dokument #38

Die Unterspannung hat sehr seltsame Züge angenommen. Ständig erwache ich…

Der Arzt fragt, ob ich „tatsächlich schlafe oder…“. Ich weiß es nicht, kann die Frage nicht beantworten. Und je länger ich darüber nachdenke, desto größer werden die Zweifel. Dabei kann ich nicht mal sagen, woran ich zweifle. Alles was ich sagen kann ist, dass ich mehrmals am Tag wieder erwache.

Allem Anschein nach ist während meiner Abwesenheit viel los in meinem Kopf. Ich sehe dann sehr viele Bilder, an die ich mich im Nachhinein ganz blass erinnern kann. Nein, nicht an die Bilder erinnere ich mich, sondern daran welche gesehen zu haben…und dass ich mich sehr viel zu ihnen bewegt haben muss. So wie bei einem Krampfanfall.

Wenn ich wieder zu mir komme, ist alles um mich herum sehr neu und sehr leer. Das „gerade eben noch“ ist fort. Ein wenig kenne ich diesen Zustand noch von „früher“ aus der Zeit, in der ich irgendwo wieder die Augen aufschlug. Meistens lag ich irgendwo auf der Strasse oder in Parks, manchmal auch in einer fremden Wohnung. Einmal erwachte ich in einem zertrümmerten Hotelzimmer. Einmal, von Schnee bedeckt, auf dem Parkplatz eines Autohauses, weit draußen vor der Stadt…usw.

All das fällt mir gerade ein, wenn ich darüber nachdenke, woher ich diesen Augenblick, in dem ich mich befinde, kenne. Dieser Eindruck, der mit ihm einhergeht „es ist vorbei und ich bin wieder da..“.

Eben ging ich hier durch diese Wohnung, nachdem ich „wieder da war“. Ich versuchte mich zu orientieren, mich „zurecht zu finden“, was kein größeres Problem war, da ich hier ja in der Wohnung bin, in der ich seit einem Jahr wohne. Es gibt da so einen Mechanismus, der sehr schnell greift und all die Lücken der Erinnerung, ohne sie zu füllen, unbemerkt schließt. Er sorgt dafür, dass man keine Fragen stellt, nicht eine einzige. Man erwacht, kommt zu sich, denkt „es ist vorbei und ich bin wieder da“. Augenblicklich steht man auf, versucht dabei nach außen hin den Anschein zu erwecken „dass nichts gewesen ist“ und kehrt da hin zurück, wo man eben glaubt hinzugehören. Dort macht man dann weiter, mit dem, was man tut, ohne sich einmal zu fragen „was war das gerade eben…und davor…und davor ?“ Der automatische Leitgedanke „sie dürfen es nicht merken“ erstickt alle Fragen im Keim. Allerdings denkt man ihn nicht bewusst, dafür steuert er jegliche Handlung viel zu natürlich… denn schließlich darf man ja selbst am allerwenigsten merken davon, was dazu führen könnte, dass man in Frage stellt.

Automatismen und „Gewohnheiten“ stellt man selten in Frage.

Letztendlich ist „Identität“ etwas, das durch den Bezug zur Umwelt hergestellt wird. Durch widergespiegelte Konstanten; durch die Worte und ihre inhaltlichen Bedeutungen, die einem dazu in den Sinn kommen. Ihre gleichbleibenden Definitionen.

Nachdem ich eben „wieder da war“ und automatische Dinge getan hatte, setzte ich mich hin und überlegte. Ich stellte mir die Frage „was ich eigentlich tun wollte“. Doch es fiel mir nicht ein, ich hatte es vergessen.

