dokument #43

Die Augen surren. Ich glaube, ich habe eben dem grellen Alarmsignal des Weckers zwei Stunden lang zugehört, ohne es zu bemerken, geschweige denn darauf adäquat zu reagieren. Noch lauter kann ich ihn nicht einstellen, dafür reicht der Regler nicht aus. Gestern klappte das mit dem fixiert sein darauf besser, und ich war sogleich zur Stelle, als der schrille Ton, vom anderen Ende des Raumes aus, das Zimmer ausfüllte.

Wie zeitlich weit entfernt doch immer alles sofort ist. Das gestern, das eben, das jetzt… Ich weiß noch, dass ich gestern einen Termin bei meiner Unterstützerin hatte. Als ich mich in diese Richtung aufmachte, blies draußen ein stürmischer Wind, der einen zerzauste, und den ich deswegen sehr mochte. Ich zog absichtlich eine dünne, geschmeidige Jacke an, damit er meinen Körper, möglichst ungehindert, erreichte. Mir fielen die Zeilen dieses Liedes wieder ein, das mir den ganzen Sommer über durch den Kopf gehallt war: „Du malst nur in Anthrazit, mein Kind/ aber jetzt weiß ich endlich/ wo ich dich find/ Frischer Wind, Tageslicht/ Wohin du gehst, gehst du festen Schrittes/ denn das sehe ich dir an/ ja das sehe ich dir an… *

Dieser „feste Schritt“ war in der Klinik mein (für mich) formuliertes Therapieziel gewesen. Das hatte ich ihnen so auch gesagt, ohne es groß weiter auszubreiten. Für mich war damit alles gesagt, was ich, in Anbetracht der Ebenen in mir, erschaffen und erhalten will. Gleich nach der Aufnahme erwarten sie ja immer, dass man mit ihnen zusammen schriftliche Positiv-Ziele benennt und vereinbart. Mein klares: „Das und das will ich so nicht mehr..“ ist dafür nicht brauchbar. Zumindest sagten sie mir das so. Ich sang mir die Zeilen in meiner Sprache oft vor, und manchmal, wenn die äußere Welt zu sehr verschwommen war, und sich im Kopf alles drehte, konzentrierte ich mich auf die beiden Worte, diesen Begriff, dessen Sinnhaftigkeit als einziges noch greifbar blieb und an dem ich mich festkrallen konnte.

Ich habe ihnen nie gesagt, wenn ich die Worte flüsterte, woher ich sie habe und was genau sie für mich ausdrücken. Manches kann man gar nicht beschreiben, ohne es komplett dabei zu verzerren und aus den Augen zu verlieren. Unübertragbar. So wie der Klang von Literatur, der für das Lichtspiel unfassbar bleibt… Dass die standardisierten, weit umfassenden Bestrebungsfloskeln, die ich nach einiger Formulierungsnachhilfe schließlich unterzeichnete, für mich unerreichbar blieben, war schnell offensichtlich. Zu viele dissoziative Fugue-Zustände und all dieses Zeug. Da bleibt nicht viel übrig für anderweitige Interessen…

Das war gestern so ungewohnt da draußen zu sein, obwohl es das ja nicht ist. So als läge das letzte Mal viele Jahre zurück. Ich kann mir sogar denken, woran das wohl liegt. Und in meiner multiplen Systematik entspricht das ja auch meiner Wahrnehmungswahrheit, dass „ich“ für einen sehr langen Zeitraum abwesend war…

In der S-Bahn, die ich nehmen musste, weil ich doch wieder zu spät losgegangen war, fiel ich fast aus dem Konzept. Die körperliche Nähe der anderen Menschen. Viel zu ungefiltert drang sie in mich ein. Diese so aufscheuernde Durchlässigkeit, aus der ich bestehe.. Bei der Unterstützerin dann, verlor ich zuweilen die Zügel und andere erzählten willkürliches Zeug. Immer dann, wenn man sie reden ließ, unterbrachen sie mich. Der eine kommentierte erstaunt-belustigte das Zucken des Körpers „schauen Sie mal, der Fuß kann gar nicht auf dem Boden bleiben“, ein anderer gab monotone Anekdoten zum besten. „Wieso erzählt der ihnen das gerade?“ fiel ich ihm ins Wort, wenn mir im vorderen Bewusstsein gewahr wurde, dass mir das Ruder aus der Hand genommen worden war.

