dokument #64

Ich muss diese Sprachlosigkeit besiegen, diese Lähmung, die alles befallen hat. Das kann doch nicht sein, dass alles unsagbar geworden ist, außer…..

Der Tod ist da. Er ist allgegenwärtig. Er klopft mir auf die Schulter, schleicht hinter mir im Schatten herum, und gibt sich schon gar keine Mühe mehr dabei sich zu tarnen. Seine permanente Anwesenheit zermürbt mich. Die bedeutungslose Zeit hat ein Gesicht bekommen, das mir nicht gefällt. Jede einzelne Minute wiegt schwerer als ihr das zusteht. Die Zeit vergeht nicht, und das liegt an…

Ich ersticke an mir selbst, und weiß nicht mehr wohin. Das Herz schmerzt beim Schlagen zuweilen so sehr, dass ich, erleichtert fast, denke: „Das war es nun also. Der Körper kann und will wohl nicht mehr.“ Dieser Eindruck der absoluten Endgültigkeit in allem, die dieses Empfinden in mich hineingeimpft hat, benetzt jeden Blick. Dieser Eindruck auch: keine Zeit mehr zu haben, der man noch vertrauen kann. Das kenne ich so nicht. Ich war immer schon zeitlos. Kichernd stand ich neben der bedeutungslos-verrinnenden Lebenszeit und stellte ihr ein Bein, wenn sie an mir vorbei hetzte, ohne etwas anderes dabei zu sehen als sich selbst.

Dass mein Herz und dieser Körper kaputt sind glauben sie mir nicht. Der Psychologe, mit dem ich darüber sprach, hält diesen Eindruck für irgendeine Form scheinbar tröstlicher Suizidalität, was ich ihm so jedoch nicht abnehme. Denn ich kenne die Suizidalität in so vielen, direkten und indirekten, Facetten. Und fast immer steckte sie dabei in so gut wie all meinen Handlungen, die durch die Jahre fast immer doch darauf hinausliefen all dem ein Ende zu machen. Auch wenn es in „meinen Augen“ häufig „nur“ darum ging „einen anderen in mir“ zu vernichten. Ihn, durch was auch immer, endgültig zum Schweigen zu bringen… Oder es waren „emotionale Reflexe“, die meist durch das Verlassen-Sein ausgelöst wurden. Oder jener „andere Modus“ in mir, der so stark ist, mich so blind macht, und mich auslöschen will… Ach, es gibt so viele Facetten, und ich habe gerade keinerlei Lust sie alle aufzulisten. Denn wie sich sich auch zeigen, oder ausdrücken: ich habe sie alle mehr als satt.

Und genau das ist ja der Punkt, weswegen mich jener Eindruck der (körperlichen) Endgültigkeit, dermaßen belastet zur Zeit, und überrollt und niederringt. Er ist nicht „in mir“. Resultiert nicht aus „meinen Gedanken“, oder wie auch immer man das nennen mag, wenn man multiple ist. Denn „eigene Gedanken“, sind das ja nicht in dem Sinne, die man da hört (oder auch nicht) und vernimmt… in sich. Oder um sich. Oder über und neben sich. Oder auch gleichzeitig… Was interessiert es mich, wie man das nun treffend betitelt, so dass es der multiplen Wahrnehmung, nach außen hin, verständlich entspricht. Solange ich weiß, wie die Reihenfolge der Sätze gemeint ist, und was die Worte im Grunde alles, durch das eben nicht-Gesagte, ausdrücken, erfüllt das, was ich hier gerade tue seinen Zweck. Schließlich schreibe ich ja nicht um verstanden zu werden, oder bei irgendjemandem Gehör zu finden. Sondern einzig und allein um etwas in mir sicht- und greifbar zu machen, das ich so nicht in mir haben will. Etwas, das erst durch jenen Akt des für mich Ausfomulierens Konturen und eine Deutlichkeit gewinnt, von der ich mich abgrenzen kann. Anders erkenne ich es nicht… Ich schreibe damit „dieses Leben“, irgendwann einmal, das meinige wird. Zu etwas, das frei von dem wird, das es zu einer Krankheit macht. Zu etwas, das es wert wird zu teilen, weil es etwas zu geben hat. Etwas das viel wärmer und erfüllender ist, als lediglich Erfüllungsgehilfe externen Erwartungen zu sein. Oder eine Gummipuppe. Oder ein Zeitvertreib, gegen die Leere anderer, den man, wenn man von ihm genug hat, wegwirft, wie eine Plastikverpackung, und augenblicklich vergisst.

