dokument #78

„Ich will nie mehr so rein und so dumm sein wie weisses Papier….“*

Nächste Wochen ziehen wir um in eine neue Wohnung. Am Dienstag, um es genauer zu sagen… Dieses Wissen darum wirkt so fern und so unwirklich, und gleichzeitig sehr nah. Aber so ist da ja bei fast allem, und man kennt es auch nicht anders.

Im Grunde sollten hier Dinge getan werden, die damit zusammenhängen. Praktische Dinge, wie ausmisten und einpacken… aber noch hängen sie alle beim „begreifen“, „äußern“ und „debattieren“ darüber fest, und da will ich ihnen nicht dazwischenfunken. Zumal alles, was damit einhergeht, zur Zeit auch nur ein Nebenstrang für uns ist; wenn auch ein sehr wichtiger… Was zählt ist: dass diese notwendige Veränderung definitiv stattfinden wird. Logistik und Zeitpunkt des Umzugs, samt Bezahlung der Kosten, wurden schon, mit Hilfe der Betreuerin fixiert. Morgen wird der Flur hier voll mit leeren Kisten sein, die wir hierher geschleppt haben werden…das läuft, und „ich“ bin diesbezüglich sorgenfrei…. wahrscheinlich weil „ich“ schon  wieder viel, viel weiter bin bei allem, während alle anderen noch in der unmittelbaren Gegenwart, der gerade stattgefundenen Vergangenheit…und dem Wust des großen grell-nebligem „früher“  festhängen… dort eingesperrt sind, und nicht frei kommen.

Wir lernen zur Zeit so viel wesentliches…. begreifen und ziehen (endlich!) langfristige Schlüsse daraus…. und gleichzeitig zerreißt es uns immer mehr. – So wissen wir jetzt beispielsweise, dass, wenn man uns runterdekliniert auf die „starken, wesentlichen“, da nichts übrig bleibt, dass man „zusammenführen“ könnte, so wie es in Therapie die ganze Zeit versucht wurde. Das war sehr schlimm und sehr fatal für uns, diese Bemühungen…und auch sehr schädlich.

…und jetzt, wo sie „überstanden“ sind, und „abgewehrt“ wurden, da wissen wir, „wer“ übrig bleibt von uns, wenn man „sie“ freilegt. Wie eigen-ständig sie ihrem Wesen und ihrer Auffassung nach sind. Welche Bedingungen und Umstände sie brauchen…um an dem „arbeiten“ zu können, das für sie wichtig erscheint. Und vor allen Dingen: wie widersprüchlich und parallel sie sind. Zu unterschiedlich dafür „sie zu vereinen“, zu stark in ihrem Ausdruck, um sie „unter einem Hut“ zusammenzubringen…

Was soll’s. Im Grunde kennen wir es ja auch gar nicht anders…mit einer wesentlichen Neuerung allerdings: Diese „Klarheit“ darüber, so zu sein…die ist in diesem Ausmaß neu. Und auch sehr prägend. Doch was noch viel wichtiger ist: „ich“, der ich hier schreibe, ich weiß endlich… wofür und wesewegen ich „erwachsen“ werden will. Und weiß auch, wie schwer und keinesfalls geradeaus dieser Weg sein wird das zu erreichen, worauf ich hinauswill… – wie unglaublich herausfordernd auch dieser Aufwand damit sein wird…sich jeden Tag aufs Neue kallibrieren zu müssen, sich die Ein- und Zustimmung deren dafür einzuholen, die noch ganz woanders festhängen…anderes wollen und müssen, als „ich“… – doch dieses „wofür“ übertönt sie alle, letztendlich. Auch wenn gleich hinter ihm die „harte Realität“ des ihm nicht-Entsprechens lauert, mit all ihrer Ohnmacht…ihrer Verzweiflung…und all den Fakten, die das Gegenteil dessen beweisen, das man erreichen will…

Das schreibt sich alles so leicht, auch wenn schon dieser Satz darüber alles andere als „wahr“ ist. Denn es schreibt sich nicht leicht…wenn man die ganze Zeit Bilder sieht, in einem Vielstimmigkeiten-strudel gefangen ist…und andauernd auch alle_s in einem aufplatzt, das gerade noch „gesehene“ wegwischt… – Ach, Wirklichkeit, du wildes Land.

…und zu allem Überfluss, steht nun auch noch, für einen von uns, diese Vermutung „hochfunktionaler Autismus/Asperger-Autismus“ ausgesprochen im Raum. Als wenn es nicht schon genug wäre mit „bezeichnenden Worten“…doch es würde (neben dieser „Hochsensibilität“) einiges erklären in Bezug auf diese „zu wenigen/zu durchlässigen Reizfilter“, die so vieles aufnehmen, womit dieses Gehirn dann überfrachtet wird, sich aufhängt…dieses „Orientierungslosigkeit“ so mancher in Folge geringfüger Veränderungen, die nicht verarbeitet werden können…und auch diese (lebenslange) Konzentrationslosigkeit so mancher in Bezug auf diese Dinge, für die kein gegenwärtiges, direktes Interesse besteht…auch wenn man weiß, dass man es gerne aufbringen würde, es geht einfach nicht, während man für das, das einen „wirklich interessiert“ keinerlei Mühe aufwenden muss, um sich da jedes noch so kleine Detail zu behalten… – all diese Worte.

