dokument #51

Jetzt hat sich der Schlaf, bzw. das Ringen darum, wieder total verschoben und ist komplett aus den Fugen geraten. Die ganze zurückliegende Woche war das kein Thema gewesen. Zwar kann ich nicht sagen, ob und wie ich geschlafen habe, aber zumindest war ich frühmorgens präsent, wenn ich wieder zur Stelle sein wollte.

Alle Termine, die ich so habe (Therapie, Betreuung etc…), hatte ich, so weit das ging, in die Morgenstunden verlegt. Das war nicht risikoarm. doch es klappte. Wenn dadurch kein übergoßer Druck aufgebaut wird, weil das zu Erwartenden zu viele zu bewältigende Momente bereithält, ist das sehr hilfreich. Dann gelingt es mir meinen Fokus darauf zu programmieren. Der Raum muss eben da sein, und genau dafür freigehalten werden, damit dies mein einziges Hauptziel bleiben kann. Jede andere „Ablenkung“ ist da schon zu viel. Und auch so schon pendle ich ja permanent zwischen reizintensiver Überforderung, den verschiedenen „Ich-Zuständen“ und dieser totalen Abwesenheit zu mir selbst einher. Vereinfacht formuliert.

Zu spät kam ich nur zweimal. Glaube ich. Natürlich war das gar nicht meine Absicht. Doch wenn da dieser „mich beherrschende Film“, der komplett auf das zu erledigende fokussiert ist, reißt, was er ja andauernd tut, um so mich, der ich dann im Hintergrund bin, nicht mehr mit sich einher trägt, verliere ich jeglichen Bezug zu dieser Uhrzeit, die gerade angezeigt wird. Sie und das an sie gekoppelt auszuführende sind sich dann einander unbekannt. Das ist sehr merkwürdig, und alles andere als angenehm und zielführend.

Eine Spezialität von mir ist es dann, dass trotz besseren Wissens, in dem Augenblick, in dem ich los müsste, auf einmal noch ganz viele Dinge in mir drin nach unaufschiebbarer Erledigung schreien. Ich kann nicht mal  genau sagen welche. Nur dass es wohl sehr viele, und sehr dringliche sind.

In Therapie, zu der ich deswegen zu spät kam, knallte ich deswegen die Frage auf den Tisch, in wie weit da jemand in mir am wirken ist, der mich mit voller Absicht in solchen Augenblicken boykottiert. Und wie hoch sein Anteil „an meinem Leben“ wohl ist.

„Er“ scheint mir langfristiger so viel zielgerichteter handeln zu können, als ich, der ich jeden Moment aus den Augen verliere, worum es gerade geht. Und dem es vor lauter „kleinen, situativen Zielen“ meist gar nicht gelingt, zu sagen, welches nun, in diesem Augenblick jetzt, den Vorrang hat.. – Dem „Skillen“ bei einer Dissoziativen Identitätsstörung geht immer diese so oft unbeantwortbare Frage voraus „wer ist da gerade , und wieso?“. Denn was dem einem, in dieser Logik, mehr als helfen kann, prallt an dem anderen vollkommen ab.

Die, von mir auf den Tisch geknallte Frage, nach der Anteilshöhe ist ein sehr, sehr großes Thema. Zu groß für den Moment. Und für die Phase, in der ich mich befinde. – Schon seitdem ich in Therapie bin, ist das so. Die dem zugrunde liegenden Ursachen sind einfach zu finster… Sie haben mich damals zerrissen. Und tun das heute immer noch, sobald ich sie auch nur, aus sehr weiter Ferne bloß, ahne.

„Der andere“, der mich boykottiert, ist der Böse, der Dämon...  Er ist derjenige, zu dem ich keinerlei Bezug in mir, oder Kontakt habe. Wenn er da ist, bin ich sowas von fort. Manchmal für Monate, so wie beim letzten Mal, als es mit ihm mal wieder überkochte… Diese Zeit, in der er da war, ist für mich vollkommen abgespalten. Ich kann nicht mal vermuten, was alles geschehen sein muss. Nur dass er mein Leben mal wieder komplett zerstört hatte, nahm ich im Anschluss, als Resultat, hilflos zur Kenntnis.. Alles war zu Bruch gegangen, und ich war wieder allein, und allem beraubt, das vorher eine Möglichkeit war. Wie klein sie auch gewesen sein mag.

