dokument #79

Jetzt haben wir ihn: den neuen, weissen Raum, nach dem wir verlangten. Wie ein Bushaltestellehäuschen, in einer fremden Regenstadt, empfing er uns. Umschloss uns dann.

Zu Beginn, als noch nichts weiteres von uns hier war, außer unserem unsäglich verwirrten Körper, samt seiner zuckenden multiplen Psyche, da tat er uns tatsächlich auch… gut. Soweit man das so sagen kann… Er war etwas zum unterstellen. Etwas, an das man sich anlehnen konnte. Fast ein Versteck, und so wie wir, insgeheim und dringlich, hofften: vielleicht ja sogar eine Art Neubeginn und Sicherheit (denn diese Worte fielen oft, wenn wir mit den Helfern_innen darüber sprachen, was wir da mal wieder taten)… Auch wenn es nichts anderes war, als ein morsches Brett, auf offener See, an das wir uns krallten. Eines, das uns zu verstehen gab: „Halt, hier geblieben! Denn etwas anderes, oder gar besseres, werdet ihr nicht finden. Völlig gleich, wie lange ihr noch sucht…“.

Und da wir ohne Kraft, und außer Atem waren, vollkommen aufgezehrt, von dem, das uns jagte und uns vor sich her trieb, und überall fand (es war nur eine Frage der Zeit), glaubten wir ihm… Was hätten wir auch tun sollen, anderes? Denn eine Auswahl hatten wir ja nicht nicht. Das morsche Brett lag da schon richtig.

Also schloßen wir die Tür und legten uns hin, auf diesen Boden aus Holzdielen, der ächzte und knarrzte. Sackten dort zusammen, und ließen uns fallen. Keuchten mehr, als dass wir austameten. So als wären wir auf Bewährung draußen, fühlte sich das an.

Wie befreiend das für einen Augenblick doch war, dass der Raum, der sogleich die ganze Wohnung fast schon war, nichts anderes enthielt, als uns. Alles, was hier von einem Leben vor uns zeugte, war weggeschafft worden. So als wäre es nie dagewesen. Nur hier und dort entdeckte man (wenn man das wollte) die Spuren eines unbekannten Vorbewohners. Ein alter, gelber, schon lange keinen Geruch mehr verströmender, Duftbaum, beispielsweise, der im Flur, über der Tür hing, die hinter uns ins Schloss gefallen war. Zu schäbig und zu trostlos, um ihn abzuhängen, baumelte er da… Eines dieser Dinge, die man nicht mehr sehen kann und will, und die einen auch nichts mehr angehen sollen, sobald man sicher weiß, dass man sie bald verlassen kann.

Was war das nur schon wieder, von dem wir jetzt nun flüchten mussten? Einfach wäre es zu sagen: „Alles!“…. – Nur war dieses „Alles!“ eben auch genau das, das wir verstehen und überwinden wollen; selbst wenn wir es nicht sehen in seinen Einzelteilen und all seinen Faktoren. Zu viele Splitter. Zu viele Trigger… Und am Ende nur der Überlebenstrieb, der als Fluchtreflex dann ausbricht. Sich seinen Weg bahnt, und dann durchbricht… Zu viele Worte ohne Sinn, die wir wie wild geschrieben hatten, um durch sie überhaupt noch was zu sehen… All diese Themen, von denen man sagt, dass sie in Therapie gehören. Alleine schon eines von ihnen, viel mehr als genug.

Sowieso: die Therapie…. – Gerade jetzt, wenn wir hier schreiben, sträubt sich alles in uns, überhaupt je wieder, dort zu sein. In diese Praxis da zu gehen, und dort zu sitzen… – Nicht weil sie „anstrengend“ ist – das macht uns nichts – sondern weil sie uns mit fortlaufender Dauer alles, wirklich alles, verleidet, was wir für uns entweder als „Fortschritt“ verstehen und so begreifen, oder uns die „Freude“ raubt an dem, das wir „dagegen“ tun, wenn wir es denn können… Mittlerweile ist es sogar schon soweit mit uns gekommen, dass wir rein gar nichts mehr von dem tun können, von dem wir denken, dass es „besser ist, als..“. – All das, das einem einzelnen von uns gehört, ihn handeln lässt… Beseelt von diesem frohen Anfängergeist des Dilettanten…

Seit den letzten Sitzungen haben wir sogar diesen felsenfesten Eindruck, irgendwo am Rande, dass während unserer Anwesenheit, der Therapeut mehr mit sich am austragen ist (und all das dann auf uns „projiziert“…) als dass er uns „sieht“, und mit uns arbeitet, so, dass es uns auch hilft. Etwas bringt.

Wir sind so satt davon ihm zu „beweisen“, dass wir tatsächliche „viele“ sind… Dazu gezwungen sein, es ihm „beweisen“ zu müssen, nur um uns dann anzuhören, dass wir gefälligst un-/gespalten sein sollten… – Doch dieses wie, das zeigt er uns nicht… Wir werden später noch darauf zurück kommen. Da führt kein Weg daran vorbei. – DIS ist eine Glaubenssache, an die er wohl nicht wohl glauben will… Nicht glauben kann. Und jedes kleine bißchen, dass wir „im Umgang miteinander“ für uns selbst entdeckten und versuchten, so lange bis es halbwegs klappt, dass erreich(t)en wir nicht „durch die Therapie“, sondern „trotz“ all dieser….uns verspottenden Gesprächen. Irgendwas läuft da verkehrt…

Wie sind wir denn nur da schon wieder in diese Rolle reingeruscht, hinein geschlittert, rein-gefallen, in der wir nun so unverrückbar feststecken? Wir sind mal wieder dieser Spiegel, in den jemand hineinsieht, etwas erblickt, und es nicht sehen will. Dieser Spiegel, der wir schon so oft waren….Das Spiegelscherbenkind, das immer wieder neu zerschlagen wird, so wie der Überbringer einer Nachricht, die wahrlich keine gute Kunde ist, bevor es sich zusammensetzen kann. Und nach den Augen, seine Arme öffnet. Ausbreitet, der Welt zugewandt, und offen hält, völlig gleich was da kommt…

Wir kennen das schon.

Und nie war es groß anders… Nie bleibt etwas zurück, außer: das Leben an sich, dieses nackte. Das, damit wir es bewahren können fliehen muss und flüchtet… rein in diesen Kreisverkehr, in dem es von Geburt an drinsteckt.

Wir kennen das schon. Und Selbstmitleid ist das nicht.

Und irgendwann…. viel später, wenn dieser sprichwörtliche Sturm dann abgeflaut ist, und wir an einen Ausgangspunkt zurück gefunden haben, von dem aus wir versuchen (können), die klammen Reste zu sortieren, zu strukturieren und zu…. verstehen, bevor es uns mal wieder einholt und findet, wenn wir dann da liegen, irgendwo auf einem Boden, und der Atem sich beruhigt, für einen kurzen Augenblick…. dann denken wir, zu guter letzt, und immer lauter und öfter: „Es ist doch längst schon zu spät!… Mal wieder zu spät…viel zu spät… Es ist zu spät, es ist zu spät…

Es

ist
zu

spät!“



Welch Glück für uns dann, stets, dass unser angeborener Dilettanten-optimismus stärker ist, als das, was uns Erfahrung lehrt… Hier sind wir nun also, an einem Punkt, von dem wir glauben, dass er ein Anfang sein kann und ist. Beginnen wir damit, die Scherben, die wir sind, wie ein Puzzle zusammenzulegen. Vielleicht entsprechen sie uns ja sogar, das kann man nie wissen.

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