dokument #35

Das hätte er nicht sagen sollen…Mir war sofort klar, als ich den Satz hörte, dass er einer von der Sorte ist, die bleiben wird. Einer dieser Sätze, die sich im Innern festkrallen, sich dort verankern, und von da aus ständig wiederhallen.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie der Satz tatsächlich gemeint war, worauf er sich genau bezog. Es ist müßig zu versuchen ihn zu interpretieren. Ihn dem Kontext, in dem er gesagt wurde, wieder einzuverleiben.

Ich weiß, dass die Art und Weise, wie er bei mir ankam, völlig verzerrt ist. Übertrieben und aufbauschend. Nur ändert dieses Wissen leider nichts daran, dass mich der Satz seit gestern begleitet. Immer stärker tönt er in mir wieder. Bei jeder Bewegung, jedem Gedanken ist er da und präsent. Er führt schon längst ein Eigenleben, in dem ich ihm als Nahrung diene. Er ist der Parasit, ich bin sein Wirt.

Als ich gestern hier wieder ankam, und der Satz immer noch da war, überlegte ich, was nun mit ihm zu tun ist. Mittlerweile weiß ich ja, um die Beschaffenheit der Sätze, die bei einem blieben. Die sich im Innern festkrallen, sich dort verankern und ständig wiederhallen. So wie die Geräusche, die einen angreifen. Das Tropfen eines Wasserhahns, der Lärm einer Baustelle, kommentierende Stimmen. Plötzlich sind sie da und verschwinden nicht wieder.

In dem Moment, in dem einem bewusst wird, dass sie nun da sind und eben auch bleiben, und all das Ärgern über sie und sich dagegen sträuben nichts bringt, ergibt man sich ihnen. Man kapituliert. Radikale Akzeptanz sagen sie in der Skills-Sprache dazu. „Radikale Akzeptanz heißt, die Situation und unsere Reaktion(en) darauf so anzunehmen, wie sie sind, ohne, dass wir sie verändern können. Die Situation ist so, wie sie ist, weil sie nicht anders sein kann, sonst wäre sie anders…“

„Gut“ denke ich mir, „ich beuge mich, ich breche nicht..“. Schließlich kann man ja auch nicht die ganze Konzentration an eine Störquelle verlieren. Auch wenn das, was von ihr übrig ist, von ihrem Vorhandensein ausgeht. Man versucht das zu tun, was man tun wollte. Man macht es „dennoch“ und „trotzdem“ und „gerade deswegen“ usw…auch, wenn wie in meinem Fall, das Eigenleben des Satzes, meines längst aufgelöst hat.

Ich denke an den Nachbarn, der mindestens dreimal am Tag, vor meinem Fenster vorbei geht. Daran, wie sehr mich das jedes Mal ablenkt und stört, und wie ich jedes mal versuche damit einen Umgang zu finden. Auch wenn ich das jedes mal aufs Neue wieder von vorne tun muss. Was bleibt mir sonst übrig.

Ich habe keine Ahnung, was genau bei ihm los ist. Wieso er seit geschätzten 30 Jahren besoffen ist. Alles was ich weiß ist, dass ihm das scheinbar ein Gefühl der Präsenz und der Vertrautheit gibt, wenn er mit seinem Hund an der Leine, durch den Innenhof stolpert, und dabei jedes Mal denselben brüchigen Text dazu abspult. Immer geht es um eine Wurst, die dem Hund an der Leine in Aussicht gestellt wird. Bzw. wird sie ihm als einziges Handlungsmotiv unterstellt, wenn er sich, in seinem eingeschränkten Radius vorwärts bewegt.

II: „Willst Du die Wurst? ..Wo ist die Wurst? …Suchst Du die Wurst? ..Es gibt keine Wurst..hähä..“:II

Arme Wurst, die es nicht gibt. Armer Hund, der sie nie kriegt.

Vielleicht fühlt er sich weniger einsam, wenn er das tut. Wenn er hört, wie seine eigene Stimme von den Innenhofwänden zurück geworfen wird. Vielleicht ist es auch so eine Alpha-Männchen-Sache, die ihm den Eindruck einer Sicherheit vermittelt, wenn ihm dabei gewahr wird, dass sein Echo, das durch die Wände verstärkt nach oben in den Himmel schallt, viel lauter und realer ist, als all diese Fenster ringsum. Vielleicht befindet er sich im Delirium. Ich weiß es nicht, es interessiert mich nicht und es ist auch mehr als müßig darüber Spekulationen anzustellen.

