dokument #86

die Gewalt….

Gestern Abend eskalierte sie endgültig, unter uns. Aber so richtig (als ob sie das nicht sowieso schon die ganze Zeit täte…). Mit stundenlangem, ohrenbetäubenden Gebrüll, sich gegenseitigem Anschreien. Zerbrechendem Glas, und allem anderen…

Keine Ahnung, was da los war. Es klang so „gewaltig“, so dumpf, so brutal, so blind-zerstörerisch. Es waren wohl 3, die da miteinander zugange waren (und die schweigenden Kinder). 2 Männer, und eine Frau. Die (laute) Stimme des einen, die, die am „herrischsten“ war, hat uns am meisten Angst eingeflößt…

Es ist so ein abgespaltener Wahnsinn, der sich da „in unserem Leben“ bzw. unter ihm abspielt. Man hat das ganze schon komplett in seinen Alltag „integriert“, auf irgendeine ferne Art und Weise, die uns jetzt im Nachhinein… sehr erschreckt. Denn sie ist so symptomatisch. Vor allem für: das Schweigen. Dieses „Schweigen“, in das man verfällt, in Anbetracht all dessen…. – Man spielt sich selber vor, dass alles doch „normal“ sei, irgendwie, weil es das doch gefälligst zu sein hat… – und diese „(Co-)-Abhängigkeit“, in der man sich da befindet, und unter der man sehr leidet, und nach der man sein ganzes Leben ja ausrichtet…die spaltet man weg, ab, so als sei sie nicht da. So als sei es ein Traum, den man hatte, den man sich selbst gar nicht glaubt (oder erinnern kann)… So wie ein Trauma.

Gestern ging das schon am frühen Abend, oder Nachmittag, los. So genau wissen wir das gerade nicht. Auf jeden Fall kamen wir zurück von der Betreuung, und dachten, dass es doch gut sei, irgendwie mal was zu essen. Wir hatten da vorher nämlich so ne Situation mit der Betreuerin gahabt, als wir gerade anstimmen wollten ihr „unser Leid“ mit der Ernährung zu klagen. Uns erscheint die nämlich sehr selbstverletzend (weil sie betäuben soll) und maßlos ungeheuerlich. Und als wir das so sagten sinngemäß, meinte die Betreuerin zu uns, dass sie uns gerade fragen wollte, ob wir denn überhaupt noch irgendetwas essen, weil wir nämlich gar nicht danach aussehen würden… Also hatten wir auf dem Weg zur Wohnung noch etwas gekauft, dass wir uns dann machen wollten. – Wir haben ja auch dieses Glück, dass wir nun umziehen können (Hauptsache da weg!). Das machen wir gerade. Wir da haben da ne Woche Zeit dafür. Können unser Zeug also selbst, und ohne Druck, mit unserem Rucksack, von hier nach da fahren. – Im Grunde wollten wir da schon viel weiter sein damit. Aber dass wir das nicht sind, das liegt an diesem „Abspalten“ (dem allgemeinen), und der damit einhergehenden Selbstüberschätzung. – Denn unser „Außensprecher“, der ist es mittlerweile sehr gewohnt, durch Therapie, diese „Interviews“ nach außen hin zu geben, über irgendwelche Vorhaben, evtl. Zukunftsdingen… nur „großes Zeug“… das man so sagt, für den Moment..

Wir haben schon seit sehr langer Zeit, diesen sehr starken Eindruck, dass sich in unsere Therapie ein sehr grober Fehler eingeschlichen hat, und sich auf immer mehr von uns bezieht, ohne dass wir das benennen, oder gar mitbekommen würden… Und genau das ist das Problem: wir haben intern, immer weniger zusammen zu tun. Viel, viel weniger „Gespür“ (und Kommunikation) für uns als Team. Und das hat nichts mit diesem Zauberwort „Integration“ zu tun. Weil das ist es ja, was der Therapeut, mit uns andauernd da erreichen will… Iwo.

Es ist…. Die Sache ist: wir haben keinerlei Erinnerung_en an Therapie. An keine einzige Stunde. An keine, der mehrmals wöchentlich stattfindenden, Sitzungen… Das ist kein gutes Zeichen. Überhaupt kein gutes. Nur so einzelne Fetzen, die haben wir. So Fetzen über Nebenstränge…z.B. darüber, welche „politischen“ Formate wir uns im Internet denn angucken. Totale Nebenschauplätze. Weil erstens sind wir Pazifisten, die, wenn sie etwas gucken, die reine Information der Meinungsmache vorziehen, und zweitens: wir „konsumieren“ in der Regel keine Medien. – Ja klar, irgendwo am Rande, liest einer sehr viel…aber im großen und ganzen, da „gucken“ wir nichts. Sind ja schon selbst mit uns und „unseren Welten“ arg beschäftigt. Das lastet gut aus. Und wenn wir mal was schauen, dann morgens so um 4, wenn man denkt, das hilft vielleicht dabei, ne Stunde vielleicht einzuschlafen…