Er will mich umbringen, das weiß ich. Er stellt das so an, dass er mich in vollkommen ausweglose Situationen hineinführt. Dort ist dann jeder Notausgang versperrt, jeder Rettungsstrick zerschnitten. Der einzige Ausweg  daraus scheint naheliegend. Wenn einem diese ganz bestimmten symptomatischen Reflexe vertraut sind, die „suizidal“ genannt werden…

Wahrscheinlich ist das mein grundlegendstes Therapieziel: ihm die Kontrolle über mich zu entziehen (und so die anderen vor ihm zu schützen. Innen wie außen). Ich will lernen mich gegen ihn zu wappnen, ihn bereits im Ansatz zu erkennen, was alles andere als leicht ist. Wie sagte ich da in Therapie: „wenn ich merke, wie ich mich gegen ihn stemme, ist es ja bereits schon zu spät“, und der Psychologe nickte daraufhin.

Die meisten Jahre meines Lebens gehörten ihm. All die Selbstzerstörung, die er zelebrierte. Die Dinge, die ich jeden Tag, ohne das tatsächlich mitzubekommen tat, um seinem Willen gerecht zu werden. Müßig, darüber zu sinnieren. Denn all das ist nun abgespaltene Vergangenheit. Auch, wenn es erst gestern gewesen sein mag. Doch es bringt nichts im Dunkeln zu stochern und Ursachenforschung zu betreiben, wenn das, was so ans Tageslicht kommt… die kalte, blinde Rache ist, der jeder Schmerz, und jedes Mitgefühl fremd ist. Täterintrojekte ist so leicht daher gesagt. Doch die wirkenden Mechanismen dahinter sind mehr als gewaltig. Vor allem bei einer dissoziativen Identitätsstörung. Der Psychologe weiß das. Und von daher hält er mich auch fern von „ihm“. „Wir sind in der Gegenwart..“, sagt er immer wieder. Und ich brauchte lange dafür das zu erlernen. Auch wenn diese Gegenwart vor meinen Augen immer noch und immer wieder in nebliger Dunkelheit verschwimmt und verschwindet…

Diese Frage nach dem „Anteil an meinem Leben, den er innehat“ beschäftigt mich sehr, auch wenn ich weiß, dass ich darauf (noch) keine Antwort finden werde. Dafür ist die „Klarheit“, die ich bräuchte um zu verstehen und zu sehen, einfach zu brüchig. .. Ich darf diese Frage nicht einmal denken. Denn sobald die Gedanken in diese Richtung unterwegs sind, bricht alles auseinander. Ein sehr finsterer Abgrund tut sich auf, von dem ich nicht mal sagen kann, ob er nur in mir ist, oder ob er die ganze, mich umgebende, Umwelt besetzt hat. Alles Dinge, denen ich nicht gewachsen bin. Das ist sehr schwer für mich zu verstehen, denn niemand fühlt sich gerne hilflos und ohnmächtig. Ich muss mir jeden Tag beibringen, dass ich es bin, auch wenn ich es weiß. Diese selbstbetrügerischen Muster.

Als ich da Anfang der Woche (oder war es am Donnerstag, oder am Freitag?) vor dem Psychologen saß, und von dem zuvor geschehenen berichtete, um so eventuell den Grund heraus zu kommunizieren, wieso ich denn zu spät gekommen war, obwohl ich doch genau das überhaupt nicht wollte, schilderte ich, was in der brüchig-frischen Erinnerung noch greifbar war. Z.B. dass der Tag zuvor größtenteils ein guter war. Ruhig und produktiv, auch wenn ab und an mal etwas aufplatzte, und nach seinem Handlungsraum verlangte. Dann saß „ich“ da, starrte auf Kinderbuchbilder, und die Tränen schossen mir einfach so aus den Augen. Die Tränen des kleinen, der all das grundlegend falsche niemals verstehen wird und kann. Denn wenn man klein ist, ist man gut und muss geliebt werden. Ohne Widersprüche und Diskussionen. Und ohne Schuld, die einem eingeimpft wird, und die es  gar nicht gibt, wenn man klein ist. Sie haftet an den Händen der Großen, die sich ihrer entledigen, indem sie sie an den Wehrlosen abstreifen, sie so übertragen.Wenn man groß ist, findet man für alles einen Grund. Einen, der die anderen ganz sicher schuld sein lässt.. Schuld ist so ein elendes Wort. – „Genau das hast Du verdient…“

Ich erzählte dem Therapeuten davon, dass ich irgendwann,  in der Nacht zuvor, wohl kurz geschlafen haben muss. Und dass, als ich wach wurde, ich völlig Schweiß durchtränkt war. Alles, was ich am Leib trug, war nass. So nass, dass ich fror. Und die Matratze, auf der ich lag, hatte, während ich schlief, eine vollkommen andere Position im Raum eingenommen. Anscheinend musste viel los gewesen sein.