Wenn er das tut, kann ich nichts anders tun, als damit beschäftigt zu sein, es nicht hören zu wollen, was er da tut. Ich kann es nicht ändern, dass er das tut. So wenig, wie ich ändern kann, was es alles in mir auslöst. Alles, was ich tun kann ist, versuchen damit einen Umgang zu finden, der mich meine Konzentration, wenn es vorbei ist, wieder herstellen lässt.

Wenn ich also höre, dass er sich draußen zu seinem alkoholisierten Ritual anschickt, und ich bin gerade damit beschäftigt zu schreiben, oder nachzudenken oder die Wände anzustarren oder mich in mir selbst zu verlieren, dann springe ich auf, nehme meine Therapieknete in die Hand und beginne währenddessen etwas aktiv-sinnvolles zu tun, dass meine Aufmerksamkeit für diese nicht gewollten Augenblicke in Anspruch nimmt. Staubsaugen ist gut, oder die Duschkabine entkalken oder Kaffeebohnen in der Handmaschine mahlen. So mache ich mir seinen extrovertierten Suff zu Nutze. Das ist viel besser so, als sitzen zu bleiben und zu erstarren, weil mich der viel zu bekannte Choreographietext so anekelt und aufregt. Wenn man etwas anders tut währenddessen, wird er leiser, auch wenn man eigentlich etwas anderes tun wollte, von dem man so abgehalten wird.

„Nach einer kurzen Werbeunterbrechung sind wir gleich wieder da…“

Gestern wollte ich eigentlich noch an einem langen Aufsatz, zu einem für mich wichtigem Thema, weiterschreiben, der in der Warteschleife immer mehr anwächst. Wie all die anderen halbfertigen. Immer, wenn das möglich ist, was ja, aufgrund meiner dissoziativen Verfassung, sehr selten ist, sitze ich an einem.

„Das ist die einzige Arbeit, auf die ich mich komplett konzentrieren kann“, hatte ich am Morgen zum Therapeuten gesagt. „Die einzige, die ich nicht vorspielen muss sie zu tun. So lange sich das aufrecht erhalten lässt… Die einzige, bei der ich nicht diesen Eindruck habe, dass sie mich von meiner eigentlichen Arbeit abhält. Die einzige, die alle_s ruhig macht…es irgendwie ordnet…“

Ich hatte am Vorabend ganz groß diesen Satz an die Wand geschrieben, über den ich, vor vielen Jahren in einer absolut öden, nichtssagenden Henry James-Biographie, gestolpert war: Show, don’t tell. Mit ihm vor Augen wollte ich das bisher Geschriebene wieder lesen. Schauen, was ich wegstreichen und umschreiben muss. Und wenn es so besser wäre: wieder von vorne beginnen.

Ein dämliche Biographie war das, im übrigen. Noch dämlicher als Flanders. Ich hatte davor nie ein Buch von Henry James gelesen, und im Anschluss an sie riet ich mir selbst dringend davon ab, es irgendwann einmal noch nachzuholen. Doch diese dreieinhalb Worte sind hängen geblieben : show, don’t tell. Einer dieser Sätze, die bleiben. Nur andersrum als die, die wiederhallen, ohne dass sich ihre Lautstärke verliert. Ihr Echo schwächer wird in Richtung Himmel.

„Wenn es gut ist, schreibe ich an den langen Sachen weiter, die sich mit den Themen befassen, die mich seit Jahren in ihren Bann gezogen haben: Funktionalistisches Denken, Stochastik, die Struktur im Zufall …solches Zeug eben“, erzähle ich dem Therapeuten. „Nur leider ist es eben nie gut, oder klar. Dann muss ich dagegen anschreiben, um „da zu bleiben“, muss Erinnerungsprotokolle führen, um nicht im nächsten Moment schon wieder komplett vergessen zu haben, was gerade mit und in mir passiert und was ich tue…ohne das, hätte ich nie eine Art von Umgang damit gefunden. Ich sehe ja auch vor meinen Augen nicht, was ich dann schreibe..Und wenn ich das so Geschriebene im Nachhinein dann lese, weiß ich, wer von denen in mir welchen Teil davon geschrieben hat. Es ist wie ein Schlüssel zum Verständnis…sich einschließen und dagegen anschreiben, wenn jemand anderes mich übernehmen will (schon lange übernommen hat), das ist das beste. Das bringt mich irgendwann zurück, wenn ansonsten nichts mehr wirkt. ..“

Irgendwann…

Eigentlich wollte ich gestern noch, nach langer Zeit endlich mal wieder, an etwas längerem weiterschreiben. Irgendwann an diesem Punkt angekommen sein, an dem es ersichtlich und klar vor mir steht und fertig ist. Was auch immer. Doch der Satz war gesagt, und er war stärker, und es ging nicht.