Wieso sprechen wir dann darüber? Und dann auch noch so, also ob „der eine Angesprochene“ für alle jetzt etwas sinnstiftendes äußert. Oder „Position bezieht“… was für ein Quatsch. An so etwas erinnert man sich dann als einziges, und regt sich auf darüber, weil es mit unserem „viele sein“ nicht das geringste zu tun hat; nicht mal im Ansatz. – Alles, was wir „wissen“, über unsere Therapie, ist, dass wir da hingehen. Punkt. Dass wir da hingehen, und uns irgendwie mal wieder vorgenommen haben zu sagen, dass das „so und so“ nix bringt. Dass wir ganz andere Hilfe benötigen in unserem Alltag… anstelle irgendwelcher „Zukunftsdebatten“, die allesamt von einer „abgeschlossenen Integration“ ausgehen…

Doch soweit kommt es nie, dass wir das dann auch sagen. Und wieso das so ist, das weiß ich nicht. Nur dass es verkehrt ist, weiß ich.

Einer sagte eben, dass wir ein wenig vorsichtig sein sollen, hier zu oft „Integration“ ins Netz zu schreiben, und dass wir „nicht zu integrieren sind“ :)… Nicht dass das noch die falschen „Meinungsmacher“ hier anzieht. Die, die niemals etwas fragen, weil sie auf alles eine Antwort kennen. Eine ganz einfache, und ausschließlich: eine. ..

Zurück zu diesem gestern….Wir hatten was zu essen eingekauft, und waren wieder in der Wohnung drin. Später Nachmittag war’s da. Wir waren vor dem Betreuungstermin, ein paar mal schon, hin- und her gefahren, mit Zeug, das wir so haben. Am Vortag ging das nicht so gut. Da hatten wir das nur 2 Mal geschafft. „Zu viele Eindrücke“, haben wir der Betreuerin geschrieben, und wußten selbst nicht so genau, was wir damit nun meinen. „Abgespalten“, so vieles ist so abgespalten…und wir bekommen das selbst gar nicht mehr mit. „Außensprechermodus“, und „das Team“ macht irgendwas… und man selbst steht zwischen Fragezeichen, weil „eigentlich…“. Eigentlich ist das nicht „viel“, was wir so tun, bzw. uns vornehmen zu tun. Auf dem Papier ist das fast nichts. Da reibt sich „der Außensprecher“ schön die Hände, vertönt: „ach, das bißchen da…“ – Und drei Stunden später sitzt er dann am Boden rum, voll mit Erinnerungslücken, körperlicher Schwäche, und ner Wahrnehmung, die gar keine mehr ist, und „wundert“ sich, dass all das Zeug da stimmt, dass ihm der Therapeut doch immer „ausreden“ will, weil das bei „normalen Menschen“ doch einfach nicht so ist, wenn man „die Wurzel“ kennt…

Und dann standen wir in dieser Wohnung da, der alten, mit diesem Essen, und dann fingen die an unter uns, sich anzuschreien wie wild, mal wieder. Aber dieses mal: so richtig!, wenn all das noch zu steigern ist…

Es ist so laut, so unglaublich laut. Und so nah… und weil wir die ja auch deswegen angezeigt haben, rechnen wir fast schon augenblicklich damit, dass sich all das da unten nun auf uns kanalisiert und dann entlädt. Dass man jeden Moment nen aufgebrachten Mistgabelmob die Treppe hochstapfen hört, angeführt von diesem „herrischen“ Schreihals und seinem Organ, der uns jetzt steinigen und köpfen will, weil „wir es gewagt haben“…

Wir haben richtig große Angst deswegen.

Und wenn die sich anschreien da unten, und Sachen auf sich werfen, während die kleinen Kinder da dazwischen stehen, dann ist da ja kein Filter zwischen uns und denen. Nichts, dass all das irgendwie dämpft oder entfernter macht… kein Schutz ist da. Man kriegt das alles mit.

