dokument #37

Heute lief ich aus dem Wartezimmer des Hausarztes hinaus, hin zu meinem Therapeuten. In meinem Zustand war das das beste. Schon am Morgen, als ich das Haus verließ, bemerkte ich, dass „sie in mir zu laut werden“. „Die anderen“, „die Stimmen“, wie immer man es nennen will…

Wenn ich draußen etwas mitbekam von meiner Umwelt, weil mein Blick kurz klar wurde, liefen mir sogleich Tränen aus den Augen. Für mich waren sie in diesem Moment völlig „grundlos“, ich wusste nicht, von wem sie stammen. Zu viel und zu vieles und zu viele auf einmal. Wie fast immer, wenn ich zu irgendeinem Termin muss…

Im Wartezimmer des Arztes angekommen versuchte ich mir vor den anderen Wartenden nichts anmerken zu lassen. Ich griff blind nach einem der Hefte auf dem Tisch und hielt es mir vor mein Gesicht. Als ich mit meinen Augen wieder sehen konnte, las ich die Buchstaben, die ich da sah und versuchte alles in mir stattfindende zu überhören, was gar nicht so einfach ist.

Ein gewisser Vorteil meiner Symptomatik ist es, dass sich mit einem räumlichen Wechsel alle_s wieder neu justiert, sich einmal komplett auflöst und wieder zusammensetzt. Ein Vorteil deswegen, weil es unerträgliche Zustände ganz plötzlich einfrieren kann. Der Nachteil ist, dass es mich noch mehr fragmentiert, als ich es sowieso schon bin. Die fehlende Erinnerungen machen mir dabei am meisten zu schaffen. Sobald sich eine Tür hinter mir schließt und ich einen Raum verlassen habe, weiß ich nicht mehr, was in dem Raum gerade geschehen ist. Was geredet wurde, „wer ich war“ usw. Alles ist weg und ich bin wieder „neu in einer Welt, die mir fremd ist“… Das erste Jahr in Therapie drehte sich sehr viel darum.

Jeden Tag muss ich von neuem erlernen, wie es ist und man es erreicht „in der Gegenwart zu bleiben“. In der Therapie ist das „früher“ kein Thema. Es ist einfach immer noch zu krass, was es auslöst in mir. Wenn es angetriggert wird geschieht es z.B. dass ich in einen fremdgesteuerten Zustand verfalle oder bestimmte Bewegungen immer wieder wiederhole, dabei überhaupt nicht mehr ansprechbar bin…

An die letzte ganz schlimme „ferngesteuerte Phase“ habe ich überhaupt keine Erinnerung. Monate fehlen. Ich habe noch die Zeichnungen, „Erinnerungslandkarten“ nannte ich sie, mit denen ich versuchte dem Therapeuten zu veranschaulichen, woran ich mich erinnern kann und woran alles nicht. Kreuze für „Erinnerung“, lange Striche für „fehlt/ist weg“. – „Wo ist es hin ?…was passiert da mit mir?“, fragte ich ihn immer wieder mit starren Augen, während meine Finger auf die Karte(n) zeigte(n) – Irgendwann akzeptierte ich es dann, dass ich es wohl nie erfahren werde, „wer“ ich in dieser Zeit war und wo sie hin verschwunden ist. Das ist noch gar nicht so lange her.

Meine größte Angst ist es, dass dieser Zustand mich wieder erreicht.
Mittlerweile werde ich sehr engmaschig betreut, nahezu täglich. Insgesamt sind es vier professionelle Helfer, die mich dabei unterstützen „in der Gegenwart zu bleiben / einen Umgang damit zu finden_zu erlernen“. Therapeuten, Betreuer etc. Alle mit „besonderer DIS-Kompetenz“, weil alle vorherigen Versuche ohne diese Besonderheit sehr schnell zu einer totalen Überforderung beider Seiten geführt hatten…für mich mit schädlichen Folgen…

Während meines letzten Klinikaufenthalts galten so viele Sonderegelungen für mich. In der Bewegungstherapie bspw. war sehr schnell klar, dass man mir die einfachsten Sachen besser nicht zutrauen sollte. Ich konnte mich ja nicht mal auf den Rücken legen, ohne dabei von schlimmen Bildern überflutet zu werden…