Und genau das ist es ja. Dieser Eindruck der absoluten Endgültigkeit, die alles belegt und die Sicht so belastend benetzt, dass sie dadurch fast schon so vergiftet wirkt wie durch Abscheu, Hass oder Verzweiflung, kommt nicht „von mir“… sondern von diesem entfremdeten, traumagepanzerten Körper. Und ja, mir ist schon klar, dass dieser Körper auch „zu mir“ gehört. Aber es geht eben um diesen abgrundtiefen Unterschied, ob man z.B. gerade Fieber geplagt daliegt, oder eben meinetwegen gerade eine Psychose durchlebt. Dieser Unterschied ist so ein wesentlicher…

Die Betreuerin, der ich das von der beängstigenden Spürbarkeit meines Herzschlags mitteilte, meinte, dass es z.B. wohl am Kummer liegen könnte, (Das Wort „Liebe“ sprach sie mir zuliebe nicht aus.) und dass das gar nicht mal so unnormal sei, dass man solchen derart merken kann. Eine andere Ursache, die nicht auszuschließen ist, ist, dass es auch eine Nebenwirkung der Medikamente sein könnte, die ich mal nehme und mal nicht. Das könnte sein. Oder auch nicht… Auf jeden Fall vereinbarten wir, dass ich demnächst ein EKG machen lasse, damit man so genaueres weiß. Das gute, alte Ausschlussverfahren, dem ich am meisten von allem noch traue… Ich weiß gar nicht, wo oft ich schon vor Mediziner saß, weil ich nicht mehr weiter wusste, und ehrlich gemeinte Fragen nach den Ursachen meiner „Eindrücke“ stellte. Jedes Mal bekam ich zur Antwort, ich solle doch besser zum Psychiater gehen… dabei hätte mir ein klares „ja/nein“ oftmals schon geholfen, um weiterhin alleine klarzukommen, für diesen Moment. Z.B. bei dieser Frage, ob das denn „Hunger“ sei, wenn der Magen andauernd anhaltend knurrt… Das wusste ich wirklich nicht. Im Gegensatz zu der Tatsache eine weit fortgeschrittene Essstörung zu haben… „Ich bin schon einer“, sagt der Multiple und lacht, ohne dass ihm danach wäre. – Dass mir der (Liebes?-) Kummer tatsächlich irgendwann einmal das Herz bricht? Aber wenn es „gebrochen“ ist, wieso schlägt es dann dermaßen stark, dass es damit alles übertönt und fast meine Brust damit aufreißt? Jede andere Ursache wäre mir lieber, ehrlich gesagt… Dann wäre es etwas „handfestes“, und ich wüßte wahrscheinlich, wieviel Zeit da noch ist. In etwa.

Bleibt, abgesehen vom Herz, immer noch der Rest des Körpers übrig… aus welchem Grund der sich wohl so ausgespuckt anstellt? Zu viele körperliche Fragezeichen derzeit… während der Tod mich ungeniert auslacht, und die nicht endenden Minuten mich angreifen wie eiseskalte Winterluft.

