dokument #72

Jeden Dienstagmorgen hat man als erstes Therapie. Um 9.30 beginnt sie. Seit nem halben Jahr jetzt schon zu dieser Uhrzeit. Noch nie war man unpünktlich. Wenn auch häufig sehr knapp.

Dieses „sehr knapp“ würde man sehr gerne ändern. Doch weil das „eigene“ Zeiterleben so verzerrt, und in verschiedene, sich stets ändernde (Um-)Welten auch aufgeteilt ist, und morgens dann noch jeder schnell sein Zeug machen muss, das man nicht wirklich mitbekommt, nur eben dann, wenn dazu die Gelegenheit fehlte, ist das mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Einer, der anscheinend zu ungreifbar und händelbar ist, da so beim morgendlichen…poltern.

Doch auf den Körper ist Verlass. Der macht das schon, ist darauf programmiert um 09.30 da zu sein. Wenn der nicht wäre..

Als man heute morgen, pünktlich, vor der Praxistür stand, und klingelte, geschah daraufhin nichts weiter. Die Tür blieb zu. Kein Summen zu vernehmen, das sie aufspringen ließ. Das Wetter war auch wieder kühler geworden. Allem Anschein nach hatte der Therapeut sich erkältet, und die Handynummer nicht griffbereit, um anrufen zu können. Das war nämlich schon mal so gewesen. Man sah wieder auf die Uhr, und stellte fest, das alles stimmte. Uhrzeit und Ort.

Leute gingen vorbei, und man wartete. Die Therapie, und alles was damit zusammenhängt, ist gerade sehr heftig. Es löst sehr viel aus, das dann zeitverzögert sehr vorherrschend ist und einem selbst, so hat es den Anschein, noch blinder und zerrissener macht, als dies eh schon der Fall ist. Das Eingemachte eben.

Vor der Therapie schreibt man immer auch sehr viel über das, was man dort zur Sprache bringen will, weil es so Platz einnehmend im Raum steht, alles belegt und verzerrt, und was eher unter die Kategorie „multiples Alltagszeug, mit dem man selbst klarzukommen hat“ fällt.

So eine „Sortierung“ ist wichtig, wenn man „viele ist“. Denn oft hat man diesen Eindruck von sich und den anderen, dass vertraute Therapiegespräche ein wenig wie MauMau spielen sind. Jede_r hat seine Karten in der Hand und will sie unbedingt ausspielen. Nur dass es eben keine feste Reihenfolge gibt. Dann babbelt jeder einzelne so vor sich hin, platzt mit willkürlichen Sachen raus, die ihn beschäftigen und auf der Zunge liegen, nur damit sie mal gesagt sind. Man selbst bekommt das gar nicht so mit. Nur dieser sehr vage und gleichzeitig sehr verzweifelte Eindruck, dass das gerade alles eine Richtung einnimmt, die so nicht angedacht war.

Oder auch diese „Sprache“, die man spricht, wenn man sich mit aller Kraft darauf konzentriert „da zu bleiben“ und etwas lineares zustande zu bringen. Denn jedes Wort ist ja mit zig Bilder verknüpft, die man währenddessen sieht in sich. Deswegen verkürzt man sehr viel, versucht die Bilder zur Seite zu schieben, und ihnen nicht zu folgen. Zu jedem Wort gibt es unzählige Bilder. Fast alle davon „schlimm“. Die Bilder sind viel stärker und präsenter, als die Worte, die man benutzt, in die Situation, in der man sich befindet. Für denjenigen gegenüber ist das sehr schwer dann zu folgen, da man sehr lange Pausen zwischen den einzelnen Worten macht, andauernd mitten im Satz abbricht, und dann auch schon vergessen hat, wovon man gerade sprach. Und dann kann das Gegenüber ja auch nur die Worte vernehmen, die man ausstößt. Die ganzen Bilder sieht es ja nicht. – Wenn man da nicht genau abwägt, was man sagt, benutzt man die „falschen“ Worte, die das was man darstellen und besprechen will, gar nicht ausdrücken, und das Gespräch folgt einer Fährte, die nichts mehr mit dem zu tun hat, mit dem man gerade einen Umgang finden will… und löst dann eben noch zusätzliche Bilder, Dinge und zeitverzögerte, unbenennbare Zustände aus, in denen man dann feststeckt, wie in einem Wirbelsturm aus Treibsand.

