dokument #45



„alles“, wofür du lebst…

Auch du wirst wieder lachen
meine Sonne
bloß mit einem anderen Gesicht

Und all die Fehler, die wir machen
ohne Wonne
vergehen und vergessen nicht




Dieses alte Gedicht von mir kam mir heute da draußen in den Sinn. Jemand in meinem Kopf las es mir vor, spulte es ab, ohne Unterlass. Im Gegensatz zu vielem anderen prägt sich Geschriebenes ein, in dieses seltsame Gehirn. Da hält es dann seine ganz eigene Tonspur besetzt. Manchmal höre ich sie, und manchmal nicht. Schwer zu sagen, woran das liegt.

Ich weiß noch, wie das war, als ich es schrieb. Zumindest in Fragmenten. Seit Tagen lief ununterbrochen dieses Lied von Käfer K „269, wer ist König“. Nur dieses eine. Ich konnte das Zimmer nicht verlassen, weil im Kopf mal wieder zu viel explodierte und mich beherrschte. „Tretminen im Hirn“ beschrieb ich das mal einem Therapeuten. So kommt es einem vor tatsächlich. Man sieht dann auch Blitze vor den Augen… – Das komplizierteste an dieser dissoziativen…. Wesensstruktur ist es wohl eine Sprachebene zu finden, die, zumindest den professionellen Helfern, in etwa vermittelt, was genau da passiert. (Von „Privatpersonen“ spreche ich schon lange nicht mehr…) Manchmal sage ich, ohne mir das zu wünschen oder es wertend zu meinen, dass es viel einfacher wäre, wenn es „nur um Gefühle“ oder „nur um Gedanken u.ä.“ ginge. Das wäre viel linearer, „eindimensional“, und dadurch auch ersichtlich → verständlich.

Es ist ja nicht so, dass man da selbst etwas fühlt, das einfach „zu stark“, und deswegen schwer regulierbar ist, wie bei einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung  z.B.  (wobei ich diese Diagnose „theoretisch“ ja auch habe – und selbst lange davon überzeugt war, dass sie mein Hauptproblem sei, obwohl ich es im Grunde besser wußte. Doch ich musste erst die stationäre DBT absolvieren, um zu verstehen, dass DIS und Borderline sehr unterschiedlich sind…) Oder dass da bestimmte Gedankenmuster vorhanden sind, deren Grundannahmen man nur umpolen muss… Nein, die Sache liegt anders. „Gefühle“ in diesem Sinn habe ich nicht, obwohl da sehr viele, viel zu heftige sind; nur eben nicht: zu mir gehörig. Und das meiste, was ich „denke“, stammt ja auch nicht von mir. Mir persönlich. Ist aber dennoch gleichzeitig da. Und es sind ja auch gar keine Worte, die man da so wahrnimmt, sondern…. Klänge, Töne, oder besser: Frequenzen. Ein schreiendes Rauschen. Ein (Zer-) Reißen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und meistens ganz anders…

Doch zurück zu dem Gedicht. Wahrscheinlich ist und war es auch deswegen gerade so präsent, weil ich letztens zufällig ein Foto gesehen hatte, auf dem das Papier abgelichtet war, auf das ich es geschrieben hatte. Diese wirre, sich ändernde, unlenkbare Handschrift_en. Gekrakelt, durchgestrichen, ersetzt und irgendwann dann : fertig. Und alles, was von solchen Tagen übrig bleibt. Und genau deswegen auch: alles, was zählt.

Der Rest aus diesen Tagen ist heute unendlich weit weg. So als hätten sie nie stattgefunden, auch wenn die Narben dieser Zeit noch immer leuchten. Damals gab es da noch jemanden, mit dem ich jeden Tag telefonierte. Außer, wenn mir das unmöglich wurde. Wenn dem so war klingelte meist das Telefon ununterbrochen und die Textbotschaften erreichten mich über die verschiedensten Kanäle. Ich selbst war da ja zuweilen nicht anders… Auch ein Grund dafür, wieso es heute in meiner Welt keine „Privatpersonen“ mehr gibt. Vielleicht sogar der wesentlichste. Was soll’s. Sie ergänzen sich ja alle, ergeben zusammen eine Unmöglichkeit. Da braucht es gar keine auf- oder absteigenden Listen mehr, die einem zeigen, wovor man sich selbst und andere beschützen muss.

Die Tretminen im Kopf explodierten. Und ich war bewegungsunfähig und gleichzeitig getrieben. Diese körperliche Starre, die einen manchmal anheim fällt. Das Telefon klingelte, doch ich konnte nicht abheben. Es lag neben mir, und war doch unendlich weit entfernt von mir. Es hätte auch nichts gebracht den Hörer ans Ohr zu halten. Den Versuch zu unternehmen etwas zu sagen. Jeder andere, externe Kontext, außer der eigene, entfremdete, übermächtige Zustand erscheint dann unerreichbar, nicht wieder herstellbar. Ich hätte nur in brüchigen Worten versucht zu verbalisieren, was gerade passiert. Worte, die nichts weiter als abgespaltene, in sich geschlossene Gemälde sind. Irgendwo hängen sie an einer Wand. Und man selbst befindet sich in ihnen, obwohl man sie doch gleichzeitig auch aus weiter Ferne, imaginiert in sich, durch den Nebel betrachtet. Alles außer ihnen erscheint sehr surreal. Am anderen Ende des Zimmers steht jemand, dessen stechender Blick einen fixiert. Langsam nährt er sich, und man weiß, dass er „der andere“ ist. Nur im Inneren wirklich.

