dokument #54

Wenn sich, seitdem man den genauen Zeitpunkt weiß, alles nur noch um ihn dreht, ohne dass man das bemerkt oder zur Kenntnis nimmt, weil nichts in einem deswegen aus der Fassung gerät und sie verliert, dann bedeutet das was.

Dieser feinkleine Unterschied zwischen „ sich auf einer Umlaufbahn befinden“ und „Achterbahn fahren“. Woran das wohl liegt?

Und wenn man später dann, kurz vor dem Zeitpunkt, dann wenn man eigentlich längst los sollte, nochmal schnell die Schuhe feuchtsauber abwischt und mit Schuhcreme auch einreibt, dann bedeutet das was.

Kurz darauf, in der S-Bahn, strahlt die Wintersonne durch die Scheiben herein. Wie hell und wärmend sie ist. „Eigentlich sollte ich nun unfassbar aufgeregt sein“, denkt er hinein in sich. Doch so sehr er auch sucht: Aufregung findet er nicht. Was Worte, die in derselben Sprache gesprochen sind, doch anstellen können. Wie Planeten, die die Sonne umkreisen, erscheinen sie ihm. Und selbst wenn sie nur sehr kleine, wenig bedeutsame Planeten, auf einer ganz äußeren Umlaufbahn sind, so sind sie doch mit Leben erfüllt und von ihm durchtränkt… Dieses „Leben“, von dem sie immer sagen, dass es alleine schon als Grund vollkommen ausreicht, und mit ihm all das zu begründen, dass sich selbst nie genug ist.

Seltsame Art. Nicht weiter wichtig. Auf jeden Fall bei weitem nicht so wie die Sonne, die durch die Scheibe in sein Gesicht hinein scheint und diese S-Bahn, in der zwischen anderen sitzt und die mit ihm zu diesem Zeitpunkt fährt.

„Manchmal sehen die Besten nicht genau so aus, wie sie aussehen sollen“ hatte sie, lange zuvor geschrieben gehabt, doch daran denkt er jetzt nicht. Es fällt ihm nicht ein, denn wieso sollte es das? Die Besten, das weiß er, sehen immer genau richtig aus, so wie sie sind. Bloß wissen sie das eben nicht… und genau das macht sie ja auch zu etwas einzigartigem.

Später, als sie dann zusammen nebeneinander durch den Wald und all den Eisschnee spazieren, reden sie pausenlos und lachen befreit. Im Grunde haben sie sich ja schon immer gekannt. Ihnen fällt das gar nicht weiter groß  auf, dass sie drei Dinge nicht brauchen: Fragen, Angst und einen Namen.

„Irgendwer weiß immer einen Namen“, sagt sie, und er nickt dazu. Sie wissen beide sehr genau, worauf der Satz sich bezieht. Und wie er gemeint ist. Doch gerade jetzt ist das nichts, das irgendwem zu erklären ist. Dass es das gibt hat er schon immer gewusst. Es war ein Geheimnis, das er niemandem anvertraut hat. Denn hätte er das getan, wäre es keins mehr gewesen.

„Sieh mal ein Fuchs“, sagte er und sein Finger zeigt über die Strasse, dorthin, wo auf der anderen Seite das Bild eines Fuchses von einem Plakat zu ihnen herüberblickt. „Stimmt“ antwortet sie, und hält kurz den Atem an. Es spielt keine Rolle, dass der Fuchs gar kein wirklicher ist. Wenn zwei zusammen etwas anschauen können, das für sie zusammen etwas sehr bedeutsames ist, und beide auch dasselbe sehen, und das gar nicht mitteilen müssen, weil sie sich ja immer schon kannten und sehr genau wissen, wie etwas gemeint ist, dann ist das viel wert. Viel mehr wert als Geld, das nie da ist und Zeit, die verrinnt und diese seltsame Liebe, die am Anfang einer Fahrt auf der Achterbahn gleicht, bei der einem das Herz bis zum Hals schlägt, und die am Ende viel zu oft viel zu sehr schmerzt und einander verletzt.

Geschichten sind geschehen, doch sie bedeuten nichts, wenn der Zeitpunkt dann da ist und man nicht bemerkt, dass er das ist.

Als er dann später in der Nacht wieder alleine durch die Strassen geht, weil wirklich nichts in diesem Augenblick ihn seinem Zimmer hält, bleibt er sehr lange noch vor einer Mauer stehen. „Du musst dein ändern leben“ hat eine_r auf sie drauf gesprüht. Das gibt ihm zu denken, und er weiß sehr genau, dass der Zeitpunkt nun eine Erinnerung ist. Und er beginnt zu träumen von ihm. Beginnt zu träumen von etwas, das sein Geheimnis war und auch bleibt. Etwas, das er erlebte, weil er ein Teil davon war.

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