dokument #50

Der Regen tropft. Ansonsten ist es still.

In mir ist alles sehr, sehr kleinlaut. Ängstlich wohl, und eingeschüchtert. Gestern war das anders, da war sehr viel innerer Kontakt vorhanden, zu denen, die ich wahrnehmen kann. Gehegte, schwach geäußerte, Wünsche wurden erfüllt und vieles erledigt. Es gab einen sehr langen Nachtschneespaziergang, bei dem analog-schöne Musik gehört wurde. Musik, die versteht, und nicht den Anspruch hegt etwas ganz großes zu sein. Auch wenn sie das, genau deswegen ist.

Beim Einkauf im, bis Mitternacht geöffneten, Supermarkt, nahm man sich Zeit und lächelte sogar die Menschen an der Kasse an, die einen, mit interessierten Augen, angeschaut haben. Denen, denen man ins Gesicht blicken konnte, ohne dass man das sofort beenden musste.

Morgen wird es wieder anders sein, und das heute vergessen. Nichts wird von ihm übrig bleiben. Keine sichtbaren Veränderungen, die anderntags bezeugen werden, dass etwas in Gang gesetzt wurde; sich seinen Ausdruck suchte. Manchmal ist das eben so. Und manchmal ist manchmal auch meistens. Dann ist es sehr hilfreich zu wissen, dass alles vorbei geht. Auch wenn es sich gar nicht so anfühlt.

Die Stille hier tut gut. Zumal sie auch im Inneren wirkt. Fragen kommen und gehen, und der einzige, dem ich sie beantworten müsste bin ich, und all die anderen in mir. Das reicht schon, und ist mehr als genug. Ich mag diesen Zustand sehr gerne: mit mir selbst alleine zu sein. Mir fällt auch nie auf, dass dem so ist. Die Einsamkeit ist mir fremd. Das war schon Zeit meines Lebens so.

Anstrengend wird es erst, wenn diese „Nähe“ zu anderen ins Spiel kommt. Sie überfordert. Ich weiß dann nie wohin mit mir, und noch viel weniger wer „ich“ bin in alle dem. Noch weniger als sonst. Und all das, was diese Nähe auslöst, ist zu viel für mich um zu verstehen. Und damit umzugehen.

Die Stille tut gut. Als ich hier in diese Wohnung gezogen bin, hatte der Arzt anfangs sehr große Bedenken. Er befürchtete, dass so alleine mit mir selbst, alle_s in mir viel zu laut werden würde. Dass ich ihm komplett ausgeliefert sein werde, sozusagen. Doch ich wollte es unbedingt darauf ankommen lassen. Ich hatte mehr als genug davon ständig irgendwo, irgendwie mit irgendwem zusammenleben zu müssen. Nur weil ich mit meinen „Referenzen“ hier keine Wohnung mehr finde, und da zufällig jemand war, der seine nicht mehr selbst bezahlen kann. Untermieter sein ist so ätzend. Da greift kein Mieterschutz, gegen die Launen der Leute, die glauben, über einen verfügen zu können, wie es ihnen eben gerade so passt. Was die sich rausnehmen oftmals, das kann man gar nicht beschreiben.

Wenn man mit jemandem nicht zusammenwohnen will, aber muss, ist das nie schön für beide. Überall flog ich raus, weil ich, wenn ich nicht draußen unterwegs war, so gut wie nie aus meinem Zimmer kam. Und wenn, war ich nicht sonderlich gesprächig und groß an dem interessiert, was andere über Dinge zu berichten hatten, die ich sowieso, viel zu laut, permanent hörte.

Dünne Wände…. und Türen, die gar keine sind.

Ich wohnte bei einem krankgeschriebenen, alkoholkranken Zivilpolizisten, der darunter litt, seine gespielte Rolle nicht aufgeben zu wollen. Bei einer ehemaligen Prostituierten, die zusätzliches Geld von mir wollte, wenn ich Besuch bekam, der bei mir übernachtete. Bei Menschen, die sich kompett gehen liessen, sich lange schon aufgegeben hatten, und sich dabei von anderen ihre Wohnung bezahlen liessen. Und noch bei vielen anderen…

Ich bin so froh darüber, dass diese Jahre nun, für den Moment, hinter mir liegen. Auch, wenn hier im städtischen Ghetto, immer öfter irgendwo, ein Heimweh verorte in mir, nach Gegenden, in denen ich zuhause bin. Doch sie sind ja mit der S-Bahn für mich erreichbar… Der Park, in dem ich morgens immer war, fehlt mir am meisten. Sein Sonnenlicht und all das Kinderlachen der Spielplätze dort. Und all die unzähligen Krähen, die frühmorgens immer, durch den zurückgelassenen Müll des Vortags stolzierten.

