dokument #53

Wenn der akute, individuelle Leidensdruck ge- und verbannt ist, ist die vielleicht wichtigste Erfahrung, die man in Therapie macht, jene einfach „sein zu dürfen“. So sein zu dürfen, wie man nun einmal ist. Völlig gleich, wie abwegig das für andere auch erscheinen mag. Jeder und alles hat seine Berechtigung. Eine, die man zu Wort kommen lassen muss. Denn wenn furchtlos alles zur Sprache kommen darf, was vorher unausgesprochen in einem wucherte, und eben genau deswegen gesagt werden muss, ist infolgedessen irgendwann auch dieser Punkt erreicht, an dem man (hoffentlich) einsieht, dass man im Grunde gar nicht so sein muss, wie all diese inneren Richter einen das glauben machen. Man lernt (im Idealfall) das man Auswahlmöglichkeiten hat, zwischen denen man frei wählen kann. Und wenn man die Zeit dafür bekommt dies zu verstehen und zu erlernen, und immer wieder, in einem geschützten Rahmen, zu erproben und zu üben, dann wird das irgendwann zu einer Selbstverständlichkeit, die die fiesen Richter schrumpfen und verstummen lässt.

Niemand gat sich das tatsächlich ausgesucht, genau so geworden zu sein, wie er_sie nun einmal geworden ist.  Diese „inneren Richter“, denen man sich beugt, waren irgendwann einmal am Anfang äußerlich. Man lernte sich ihnen zu beugen, ihren Erwartungen gerecht zu werden. Ob man das nun wollte oder nicht. Irgendwann verschwand dann diese Grenze zwischen „innen“ und „außen“. Sie war gar nicht mehr nötig. Die externen Erwartungen waren die eigenen geworden. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen „innen“ und „außen“. Die Grenzen waren verwischt. Man war eins mit ihnen geworden, ob man das nun wollte oder nicht. Der Preis des „Überlebens“… den alle, auf die eine oder andere Art und Weise, dafür entrichten, dass sie geworden sind.

„Das hast du fein gemacht“ sagt eine_r. Und ohne, dass wir wissen wieso, wedelt unser Schwanz und wir legen uns zu seinen_ihren Füßen hin. Wir können nicht anders. „Natur“ ist immer das, was unhinterfragt in uns vonstatten geht. Ein Automatismus bloß, nichts weiter. Erst dann, wenn wir bemerken, dass wir ihn so gar nicht wollen, weil er dem, das wir von uns glauben zu sein nicht entspricht, beginnt der Leidensdruck. Ein Kräftemessen, zwischen dem man zerbricht…

Im Hinblick auf das „viele-sein“ habe ich mittlerweile das Glück von meinem (Helfer_innen-)Umfeld „darin“ verstanden zu werden. So weit das eben möglich ist… Meine Helfer_innen wissen, wie es damit in mir bestellt ist. Woher es rührt, was es verkörpert und wie es sich äussert. Und anstatt „es“ (immer wieder) zu bekämpfen, kann ich nun lernen es anzunehmen, als das was es ist: ein Überlebensmechanismus, der notwendig war. Einer, zu dem ich gezwungen war und wurde..

Eine wesentliche Rolle dabei einen differenzierten Umgang „damit“ zu erlernen, der nicht ständig gegen Unverständnis rennt, und sich dann anpassen muss, auf eine Art und Weise, die mir nicht entspricht, und die stets nur dazu führte, dass sich der Kampf gegen das innere, das nicht so sein darf, ins äußere verlegt, hat die Sprache inne. „Meine Sprache“, die ich infolgedessen spreche, wenn ich versuche zwischen „innen“ und „außen“ zu vermitteln. Versuche, entsprechend verständlich zu machen. Diese, zum Teil wohl sehr grotesk anmutende, Sprache, mit all ihren vielen unterschiedlichen (teilweise sehr widersprüchlichen) Sprachebenen und Wortbedeutungen…

Natürlich führt das auch sehr häufig zu Missverständnissen und Irritationen, wenn ich so spreche, dass ich ehrlich bin. Wenn ich so rede wie es dem Erleben und seinem Umgang damit entspricht. Z.B. neulich, als ich die Betreuerin fragte: „wann müssen wir denn wieder zu dieser Psychiaterin da hin?“, und sie mir daraufhin mitteilte, wann wir zusammen dort hingehen werden. Dabei hatte ich mit dem „wir“, das ich benutzte, sie gar nicht mit eingeschlossen gehabt. Was ich meinte war „ich und die anderen in mir“m als ich es benutzte. Denn dorthin zu müssen, zu dieser Psychiaterin, sorgt für sehr viel Unordnung und Aufruhr „bei ihnen“. Und mit dem „wir“, das ich verwendete, wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es da im inneren System sehr viel noch zu vermitteln, und vor- und nachbereitenden Gesprächsbedarf gibt…

Doch wenn die Betreuerin mitkommen mag dorthin, zu jener Frau Psychiaterin, die aus einer falschen Epoche der Geschichte anscheinend hier gestrandet ist, nun gut: meinetwegen.  „So sei es“, sagte ich, als wir den genauen Zeitpunkt besprachen und dachte: „wie gut, dass es dann Zeugen geben wird..“

Schließlich muss man ja auch nicht andauernd (sprachlich) darauf beharren, dass man „viele“ ist… Differenzierter Umgang damit hin- oder her. Es gibt Auswahlmöglichkeiten.

Manchmal..


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