Und dieser absolute Eindruck, dass bald alles vorbei ist. Das macht gar nicht mal traurig, oder verängstigt, oder gar wütend darüber, wenn dem tatsächlich so wäre. Wieso auch? „Ich“ bin nur eines von unzähligen Atomen, das sich seiner selbst, für einen Wimpernschlag, bewusst wurde. So wie so viele vor mir und nach mir, ohne dass da groß weiteres dabei ist, oder gar dahinter wäre. Und um „großes“ geht es hier ja auch gerade gar nicht, sondern lediglich um mich und meine gespaltene, verzerrte Wahrnehmung von allem, das mich umgibt und auf mich einwirkt. Und diese gespaltene, verzerrte Wahrnehmung erzählt mir, mit wenig schmeichelnder Stimmlage, dass wenn ich diesen ununterbrochen Eindruck der baldigen und totalen Endgültigkeit in allem habe, dass dann auch all die Mühe und Aufmerksamkeit, die in mich investiert wird, doch gar keinen Sinn mehr ergibt. Ergeben kann. Denn das Ziel von all dem, völlig gleich wie utopisch oder weit entfernt es auch erscheinen mag, sollte in meinen Augen doch… „Gesundung“ sein.  Auch wenn mir dieses Wort gerade als sehr idealistisch und viel zu „groß“ erscheint für das, was ich meine.  Alleine schon die Tatsache, dass es keine brauchbare, wissenschaftliche Definition von „geistig-psyschicher Gesundheit“ gibt, die über die „Abwesenheit von…“ hinausgeht. ( Von schwachsinnig-religiösen „Seelenheil“-Versprechungen, die sich auf andere Welten, als jene in denen wir leben, oder sonstigen Steinzeitunsinn berufen, spreche ich hier gar nicht. – Wozu auch? ).  Wie dem auch sei, jetzt für den Moment ist „das Ziel“ ja auch unwesentlich, denn ich sehe es ja nicht. Ich sehe rein gar nichts mehr, das auf irgendeine Art und Weise noch vor mir liegen würde, außer…

Das ist mir so fremd, jene Aussichtslosigkeit. Nicht so fremd wie „die anderen“ oder das „entfremdete in mir, auf das sich mir jeder Zugriff entzieht“, von dem ich hier so oft spreche, weil sich ja auch schließlich viel zu vieles bloß darum nur dreht. Im Grunde ja alles, so weit es mich betrifft…(habe ich schon mal erwähnt, wie leid ich es bin jenen „Wahrnehmungs-Egoismus“ damit zu begründen komplex und schwer traumatisiert zu sein ? – Eine nie endende Bauchnabelschau letztendlich, nichts weiter. Die reinste Selbstumdrehung.) Bei all dem therapeutischen Aufwand, der um mich betrieben wird, komme ich mir vor wie ein Betrüger. Welchen Sinn soll all das denn auch haben, wenn ich kein (weit entferntes) Ziel mehr dieses Aufwandes sehe, und mir das augenblickliche „Tun“ (um das es ja im Grunde bei allem immer geht), dadurch versperrt wird, dass ich dabei immerfort denke und empfinde: „letzte Runde“.  Ehrlich gesagt obliege ich der festen Überzeugung die Zeit nach diesem Sommer nicht mehr erleben zu werden…Wie gesagt, ich habe nicht den Eindruck, dass jene Sicht aus mir heraus entspringt, dass sie „gedanklich“ ist. Und es macht mich auch in keinster Weise traurig, wütend oder löst sonst irgendeine wahrnehmbare „Emotion“ bei mir aus. Außer jener ein Betrüger zu sein, wenn die, die sich mit mir befassen davon ausgehen dass ich… da bleiben werde.

Die Therapie und alles, was damit einhergeht, also auch die ambulante Betreuung etc. ist das eine. Da komme ich so einfach nicht raus, wenn ich solcherlei Eindrücklichkeiten schildere, selbst wenn sie für mich feststehende Tatsachen sind. Ich kann auch nicht damit ankommen, dass anderen jener Aufwand, im Hinblick auf ein zu erreichendes Ziel, sicherlich viel mehr zustünde. (So darf man eine Therapie, die man macht nämlich nie sehen. Stichwort(e): „Glaubenssätze & Selbstwert“. )…