Im Winter sah man dort nachts immer Füchse. In der laternenfernen Dunkelheit kamen sie sehr nah an einen heran. Mit sich selbst beschäftigt, liefen sie dann neben einem her. Wenn man mich später fragte, was ich getan hatte, sagte ich immer: „Ich habe einen Fuchs gesehen.“ All das andere des Tages hatte ich da schon wieder vergessen. Es spielte keine Rolle mehr und war bedeutungslos. Ob es je wichtig war? Ich glaube nicht wirklich. Denn wenn, dann wäre es ja noch da. Hier bei mir.

Hier, wo ich jetzt wohne, gibt es keine nahen Parks. Und keine breiten Wege. Auf den betonierten, kleinen Spielplätzen sind keine Kinder. Bloß ernste Jugendliche, die Gras rauchen. Ich fühle mich sehr fremd in dieser Gegend, was glaube ich, vor allem an der Sprache liegt, die hier gesprochen wird. Ich verstehe sie nicht, und will das auch gar nicht. Sie klingt in meinen Ohren unglaublich dumpf und sehr aggressiv. Patriarchalisch. Ironie und Skepsis scheinen ihr nicht gegeben zu sein. Das einzige Wort, das ich oftmals, im Vorübergehen, verstehe ist „Opfer“. Es scheint ein Schimpfwort zu sein.

Ich muss dann häufig daran denken, weswegen ich ein Opfer bin. Und wessen Opfer ich war, all die Jahre. An diesen langen, inneren Prozess dann später, dieses „Opfer sein“ zu verstehen…Wenn ich Kinderbücher sehe, breche ich noch immer augenblicklich in Tränen aus deswegen, weil jemand in mir drin niemals verstehen kann, dass man ihn nie beschützt hat davor. Dass genau jene, die in einer „normalen Welt“ dafür da sind ihn zu beschützen, die Täter waren… Und dass ich deswegen nun offiziell als „schwerbehindert“ gelte.

Dieses Wort: behindert, das für so viele ja auch ausschließlich dafür Verwendung findet, etwas sehr abfälliges zu bezeichnen. Sprache und Worte… Wahrscheinlich meinen es die meisten gar nicht mal „so“, und es ist lediglich, „so dahergesagt“, ohne sich den Folgen, die etwas gesagtes auf andere hat, groß im Klaren zu sein. Was juckt es mich. So wenig wie ich ein „Täter“ sein will, will ich kein Mensch gewordener Zeigefinger sein, der anderen erläutert, was genau alles „richtig“ und „falsch“ ist, so als ob es dazwischen nichts gäbe…

Oft spucken die Leute hier auch vor einem auf den Boden, wenn man an ihnen vorbeigeht. Oder sie rempeln einen mit voller Absicht an, was jedes mal sehr albern wirkt. Das mit dem Spucken, erklärte mir mal jemand, hängt damit zusammen, dass man ein „Ungläubiger“ sei. Doch egal, ob ich das nun glaube oder nicht: mir bleibt es gleich.

Die große Dealergruppe, die so gut wie immer immer, genau vor meiner Haustür steht, beachte ich nie an. Und sie mich anscheinend wohl auch nicht. Wir koexistieren, sozusagen.

Meistens bin ich sowieso, auf irgendeine Art und Weise, am dissoziieren, wenn ich durch sie hindurchgehe. Das sind einfach zu viele wahrnehmbare Veränderungen für mich, in kürzester Zeit, wenn ich die Wohnung verlasse. Zu viele Eindrücke, die auf mich einwirken. Vor allem das andere Licht, das einen plötzlich trifft, wenn man, von einem Moment auf den anderen, dann auf der Strasse steht.

