dokument #36

„Es gibt keine Jahreszeiten, nur Zeit“ flüstert die imaginäre Frauenstimme dem Astronauten zu, der von allem abgeschnitten, durchs Weltall treibt und dort verloren ist, in diesem Film, der „Liebe“ heißt.

Wie ein Duft, der in der Luft hängt, begleitet mich der Satz, während ich über das weite Feld wandle, mich dort umblicke. Ich kenne keinen anderen Ort, der zu Fuss für mich erreichbar wäre, an dem sich der Blick mehr in der Ferne verlieren und auflösen kann. Nichts ist da, an dem er abprallen könnte. Nichts, das ihn zurück werfen kann.

Um mich herum sind nur die Raben. Ich schaue ihnen zu dabei, wie sie mit ihren Schnäbeln die Erde umwühlen. Beobachte, wie sie interagieren. Jeden Tag tue ich das. Ihre Art des Ausdrucks erscheint mir, von allem, das mich umgibt, am verständlichsten. „Es gibt keine Jahreszeiten, nur Zeit“ flüstert die Frauenstimme, und ich weiß, dass es stimmt, was sie sieht…

So wie der Astronaut in dem Film lebe ich auch. Nur, dass die Isolation in meinem Falle eine selbst gewählte ist. Im Grunde fällt mir das nie weiter auf, dass ich alleine bin. Das war früher immer, wenn ich glaubte zu lieben, sehr merkwürdig zu wissen: dass ich einerseits dieses allein sein brauche, so wie die Luft, die ich atme, und dass ich gleichzeitig aber auch so eine riesengroße Angst davor habe verlassen zu werden. Diese klamme Angst, die alles besetzt hielt und es dadurch vergiftete. Und auch wenn beides zusammen nie einen Sinn für mich ergab, so ließ sie sich dennoch nie abstellen…

„Wie ein vierjähriges Kind, das nicht weiß, dass seine Mutter wieder zurück kommt, wenn sie den Raum verlassen hat“, beschrieb der Arzt diese Angst vor dem Verlassen werden. „Dabei habe ich doch nicht mal Angst davor allein zu sein“ sagte ich, „was ja, wenn man das Verlassen werden weiter denkt doch die Konsequenz daraus ist. Im Gegenteil, ich brauche das sogar: alleine sein, um mich so wieder ordnen zu können, weil ansonsten alles zu laut wird…“

Dort wo ich gefangen war als Kind, erzählten sie mir immer, „dass meine Mutter mich nicht wollte“, und dass ich das verstehen müsse. Und gleichzeitig solle ich auch dankbar sein dafür, dass ich bei ihnen bin. Als sie mich totschlagen wollten, sagten sie, dass all das meine Schuld sei und ich es verdient hätte. Es fühlte sich dennoch nicht „richtig“ an.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Kind geschlagen oder eines so angefasst, dass es ganz eindeutig Sex ist. Ich werde nie verstehen, wie man so etwas tun kann. Auch wenn ich es als Kind nie anders kennengelernt habe…

Der Arzt fragt mich, ob wir den Kleinen in mir nicht mehr in die Therapie miteinbeziehen wollen. „Er ist ein Kind“ sage ich und bemerke diese ganz bestimmte Regung in den Augen. „Er ist doch ein Kind…“ sage ich, ansonsten nichts weiter. Denn mehr fällt mir dazu nicht ein.

Kinder „verstehen“ nicht, sie fühlen nur.

Ich weiß, wovor ich den Kleinen beschützt habe, und dass er lebt, das reicht, und ist schon mehr als man erwarten kann. Die, die mich einst liebten, die kennen sein Gesicht. Im Gegensatz zu mir. Denn ich kann ihn ja nicht sehen, wenn er da ist.

So oft mir das möglich ist, gehe mit ihm dorthin, wo er seine Lieblingstiere anschauen kann. Dann ist er frei und unbeschwert. „Mäh“ ruft das kleine Schaf wie selbstverständlich und er antwortet ihm. Und wenn er mit ihm über das Feld rennt, vorbei an den Raben, die er am allermeisten mag, ist da nichts, das zu verstehen ist, nichts, das zu verstanden sein hat.

Ich denke, das hat er verdient. Ich weiß nicht, was es bringen soll, wenn sie ihm in Therapie versuchen beizubringen, dass all jene, die ihm etwas antaten es wahrscheinlich nie anders kennengelernt haben…dass sie es wahrscheinlich sogar auch nie wirklich „persönlich“ meinten, sondern nur generell…

Kinder verstehen so etwas nicht, sie fühlen nur.



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