dokument #83

„Wen es nach Ruhe verlangt, der leidet an der Unruhe des Alltags, wer sich nach Stille sehnt, weiß, daß seine innere Entwicklung auf Unberührtheit von außen angewiesen ist.“*

 

…und in der Gegenwart: sitzen wir am Tisch, und wissen nicht weiter. Es ist still hier im Haus, was sehr ungewohnt ist. Sehr ungewohnt. So ungewohnt, dass wir in der Stille, die herrscht, den Lärm und das Geschrei, die sonst hier herrschen, weiterhin hören…

Wenn wir hier fertig sind zu tippen, werden wir eine  Strafanzeige schreiben und abschicken. Es geht zu weit, unter uns. Seit langem schon. Seitdem wir hier sind, schon. (Und das ist „lang“…) Und natürlich auch, vor allem auch: darüber hinaus. – Doch nicht für uns, die wir nur Zeugen sind, sondern für die, die es direkt betrifft.

Gestern haben wir gehört, wie das Kind geschlagen wurde. Eindeutig. Da kann man nicht wegsehen, oder weghören…

Da kann man nicht sagen: „dass irgendwer doch irgendetwas tun muss“, wohl wissend, dass man sich nicht selbst damit meint… Wir wollen das Thema (vorerst) nicht weiter hier ausbreiten. Zumal wir das andernorts schon mehr als genug getan haben… – geredet wird viel. Und schlimmer als „Positionen“ aus der Ferne, ist der depressive Fatalismus, der einem weismachen will „dass man doch tun kann, was man will, geschehen wird nichts…“ – Würden wir so denken, wüßten wir keinen Grund mehr zu leben…. ja nachdem, wie man „Leben“ definiert. Und wenn wir eines ziemlich genau wissen, dann ist das, dass wenn nichts mehr übrig geblieben ist von „diesem Leben“, dass genau da „der Widerstand“ sitzt. Und ist er gebrochen, und fort, dann war es das mit einem selbst… – völlig gleich, wie lange man noch „weiter/lebt“…

Wie werden auch zum Jugendamt gehen, und denen, unter Nennung unseres Namens, erzählen, wovon wir hier jeden Tag Zeuge werden und sind.

„Das ist kein Leben so…“

Doch was wir eigentlich sagen wollten, ist…. dass wir hier sitzen, und es nicht gewohnt sind zu essen, so dass es „normal“ ist… das ist so eines der für uns „kleineren Themen“, über das wir uns streiten. Das uns beschäftigt, aber nicht ausfüllt…

In dieser Gegenwart… wir ziehen jetzt bald zum 3. mal um, seitdem wir betreut sind. Hier sitzen wir nur noch die Zeit ab, die endlich vergehen soll… Halten uns die Ohren zu, wenn der Missbrauch unter uns, wieder so  lärmt, und „machen uns weg“, ohne dass wir das beeinflussen müssten…

Oder gar könnten.

Wir wußten gerade nicht, was wir tun sollen. Der Körper war so ungewohnt schwach… sowie diese Stille, in der wir weiterhin hören, wie…

Die Therapie macht uns „pragmatisch“, auf eine seltsame, uns sehr fremde Art, die wir nicht wollen… wir kommen an, in dieser „äußeren Welt“, fühlen eine seltsame „Leere“ in uns, wenn wir uns nicht ablenken… – vielleicht mag das für manchen ein Erfolg sein. Für uns ist es das nicht, weil wir wissen, dass wir nur „gehorchen“, und „nur so tun, als ob…“…

So wie mit „dem essen“, das für uns nie etwas „normales“ sein kann… wir tun einfach „so als ob wir es normal täten“, imitieren, äffen nach…und das ist vielmehr, als wir diesbezüglich, ein Leben lang konnten…

„Reicht das denn nicht…?“- fragt einer, fast schon verzweifelt, während ein andere „Widerstand“ schreit, ohne zu wissen ob „dafür“oder „dagegen“…

Wenn man nichts isst, fühlt man sich fitter. Und Essen an sich deprimiert… „essen hat für sie nichts sinnliches“, sagt der Therapeut.“Wir sind lieber aktiv, als gesättigt“, sagen wir zu ihm zurück… – so geht das seit Jahren, während unter uns, und an so vielen Orten, ein kleines Kind ausbaden muss, was ein_e andere hasst, weil er_sie womöglich die Liebe nie kannte. / Wer kann das schon wissen…. Du bist was Du tust!

Wir sitzen die Zeit hier einfach nur ab. Befreien uns allmählich…von diesem „Nichts-Tun“ und „nichts können“, dass uns so krankhaft, seitdem wir hier sind, befallen hat…

Und vorher schon… da war es da. Wir verstehen, was da passiert ist mit uns. Müssen alles was war für uns schreiben, so dass wir es sehen… und so überwinden.

Das ist unser „Widerstand“, der uns befreit, auch wenn der Therapeut uns immer einreden will, dass das Schreiben für uns eine „pathologische Flucht“ ist…. – Doch ohne es, könnten wir nicht sehen. Wüssten keinen Grund wofür wir denn lebten (außer „die Liebe“, die immer viel „besser ist“, wenn wir mit ihr alleine sind…) , und wie wir uns erinnern, und daraus Lehren ziehen könnten…

„Wir wissen es nicht…“, weil wir so vieles versucht haben…, und nichts fanden, das ihm irgendwie gleicht…

So wie Du.

Was war das nur mit Dir?….

ich weiß es immer noch nicht…. Nur, dass Du immer noch hier bist. Viel mehr, als irgendwas sonst. – Ich setzte mich hier hin, an den Tisch, schlug dieses Buch auf, das ich neulich auf der Straße fand. Las ein paar Zeilen… und sogleich, waren Deine Worte wieder da. Der Klang deines Wesens… es hallt so in mir nach. Ich ahme Deinen Gesichtsausdruck nach, sehe Dich neben mir, wenn ich alleine draußen rumziehe…

Es hört einfach nicht auf… – und soll es auch gar nicht. So lange ich nicht weiß, was vor bald einem Jahr, mit mir und Mut uns nur geschehen ist…  – Und es geht nicht „um Dich“, das wissen wir beide. Wir waren nur Begegnungen am Rande, auch wenn wir füreinander die ersten waren, die uns „tatsächlich sahen“. Ohne den Schleier, oder die… „Augen der anderen“, durch die man sich sieht, wenn man auf jene Art be(und er-)schaffen ist, wie wir beide das sind…

Ich muss verstehen, weil seitdem alles hängt…. Doch vorher muss ich diese Anzeige schreiben, denn die Gewalt und der Missbrauch, in und um uns herum, hören einfach nicht auf….

Es gibt da einen Satz, einen von vielen, den ich hoffentlich nie sagen werde. Nie sagen muss, solange ich lebe. Er wird stets als Frage formuliert, obwohl er gar nicht so gemeint ist:

„Was hätten wir denn tun sollen…“

….ich weiß es doch  auch nicht!

 

 

*Werner Keller „Wie es auch sei das Leben…“/Beiträge zu Goethes Dichten und Denken, Wallstein Verlag, S.103

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