Schreiben ist dann nichts, worüber man nachdenkt. Keine ausgeübte Tätigkeit, über deren inhaltliche Ausrichtung sich sinnieren lässt. Man sieht ja nicht mal, was man zu Papier bringt. Kann den Stift auch kaum halten. Und dennoch steht da irgendwann etwas, das man sehr entfremdet erkennt. Eine Art Ziel. Ein Licht im Dunkeln, wenn die sprechbaren Worte schon lange verhallt sind.

So ist das damit… Im Nachhinein bleibt so dann etwas zurück, von dem man weiß, dass es einen hinausgeführt hat, aus diesen, für andere, so unerreichbaren Welten. Etwas, das einem (klanglich) zeigt im Nachhinein, wer man, trotz allem, nach wie vor ist. Eine Landkarte aus Tonfrequenzen und Worten. Nicht weiter erklärlich. Ein Teil dieses multiplen Irrgartens. Veilleicht ja sogar eine Verbindung. Eine Brücke durch ein Loch in der Mauer.

„Wie heißen Sie?“

„Nicht ich..“

„Das ist keine Antwort“

„Doch!“


Als mir das Gedicht heute in mir vorgesagt wurde, lief ich draußen herum und wusste nicht vor und zurück. Eigentlich wollte ich noch einen längeren Fußweg zurücklegen. Hin zur Paketbox, in der ein Buch auf mich wartet. „Mysterien“ von Hamsun. Gut möglich auch, dass ich es sogar noch in irgendeiner Kiste habe. Mir fehlt da bei den Büchern ein wenig der Überblick, welche von ihnen noch da sind. Ich fasse sie ja nicht mehr an.. Doch das von Knut wollte ich mit in diese Maßnahme nehmen, die jetzt in abzählbaren Stunden beginnt. Ich wollte mich dann da an ihm festhalten, so wie ich mich so oft an „Hunger“ von ihm festgehalten hatte, wenn ich den Ort verlasen musste und im Rucksack für nichts anderes mehr Platz war. Eine Broschüre von Vielfalt e.V. habe ich mir auch schon bereit gelegt. Die kann mir dann erzählen, wieso ich „eigentlich“ dort bin. Das ist sehr oft sogar sehr hilfreich, so etwas in nüchterner Sprache geschrieben vor sich zu sehen. Dann verliert man sich nicht so in diesem kryptischen, sprunghaften Gestammel, bei dem man gar nicht mehr weiß, ob man die Worte auch tatsächlich ausspricht, oder ob sie nur Bilder bleiben, in denen man eingefroren ist.

Die Strecke des Fußweges war draußen gar nicht die Schwierigkeit gewesen, im Gegenteil. Es war eher so, dass aufgrund des Tages heute, es seit gestern Mittag schon ununterbrochen ballert in den Strassen. Wie ein Bürgerkrieg klingt das. Der Sinn dahinter wird mir wohl für immer verschlossen bleiben. So wie auch bei Homöopathie. Oder Exorzismus und der ganze Rattenschwanz.

Sowieso. Jahresrückblicke, Jahresausblicke. Prognosen und Resümees. Der Winter hat gerade erst angefangen, kalendarisch. Der bleibt vorerst noch hier. Die Dunkelheit weicht nicht. Die Erwartung an den nächsten Tag, und die mit ihm einhergehenden „Ver/Änderungen“, halte ich doch für ein wenig überzogen. Letztendlich nichts weiter als ein Anlass sich wieder mal panisch zu berauschen, für solche, die so etwas tun. Alkohol, Drogen und Verzweiflungssex. Und wenn man aus dem Alter raus ist: die Erinnerung daran. Wenn man nicht schon vor langer Zeit vor dem Fernsehgerät innerlich verreckt ist. Oder im Internet und seinen „Welten“, die gar keine sind.

Über Sartre und Beauvoir las ich mal, dass sie in Schuljahren lebten. Wobei „leben“ hier ein seltsamer Begriff ist. Auf jeden Fall begann das „neue Jahr“ für sie im Herbst, wenn die großen Ferien vorbei waren. Keine Ahnung, ob das stimmt, und wo ich das glaube gelesen zu haben. Ich selbst halte es da ähnlich. Für mich ist es der Frühling, mit dem „es“ wieder von vorne beginnt. Dieser sich nie ändernde, äußere Rhythmus. „Damals, vor vielen vielen Monden…“

Ich hatte heute da draußen schon den halben Weg zurück gelegt und es war noch taghell. Noch. Ein Fuß wollte weiter gehen, der andere nicht. Je dunkler es wird, desto mehr knallt es ringsum. Desto mehr.. kippt auch die Stimmung, in etwas das bei genauer Betrachtung überhaupt nicht zu ertragen ist. Alkohol trinke ich ja keinen. So dass mir diese Vorwandlieferung seines Konsums dafür egal bleibt.

Sinnlos auch in sich zu lauschen, wenn alle_s da drin durcheinander spricht. Also warf ich da auf halbem Wege eine Münze, die mir sagte, dass ich umkehren sollte. Und als ich das tat, begann jemand im Kopf damit mir das Gedicht aufzusagen. Immer wieder vor vorne. Ansonsten war da nichts erkenntliches mehr. Schade, dass ich keine_n Deutschlehrer_in kenne. In solchen Augenblicken wäre das womöglich sehr praktisch. Er_sie_es könnte mir dann erklären, was der Dichter mir sagen will mit seinen Zeilen.  Mir selbst entzieht sich das nämlich…

 

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