Im „Fertigkeiten-Training“, das ich hatte, lernte ich u.a. den Hausflur zu sehen. Vorher sah ich den gar nicht, weil ich vollkommen abwesend war. Das war im Zuge dieses Erlernens „da zu bleiben“. Schwer zu beschreiben, wenn einem dissoziative Symptome unbekannt sind…

Mit der Therapeutin sprach ich viel darüber, was räumliche Veränderungen in mir so alles auslösen. Dieses komplette Vergessen (und die damit zusammenhängenden „Rollen“ die ich einnahm) dessen was „vor der Tür war“ und dem „was hinter ihr liegt“. Für mich gab es da keine erinnerlichen Verknüpfungen mehr. Sobald sich ein „Kontext“ änderte, wurde ich dadurch sogleich auch jemand anderes. Ohne Verbindung zu dem, oder Zugriff darauf, was außerhalb des Gegenwärtigen liegt.

Sie fragte mich immer, was ich denn währenddessen so wahrnehme, von meiner Umgebung, wenn es sich veränderte. Meistens konnte ich das nicht mal sagen. Es war zu gewohnt die Welt so zu sehen. Oder auch: genau das eben nicht. Sie gab mir dann die Aufgabe, meine Umwelt zu beschreiben, satt mich im Inneren zu verlieren. Sie darüber überhaupt zum ersten Mal zu sehen. Anderntags besprachen wir das dann immer sehr viel. „Und, welche Farbe hatte die Treppe?“, „und welche die Tür?“…“und, was war anders, dieses mal?“

Es kommt mir vor, als läge das Jahre zurück. Dabei war es erst neulich, könnte man sagen, dass wir zusammen daran arbeiteten, dass „mein Blick nicht wegdriftet, und sich verliert“.

Jetzt gerade muss ich an die, mich neulich beschimpfende, Psychiaterin denken. An ihre Frage „was ich die letzten Jahre denn so getan hätte“, und ob „all die Therapie, denn nichts bringt“. – „Doch, doch“, könnte ich sagen: „ich sehe jetzt die Haustür z.B., dem war vorher nicht so. Und ich sage mittlerweile „ich“, was vorher ebenfalls nicht ging. Und meine Kurzzeiterinnerung ist ein wenig konstanter geworden.“ Doch das würde sie wohl nicht verstehen, und es geht sie auch nichts an.

Der Therapeut meinte dazu, dass Psychiater auch ein sehr frustrierender Job sein kann. Man baut keinerlei Verbindung zu den Menschen auf, die man behandelt. Verschreibt ihnen lediglich im Schnelldurchgang Medikamente. Dann musste er lächeln und sagte: „Ich bin ja auch Psychiater..“, und ich wußte, wie er das meint. Das ist immer schön festzustellen, wenn man mit anderen zusammen diese eine, gemeinsame Sprache hat, die keine Worte auszusprechen braucht. Er ist der einzige, der „mich“ tatsächlich sieht. All die anderen erzählen mir immer, welchen Eindruck „ich“ auf sie mache, und dann muss ich sagen, dass das nur äußerlich stimmt… wenn überhaupt. Das ist sehr mühselig und anstrengend auch. Und nach 5 Minuten weiß ich dann schon gar nicht mehr, was alles gesprochen worden ist…

Diese Stille hier tut gut gerade. Wenn ich überlege, was ich die letzten Tage alles so in diese zerstreuten Tagebücher hinein geschrieben habe, weil ich nicht weiss, wo ich es sonst rauslassen könnte. Ellenlange Texte, voller Dringlichkeit und Wahn, die in der Mitte dann, ganz plötzlich, abbrechen, und von da an verloren sind. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, all das so angehäufte auf einen Stapel zu schichten und in Flammen zu setzen. Wie sich das wohl anfühlen mag. Ob man dann, für einen kurzen Moment, diesem Eindruck obliegt, von sich selbst, und seinen Fesseln, befreit worden zu sein ?


 „Es ist wie nach einem Urknall, alles schwarz und alles weg. Irgendwann kommen neue Büsche, neuer Wald… und neuer Dreck…“  (Oma Hans – neue Büsche)

2 Gedanken zu “dokument #50

  1. Und wieder einmal finde ich mich in deinem Beitrag. Gut erinnere ich das switchen wenn ich die Staffel meiner Wohnungstüre übertrat. Ich konnte es viele Jahre nicht verhindern und heute ist es schon geraume Zeit vergangen. Es ändert sich doch, wenn auch langsam zum Besseren.
    Liebe Grüße
    „Benita“

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