Ich betrachtete die Worte vor mir auf dem Bildschirm, doch da war kein Zugang zu ihnen. Das Wiederhallen war lauter, und das, was es mit mir anstellte gewichtiger, präsenter und viel aufdringlicher als alles sonst. Also schob ich den Bildschirm zur Seite, versuchte mich abzulenken, den Satz als etwas Gegebenes zu sehen, ihn anzunehmen.  Doch es wirkte nicht. Der Satz hatte sich mittlerweile zu einer externem, kommentierenden Stimme verselbstständigt. Ihr Tonfall war sehr aburteilend, sehr endgültig und voller Hohn und Verachtung. Sie duldete nicht den geringsten Widerspruch.

Also tat ich automatisch das, was ich immer tue, wenn jeder andere Ausweg versperrt ist und nur die übrig bleiben, die dadurch gekennzeichnet sind, dass ich ferngesteuert, wie unter einem fremden Zwang, herumlaufe und nicht mehr selbst aus meinen Augen sehen kann. Ich setzte mich hin und tat das beste wohl. Ich fing an es aufzuschreiben und so zu beschreiben. Ich schrieb, ohne Punkt und Komma, alles auf, was ich gerade in mir hörte. Ich schreibe so lange, bis der Faden es tun zu können, komplett abgerissen war. Der Satz und die Stimme waren immer noch da. Ich wusste ja, dass er nun bleiben würde. Vor mir auf dem Bildschirm stand, was gerade in mir drin geschieht. Fremdes Zeug, zu dem mir der Bezug fehlte. Ich löschte es, und was ich danach tat, das weiß ich heute nicht mehr. Die Erinnerung ist weg daran, wie jedes Mal, wenn diese Drehtürwechsel, und das dazu gehörige Dissoziiert-sein, die Oberhand gewonnen haben…

Als ich heute morgen wach wurde, und der Satz und die Stimme immer noch unverändert da waren, dachte ich „ok, ab nun behandle ich Dich so, als wärst Du einer dieser Glaubenssätze, eine dieser Grundannahmen…“. Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir all die Arbeitsunterlagen vor, die ich zum Thema „emotionale Glaubenssätze“ noch habe. „..den meisten Menschen sind ihre Grundannahmen nicht weiter bewusst. Sie zeigen sich dennoch in automatischen „Glaubenssätzen“, die zu automatischen Handlungsanweisungen geworden sind, die ihren Alltag, ihre Beziehungen und ihr Bild, das sie von sich selbst haben, bestimmen…diese Grundannahmen sind wie ein Virus im Computer. Wir sehen ihn nicht, aber merken, dass etwas schief läuft…“

Nicht sehen ist gut…

Um Glaubenssätze zu verändern, soll man sie zunächst identifizieren und benennen, dann wertfrei umformulieren, sich dann dafür entscheiden, welche Sichtweise hilfreicher ist, und die alte durch die neue dann ersetzen.

Ich nehme also einen Satz_eine externe Stimme, die ich nicht länger in mir zu hören ertrage, drehe ihr das Wort im Mund herum und höre mir stattdessen an, wie sie es mir mit anderer Betonung erneut erzählt ? Nee, klingt irgendwie so, als hätte ich die Aufgabe verfehlt.

Sie in das vorgedruckte Protokoll zu schreiben erscheint mir auch gerade sinnfrei: “ 1. Situation. 2. Gedanken, 3. Grundannahme, 4. Verhaltensimpulse, 5. Verhalten…“ Nee, zwar stimmt es, das extern wahrgenommene Stimmen, den eigenen Gedanken entspringen, aber so einfach ist es dann ja auch nicht…

Es ist ja auch nicht so, dass nur weil ich in Therapie zur Zeit versuche „ich“ zu sagen, ich dadurch zu dieser ersten Person Singular geworden bin. Auch wenn ich versuche diesen Anschein zu erwecken, und den abgespalten Rest unter den Teppich kehre…

Drei ausgefüllte Verhaltensanalysen später ist der Satz immer noch da und lässt nicht von mir ab. Hält mich ab von dem, das ich tun will. „Was taten, dachten, fühlten oder stellten Sie sich vor, bevor das Problemverhalten begann ? Welche Körperempfindungen nahmen Sie  wahr ?…Benennen Sie alles, was als Konsequenz aus Ihrem Problemverhalten folgte. Dies beinhaltet Ihre eigenen Gefühle, Gedanken, Körpersymptome und ihr Verhalten…Wie war dies direkt nach dem Problemverhalten und wie später. …welche Art von Konsequenz auf das Problemverhalten würde Ihnen helfen, das Verhalten künftig unter Kontrolle zu bringen…“