Und dann diese „Wirklichkeit“, die um mich herum passiert, und irgendwie stattfindet…und viel zu oft: fernab von mir. – Letztens habe ich ein Tagebuch, der jüngsten Vergangenheit, gelesen, das ein anderer von uns woanders führt… ich war so entsetzt darüber zu sehen, was hier doch alles noch so los war…und wie sehr man es doch abspalten und ausblenden kann… es überrascht einen doch immer wieder sehr, diese „Fähigkeit“ zu zelebrieren… Und das ist noch sehr positiv formuliert. Innendrin sieht man das anders.

Ich komme kaum mit dem hinterher, das für uns aufzuzeichnen ist, so dass es „beschriebenes Wissen“ für uns wird, und sich so setzen und verinnerlichen kann… auch das ist sehr merkwürdig zu sagen: „ich komme nicht zum schreiben, ausformulieren…“ – denn wenn man nur die letzten drei, vier Tage nimmt, dann sind hier bestimmt 60, 70 Seiten alleine schon von Hand beschrieben worden nur…irgendwer schreibt immer irgendwas, aus den verschiedensten Gründen, und kaum ist „es“ fertig, geht es gleich weiter, vorwärts und im Kreis,… womit auch immer. Und für das, was gerade war, fehlt „der Blick“… – und mir die Zeit und die Muße all das so annotierte auszuformulieren. Noch wartet es… – auch wenn es sich jeden Moment, der verstreicht, immer weiter erübrigt…

…und ich, beinahe alle Kraft dafür aufwende, in alle dem, dieses „wofür“ in all seiner Klarheit, die es für mich bedeutet, nicht aus den Augen zu verlieren. Abgespaltene Wochen, die so vergehen, verstreichen….bis man dann irgendwann vor einer Wand steht, von der aus einem die Buchstaben entgegenstrahlen „zu spät!“, und um die es scheinbar keinen (Aus-)Weg gibt. Keinen anderen als den: wieder neu anzufangen, und so zu tun…als ob das gerade stattgefundene nichts weiteres gewesen wär, auch wenn die Sprache, die es spricht, im Inneren, ganz anderes erzählt… was soll’s. So ist das Leben. Und dieses „wofür“…ist jenes, das ich mir wünsche. Auch wenn es so vielen in mir widerspricht. Wir werden sehen, worauf das hinausläuft.

Doch was ich eigentlich (noch) sagen wollte, in Bezug auf die nun kommende Wohnung, ist:  dass ich mich sehr freue, auf diese „Chance“, die sie zum jetzigen Zeitpunkt für uns ist…. denn hier, wo wir gerade jetzt noch sind, da geht es nicht mehr weiter. So viel, dass hier passierte, sich veränderte…uns entsprach, und dann wiederum nicht… „Weisses Papier“: so wird diese neue Bleibe für uns werden. Nichts von hier, wird uns nach da begleiten, so wollen wir das. Kein Krempel, an dem Erinnerungen haften…nichts von „Bedeutung“, das uns ihm Weg rumsteht, und unsere zersplitterte Aufmerksamkeit, in seinen Bann zieht, verwirrt… Nur das allernötigste wird uns noch begleiten. – Ich hoffe, dass es uns so leichter fallen wird bei dieser alltäglichen Kallibrierung, dieses „wofür“ nicht aus den Augen zu verlieren…in Bezug darauf, wie denn der kleinste, nächste, mögliche Schritt in seine Richtung aussehen kann, und wie wir ihn bewerkstelligen werden.

Ich weiß auch sehr gut, dass wir solches wie mit der Wohnung schon sehr oft dachten, und auch tatsächlich daran glaubten… – Und der Therapeut meinte diesbezüglich ja auch mal, dass wir da aus der Not wohl eine Tugend machen würden, wenn wir immer nur so, wie in einem Hotel leben wollen…zum Absprung bereit, nur das allernötigste, und nichts, das einen festhält… – Doch dieses Mal weiß ich, dass es unserer Entscheidung entspringt so leben zu wollen… So leben zu müssen. Wir wollen „arbeiten“ an uns, und nicht an dem untergehen, ersticken, das vom vorherigen Tag (und allen weiteren) noch an uns haftet…so wirkungsvoll an uns haftet, und uns nicht loslässt… alleine schon all diese handbeschrifteten Seiten, der letzten paar Tage, die hier herumliegen…wofür sie stehen, und was sie enthalten…was sie noch erwarten, und woran es ihnen mangelt….
…und unterm Strich letztendlich übrig bleibt dieses: „wofür“, samt seiner Stärke und Reinheit. Und alles, was uns interessiert ist: wie wir es (irgendwann einmal) erreichen werden… – und alles andere ist nichts weiter als: eine Ablenkung davon, mit uns dafür im reinen zu sein.

Denn: Der Hungrige fühlt leeren Raum in sich…

 

*von: Element of Crime

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