dokument #63

Vielleicht kann man den Kopf ja mit so viel wirkender Erkenntnis überfrachten, dass es ihm einfach zu viel wird, für den Moment; und für die Zeit, die danach kommt, und die auf einmal sehr feindselig lauernd vor einem im Raum steht. Diese Zeit, die man so gewohnt war, und die äußerlich natürlich nicht wahrhaben will, dass sich gerade etwas grundlegend, zu seinem Besseren hin, verändern wird, nämlich: man selbst. Denn das passt der Zeit, der gewohnten, so absolut gar nicht in ihren Fahrplan hinein. Also tut sie einfach weiterhin so, als sei alles beim Alten. Und weil Veränderung anfänglich meist etwas sehr fragiles noch und sehr fragwürdig-unbekanntes ist, das erst noch lernen muss, auf eigenen Füssen zu laufen, und weil die Zermürbung der Zeit so gewaltig und allgegenwärtig, in und um einen herum, ist, und von da ununterbrochen auf einen einwirkt, gewinnt sie auch meist. Diese Zeit, die man so gewohnt ist.

Gut möglich auch, dass man den Kopf mit so viel wirkender Erkenntnis überfrachten kann, dass es ihm einfach zu viel ist. Zu viel, als dass er es verarbeiten könnte, und er friert einfach ein. So wie er das bei Angst oder Überreizung ja auch gerne mal tut. Allerdings ist die Erkenntnis anders geartet in ihrer Wirkung auf ihn. Denn sie kommt ja nicht bedrohlich von außen, und zwingt einen von da so zu handeln, dass man den spürbaren Schaden einfach nur durchsteht und aushält, möglichst ohne dabei wirklich daran beteiligt zu sein innerlich. Nein, die Erkenntnis wirkt innerlich, und will von dort raus. Raus in die Welt. Sie will von innen nach außen, und dabei all das verändern, das ihr widerspricht, und ihr im Weg steht dabei sich zu verbessern. Doch leider reicht ihre Kraft dazu noch lange nicht aus. Und sie ist sich selbst ja auch noch viel zu sehr ungewohnt, als dass sie Selbst/±/Vertrauen hätte… Die einsame, fragile Erkenntnis gegen die mächtige Zeit, und ihre gewohnte Zermürbung. Ein sehr ungleicher Kampf, so kommt das einem vor… wenn man auf sich allein gestellt ist.

Gut möglich, dass der Kopf dann einfach einfriert, und man das gar nicht mal merkt. Man macht einfach weiter, wie man es gewohnt ist, und schiebt, für einen selbst unbemerkt, die fragil-schwache Unwirksamkeit der neuen Erkenntnis, wie einen unliebsamen Traum, in sich zur Seite. So als wäre sie bloß eine Mücke, deren Gesumme die Konzentration stört. „Unwirksam“ deshalb, weil sie so, noch ganz ihrem Anfang, Theorie ist und bleibt. Und mit jeder Sekunde, die vergeht, wird sie immer mehr zu einem vergessenen Wunsch, an den die Erinnerung fehlt. Zu bedrohlich sah das aus: diese wackeligen, brüchigen Beinchen gegen jene Übermacht der passiv-geduldeten Gewohnheit der Zeit.

Und dabei hat man doch, all diese überstandenen Jahre, nur darauf gewartet: dass sie plötzlich und vollkommen vor einem steht. Dass sie einen erkennt und zu einem will. Und dass sie bleibt, und nie wieder geht. Und dass sie nichts anderes dafür verlangt und erwartet, außer, dass man so wie man doch „in Wirklichkeit“ ist auch tatsächlich wird…  Viel, viel zu lange genau darauf gehofft, und immer gewartet. Ausgeharrt, irgendwo tief innerlich: all die überstandenen Jahre. Und überall immer nur: fremd und störend gewesen. Etwas gewesen, das aneckt, und im Wege herum steht.

So fremd und störend gewesen, so überreizt und verängstigt, dass irgendwann dann sogar dieses tief innerlich dort ausharrende nur noch ein Feind war. „Vielleicht wohl besser für alle, wenn es nicht da ist“, dachte man. „Vielleicht wird es ja dann sogar auch irgendwie gut. Weniger schlimm, und besser erträglich… vielleicht. Ein Versuch ist es wert“. Immer wieder aufs Neue. Doch den Fehler, den man so stets beging, war: dass einen dieses „alle“ selbst gar nicht erfasste. Einen selbst gar nicht mit einschloss… Solche Sachen denkt man wohl, wenn man auf sich allein gestellt, und überall fremd ist.

