dokument #44

Ich stehe in der Mitte des Zimmers und drehe mich im Kreis. Um mich herum sind die Wände. Es ist gut für den Blick, dass die Decken recht hoch sind. Das vermittelt einem den Eindruck nicht ganz so eingezwängt zu sein.

Wenn mir danach ist, und es im Bereich des Möglichen liegt, öffne ich die Tür, gehe durch den Flur, durch’s Treppenhaus, den Innenhof und auf die Strasse. Dann laufe ich durch dieses Viertel, das gerade viel zu häufig in den Nachrichten genannt wird, und weiter durch den Rest der Stadt. Jetzt zur Zeit ist sie recht menschenleer, was ziemlich ungewöhnlich ist. Das liegt wohl an diesen „Feiertagen“. Die, die sich das leisten können sind in die Ferne verreist. Andere, die hier studieren oder dergleichen sind „nach Hause“ gefahren, um dort auch mal wieder „so richtig“ zu essen…

Ich finde das recht angenehm. Für mich ist diese Menschenleere Urlaub. Es erscheint mir fast ein wenig anstößig, in diesen Tagen hier zu sein. So als wäre das rechtfertigungswürdig. Diese Stadt ist meine Heimat, auch wenn ich sie mir mit jedem Jahr, das vergeht, weniger leisten kann.

Wenn ich so für mich herumlaufe zieht es mich meist dorthin, wo die Bäume stehen. Hinein in die Parks und ihre eingezäunte Weite. Dort gehe ich dann über die unebenen Wiesen, statt über den Asphalt. Doch es käme mir deswegen nie in den Sinn hinaus ins Grüne ziehen zu wollen. Denn ohne die nie endenden Straßen dieser großen Stadt, käme ich mir sehr eingesperrt vor. Ich hätte stets den Eindruck am falschen Platz zu sein.

Zu der Zeit, in der ich lernte, das was mit mir passiert zu benennen, gab es diese Übung, die ich mit einer Therapeutin jeden Tag besprach. Sie handelte davon meinen Blick wahrzunehmen. Seine Veränderungen. Ich musste dann immer beschreiben, was ich um mich herum noch wahrnehme, wenn meine Augen dicht wurden, weil das im Inneren viel wirklicher war, als die Umgebung ringsum.

Vor dem Fenster ihres Zimmers stand ein Baum, in dessen Richtung ich schaute. Wenn wir anfingen zu arbeiten betrachtete ich ihn und schilderte ihr sein Aussehen. Im weiteren Verlauf der Sitzung_en sollte ich dann immer zu diesem Anblick zurückkehren. „…was hören Sie gerade jetzt in sich, was nehmen sie wahr?“, fragte sie und ich versuchte zu erzählen. „…und, wie sehen Sie momentan diesen Baum?“ – „Gar nicht mehr.“ – „Und was passiert, wenn sie versuchen die einzelnen Äste wieder zu sehen ?“ …

Im Zuge dieser Übung_en lernte ich dann auch zum ersten Mal, seitdem ich hier in dieser Wohnung wohne, das Treppenhaus zu sehen. Die Farben der Wände und des Geländers… All das, was vorher, aus einem ganz bestimmten Grund, verschleiert war…

Als ich heute draußen rumlief, blieb ich vor einem Hochhaus stehen. Ich hatte etwas gesehen, das dort nicht hingehörte. Im Erdgeschoss war einer dieser verglasten Balkone. Von der Fläche her in etwa so groß wie meine Schreibtischplatte. Hinter dem Glas waren Vögel. Es gab ein paar Stangen, auf denen sie saßen. Wellen- und Nymphensittiche. Einer war gerade dabei von einer Stange zu einer etwas höheren zu fliegen. Er brauchte dafür eine ganze Sekunde. Die Kraft, die so ein Flügelschlag wohl braucht, damit sie einen Vogel sich erheben lässt, war viel zu groß für die bedrückende Enge des Raums. In dem Moment, in dem der Flügel sich bewegte, stieß der Kopf auch schon zur Decke. „Ob der Mensch, dessen Wohnung das ist, sich selbst als „Vogelliebhaber“ bezeichnet?“, fragte ich mich.

Was würde passieren, wenn ich einen Stein nähme… Vor Gericht könnte ich mich später auf meinen staatlich anerkannten Wahnsinn berufen. „Meine kranken psychischen Reflexe, sie wissen schon.“ Oder ich könnte sagen aus Tierliebe gehandelt zu haben, so wie es die Gegenseite wahrscheinlich auch tun wird. „Denn hier ist ja auch gar nicht das Klima dieser Vögel. Und wenn sie ganz alleine rumfliegen da draußen, dann erfrieren und verhungern sie sofort…“ . Usw.

Wie man es auch dreht. Jede_r kann nur für selbst entscheiden, was für ihn „das Beste“ ist. Selbst wenn noch so viele andere behaupten, das viel besser entscheiden zu können, für ein Leben, das sie nicht sind.

Und irgendwo ist da auch ein Unterschied zwischen Zuhause und Heimat… „Wärme, Essen und ein Dach über dem Kopf“, das erzählten mir die Leute früher immer, das ich genau das doch dort habe. Dort, von wo ich als Kleinkind so oft fortgelaufen bin. Sie fragten mich nie, wieso ich das tue: in der Kälte draußen ganz alleine sein. Und lieber sterben und verhungern wollen, anstatt zurückgebracht zu werden.



Ein Gedanke zu “dokument #44

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s