Es ist das private, dass diese feste „Überzeugung“ so unglaublich verseucht. So zusätzlich erschwert… Als ob all die permanenten, durch Nähe, ausgelösten Trigger nicht schon genug wären, um das ich mich zu kümmern hätte. So darum zu kümmern hätte, dass es jemand ganz bestimmtes nicht merkt. Das „schlecht-feindliche“, was durch Zuneigung ausgelöst wird, nicht abbekommt, nicht ausbaden muss. – Es würde schon reichen „nur“ komplex-traumatisiert zu sein, von all diesem Zeug aus der Vergangenheit. So selten die Momente, in denen wirklich und ausschließlich nur die Gegenwart geschieht. Und kaum hat man ihre Kostbarkeit erfasst, setzt gleich schon die Angst ein, denjenigen, den man mag, im nächsten Moment schon wieder zu verlieren. Auf jene Art und Weise zu verlieren, dass der körperliche Schmerz, der damit einhergeht unaushaltbar ist. So als würde etwas aus einem herausgerissen…

Und das ist ja auch mal wieder nur ein Aspekt. So viel mehr, das da noch lauert in den Schatten.. so viel, viel mehr. Das wirklich fatale an Traumatisierungen ist, dass sie die Gegenwart beherrschen und vernichten. Und das, obwohl das, was sie einem einpflanzte doch lange schon Vergangenheit ist. Das ist so schwer zu… erfühlen, dieser Unterschied. Meistens erscheint er einem unmöglich. Einfach nur, weil alles so stark…in einem wütet. Die Sicht versperrt, so dass sie nie klar ist. Es ist so unfair den Menschen gegenüber, die einem wirklich nahe sind… diese bestimmten, die man mit Haut und Haaren liebt. Wenn sie einem nahe kommen, löst das so viel Vergangenes aus, für das sie doch nichts können. Und weil sie das eben auslösen…nun ja, es kommt einem vor wie eine unabänderliche Tatsache: „Weil Du das in Gang setzt… mich all das (wieder) durch-leben lässt: bleib besser weg.“ Ein Teufelskreis, ein Hamsterrad. So abgrundtief traurig und tragisch, dass es weh tut.

Im Privaten, in jenem ganz besonderem, macht mich dieser Eindruck der baldigen Endlichkeit, die von diesem Körper herrührt, unglaublich panisch. Zusätzlich panisch… „Keine Zeit mehr da“, schreit es. Und jede Minute wird dadurch zur letzten.. – selbst, wenn man diese Ewigkeit der Liebe sieht. – Wie kann man so etwas jemand anderem antun, diese Sicht, der… wenn jener andere doch in „das Bleiben“, „das Zeit haben“ vertraut. Mit diesem Rest eines erschütterten Vertrauens… das ebenfalls in der Vergangenheit von zu viel Unmenschlichkeit malträtiert worden ist.

Die Zeit soll wieder still stehen. An mir vorbei ziehen, ohne mich zu sehen. Und dieses Herz, samt des restlichen Körpers… soll wieder gleichgültig-kämpferisch und trotzig sein. Vielleicht hat die Betreuerin ja recht, und es liegt nur am Liebeskummer, dass mein Herz mir solche Streiche spielt. Wir werden sehen. Gerade wünsche ich mir das sogar sehr, dass das der Grund dafür ist, der diesen Eindruck der Endlichkeit in meine Wahrnehmung hineingeschraubt hat. Wie wohl die Formulierung des Arztes klingen wird, wenn er sagt: „Also wenn es an der Liebe liegt, da können wir nichts machen…“.

In diesem Falle dann wohl: psychosomatisch. Die Kraft eines Glaubens, der in der Gegenwart zu viel(es) aus der Vergangenheit entdeckt, und das dann körperlich-verzerrt wieder durch-und erlebt. Und selbst wenn all die wahren Ursachen dafür lange schon fort sind, so fühlen sie sich doch wahrhaftiger an, als das, was wirklich da ist, und tatsächlich geschieht. So ist das wohl traumatisiert zu sein.

Heilige Scheiße.



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