dokument #46

Das macht mich doch tatsächlich traurig zu lesen, dass sie die Stadt verlassen wird, irgendwann. Dabei kennen wir uns nicht mal. Bloß vom Schreiben, übers „Viele-sein“. Sporadisch. Und alles, was wir uns da sagen gegenseitig, lässt sich zusammenfassen in dem Satz : tut mir sehr leid, dass ich gerade nicht geordneter bin. – Und das muss man dann nicht weiter erklären, weil man weiß, dass der andere genau das, als einziges, versteht.

Es brennt mir oft auf den Nägeln zu fragen, ob wir uns denn nicht mal sehen wollen. Einfach so, ohne Hintergedanken. Doch mir ist bewusst, dass man so etwas nicht tut. Es wäre eine Grenzüberschreitung. In der Klinik war es uns Patienten_innen auch verboten darüber hinausgehende Kontakte miteinander zu haben. „Therapieschädigend“ hieß das da.

Dennoch stelle ich mir das manchmal vor, wie wir uns da draußen irgendwo treffen. Einfach so zusammen ein paar Schritte gehen. Mich interessieren die Augen, der Blick. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, offenkundig, der so ist, wie ich. In Bezug auf das Zersplittert-sein. Diese Gemeinsamkeit einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Wie das bei jemand anderem wohl aussieht?

Doch ich weiß, dass das nicht gut wäre zu fragen nach solchem. Denn all das, womit wir so beschäftigt sind den ganzen Tag, reicht mehr als aus. Das ist schon mehr als man erzählen kann. Vorbei, bevor es eigentlich beginnt.

Ich weiß, dass als das mit uns losging, dieses nichts, das gar nichts weiter zu bedeuten hat, ich das dem Therapeuten sagte. „Da ist jemand“. Und seine Antwort war: „Darum wird es jetzt wohl öfter gehen“. Doch das tat es nicht, seitdem. Zu viel anderes, das aktuell behandelt sein muss. Und ich bin froh, dass es nicht darum geht. Auch wenn ich immer wieder darüber nachdenke und es Sachen mit mir anstellt, deren Unverhältnismäßigkeit nicht normal ist.

Wenn es sich nur darum drehen könnte… das wäre immerhin ein Anfang. Auch wenn das Ende abzusehen ist. All das was fehlt, um etwas zu erreichen. Selbst wenn es nur ein paar Schritte sind, die man zusammen unternimmt. Am selben Ort, zur selben Zeit.

Das mag ich so an Richard Brautigans Geschichten im Tokio-Montana-Express. Dieses in-sich-abgeschlossen-sein. Und alles darüber hinausgehende ist erstmal vom Tisch. Auch wenn es unüberhörbar durch jede Zeile dringt. Doch man muss ja erstmal einen Anfang finden. Und wenn der erste Satz geschrieben ist, enthält er schon das Ende in sich.

Wir kennen uns nicht, und werden uns nie sehen, von Angesicht zu Angesicht. Und ich bin traurig darüber, dass sie die Stadt verlassen wird, irgendwann. Auch wenn ich mich darüber freuen will und sollte, dass da jemand Pläne hat und Ziele. Eine Aussicht auf ein „weiter“.

Wie das wohl aussieht in den Augen eines anderen? Vorbei, bevor es eigentlich beginnt.



2 Gedanken zu “dokument #46

  1. … ich kann nicht nachvollziehen, warum der nähere Kontakt zwischen Menschen mit DIS so pauschal als „therapieschädigend“ bezeichnet wird… Es geht doch in erster Linie darum, dass zwei (oder mehrere) Menschen sich sympathisch sind, denke ich. Und wenn man den Impuls hat, jemandem in die Augen zu sehen, ihm ein Stückchen näher zu kommen, ist das etwas Schönes und Zugewandtes.

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  2. In der Klinik lag das daran, dass es ein „geschützter Ort“ ist und dort Dinge (vor anderen) zur Sprache kommen, die man woanders wohl nicht so erzählt. Also auch nicht vor dem Partner oder engsten Anvertrauten. Gerade auch, wenn es darum geht, wie man sich letztgenannten gegenüber verhält z.B. – Der Ort sollte eben „neutral“ bleiben. Und die Beziehung untereinander nicht zu viel Raum einnehmen. – Zumal es dort in der Klinik eben auch bei den meisten darum ging, dass gewisse impulsive Verhaltensweisen im Zwischenmenschlichen nicht mehr so zum tragen kommen.

    Und so beim (anonymen) Schreiben mit ähnlichen erfährt man letztendlich ja auch gewisse Dinge, die man in einem anderen Kontext so wohl nicht preisgeben wird. Gerade auch weil ja man um diese geschützte Anonymität zueinander weiß. Wenn die dann weg fällt…ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Aber wenn das vorher keine Intension war sie zu verlassen, dann sollte es das auch währenddessen nicht werden. Das hat ein wenig was von einem Vertrauensbruch, finde ich.

    So pauschal, dass sich Menschen mit DIS nicht mal treffen sollten ist das gar nicht gemeint. Eher so, dass der Rahmen, in dem man sich begegnet auch dieser Rahmen bleiben sollte. – weil es ansonsten eben auch den Anschein haben kann, dass man ihn (von vorneherein) für andere Zwecke instrumentalisiert hat.

    Und es gehören ja auch zwei dazu. Wenn da der eine was denkt, muss der_die andere das ja nicht automatisch auch so sehen. Die Sache mit dem „Nein-sagen“ fällt uns ja auch nicht so leicht und löst viel aus. Da will man jemand anderen nicht in die Position bringen, dass er sich womöglich noch unter Druck gesetzt fühlt. Auch wenn das von außen ganz anders aussehen mag, und womöglich auch wie eine Kleinigkeit erscheint…

    Ich hoffe diese Gedanken waren jetzt einigermaßen verständlich.

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