dokument #81

Nur für den Übergang, nur zu Besuch…

… als wir die neue, „eigene“, Betreuungswohnung das erste Mal betraten, da froren wir gleich ein. „Vor Überwältigung“, liegt’s auf’s der Zunge zu sagen, was sogar fast richtig wäre, und ist. Aber nur fast. Denn es war weder Ergriffenheit, die unseren Busen beben liess, noch Freude schöner Götterfunken, sondern lediglich der Schock. Denn da die Wohnung im Innenhof lag, sah man, durch die Fenster hindurch, die düstrig-kalte Häusefront der anderen Seite. Viel, viel zu nah, stand sie vor uns und starrte uns an, und zu uns hinein. All diese bedrohlichen Fenster, samt der spitzen Blicke, die sie in sich versteckten …- Wir können das nicht: „wahrgenommen werden“ (da reicht es schon aus, dass wir den Verdacht haben, dass dem evtl. so ist..). Besonders da nicht, wo wir schlafen des Nachts.

Doch nicht nur da… Es ist so fast überall: sobald man „uns wahrnimmt“ / „uns sieht“, geschieht etwas mit uns, auf das wir keinerlei Einfluss mehr ausüben können, besitzen, selbst wenn wir das wollen… – „Wir sehen uns dann selbst (nur) von außen“, verkürzt gesagt. Und wir schaffen es dann nicht, „in unseren Körper“, der erstarrt der Dinge harrt, bis die Gefahr vorüber ist, zurückzukehren, ihn uns zurück zu annektieren, erneut. Und ihn zu steuern…

Dort, wo wir zuvor geschlafen hatten, war das sehr schlimm und ausgeprägt gewesen.Was musste es dort denn auch nur so verdammt hellhörig sein? So hellhörig, dass es uns überwältigte… Und zwar jedesmal, wenn die anderen Existenzen dort, durch den breiten Spalt unter unserer Tür, zu uns hinein drangen… Wir taten oft nichts anderes dort, als in diesem „Totstellreflex“ verharrend auf dem Bett zu liegen. Zu warten und zu lauschen, bis der Lärm von außen ganz verschwunden war, und wir uns wieder regen konnten, um unseren „Bedürfnissen“, die man nicht abstellen kann, die wenigen, die übrig sind, nachzukommen.

Dieser „Totstellreflex“, der uns stundenlang, und wenn es sein muss sogar tagelang, befallen und umschließen kann… Der ist tiefer in uns drin, als anderes. Und wir haben keinen Plan, wie wir ihn überwinden könn(t)en. Egal, wie oft man uns erklärt, woher er rührt, und wie er sich darstellt. Weswegen er sich einstellt …

Die Therapie, die wir machen, hilft dabei leider auch gar nicht (mehr). Die Geduld, mit uns, so wie es scheint, ist aufgebraucht, und eingestellt.. Es entspricht nicht so ganz dem Ehrgeiz des Arztes, uns bei unserem „alltäglichen: wir-wissen-nicht-wie, -oder-wer“ („…das wird nie weniger sein. Das müssen sie wissen: ob wir uns damit aufhalten wollen, oder ob wir uns um eine „höhere Ebene“ bemühen, in der das alles seinen Ursprung hat…“) zur Seite zu stehen… Er will uns lieber gleich schon „zusammengeführt“ haben. Und zwar ganz und komplett. Ohne erkennbare Risse. Und lieber gestern als heute…. Doch soweit sind wir noch nicht. Sind wir noch lange nicht, auf Biegen und Brechen. Weder jetzt und hier, noch sonst irgendwo in der Zeit, durch wie wir springen wie Flummis, während uns die Gegenwart nicht mehr sieht. „Wir lernen uns doch gerade erst kennen…“, denken wir für uns, seitdem wir das nicht mehr aussprechen dort, als Erwiderung auf… während wir uns immer mehr entfernen und verschließen von und vor dem, das uns ver-zerrt und übergeht. Uns so nicht haben will: „so gespalten“…. wie wir es nun einmal sind.

Dieser „Totstellreflex“….

Das Äußere ist einfach, viel zu häufig und oft, viel, viel zu laut für uns. Ohrenbetäubend. „Die Blicke“, die uns streifen, und verraten könnten, viel zu dicht an uns dran. Sie durchstreifen und durchleuchten uns wie Röntgenstrahlen, gegen die wir machtlos sind wie Ameisen im Ozean. Wir nehmen uns dann selbst nur wahr von diesem Aussen. Jedes Geräusch, das wir produzieren (könnten), wird vermieden. Wird  „eingefroren“, abgestellt, unterbunden. Jede Bewegung erstarrt. Sogar das „dringlichste“ bleibt, in uns drin, solange still stehen, bis…. bis es außen wieder so still und ruhig geworden ist, wie es innendrin die ganze Zeit war. Wir hören dann auf zu existieren, könnte man sagen. Je nachdem, wonach oder womit man „Existenz“ definiert. Wie tief man dieses „Existenzminimum“ (also der Punkt ab dem man davon sprechen kann) stapelt, und ansetzt…  – Womöglich denken wir, in einem solchen Zustand, absolut nichts; das wissen wir nicht. Das ist sehr schwer nur zu sagen, weil dann, wenn wir uns wieder regen können, ist dieser Zustand nämlich so, als wäre er nie dagewesen, nie geschehen.

Von sich selbst komplett entfremdet…“, sagt einer von uns , wenn solche Sätze wie jetzt hier getippt sind. So als sei man seine eigene Romanfigur, die man sich bloß ausdenkt. Dabei schreiben wir von dem größten Teil unseres erlebten Er-lebens. Der Teil also, an den so viel(e) unserer Erinnerung_en fehlt/-en…

Ob wir uns (& sie) je wieder finden?

… oder gar: „wieder-er-finden“?

Wollen wir das überhaupt?… / und wenn ja/nein: weswegen?

Die Gegenwart schweigt. Das ist so ein surrealer Zustand aber auch, in dem wir uns seit langer Zeit schon befinden. So als träumten wir nur, wenn wir wach sind, von einem „Schlaf“, der gar keiner ist… und all das, was wir nicht mehr tun, aber tun woll(t)en, das fällt uns schon gar nicht mehr ein.

Wir haben komplett vergessen, dass wir das meiste „vergessen“…

Ein Gedanke zu “dokument #81

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s