Ich saß an diesem Schreibtisch hier und betrachtete die verschiedenen Zettel. Ich erinnerte mich daran, dass es mir sehr wichtig ist und war auf ihnen Strukturen und alle möglichen Arten von Abläufen aufzuschreiben. Und Zeitpläne für den Tag… All das erschien mir so fremd, und so fern. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich den letzten Zeitplan geschrieben hatte, und fragte nach dem Grund wieso ich es zur Zeit nicht mehr tue, und wieso es mir auch so vorkommt, als ob ich es nie getan hätte…

„Stell keine Fragen..“, sagte mein Gehirn dazu. Mehr nicht. Unmögliche Gedanken.

Ich weiß, dass es die verschiedensten Zustände gibt. Z.B. gibt es diesen einen, in dem „die anderen“ sehr spür- und hörbar sind. Dann durchzuckt einen das, was sie bewegt. Allerdings kann man sich von ihnen auch, auf eine gewisse Art und Weise, abgrenzen. Man kann sie zuordnen, benennen und ist folglich der, der sie nicht sind. Ein Umkehrschluss, ein Ausschlussverfahren. Und gut zu wissen, wer man schon mal nicht ist…auch wenn „gut“ hier nicht das passende Wort ist für all die parallelen Handlungsstränge, zu deren Marionette man abwechselnd wird.

Und dann gibt es u.a. noch diesen davon ganz abweichenden Zustand. Diesen kalten, klaren…stillen. Der, in dem man „zu sich kommt“, doch ohne tatsächlich „da zu sein“. Alles ist fremd und gleichzeitig bekannt. Doch der Bezug fehlt. Zwar erkennt man einzelne „Indizien“ um sich herum, doch sie betreffen einen nicht. Z.B. dieses Vorhandensein einer „Dissoziativen Identitätsstörung“, um die ich mittlerweile weiß. Gerade jetzt kommt sie mir vor wie etwas ausgedachtes, eingebildetes, sehr übertriebenes. Absoluter Nonsens. Etwas, das mit mir nichts zu tun haben kann… – Allerdings könnte ich auch nicht die Frage(n) danach beantworten, was denn stattdessen mit mir zu tun haben könnte. Wozu ich Bezug herstellen könnte, in dem sich eine Erinnerung an irgendeine Form der „Identität“ dann widerspiegeln kann.

Keine Fragen.

Wie ein Einbrecher schleiche ich durch die Räume, betrachte die Spuren, die jemand anderes hinterlassen hat. Jegliche Relation und Erinnerung ist weg.  „Es ist vorbei und ich bin wieder da“, denke ich. In mir drin ist nichts weiter, als inhaltliche Leere, die sich damit zufrieden gibt, keine einzige Frage zu stellen. Eine unbestimmte Angst ist da und kreist um mich herum. Davor, dass es klingeln könnte, jemand mich anspricht oder jemand ganz plötzlich hinter mir steht und mir den Mund zuhält…so lange, bis ich ohnmächtig bin. Oder tot.

Ich weiß, dass es diesen „jemand“ in einem materiellen Sinne nicht gibt. Er ist kein äußerlicher anderer, sondern in mir…“wer bist Du ?“ denke ich, und es erscheint mir sehr sinnvoll diese Frage zu stellen, auch wenn ich weiß, dass ich keine Antwort auf sie finden werde. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass es sie doch gibt erscheint mir höher, als eine darauf zu erhalten „wer ich eigentlich bin“..

„Identität“ funktioniert durch Widerspieglung. Und wenn sich die anderen täuschen lassen von dem Bild, das man für sie abgibt, glaubt man letztendlich auch daran, dieses Bild in irgendeiner Art und Weise zu sein… „Es ist ihnen nicht aufgefallen“ denke ich, und bin froh darüber, sie getäuscht zu haben, so dass sie keine Fragen stellen, auf die ich keine Antwort weiß…

Das denke ich klammheimlich, nahezu unbemerkt. Auch wenn niemand da ist, den ich darüber hinweg täuschen müsste darüber nicht zu wissen, was ich alles nicht weiß… Ein Automatismus bloß, eine Gewohnheit, und damit nichts, das man groß hinterfragt.



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