Und ich erzählte von dem Moment in der S-Bahn, die ich auf dem Weg zu ihm besteigen musste, weil es zu Fuß zu lange gedauert hätte, und ich mich noch viel mehr verspätet hätte. Dort in der S-Bahn setzte sich irgendwer neben mich. Diese viel zu nahe Nähe. Ich saß am Fenster und schaute hinaus. Das war gut, so einen Ausweg zu haben, auch wenn es nur der Ausblick der Augen war. Der oder diejenige neben mir hatte eine viel zu präsente Anwesenheit. Eine, die zu mir überschwappte. Ich merkte die körperliche Spannung dieses anderen Körpers. Dieses Sendungsbewusstsein, das mit sich selbst nicht alleine sein konnte. Die Bewegungen des Körpers legten nahe, dass auf einem Smartphone herum gedrückt wurde. Und obwohl ich über Kopfhörer Musik hörte, konnte ich das schnaubende, stoßweise Ausatmen  vernehmen, das der Körper neben mir von sich gab. Zudem roch es, seitdem der Körper eingestiegen war und sich neben mich gesetzt hatte, permanent und sehr bestimmend, nach billiger Asiaimbiss-Nahrung.

Plötzlich gab es diesen Augenblick. Der Körper neben mir berührte mich zu eindringlich und unvorhergesehen. Dieser ganz spezielle, von außen kommende Druck, da an meinem Oberarm. Für einen Moment, wurde mir schwarz vor Augen. Ich verspürte einen Reflex in mir, der nicht von mir stammte… Der Reflex war viel größer und stärker als ich. Er jagte mir einen Schrecken ein, den ich nur allzu gut kannte. Normalerweise sind solche Reflexe gegen mich nur gerichtet. So war das all diese Jahre. Doch im Zuge des antherapierten „bei-sich-seins und -bleiben“, greift da, seit etwa einem Jahr, ein sehr sonderbarer Selbstschutzmechanismus, der dazu führt, dass alles, was mir zu nahe kommt, als unmittelbarer Angriff begriffen wird. Ein Angriff, der nicht stattzufinden hat , und der nach sofortiger Verteidigung schreit. Eine Verteidigung mit allen Mitteln. Auch, und vor allem, mit welchen, die ich komplett ablehne. Und dennoch sind sie da. Entfremdet, und nicht zu mir gehörig.  – Sie sind es, die mich davon abhalten, da draußen einfach nur wie früher „zu funktionieren“. Die Wege der Heilung…

Ich habe keinerlei Einfluss auf diese Reflexe. Darauf, wie sich das gegen das Innere gerichtete nun also nach außen kehrt. Denn sie gehören ja nicht „zu mir“, sondern „zu ihm“. Und wenn er da ist, bin ich weg.

Ich will ihm das Feld nicht überlassen, damit er irreparablen Schaden anrichtet, dort wo ich mich nicht zur Wehr setzen kann. Dieser Ausdruck hilfloser Verhältnislosigkeit. „Zu stark und zu viel“, völlig gleich wie „klein und harmlos“ letztendlich doch der Auslöser ist. Einfach zu nah. Und viel zu laut in mir. Zu fremd, all das so ausgelöste.

„Ich selbst“ verstehe diese Reflexe wohl, und kann sie interpretieren. Doch demjenigen in mir, zu dem sie gehören, der schert sich einen Dreck darum, wie ich sie einordne. Er wartet bloß auf den Ausbruch… und, so wie ich glaube, sogar sehr dankbar auf jeglichen Anlass.

Blinde Flecken für mich. Ich weiß, dass ich um mich herum einen Kreis gezogen habe. Einen, dessen Grenze niemand überschreiten darf. In der Körpertherapie war das sogar mal eine Aufgabe: diesen Kreis, um sich herum, zu ziehen. Ihn zu benennen, wahrzunehmen und zu verteidigen. Allerdings in einem metaphorischen Sinn und mit humanen, angebrachten Mitteln. Doch wenn die ganz alten Grenzüberschreitungen, die einen konditionierten, alles andere als menschenwürdige waren, und man nur zu gut weiß, wie es ist, wenn bestimmte Grenzen eingerissen werden, bleibt da wohl für immer was in einem übrig, das sich nie wieder einrenken lässt… Ich weiß es nicht. Irgendwann, ganz damals, hab ich mich ja physisch auch zur Wehr gesetzt. Setzen müssen. Von da an hörten zumindest die körperlichen Misshandlungen auf. – Diese Ausweglosigkeit: etwas zu tun, das man verachtet und ablehnt. Bloß weil man ansonsten keinen anderen Ausweg mehr weiß.