„Problemverhalten“…falscher Film. Ist ja nicht so, dass ich mit dem Rücken zur Wand hier sitze und mich an Rasierklingen festhalte. Oder auf mein Umfeld einschreie. Oder kurz davor bin die Pillen aus der Apotheke wegzuwerfen, und mir stattdessen irgendein Pulver o.ä. in irgend einer Bartoilette besorgen will…ich höre immer und immer wieder, ohne Unterlass, einen ganz bestimmten Satz, den ich nicht länger mehr hören kann und will. Einen Satz, der mich davon abhält das zu tun, womit ich meine Zeit verbringen will, wenn ich mir das aussuchen könnte. Einen Satz, der mittlerweile mit seiner eigenen Stimme, von außen kommend, auf mich einspricht, im Inneren auf Resonanz trifft, sich dort vermengt und verstärkt, so dass davon alle_s aufgebracht wurde, durcheinander faselt, kopflos im Kreis rennt..

„Sie haben nie Sicherheit kennengelernt oder gehabt“ sagte der Psychologe. „Sie haben gar keine Möglichkeit sich zu entscheiden, sie müssen, das tun, was sie tun, um sich selbst zusammen zu halten….sie können keine Wahl treffen, ob sie das wollen oder nicht..“. Davor hatte ich mal wieder vom Schreiben gesprochen. Davon, wie es das einzige ist, mit dem ich mich noch kalibrieren kann, wenn alles andere sich lange schon aufgelöst hat : meine Ränder, mein Blick, die äußere Welt, die mich umgibt und mein Körper, der sich allem Anschein nach in ihr bewegt..

Je öfter dieses Wort „Sicherheit“ fällt, desto weniger behagt es mir. Zwar weiß ich einzuordnen, wie es in Therapie und in Bezug auf mich zu deuten ist, aber dennoch. Mir gefällt ganz einfach dieses Bild nicht, in dem sich diese „Sicherheit“ vor mir präsentiert. Es wird mir immer unsympathischer.

Ich sehe mich selbst, wie ich mir selbstgefällig den vollen Bauch streichle, dabei selbstzufrieden und besserwisserisch grinse. Wie die Bequemlichkeit mich einschließt. Wie aus jedem Handlungsdrang ein „ich könnt‘ ja, wenn ich wollt“ geworden ist, im Guten wie im Schlechten. Ich sehe mich, wie ich an nichts anderem mehr interessiert bin, außer meinem Wohlergehen, und meiner eigenen Befindlichkeit. Wie ich nur noch bewusst das zur Kenntnis nehme, das einen Lustgewinn ohne Anstrengung(en) verspricht. Wie ich das sein lasse, wozu mich keiner antreibt. Wie ich nur noch passiv konsumiere. Dabei nach oben neidisch bin und gleichzeitig nach unten denke: „selbst Schuld“.

Wie ich die Wahl treffe zu schweigen, weil alles in mir drin, das schreien könnte, sich überfressen hat an Plastik. Wie ich still bin, wenn es darum geht, dass andere ihre Klappe nicht halten, um sich selbst und der ganzen Welt damit zu beweisen, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder wenn der selbstmitleidige Fatalismus von sich glaubt die Deutungshoheit gepachtet zu haben…Oder wenn der Hass und seine „höheren Mächte“, die es nie gab, nie gibt und auch nie geben wird, mir vorführt, wie unmenschlich sich „die Menschlichkeit“ gebären kann…

„Freiheit ist wichtiger als Glück“, schrieb Tom Robbins in Even Cowgirls get the Blues. Daran denke ich, wenn ich das Bild dieser Sicherheit vor mir betrachte. Wenn es sich vor mir aufbaut und mir so die Sicht versperrt. Ich empfinde angehäuften Besitz als Ballast und will mich seiner entledigen. „Sie machen aus der Not eine Tugend“, sagt der Therapeut dazu.

„…an seine Kunst ein Preisschild hängen ist Prostitution“, sagt einer aus mir heraus, zum Ende der Stunde. Ich weiß nicht, worüber der Psychologe und ich gerade geredet haben. Was ich tatsächlich gehört habe, und was nur in mir drin.

Beim Hinausgehen lächelt mich der Psychologe an. „Schreiben Sie nicht so viel“, sagt er und ich weiß schon beim Hören, dass dieser Satz nun bleiben wird.

Doch ich muss schreiben, auch wenn ich schweigen muss.



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