uns noch begleiten. – Ich hoffe, dass es uns so leichter fallen wird bei dieser alltäglichen Kallibrierung, dieses „wofür“ nicht aus den Augen zu verlieren…in Bezug darauf, wie denn der kleinste, nächste, mögliche Schritt in seine Richtung aussehen kann, und wie wir ihn bewerkstelligen werden.

Ich weiß auch sehr gut, dass wir solches wie mit der Wohnung schon sehr oft dachten, und auch tatsächlich daran glaubten… – Und der Therapeut meinte diesbezüglich ja auch mal, dass wir da aus der Not wohl eine Tugend machen würden, wenn wir immer nur so, wie in einem Hotel leben wollen…zum Absprung bereit, nur das allernötigste, und nichts, das einen festhält… – Doch dieses Mal weiß ich, dass es unserer Entscheidung entspringt so leben zu wollen… So leben zu müssen. Wir wollen „arbeiten“ an uns, und nicht an dem untergehen, ersticken, das vom vorherigen Tag (und allen weiteren) noch an uns haftet…so wirkungsvoll an uns haftet, und uns nicht loslässt… alleine schon all diese handbeschrifteten Seiten, der letzten paar Tage, die hier herumliegen…wofür sie stehen, und was sie enthalten…was sie noch erwarten, und woran es ihnen mangelt….
…und unterm Strich letztendlich übrig bleibt dieses: „wofür“, samt seiner Stärke und Reinheit. Und alles, was uns interessiert ist: wie wir es (irgendwann einmal) erreichen werden… – und alles andere ist nichts weiter als: eine Ablenkung davon, mit uns dafür im reinen zu sein.

Denn: Der Hungrige fühlt leeren Raum in sich…

 

*von: Element of Crime