dokument #82

dieser Totstellreflex…

Gleich das erste, was wir tun mussten, in der Betreuungswohnung, war, dass wir die Fenster zuklebten. Anders ging das nicht. Da führte auch kein Weg daran vorbei… man will sich ja auch nicht ständig tot stellen müssen, nur weil andere, die es vielleicht gar nicht gibt, einen wahrnehmen könnten, beobachten und sehen.

Natürlich taten wir das nicht einfach so. Das war uns nicht möglich. Man hätten uns ja sehen können dabei…

Wir schliefen zu der Zeit noch am Stadtrand, in einer leeren Übergangswohnung, in die man uns temporär einquartiert hatte. Reiner Pragmatismus: wir waren von der Strasse weg, und über die Feiertage, die gerade waren, „versorgt“, sozusagen… Uns gefiel das. Ausgesprochen gut sogar. So ein „Übergang“ in einer leeren, frisch renovierten, und dadurch: vollkommen unpersönlichen, Wohnung. (Viel Gepäck war das ja nicht, das wir hatten. Nicht genug auf jeden Fall, um eine Duftmarke zu setzen dort. Diesen Räumen unsere Spuren aufzudrücken, einen Stempel… )

Wir schliefen auf dem Boden dort, hatten unser „Handgepäck“ in einer Kiste, ganz am Rande eines Zimmers abgestellt.

So eine Leere ist wie für uns geschaffen. Nichts um einen rum, das einen einengt, oder festhält gar. Nichts, das einen aus sich rausfallen lässt, weil.. Und dann noch dieser Platz da drin: 3 Zimmer. Wir sind ja sehr beweglich, laufen viel herum, und auf und ab. Führen unsere „Debatten“ mit uns gerne so, dass wir dabei, würde man messen, ein gutes Stück durchwandern und zurücklegen. Ohne dass wir das natürlich merken. Das geschieht so am Rande, für uns; also dort, wo unser Gepäck auch abgestellt ist.

Dass wir, bevor wir bald um- und einzogen, die Fenster abkleben mussten, weil… war also klar. Nur wie und mit was, das wussten wir nicht ganz so genau. Für das, was einem als ersten einfällt, wenn man darüber nachdenkt, hatten wir kein Geld. Und auch nicht die Einsicht. Zudem waren auch „die Feiertage“, da war das nicht alles so schnell und einfach zu bekommen. Zudem das Werkzeug, das man braucht. Das kommt ja auch noch dazu.

Also liefen wir tagsüber, da am Stadtrand, wo wir waren, herum, schauten, was es dort so gab an Stadtrandgeschäften (letztendlich sind es ja doch überall dieselben Filialen, derselben paar Ketten…) und was uns wohl schnell helfen könnte. Welches Zeug wohl dafür taugt, dass man mit ihm „gefährliche“ Fenster so verklebt, dass sie auch blickdicht sind. Dass nichts durch sie hineindringt, und wir beschützt sind vor dem, das dazu führt, dass wir im Außen sind, und unseren Körper hinter uns verlassen haben…

Bastelpappe, das war es! Dicke, mit irgendwelchen Mustern und Bildern, bedruckte Bastelpappe, war es, die wir schließlich fanden. Die war ganz hervorragend dafür geeignet, und kostete nicht viel. Uns störte das auch nicht, dass von jedem aufgedruckten Muster, für das wir uns entschieden, nur sehr wenige Bögen noch auf Lager waren. Also kauften wir einfach zig verschiedene, in diesem 1-Euro-Shop, da in stadträndig-zentraler Lage. Und Klebeband das kauften wir. Diese ganz flexible Gafferband, das wir sowieso andauernd kaufen, da müssen wir gar keine Fenster für verkleben. Das braucht man ständig irgendwie für irgendwas….und wenn man es nicht hat, aber braucht, dann fehlt es arg. So wie meistens alles fehlt, was man arg braucht, und stattdessen nur da ist, was man hat, das einem noch geblieben ist….



Schnitt
Es ist so ein Wahnsinn… Die ganze Zeit versuchen wir nun schon uns einem Punkt zu nähern. Einem ganz bestimmten. Einer, der wohl ein großer Unfall war. Ein Zusammenbruch, ne Explosion, ein lauter Knall…

Es ist ja auch nicht so, dass wir darüber nicht geschrieben hätten. Vor allem danach. Es ist alles da, und aufgeschrieben. Doch wie so oft, bei uns, ist alles irgendwo verstreut, und dadurch also nichts, auf das wir Zugriff hätten. Also versuchen wir es ganz von vorn. – Es funktioniert nur nicht, wir „boykottieren“ uns selbst. Der Therapeut sagt das andauernd auch zu uns, dass wir das tun. Dann stammeln wir sehr wirres Zeug darauf, weil wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Dass er recht hat, wissen wir, und das bestreiten wir auch nicht. Es ist nur so…. wir haben dann nichts „anzubieten“. Nichts mit dem ersichtlich würde, wie sich das wohl ändern kann, dass wir uns selbst so krass….im Wege stehen, und uns bekämpfen einander.

Wir merken es ja hier, vor allem hier, sehr deutlich, wenn wir hier schreiben. Das ist uns sehr wichtig. Weil wir so ja auch versuchen etwas zu sehen und verstehen. Uns an diesen Punkt zu schreiben, an dem wir etwas überwunden haben. – Wir können das nur schriftlich. Und ganz alleine nur für uns. – Im Grunde ist das gar nicht schwer, was wir hier tun, sollte man meinen. Bzw., besser gesagt: „ich“ bin das, der denkt: „das ist doch einfach, irgendwie…“… Doch wenn ich mir anschaue, was jedes mal passiert, wenn wir damit beginnen aufzuschreiben….wie sehr wir gegeneinander eskalieren, bis nichts mehr von uns übrig ist, das irgendetwas sieht und kann (man muss sich nur mal die Zeit anschauen, die vergeht, zw. den kleinen Texten, dann hat man eine leichte Ahnung davon…).

Doch wir geben jetzt nicht auf damit, das ist nicht unser Stil. Wir sind sehr trotzig, und wenn es darauf ankommt auch sehr „stark“…. – Wir näheren uns diesem „Knall“, an dem wir auseinanderplatzten jetzt einfach chronologisch von zwei Seiten. Von der Vergangenheit heraus nach vorne, und von der Gegenwart aus nach da, und weiter mit. Denn schließlich sind das wir ja nur, die all das hier verstehen müssen. Und „verstehen“ tun, wir, daran fehlt es nicht, und mangelt(e) es auch nie….

Es ist etwas anderes. Verdammter „Selbstboykott“. – Das Wort sagt sich viel zu selbstverständlich, als dass es uns so helfen kann… Der Therapeut weiß das genau, und sagt es zu uns dennoch andauernd. Steter Tropfen höhlt den Stein… wir werden sehen, was wie hier anrichten, und ob wir irgendwann dort landen werden, wo wir denken, dass wir dort….verschollen und verloren (gegangen) sind…

Und weiter geht’s im Text….

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