Gut möglich wohl, dass der Kopf einfach so einfriert, wenn ihm die Erkenntnis zu viel wird, als dass er sie verarbeiten könnte, und man das gar nicht mal merkt. Dass man weiter macht mit dem, von dem man glaubt, tatsächlich glaubt, dass es gefälligst richtig zu sein hat. Wenn man alleine ist und alle, die etwas von einem erwarten, eben auch ausnahmslos „alle“ sind, passiert so etwas leicht und sehr schnell. Diese weitreichend-fragile Erkenntnis aber auch, die so sehr im Blick schmerzt, wenn man das „gefälligst richtige“ und sich selbst darin erblickt. „Besser, wenn sie fort ist“, denkt sich der Kopf und friert ein. Viel zu viel, das zu verändern, zu überwinden und abzuwerfen wäre. „Gewohnheit“ ist so eine trügerische, lähmende Sicherheit, wenn sie bloß dadurch begründet wird, dass man extern-gestellten Erwartungen gerecht wird, weil man ansonsten ein Feind ist. Etwas, das wieder gerade zu biegen, zu brechen ist… Viel zu viel, das einen umgibt und unüberwindbar erscheint. Und all das Unbekannte einer Veränderung, von der man nicht absehen kann, wohin sie einen führt. Man bekommt Angst davor genau das zu verlieren, das man nur dadurch erträgt, dass man sich selbst innerlich abstellt. Einfach nur: weil es gewohnt ist gefälligst richtig zu sein. Denn das erwarten doch immerhin „alle“… also all jene „alle“, zu denen man selbst nicht gehört… was wohl geschieht, wenn sie weg sind, und sich die Erkenntnis nicht auszahlt?

„Ich habe die Regeln nicht gemacht, sondern bin nur ihr ausführendes Organ“, schnauzt man in Richtung der Erkenntnis, deren unbekannte Folgen einem den Kopf einfrieren lassen, und wähnt sich im Recht. Doch wer diese „Regeln“, nach denen man lebt, einst aufgestellt hat, so dass sie allgemeingültig erscheinen…. das will man lieber nicht wissen. Man hat immerhin schon genug damit zu tun auf jener Spur des „gefälligst richtigen“ zu bleiben, von der man immerzu ausschlägt…. Dank dafür sie zu befolgen erwartet man nicht. Das einzige, was man tatsächlich erwartet ist jene Strafe, die eintritt, wen man sie nicht befolgt… Diese Befürchtung auf sich allein gestellt zu sein, anstatt mit sich selbst allein unter allen zu sein, die einem immerzu fremd waren, und das auch stets bleiben…

Wie mit einer Essstörung ist das, bei der man denkt, nichts essen zu dürfen, weil… wieso eigentlich? Oder besser gesagt: „für wen“ denkt man das? Woher es rührt weiß man ja schließlich, auch wenn man daran nicht denken kann…. aber dennoch: man weiß es, tief innerlich.

Etwas, das noch nicht auf eigenen Beinen laufen kann, erscheint einem schwach, und fast sogar: unglaubwürdig. Doch solange es noch schwach ist, ist die Bedrohung, die von ihm ausgeht, lediglich die Angst, die es erweckt, all das, was man so gewohnt ist, zu verlieren. Und dann wäre da: nichts. So glaubt man, weil man das nie-erlebte nicht kennt, und ihm folglich nicht traut. Sich selbst bei allem nicht glaubt. Das gar nicht mal kann, weil man doch immer so fremd, und deshalb auch so abgrundtief störend war… so störend, dass es einen verstörte… zerstörte.

Besser wohl, wenn da der Kopf einfach einfriert, und die wirkende Erkenntnis sich weiterhin fernhält. Zu viel steht auf dem Spiel: Gefälligst richtige Regeln, die Gewohnheit der Zeit, und dieser Platz unter „allen“ samt ihren externen Erwartungen, die zu erfüllen einem den trügerischen Eindruck vermitteln, zumindest nach außen hin, „richtig“ zu sein.. und schließlich will man ja auch nichts verlieren, worin man sich selbst vor langer, langer Zeit schon verloren hat. Das wäre zu viel. Schlicht und einfach: zu viel.



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