Wenn man klein ist, ist man gut und muss geliebt werden. Ohne Widersprüche und Diskussionen. Und ohne Schuld, die einem eingeimpft wird, und die es gar nicht gibt, wenn man klein ist..

Dieser Moment in der S-Bahn zeigte mir, wie stark „seine“ Präsenz im Alltag letztendlich doch ist. So als würde er permanent neben mir lauern. Dieser Schluss ist sogar sehr naheliegend, wenn ich daran zurück denke, wie es vor einem Jahr noch mit ihm war, als ihm die Nächte gehörten. Jahrelang. Fast könnte man, in Anbetracht dessen, was mir da so alles zugefügt und verabreicht wurde von einem medizinischen Wunder sprechen, dass ich immer noch lebe. All das überlebt habe….

Doch das Eis, auf dem ich wandle, ist so unglaublich dünn, ohne dass ich mir dieser Tatsache vollends bewusst bin. Dieses Da-sein des anderen scheint so ständig zu sein. Ich erzählte dem Therapeuten von diesem Augenblick in der S-Bahn. Dem Schweiß durchtränkten Erwachen… und dem Ablauf des Morgens, bevor ich zu ihm kam. Da war so viel Zeit zur Vorbereitung gewesen. Und dennoch. Wenn es konkret an dieses „jetzt aber los“ ging, vergaß und verdrängte ich mal wieder jedes Verhältnis zur Zeit, ohne dass ich hinterher erklären könnte weswegen..

Doch letztendlich, in Anbetracht des zersplitterten Ganzen, auch nur eine Randgeschichte… eine von vielen.

Die Helfer_innen wissen damit umzugehen, wenn ich zu spät komme. Kein Vorwurf von ihrer Seite. Und auch kein Bedauern oder Mitleid, wenn ich, wie verzweifelt sich das auch anhören mag, darüber berichte, was dazu geführt hatte. Dazu wohl geführt haben muss. Der komplette Fokus liegt auf der Gegenwart. Das darin ankommen und darin bleiben. Alles andere ist kontraproduktiv, und sogar sehr selbstschädigend, wenn man so will.

So auch diese Frage von mir nach „seinem Anteil an meinem Leben“… Er ist viel größer, als ich mir das vorstellen kann.  Von daher ist es gut, in dem um mich gezogen Kreis zu verweilen, und niemanden seine Grenzen überschreiten zu lassen. In der Gegenwart anzukommen, und dort auch zu bleiben, ist mehr als mühsam genug.

Ich glaube, als ich vor vielen Stunden diesen Eintrag angefangen habe, ging es mir ursprünglich darum , das neuerliche Ausufern dieses Schlaf-Wach-Rhythmus zu benennen. Das war vor vielen Stunden. Dazwischen habe ich viel anderes gemacht und erledigt. Viel beiläufiges. Es wäre sicherlich interessant mich nun zu fragen, was denn genau. „Also….äh…..“  würde ich sagen… Auf jeden Fall wurden Dinge erledigt und es erscheint mir gar nicht so abwegig, wenn es jetzt bald wieder  sechs Uhr früh geworden ist, raus vor die Tür zu gehen, und da andere Dinge zu erledigen, einfach nur, damit ich in Bewegung bleibe. ich habe mir nämlich vorgenommen bis morgen Nacht wach zu bleiben, damit sich das wieder normalisiert und hoffentlich einpegelt, so wie es in der letzten Woche war…

Immerhin weiß ich nun auch, dass dieser verschobene Rhythmus, der letzten beiden Tage, nicht völlig alleine mir zuzuschreiben ist. Eben habe ich herausgefunden, dass dafür auch äußere Gründe erkennbar sind: jemand hat scheinbar den Wecker außer Gefecht gesetzt, muss zu fest auf ihn eingehämmert haben, ohne dass mir das bisher aufgefallen ist. So wahrnehmungslos gegenüber meiner Umgebung torkle ich hier herum…


Wer das mit dem Wecker bloß war ?

Ein Gedanke zu “dokument #51

  1. Ich wünsche dir alles Gute mit dem Rythmus. Leider scheitere ich seit vielen Jahren. Seit ich in einer Wohnung lebe, die tagsüber laut ist, verweigert jmd. tagsüber wach zu sein.
    Blöd, dass siedeln keine Option ist aus finanziellen Gründen.
    Liebe Grüße

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