dokument #73

Da ist jemand in mir, der ist immer schon weiter. Zwei, drei Straßen, immer schon weiter. Er läuft vorneweg, und vor mir weg, so dass ich mir dabei vorkomme, als sei ich nur ein Schatten, der ihm folgt. So als sei ich nichts weiter bloß, als eine hinterlasse Hülle. Schneller als die Zeit, die ich nicht mag, und ihrem Drängen, eilt und rast er durch den Tag und die Tage hindurch, die ihn nicht berühren. Nie hält er an, nie verlangsamt, nie entschleunigt er sich. Jede Verringerung seines unmenschlichen Tempos scheint ihm wohl wie eine Art Stillstand vorzukommen, der nicht zu dulden ist.

Die Tiefe eines Augenblicks, und überhaupt ihr Vorhandensein, existieren für ihn nicht. Wertlos, weder bekannt noch interessant. Seiner Natur widersprechend… Wer auch immer er ist.

Wenn ich morgens aus dem Schlaf, voll schweißtreibender Träume, wieder erwache, und mich umsehe, um herauszufinden, wer und wann und wo ich bin, den Tag, der vor mir liegt, begrüssen und begreifen will, ist für ihn schon längst der Abend angebrochen; der nächste Tag, die nächste Woche, und immer so fort. Er rast durch das Verstreichen der Tage, als wären sie eine Rutsche, und ich habe nicht den Eindruck, dass er jemals irgendwo ankommen wird. Und auch, dass er das gar nicht will, geschweige denn kann.

Alles, was ich tun könnte, ist für ihn längst schon erledigt, ohne dass ich überhaupt erst damit angefangen habe. Ich hinke ihm stets hinterher, bin immer zu spät, erreiche ihn nie… und alles, was mir wie ein „Jetzt“ noch erscheinen mag, hat sich für ihn längst schon erübrigt.

Der nächste Tag, die kommende Woche, die nahende Stunde… sind für ihn nichts weiter als ein einziger Abwasch. Da ist kein Unterschied mehr übrig, der in all den kommenden Zeitformen und -spannen verblieben ist. Nie ist er da, wo ich auch bin. Nie bin ich da, nie kann ich da sein, wo er schon vorbei gerannt ist. Mein heute ist sein gestern, sein heute mein morgen…

Er scheint sich vom Ticken der Uhr zu ernähren. Sich davon zu stärken. Die Minuten und Tageseinheiten zu fressen, und daraus Beschleunigungsenergie zu generieren, die ihm ununterbrochen Antrieb und Recht gibt, ihn bestätigt und manifestiert. Er hat schon längst abgeschlossen mit Dingen, die ich für ihn erst noch erledigen muss. Das wird scheinbar vorausgesetzt, meine Rolle zu sein, und, allem Anschein nach, von mir erwartet ausschließlich. Auch wenn ich so natürlich keinen spürbaren Anfang mehr finden kann. Denn diese einzige Wirklichkeit, in der ich mich ihm hinterher bewege, löst sich auf vor mir, sobald ich sie denke. Jeder Moment, in dem ich stehe, ist nur noch dadurch gekennzeichnet, dass sich seine hinterlasse Duftspur in ihm verflüchtigt. Ich trage eine Leine um den Hals, an der ich mich selbst hinter ihm und mir her ziehe, gezogen werde, während ich den Augenblick, der zählt, nicht mehr erfassen kann: vorbei, bevor er begann. Schon erledigt, gefälligst, ohne, dass etwas getan worden wäre, das es wert ist zu tun. Nur abgehakt, lediglich, auf dieser Liste, die er unter Verschluss hält, und dort deponiert hat, wo dieses ungreifbare Herz sitzen soll.

Was zählt mein nachhinkende Tun noch, wenn das Protokoll darüber, über mich hinweg, schon längst abgefertigt wurde? Jede Kleinigkeit, die ich angehe, hinkt hinterher, erscheint obsolet… Da vorne rennt er. Jedes Etappenziel schon von ihm abgefertigt… Beim Gehen durch die Straßen ist es am augenscheinlichsten. Durch seine Augen sehe ich den Weg, den ich einschlagen werde. Sehe jeden Abzweig, jedes Detail, sehe die volle Länge der Strecke, sehe die Zeit, die man braucht, sie zu durchqueren. Und alle_s in mir ist zeitlich schon längst dort angekommen, und von dort weiter gezogen, schon wieder, wo ich eigentlich hoffte, dass wir uns begegnen.

Doch sobald ich die Wohnung, oder was auch immer, erreiche, hat er sie schon wieder verlassen. Und seine hinterlassenen Spuren, die ich viel deutlicher sehe und wahrnehme, als mich und uns, in diesem System, das wir sind, sind die nachfolgenden Handlungen, die ich tun sollte. Wie ein dichter Schwarm Moskitos, umschwirren sie meine Augen, und machen mich blind für das, was darüber hinaus noch vor mir liegen kann. „Ansonsten, und eigentlich, und an und für sich…“. Wie die Angst davor verlassen zu werden, besetzen, beherrschen und verzerren sie jeden einzelnen Gedanke. Jede Körperbewegung nichts anderes mehr, als die spürbare Ohnmacht darüber ihnen nichts entgegensetzen zu können. Nichts besänftigendes da, das sie zum Schweigen bringen könnte. Nichts, rein gar nichts, das ihnen gerecht werden könnte… Nicht einmal die Stärke und Wirklichkeit eines Augenblicks, der einem zeigt, dass er es wert ist. Nur die Lücken der Unzulänglichkeit, die sie ausfüllen, und dadurch dehnen und weiten.

