dokument #80

Was war das nur, vor dem wir jetzt schon wieder flüchteten?…

… zu den dafür zuständigen Helfer_innen sagten wir: „Die Wohnung! Und alles, was da drin und drumherum ist!“. Wir sagten das sehr stets, und auch sehr dringlich. So wie ein Mantra ohne Sinn, von dem man dennoch nicht ablassen kann. Vielleicht ja gerade deswegen… Doch es stimmte ja auch. Wir gingen nicht mehr raus, obwohl die Sonne schien, und alles auf_blühte, hatten uns zugestellt mit altem Krempel, von dem wir dachten, dass es gut sei, wenn er bei uns ist, und uns umgibt. Dämlicher Krempel… was sich im Laufe einer Existenz aber auch alles ansammeln und anhäufen muss. So als wäre es das wert. In unserem Falle waren das: Bücher, hauptsächlich Bücher, und zwar Unmengen davon. Und Papier, noch und nöcher, vollgekritzeltes Papier, auf dem wir das meiste selbst nicht mehr entziffern konnten. Und Bilder, natürlich, (nicht von uns, denn die besaßen wir nicht, was uns nie verstimmte. Im Gegenteil.„Auch so ein Form der Dissoziation…“, würde der Therapeut jetzt dazu sagen. – Doch es gibt ja auch sehr „angenehme“… ) aus irgendwelchen Zeitschriften, u.ä., herausgerissene Bilder: Catherine Deneuve, in einen Text versunken, oder: das eines Fahrrades, das, von irgendwem, auf einem leeren Weg stehengelassen wurde, und jetzt da im Weg steht, oder: ein Kind vor einem Spiegel, in dem man es nicht sieht… uisw, usf. Und die schweren, so unglaublich kompliziert zu transportierenden, Schallplatten, und …

Diese Bücher… Irgendwann in einem alten, weit entfernten Leben, in einer weit entfernten Stadt, da waren sie mal bedeutungsvoll gewesen. Habseligkeiten einst. Flucht und Sinngebung zugleich. Der (innere) Ort, an dem wir waren, und der uns mit „der Welt“ verband, in die wir nicht gehörten… Doch das war lange her. Nun türmten sie sich, seit Jahren, in dieser Lagerbox im Randbezirk, und reiften hin zur Putreszenz, vermoderten, verwahrlosten. Stapelten sich zur Decke dort, und staubten ein. Fielen uns auf den Kopf, wenn wir die Türe öffneten…

Das war immer sehr sonderbar, wenn wir da standen, vollkomen entfremdet von uns und dergleichen, und paralysiert auf all das Zeug da starrten, von dem wir nicht wußten, wie wir weiter jetzt mit ihm verfahren sollten, weil unser Leben in dieser großen Stadt ja, seitdem wir wieder hier sind, ausschließlich daraus bestand, uns von einem Übergang zum nächsten zu hangeln, ohne Platz, für all diese Reste… nutzloser Krempel. Dämliches Zeug. Angesammelter Mist. Die einzige Konstanz (dadurch: „Bezug“), die noch irgendwie bestand, war lediglich der Dauerauftrag, mit dem wir, Monat für Monat, das Lagern dieses Krempels da bezahlten… Prekäres Vagabundentum, in das wir eingeschlossen sind. Das dem je anders war, das kennen wir nicht.

Mit der Betreuungsmaßnahme änderte sich das dann, hin zum Guten für uns. Zumindest ein wenig. Wir bekamen eine Wohnung zugeteilt, man höre und staune. Eine eigene, ganz alleine für uns. Zwar hatte der Therapeut große Sorge, dass wir, recht bald, für uns alleine („uns selbst ausgeliefert“) von einem immer lauter werdenden Stimmengewirr in uns, erschlagen werden würden. Doch diese Ansicht vertraten wir nicht. So etwas sagt(e) auch nur jemand, der es sich leisten kann, zwischen sich und der äußeren Welt, eine dicke Mauer zu haben. – „Komfort“ nennt man das dann. – Jemand, der nicht alle paar Wochen seinen klammen Koffer packen muss, und weiterzieht, zur nächsten Zwischenmiete. Hinein ins nächste dieser unerträglich lebensunwerten Zimmern, vollgestellt mit Plunder meist, der einfach nur noch traurig ist. Hinein in diese Wohnung eines Menschen, mit dem man nie etwas zu tun haben wollte, wenn man sich das denn aussuchen könnte, und dessen Leben man nun „sponsoren“ soll, indem man sich von ihm in einer Abstellkammer parken lässt… Bei wem wir da schon alles schliefen…, ohne Hoffnung auf: „ein Zimmer für sich…“.

Anderthalbjahre funktionierte es sogar ganz anständig mit uns, und jener Wohnung, ganz alleine für uns…Wir hatten eine Tür, die wir hinter uns verschließen konnten, und niemanden in umittelbarer räumlicher Nähe, dessen Atem und Abreagieren, wir mitbekommen (mit-ertragen) mussten… Und das war das wertvollste. Und notwendigste.

Ein Gedanke zu “dokument #80

  1. Wir waren sehr froh, euch Ende Dezember (und jetzt auch!) wieder auf dem Dashboard zu sehen. Das zu sagen wirkt vielleicht etwas unheimlich, weil wir nie etwas kommentiert hatten… (hoffentlich nicht zu sehr?)
    Ich mag eure Art mit Worten umzugehen. Schön, euch wieder lesen zu können.

    Gefällt 1 Person

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