dokument #40

Der Tag ist die Nacht. Permanente Dämmerung. Die Kreise werden enger und ich bin Donnie Darko. Ich kann nicht sagen, ob ich schlafe oder wach bin. Schlaf bedeutet „abwesend sein“ und „wach“ ist man wohl dann, wenn all die Eindrücke ungefiltert einprasseln auf einen und die Synapsen eskalieren. Dazwischen gibt es schon lange nichts mehr.

Noch eine Woche bleibt mir, um da hinzukommen, wo ich vor langer Zeit mal war. Dann beginnt sie diese Maßnahme: „erweiterte Berufsfindung und Arbeitserprobung für Menschen mit psychischen Erkrankungen“. Es ist mir ein Rätsel, wie all das dort mit mir funktionieren soll.

Wir sind uns alle einig, die Helfer_innen und ich, dass es für mich ein sehr großer Erfolg sein wird, wenn ich am ersten Tag pünktlich erscheine. Dabei fängt „der Tag“ dann erst an. Aber weiter traut sich, aus all den guten Gründen, bisher niemand zu denken… Wenn ich es schaffe da zu sein, bedeutet das etwas erreicht zu haben, das mir gerade noch unmöglich ist.
Denn seit Monaten versuche ich mir irgendeine Art von Zeitgefühl zu erschaffen. Doch es gelingt mir nicht. Langsam gehen mir die Möglichkeiten aus. Nichts ist unversucht geblieben.

Die Helfer_innen überschätzen mich, was daran liegt, dass ich ständig darüber dozieren muss, wie es ist „gespalten zu sein“. Sie sagen, dass ich das doch „früher auch hinbekommen habe“, und dann erzähle ich ihnen von diesem Funktionsmodus, der ich nicht bin. Dieser alltäglichen Vernichtung, die jemand in mir jeden Tag praktizierte, wenn die Blicke der anderen nach Feierabend fort waren… Es wäre etwas anderes, wenn ich auf all das einen Zugriff hätte. Doch den habe ich nicht.

Manchmal denke ich, dass all die „Achtsamkeit“, die ich lerne, mich immer unfähiger macht. Es geht um nichts andres mehr, und diese Früchte, die sie trägt, reichen nicht aus mich zu ernähren. Es war so einstudiert den Symptomen zu folgen. Alleine schon die Essstörung. Ihr Funktionieren war nichts, über das ich nachdenken musste. Ich aß eben nichts, und wenn der Magen knurrte war das irgend eine Art von Zeichen, das mich nicht weiter interessierte. Jetzt, nachdem sie überwunden und verstanden ist, hält sie den Kopf besetzt, in dem sie vorher nicht war. Denn da sind keine „Gefühle“, kein Bezug zu mir selbst, nichts, das mir verraten würde, was momentan „richtig“ ist. Der Bauch ist mir ein Rätsel. Ich renne hin- und her und meine Faust schlägt in hinein. „Was willst Du denn von mir?“, brülle ich ihm entgegen, weil ich einfach nicht weiß, was er mir mitteilen will, und wie er sich anzufühlen hat. Muss da jetzt was rein, oder nicht ? Es bleibt mir so fremd. Und alles was mir einfällt als Lösung ist die Dokumentation. Mich hinsetzen und aufschreiben. Die Bissen zählen und Kalorientabellen erstellen, damit ich dadurch sehe, wie es sich „anzufühlen hat“…doch das ist mir das Thema nicht wert.

Es gelingt mir auch nicht jeden „Anspruch an mich selbst“ aus diesen „Täterintrojekten“ heraus zu erklären. Die Vorstellung behagt mir nicht. Ich bin ein Überlebender, kein Opfer. Und wenn „die anderen in mir“ stummt sind, und meine Augen kalt, sitze ich in Therapie und erkläre, dass „ich das nicht bin, der hier zu sitzen hat, sondern jemand anderes in mir, den ich verdrängt habe. Denn ich bin nur ein Modus..“. Dann suchen wir nach Gründen dafür, wie es mal wieder so weit kam. Und ich erzähle von all diesen Erstgesprächen der letzten Zeit, diesen unausweichlichen Fragen danach: „was hat sie denn komplex traumatisiert ?“

Dieses ständigen Dozieren-müssen darüber, wie es ist „gespalten zu sein“…“Interessant, was der menschliche Geist sich doch für Wege kreiert…“. Dabei ist das immer noch besser, als diese automatischen Betroffenheitsparolen und invalidierenden Phrasen, die nichts bringen. Es ist mir so egal, was jemand anderes über mich denkt oder mir wünscht. Oder welche selbsterlebten Anekdoten jemandem dazu einfallen, wenn meine Geschichte, gezwungenermaßen, vor ihm auf dem Tisch liegt…

Seit Monaten versuche ich mir ein Zeitgefühl zu erschaffen. Einen Bezug zur Uhrzeit herzustellen. Doch jeden Tag misslingt mir das, und ich kann nicht mal sagen, wieso, weil das meiste, das passiert sich meiner Wahrnehmung entzieht. Ich versuche „realistisch“ zu sein, um mich selbst einschätzen zu können, doch wenn die Erinnerung nur 5 Minuten weit reicht, bleiben solche Gedanken abstrakt. Sie verschwimmen vor mir und sobald ich versuche nach ihnen zu greifen, wird das „viele-sein“ hörbar und mein Kopf explodiert.

Es ist so leicht jeden Moment als Neuanfang zu betrachten, wenn alles, was ihm vorausging im Dunkel verloren ist. Im Grunde tue ich nichts anderes mehr, und laufe dabei im Kreis. Jeden Tag aufs Neue schreibe ich Zeitlisten die mir dabei helfen sollen, den verlorenen Bezug wieder herzustellen. Anderntags rätsle ich dann wieder, wieso es wieder nicht klappte. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, die dabei geschriebenen Worte der anderen aneinanderzureihen, um so ein Bild zu gewinnen…was bringt es mir heute zu wissen, dass ich gestern hier herumlief, und mir jedes Haar herausreißen wollte? Dass dieser Zustand stundenlang anhielt, und ich, als er vorüber war, sehr erleichtert war darüber und in einen anderen verfiel..

Ich weiß, dass es schon wieder zu spät ist, und dass sich das in einer Woche spätestens geändert haben muss. An „erreichbaren“ Zielen mangelt es nie. Jedoch werden die Mittel sie zu erreichen, immer geringer. Manchmal habe ich den Eindruck, dass all die „Achtsamkeit“, die ich lerne, mir nicht bekommt…



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s