Es ist so bizarr ein solcher Sonderfall zu sein, und obwohl es mir nicht an „Krankheitseinsicht“ mangelt, begreife ich es nicht. Ich weiß, dass diese Krankheit die ich habe, und die mich zu einem Schwerbehinderten macht, eine Traumafolgestörung ist. Dass sie das Ergebnis eines lang anhaltenden Missbrauches (emotional, körperlich und sexuell) ist, dem ich als Kleinkind und Kind ausgesetzt war. Mir fehlen so viele Jahre meines Lebens, an die ich mich überhaupt gar nicht erinnern kann. Ehrlich gesagt so gut wie alle. Und ich weiß auch, dass das besser so ist. Würde ich heute nicht so viel dokumentieren, aufschreiben und protokollieren, wäre es weg, und der Bezug zu mir, diesem abstrakten Gebilde, noch mangelhafter… Meistens weiß ich weder wie ich heiße, noch wie alt ich bin, noch wer ich bin…etc.

Doch so lange die Stofftiere hier bei mir sind, und die kleinen in mir unbeobachtet zum spielen kommen, ist es gut so und vollkommen in Ordnung, so wie es ist. Es ist so sonderbar…

Als ich dann heute da, im Wartezimmer des Arztes, die Buchstaben der Zeitschrift las, stachen mir sehr häufig die Begriffe „(re-)traumatisieren“ „triggern“ und „geschützter Raum“ ins Auge. In dem Artikel ging es um irgendeine Genderdebatte an irgendeiner Universität. Die Worte bekamen mir überhaupt nicht. Plötzlich war da wieder dieses Lachen der ehemaligen Kollegin in mir. Wie sie neben mir saß, von ihrer Zeitung aufblickte und sagte: „Jungs vergewaltigen, wie soll so was denn funktionieren ? Von einer Frau? Das geht doch überhaupt gar nicht…“ und dann lachte sie so, als hätte man ihr einen vortrefflichen Witz erzählt, fasste sich dabei an den Kopf und blätterte weiter zu ihrem Horoskop, während ich nichts sagen konnte, aus mir heraus fiel, und  dabei viel zu deutlich spürte, was in mir alles nicht funktionierte..

Ich dachte an die Gruppen, in denen ich war, in denen es darum ging „Missbrauchsopfer zu sein“. Wie ich mich nie traute etwas zu sagen, weil ich überzeugt davon war, alle anderen hätten schlimmeres erlebt…

 „weil ich ein Junge bin…“

Es war mir nicht mehr möglich noch weiter dort im Wartezimmer zu bleiben. Ich lief zum Therapeuten, ohne etwas zu sehen. Meine Finger drückten die Kurzwahlnummer und ich sagte, dass ich gleich da sei… – Nach dem Hausarztbesuch hätte ich sowieso einen Termin bei ihm gehabt. So war ich eben früher bei ihm, und da er gerade Zeit dafür hatte, konnte ich auch.

Nachdem er mich zum Teil wieder in die Gegenwart zurückgeholt hatte, sprachen wir über mein Leseverhalten. Darüber dass es sehr häufig so ist, dass etwas gelesenes „zu viel“ in mir auslöst…ich schilderte all die Sicherheitsmaßnahmen, die ich diesbezüglich schon treffe. Wie ich vorfiltere, nicht bevorzugt nach ganz bestimmten Inhalten/Themen suche, vom denen ich weiß, wohin die Beschäftigung mit ihnen führen wird, wie ich versuche mich augenblicklich von gewissen „Tönen/Tonlagen oder Klängen“ komplett abzugrenzen etc. Als letztes sagte ich „….aber dann kann ich ja nicht mal mehr zufällig in die Tageszeitung schauen, wenn das so ist. Nicht mal das.“

Nicht mal das. Nicht mal lesen.

Es ist so sonderbar und ich begreife einfach nicht, was mit mir los ist, obwohl ich es sehr genau weiß…Ich schaue rüber zu den Stofftieren, ob sie noch da sind. Denn so lange sie es sind ist alles in Ordnung, und vollkommen ok, so wie es ist.



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