Es ist ein ziemlicher Kraftakt, wenn man versucht mit aller Kraft, die Oberhand zurückzugewinnen, und sie auch zu behalten. Wenn man weiter darüber nachdenkt könnte man wahrscheinlich zu dem Schluss gelangen, dass das was ich momentan tue „therapieschädigend“ ist. Geht es da doch gerade darum „den anderen in mir“ ihre Berechtigung zuzugestehen. Mit ihnen zu interagieren, und auf sie achten. Sie seien zu lassen und zu erkennen…und irgendwann : sie zusammenzusetzen im Hinblick auf dieses „Ganze“, zu dem ein autarker Mensch zusammengefügt ist. Diese „erste Person Singular“, von der ich immer, wenn mir das gelingt, spreche, wenn es darum geht zu beschreiben, wer oder was „ich“ nicht bin.

Doch dieses ganz bewusste Hören „auf die anderen“, diese allzeitliche Selbstreferenzialtiät, führt eben auch dazu, dass gar nichts mehr konkret ist. Ununterbrochene Debatten und Einschübe, ein Abgleichen, das sich nur um sich selbst dreht, Und in dem man sich genauso arg verlieren kann wie in dieser Bezugslosigkeit der Erinnerungslöcher. Letztendlich ist es eine Frage des Ziels. Und ich weiß ja, wie schnell mir ein solches aus dem aktiven Bewusstsein verschwindet. Verloren und vergessen. Ein abstrakter Konjunktiv, der einem vielleicht dann wieder einfällt, wenn es zu spät ist… Also tue ich gerade alles dagegen, was ich tun kann, damit mir die Bezugsherstellung zur Uhrzeit, die mir gerade das einzige Anliegen ist, nicht wieder abhanden kommt. Entwendet wird. Eine Fixierung ausschließlich darauf, ohne die sich das nicht bewerkstelligen ließe. Wie eine einfachste Parole, als einziger Leitgedanke, die auch nicht weiter hinterfragt oder bedacht wird, die man sich aufgeschrieben, ohne Unterlass, vor Augen hält. Das meine ich jetzt nicht als sinnblidliches Beispiel. Ich tue das tatsächlich,  der praktischen Notwendigkeit wegen, so handhaben. Und alles, was sich zwischen diesen Blick schiebt, ist kontraproduktive Verwirrung. Der Anfang vom Ende.

Anders kann ich das nicht. Und ich brauche ja auch alle mir bekannten Mittel und Ressourcen, die ich aufzubringen im Stande bin, um nicht verloren zu gehen. In der Zeit, in mir selbst… und all den ungefilterten, zu starken externen Reizen, die ununterbrochen auf mich einprasseln, und dazu führen, dass dieses Gehirn, das nicht so sonderlich in Form ist, all das es überfrachtende als Angriff begreift…

Diese Wahrnehmung, wenn alles, auch das nicht hörbare, das einen umgibt, permanent viel zu laut ist. Die Abgrenzung davon, das „bei sich bleiben“, ist jede Sekunde aufs neue die Arbeit gegen einen zu starken Magnetismus, der die deformierte Kompassnadel im Kreis rotieren lässt.

Noch fünf Tage habe ich  Zeit das System so zu justieren, dass es automatisch zu einer bestimmten Uhrzeit Handlungen abspult. Alles andere ist nebensächlich. Würde ich nachrechnen käme ich zu dem Ergebnis, dass ich in den letzten zwei Tagen knapp vier Stunden geschlafen habe. Wenn man diesen bewussten, hellwachen, alles verdrängenden „Ruhemodus“ so nennen will. Für etwas anderes als diese Alarmbereitschaft ist gerade kein Platz mehr. Das abseitige davon interessiert mich nicht. Kein wer und wie. Kein was und worum. Denn wenn es an Einfluss gewinnt, zerstreute ich mich wieder in diesem dissoziativen Nebel, von dem ich nie sagen kann, wo genau er beginnt und wo er seine beschaffenheit ändert. Oder es zerreißt mich in diesem Getriggert-Sein und jenen daran angekoppelten, abgespaltenen Impulsen…

Und alles, was ich nicht sage, ist ohne Belang. Ungeöffnet schicke ich es postwendend zurück an den Sender… Ich bin das Störsignal. Das Funktionieren. Soll sich das unausgesprochene ruhig auftürmen. Solange die Dämme noch halten, ist auf sie Verlass.



* FJØRT – „Anthrazit“(Kontakt,LP)

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