Deswegen ist dieses „Vorsortieren“ so wichtig. Das ist wie ein Drehbuch schreiben, dem man dann folgt. Im Ideallfall. Würde man das nicht tun, wäre vieles auch gar nicht so präsent, wie es sein sollte, da man aufgrund der Amnesien vieles ja auch ständig vergisst, oder vollkommen abspaltet. Oder der Weg dorthin, mit all seinen Reizen, hat so viel in einem in Gang gesetzt, dass man schon gar nicht mehr weiß, wer man war, als man losging…

Als ich heute morgen vor der verschlossenen Praxistür stand, fand ich das gar nicht mal so schlimm, dass sie nicht aufging. Einfach aus dem Grund, weil vieles beim Vorsortieren in die Kategorie „multiples Allltagszeug“ gefallen war…und für die „großen Themen“, die all das alte-abgespaltene ans Tageslicht bringen..war man scheinbar auch nicht im entsprechenden Zustand. Aber das ist man ja nie.

Ich schmunzelte sogar ein wenig darüber, dass mir eine_r im Kopf, so beim Warten das Lied „Psychiater“ von Funny van Dannen vorsang („…der Mann war auch sehr witzig, ich dachte oft HaHa, ich lachte zwar nicht wirklich, doch der Lachreflex war da…ich brauche einen neuen Psychiater…“). „Euch scheint das ja nicht sonderlich viel auszumachen“, sagte ich.

Da stand ich nun. Und tatsächlich. Es gab Zeiten, die gar nicht so lange her sind, wahrscheinlich waren sie noch: letzte Woche und gestern, da wäre ich nun sehr kopflos hin-und hergerannt, vor dieser verschlossenen Tür. Die Beine hätten irgendwas getan, und das ganz dringend zu beredende, das so schwer auszudrücken und zu vermitteln ist, hätte komplett die Kontrolle über mich gehabt und gewonnen… So stand ich nun stattdessen da, und überlegte, was ich den nun halbwegs sinnvolles erledigen könnte, in dieser ausgefallenen Therapiezeit.

Ich wartete eine Vierstunde, schaute immer wieder auf die Uhr, um mich davon zu überzeugen, dass Zeit und Ort in Einklang sind. Ich rief an in der Praxis, und sprach auf den Anrufbeantworter. Sagte, dass ich da sei, und nun gehen würde, weil die Tür nicht aufgegangen sei. Und stellte auch noch die Frage, ob ich denn eventuell mal wieder etwas verpeilt oder vergessen hätte. Das geschieht ja auch leider sehr häufig. Dann ging ich.

Als erstes wieder zur S-Bahn. Ich wollte einkaufen, und danach schreiben. Die zurückliegenden Tagen waren nicht so gewesen, dass es dafür ausgereicht hätte. Es war auch gut, dass ich dem ganz bestimmten Drang eines einzelnen in mir nicht folgte. Für ihn war diese atypische Gelegenheit nämlich ein „Hinweis“ darauf etwas für ihn sehr dringendes weiter verfolgen zu können. So verfolgen zu können, dass alles weitere sehr irrelevant und bedeutungslos wird. „Zudem sei die Fahrkarte ja auch noch abgestempelt, die könne man nun sehr gut dafür nutzen, um zu einem bestimmten Ort rauszufahren“, sagte er. „Wann, wenn nicht jetzt?“

Als ich aus der S-Bahn wieder ausstieg, klingelte das Telefon, und der Therapeut meldete sich. Er sagte, dass ich da wirklich etwas verpeilt hätte, und wir wie jeden Dienstag, seit einem halben Jahr, den Termin zur halben Stunde hätten. Ich sei dieses Mal viel zu früh, nämlich zur vollen Stunde, schon dagewesen. Der Termin zur vollen Stunde sei aber doch immer donnerstags. Auch schon seit einem halben Jahr.

Da stand ich nun also, hörte ihm zu, durch diesen Hörer, und stelle die erste und einzige Frage, die mir dazu auf der Zunge lag: „Echt, jetzt?“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s