So standen wir dann da, und wußten ja auch nicht. Hatten große Angst, und taten gleichzeitig so, als sei alles „normal“. Seltsamer Modus. Geklappt hat er nicht (dieses Mal)… Wir atmeten dann durch, und fuhren noch mal ne Tour, Hauptsache weg. – Wir haben mal nen Buch gelesen über Menschen, die gerade so nen Hurrikan überlebt haben. Da sollte man meinen, dass die eigentlich wissen, worum es da geht, und was da passiert. Doch das seltsame war: bei der nächsten Warnung vor einem, „überhörten“ sie die. Taten so, als sei da nix los. Gingen raus in den Garten, und hingen Wäsche auf, obwohl sie wußten, und sahen, was da gleich passieren wird… – Das Phänomen hat einen Namen, nur wissen wir den gerade nicht. Hinten liegt das Buch, doch keiner steht auf…“aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, denken wir, und schieben das aufheben auf…

…worüber wollten wir denn eigentlich schreiben? Is gerade so wie Therapie, das schreiben hier, ein wenig: Jede_r tippt ein wenig was, und im Anschluss weiß dann keine_r mehr was war, und worauf wir eigentlich hinauswollten…

Diese Gewalt…

…als wir später dann (doch) wieder da waren, und die immer noch so eskalierten unter uns, da dachten wir darüber nach, ob wir denn nicht die Polizei rufen sollen. Was heißt „darüber nachdenken“…wir waren hochpanisch, komplett irrational, und hätten es am allerliebsten geschafft mit denen zu reden. So dass sie herkommen, und schlichten, was zu schlichten ist, und retten, was bestimmt nicht mehr zu retten ist…

Doch größer als die Angst davor, dass unter uns das, uns betrifft, war unsere Angst davor „zu sprechen“. Wir waren so draußen… hatten wahrscheinlich auch Bedarf intus (im besten Fall!)…So ist das als „hochdissoziativer“ Mensch. Wenn es drauf ankommt, versagt man, weil man nichts mehr kann. Wahrscheinlich hatten wir auch Angst davor, dass die uns für Junkies halten oder so, wenn wir da wirres Zeug stammeln vor denen.. Kommt ja nicht von ungefähr, dass unsere Betreuerin, mit uns überall hingeht, wo wir zu sprechen haben, und für uns dann „übersetzt“…

Panische Angst, in dieser alten Wohnung da…vor denen unter uns, und ihren Ausbrüchen. Dem Eskalieren, von dem wir nun denken, dass es uns betrifft. Es war so sonderbar, denn: so laut, und so gewaltig und so ausdauernd wie gestern war es noch nie. Und wir hatten wirklich riesengroße Angst davor, dass die gleich kommen werden zu uns… – wir taten nichts als komplett irrationales Zeug, das wir nun, wo es vorbei ist, nicht mehr rekonstruieren können… doch eines, das verwunderte uns sehr: wir hatten wirklich „Angst“ um unser Leben, – Und es heißt ja auch immer, dass uns das ganze dort „re-traumatisiert“, was solls… – aber dennoch: schliefen wir ein. Wir legten uns einfach hin, (oder kippten wohl eher um), und schliefen ein… so als sei um uns herum, das alles „nichts“…

Irgendwann am frühen Morgen, erwachten wir dann, und es war „still“. Dachten: „oh ja stimmt, wir sollten doch was essen..“. und dann saßen wir da, morgens um 4, und aßen Sauerkraut mit Vollkornnudeln (gekocht waren sie ja schon), taten so, als sei das „normal“ und hellichter Tag, oder Abend..

…und heute da denken wir nun schon den ganzen Tag darüber nach, wo unser „Gespür für uns“, denn nur hin ist… wieso wir „schlafen“, wenn wir Angst haben, anstatt… – Der Zeitraum, der da gerade hinter uns liegt, also da in der Wohnung, der ist so „inexistent“ für uns, wie wir es waren. Wir hatten gestern ja auch festgestellt, dass wir während der gesamten Zeit dort, kein Wort hier geschrieben haben… Wir wissen, was das heißt. – Und das, was wir woanders hin- und reingetippt haben…. Schwamm drüber: irrationales, abgespaltenes Zeug. Nur für den Augenblick von Sinn.

Jetzt gerade sind wir hier, in unserer neuen Wohnung. Weg von der Gewalt. Wir kennen das schon gar nicht mehr: die ruhende Stille. – Die ganze Zeit lauern wir darauf, dass gleich jemand anfängt so zu schreien, dass das Gewalt ist… und dennoch haben wir gerade für ein paar Stunden ganz ruhig hier gesessen. Zum ersten Mal, seit langer Zeit: uns selbst wieder gehört.

Uns fiel etwas auf, und darüber wollten wir hier, schreiben, ursprünglich…. doch ich glaube auch im Grunde, dass die ganze Wahrheit lautet: wir haben Angst davor, jetzt  wieder in die alte Wohnung fahren zu müssen, und da noch das restliche Zeug einzutüten, und von da weg zu transportieren…und genau deswegen: schinden wir Zeit…

 

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