dokument #42

Wenn man sich nicht ablenken lässt, funktioniert es… doch natürlich schlage ich, als der Wecker klingelt, wie wild auf ihn ein. Solange bis er still ist. Immerhin hörte ich ihn. Und als ich mich bewusst wieder bewegen kann, ist es auch viele Stunden früher, als es das die letzten Tage war. Tendenziell gut.

Die Neuroleptika habe ich momentan abgesetzt, um herauszufinden, ob das der Rhythmuswiederfindung zugute kommt. Sowieso… als der Arzt in der Klinik sie mir gab, ging es darum, dass ich mal wieder überhaupt gar nicht schlief. Mir erschien das gar nicht als so problematisch, so lange ich morgens pünktlich zur Stelle war. Zu der Zeit wurde jemand in mir sehr selbstständig. Jemand, den ich nicht in der Therapie dabei haben wollte, weil ihn das alles nicht im geringsten interessiert. Allerdings ist es auch so, dass er für Außenstehende viel wahrnehmbarer ist als ich, das macht es schwer ihn zur Seite zu schieben, weil die Reaktionen auf ihn, ihn manifestieren. Das war ein ganz schöner Kampf zwischen uns beiden… Ich glaube, das war für die Ärzte und Psychologen ganz schön verwirrend, wenn ich zu dieser Zeit vor ihnen saß und ihnen versuchte zu vermitteln, dass sie mit ihm nicht sprechen sollen. Ich war ganz hinten in den Augen und versuchte nach vorne zu gelangen. Wie das wohl aussieht, wenn man mir dabei zusieht ? Auf jeden Fall lobten sie ihn für seine Fortschritte, was wohl auch an seinem Auftreten lag. Es war für mich sehr schwer die äußeren Worte innerlich einzuordnen, zu erkennen worauf sie sich bezogen, bzw. sie überhaupt mitzubekommen. – „Wen sehen sie gerade? Mit wem sprechen sie…?“

Eine Bezugstherapeutin fragte mich immer, wer ich gerade bin. Ich erklärte ihr, wie das ist, wenn man versucht sich so vorzusortieren, dass nur die zur Therapie erscheinen, die auch dort hingehören. Diese sonderbar kryptische Sprache, die man dann spricht, wenn man von „den verschiedenen in sich“ spricht und darlegt, was man glaubt über sie zu verstehen. Für den_diejenige mit der man spricht, bleibt man ja dennoch nur ein Körper (im Sinne der Anzahl), auch wenn einem selbst das gar nicht so erscheint. Das verliere ich nie aus den Augen, wenn ich das Unverständliche zu erklären versuche. Ich erzählte ihr von dieser Wahrnehmungswelt, in der ich mich bewege. Davon wie ich mir selbst „unsichtbare Zeichen an Orten und den Wänden hinterlasse“, die mir dabei helfen mir Erinnerungsbezüge zu generieren…

Sie gab sich so große Mühe all das zu verstehen, doch wie soll das funktionieren, wenn man selbst nicht so ist… so fragmentiert. Letztendlich bleibt es immer bei diesem Erzählen darüber. Und je ausführlicher man das tut, desto mehr verstärkt sich der Eindruck unverständlich zu sein. Und gleichzeitig vermittelt diese Eloquenz darüber auch ein vollkommen verzerrtes Bild von einem selbst. So als wäre etwas sonnenklar und ersichtlich, bis ins kleinste Detail hinein erzählbar und damit bewusst kontrollierbar (weil ja erklärlich, doch dieser Eindruck täuscht). Es ist und bleibt nichts weiter als ein nie endendes Rätsel, eine Sisyphusarbeit. Zumal die damit einhergehenden Amnesien, sowie die Handlungsunfähigkeiten, ja das Hauptkriterium bilden. Gerade das generiert sehr viel Hilflosigkeit und Verzweiflung. Das gerät bei all dem Reden darüber immer ein wenig in den Hintergrund und wird genau dadurch ja auch verdeckt….zuweilen, wenn man sich so umliest, erhält man diesen verzerrten, unrealistischen Eindruck darüber, dass es nichts anders sei, als so ein kindischer Spleen, sich situativ den gerade passenden Vornamen auszusuchen. Doch das hat genau so wenig mit „multiple sein“ zu tun wie „imaginäre Freunde“. Es geht um das, was sich selbst vor einem verschließt und entzieht, und nicht darum widersprüchlichen Gedanken eine „eigene Persönlichkeit“ zu unterstellen und sie personell zu taufen, so als wären sie kleine, possierliche, domestizierte Haustiere.

Das mit „dem anderen“, der zu viel Platz in Therapie für sich vereinnahmte, ohne ihn im Grunde zu wollen, löste ich für mich so, dass ich ihm die Nacht überließ. Da konnte er all diesen Dingen nachgehen, die ihm in den Fingern juckten. Niemand hielt ihn davon ab… Für mich war das die praktikabelste Lösung. Nur sah der Arzt das ein wenig anders, weil ich infolgedessen fast gar nicht mehr schlief. Bzw. dieser Körper. „Ich“ ist so ein unbrauchbares Wort in dieser Systematik. „Also wenn ich so wenig schlafen würde wie sie, wäre ich ja vollkommen unausgeglichen…“, sagte er und wir vereinbarten, dass ich die Neuroleptika auch nehme.

Doch nun liegen die Dinge anders, und die Pillen erscheinen mir als sinnfrei. Wenn eines der Hauptprobleme gerade darin besteht ständig „umzufallen“ und wegzudriften, komplett weg zu sein, und man infolgedessen nie länger als vier Stunden am Stück wach ist, und auch gleich jede geringste Erschütterung zu einer unaufhaltsamen spontanen Müdigkeit (Unterspannung) führt, ist es irgendwie obsolet noch zusätzlich „ruhig stell“-Tabletten zu essen…

Das mit dem Tabletten-Absetzen erinnert mich gerade an meine Lieblingsdoku: take these broken wings (Schizophrenie heilen, ohne Medikamente) – An die Zeit, die sich der Psychologe genommen hat, und nehmen konnte, muss ich oft denken („Ein Jahr nicht gesprochen…“), wenn ich in Therapie sitze und weiß, wie kurz so eine Stunde ist, und dass die Krankenkasse Hufe scharrend darauf wartet, dass jemand „leistungsfähig“ wird, egal zu welchem Preis.

Ticktack.




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