Es hat für mich nicht den Anschein, als ließe sich an dieser Tatsache, dass er mir zeitlich vorauseilt, und so aus jedem jetzt ein unerfülltes danach macht, noch etwas ändern. Dafür ist sie zu allgegenwärtig. Und in jedem noch so entferntesten Gedanken, oder gerade auch in solchen, mit denen ich versuche die Verbindung zu ihm zu kappen, ihm ganz bewusst entgegenzuwirken, entdecke ich nichts anderes mehr als mein Nichtmehrvorhandensein. Ich stecke fest in einer Wirklichkeit, von der ich nicht sagen kann, ob sie für die äußere Welt überhaupt etwas sichtbares ist. Ob es Berührungspunkte gibt, Überhaupt: geben kann. Überschneidungen, die mehr nur sind, als die sich verflüchtigende Reste eines abgeschüttelten, vergessenen Traumes, der Abspann eines Filmes.

Und das paradoxe ist: dass während seine Zeit rast, nie anhält und immer schon weiter ist, steht meine still. Vollkommen still. Still, weil ich nicht weiß, was mit mir geschehen ist. Still, weil ich nicht verstehen kann, dass da jemand war, der nun fort ist. Still, weil ich irgendwo und irgendwie hängengeblieben bin. Die Fragen, auf die es keine Antwort gibt, weder beantworten noch abstellen kann… Still, weil ich in jedem Moment, nur darauf warte, und nichts andres mehr kann als dieses warten darauf, mit jemandem reden zu können, der gar nicht mehr da ist. ..

Manchmal, wenn er da vor mir her läuft, gelingt es mir einen Blick auf seinen Rücken zu erhaschen, der gerade im Begriff ist vor mir um die Ecke zu biegen. Ich weiß, dass der, der sich da so sputet, ich selbst bin. Ein abgespaltenes Selbst, das mir entronnen ist, sich aus mir herausgelöst hat. Ich weiß, dass er und ich uns auf irgendeine Art und Weise gegenseitig bedingen. Dass wir wie durch eine Nabelschnur miteinander verbunden sind. Noch… Doch ich bin mir nicht sicher, wer von uns beiden der wirklichere ist. Denn dieser Eindruck nur ein substanzloser Geist zu sein, der in der Vergangenheit vergessen, und von ihm stehengelassen, wurde, ist einfach zu stark. Zu überwältigend stark. Jede Handlung, die ich versuche bewusst zu erreichen, erscheint mir, wie etwas lang schon verstrichenes. So als hätte er sie hinterlassen, wie eine offene Wunde, die längst schon wieder verheilt ist.

Er war nie da vorher, nicht dass ich mich daran erinnern könnte, und ich frage mich, was wohl geschehen sein muss, sich wohl ereignet haben muss, dass ihn in die Welt gesetzt hat. Oder besser gesagt: was verdammt noch mal ist bloß  passiert, dass mich aus seiner hinausgestoßen und hinauskatapultiert hat… und wann war eigentlich „vorher“, und wo begann dieses „danach“…

Alles, was mir durch ihn verdeutlicht wird, ist dieser Eindruck: nur ungenügend, und niemals mit einem Augenblick im Reinen zu sein. Eine Verflüchtigung zu sein, und sich das nicht eingestehen können, weil das Verstehen dessen dazu nicht vorhanden ist. Denn etwas sehr entscheidendes fehlt: dieser Teil, oder dieses Stück, das zwischen uns vorhanden sein muss, damit wir einander ergänzen. Denn sollten wir uns so, wie es sich jetzt darstellt, tatsächlich einmal erreichen, muss die Formel dafür erst noch gefunden werden, die jene Achse wieder ins Lot bringt, auf der wir uns wie unbekannte relative Größen aus der Ferne bedingen, und gegenüber wohl stehen.

Der Abspann eines Filmes. Ohne Namen und Titel. Ich kann mich nicht daran erinnern ihn tatsächlich auch gesehen zu haben, Obwohl ich doch seit Monaten in diesem Kinosaal hier eingesperrt bin. Kein Ausgang in Sicht, und auch kein Vorhang, der sich hebt und wieder fällt. Und auch kein anders Publikum ansonsten, außer mir und jenem, der aus dem Bild herausläuft, in dem er nie war, und der ich selbst bin…



Ein Gedanke zu “dokument #73

  1. Was für ein fantastischer Text!
    Eine Beschreibung dessen, was ich nie in Worte fassen konnte…
    Worte, in denen ich mich verschwommen, aber doch so klar, wiederfinde…
    Tausend Dank dafür!

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