dokument #75

Gerade platzt(e) hier alles auf, und es geht drunter und drüber. Alte Muster und Verhaltensweisen, „Persönlichkeiten“ stehen im Raum, und in einem drin, von denen man dachte, dass man sie längst schon überwunden, abgelegt, hätte. Ihnen entschlüft sei, so als ob sie abzustreifende Schlangenhaut wären.

Die Therapie ist nichts weiter als ein einzige Anstrengung, ein Kampf. Sie verwirrt, und entzweit uns noch zusätzlich, anstatt….uns Hilfestellung zu geben beim Orientieren und Fokussieren. Es ist so, als ob sie zu einer zusätzlichen Stimme in uns geworden sei, deren Befehlston uns ununterbrochen die dortigen Ansprüche an uns…entgegenschreit. Man sieht nur noch die eigenen Fehler, Unzulänglichkeit, ein generelles „so nicht sein dürfen“, und aufgrund des großen Zieles „uns zusammenzuführen“, ist unter einigen der Inneren ein Kampf entfacht worden, in dem wohl auch so empfundene Todesangst einen sehr gewaltigen Antrieb darstellt. – Zu viel für uns, um weiterhin….zu funktionieren, als System. Dieses System, das so „nicht sein sollte“, weil Menschen nicht in zig Identitätssplitter zerteilt durch dieses Leben rennen sollen. So empfinden wir das.

Es ist gut hier wieder zu schreiben. Denn hier schreibe „ich“. Das sind „meine“ Worte, „meine“ Texte. „Meine“ Art des Umgangs damit. Und von allen Mitteln, die ich kenne, ist das das wirkungsvollste, um zu verstehen, zu sehen…und vielleicht irgendwann auch: zu ver_ändern.

Wir schreiben so viel… all die Zettel voller verschiedener Handschriften, die hier im Raum verteilt, existieren, und Zeugschaft geben von etwas….das ich ansonsten nicht sähe. Es gibt Tagebücher, in die jeden Tag, voller Drang und Notwendigkeit, sich jemand von uns mitteilt und austobt. Sich selbst sein „Sein“ vergegenwärtigt, und ausspricht, was nach außen, nahezu unmöglich ist, weil es dort auf jene, scheinbar unüberwindbare, Wand der ersten Person Singular trifft, die man für andere… darstellt, zu sein hat. Sie sehen und wissen ja nicht, „wer von uns“ da gerade spricht. Dass der eine, so gut wie nichts mit dem anderen zu tun hat, teilweise. – Also bemüht man sich als Host zu „übersetzen“, was nichts anderes heißt, als sich in sonderbaren Erklärungen über jene, unsere „Identitätsstruktur“ an sich zu verlieren, die man selbst gar nicht mal hört, wenn man sie roboterhaft vor sich hin faselt und aufsagt…. und schon ist man wieder in einem inneren Vielstimmigkeitenstrudel gefallen, bei dem man gar nicht mehr weiß, wer jetzt alles was sagen wollte, an wen es gerichtet sein soll_te…. und weswegen.

Wenn einer der anderen in eines jener Tagebücher schreibt, dann sehe „ich“ das nicht. Obwohl es doch „mein Körper“ ist, „meine Hände“, „meine Augen“, „mein Verstand“,  die diese Tätigkeit ausführen. „Ich“ sehe die Worte nicht, die dort geschrieben werden, kann, falls ich sie im Nachhinein betrachten sollte, nichts mit ihnen anfangen, da sie mir zu fremd, zu fern, und auch zu „anders“ sind, als das, was „ich“ …. ja was eigentlich? – Für mich ist diese „Fremdheit“ normal und alltäglich. Und ich/wir kenne_n unsere Mittel und Wege damit umzugehen, uns damit zu arrangieren und darin zurechtzufinden… Die darf man uns nicht nehmen (wollen), so wie es in der Therapie gerade geschieht. Denn das führt zu nichts anderem als zu Systemabstürzen, und einer generellen Blindheit, die wie ein nie endender Rausch auftritt, und immer mehr ausufert, sich ausbreitet… ohne, dass man dem selbst noch Einhalt gebieten könnte.

Es ist gut, dass „ich“ wieder da bin. Dass ich meine Worte wieder klar und deutlich vor mir sehe. Dass ich reden kann mit dieser Stimme, die unter allen die meinige ist. Ich weiß nicht wo ich war, und was um mich herum geschehen ist. Wieso hier wieder alles so ausuferte, so nahe am zerbrechen, am kollabieren, am (sich selbst) zerstören und am abstürzen ist…  doch das werde ich herausfinden, und dort, wo es mir möglich ist, nötigenfalls eingreifen, beschwichtigen,…und trösten. – Es ist dieses „blind sein“ mit offenen Augen, in das sie uns stürzen, in der Überzeugung….“ganze Arbeit“ zu leisten. Doch etwas, das so zersplittert ist wie wir, das lässt sich nicht so einfach zusammensetzen, als ob wir nur ein Puzzle wären, bei dem man alle Teile mal nebeneinander legt,  um fragend zu schauen, ob sie denn so in etwa zusammenpassen könnten…oder so, oder so. –  Das führt zu nichts. Und am Ende liegt alles wieder in Scherben…. und ich erwache irgendwo (in mir drin), schaue mich um, und stelle die Frage: „wo war ich denn nur die ganze Zeit?“. – Doch das sage ich keinem…. niemand Äußeren mehr. Da da in dieser Außenwelt, als nutzlos hingesprochenes Wort, verliert es sich nur… wird zu einem abgestoßenen Teilstück, das nachher fehlt dabei, wenn ich versuche….  mir eine Landkarte mit Worten zu schreiben, von denen, die „ich“ alle bin. Denn darum geht es mir. So finde ich mich zurecht in dieser Welt, von der ich selten sagen kann, wo genau die Grenzen verlaufen zwischen „innen“ und „außen“. Es ist eine klanglich-codierte Resonanz, die ich mir so erschaffe, und die mir den Weg zeigt, so wie die Laufzeit des eigenen Schallwellenechos der Fledermaus… Doch das erkläre ich nicht. Denn dafür müsste ich es ja selbst erst einmal komplett verstehen… und solange es wirkt, interessiert es mich nicht sonderlich, mit welchen Traumata sich andere erklären, wieso ich bin was ich bin….Und wieso ich das brauche „wir“ zu sagen anstatt „ich“…Denn sobald man die Sprache der anderen annimmt und spricht, sie lediglich kopiert, anstatt sie zu sein, verliert man sich in einem Konstrukt, aus so empfunden Lügen, und einer inneren Kompasslosigkeit, die wie ein Roboter äußere Ansprüche aufsaugt, denen sie gerecht werden will, weil sie selbst keine eigenen mehr hat an sich, oder gar wahrnimmt. Und das kann das Leben nicht sein.




 

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