dokument #29

Krank sein macht krank. Will’s einfach nicht mehr. Will es einfach gar nicht mehr sein.

„Jemand der so genau benennen kann wie Sie, was genau er so nicht mehr haben und erleben will, hat die besten Voraussetzungen dafür, sich therapieren zu lassen“, sagte die Frau vom Gesundheitsamt, vor etwas über einem Jahr, zu mir.

„Ich weiß, dass es möglich ist, dass sie sich irgendwann als diese erste Person Singular erleben“, sagte die Klinikpsychologin während des Entlassungsgesprächs, ein dreiviertel Jahr später, zu mir. „Es ist noch ein sehr, sehr langer Weg, aber glauben Sie mir: es ist möglich“.

Als ich dann danach draußen auf dem Klinikhof war, um mich dort wie immer Nähe der anderen Patienten_innen zu entziehen, weil diese zu viel in mir auslöste, stand mit einem Male der Chefarzt neben mir. Ich war gerade damit beschäftigt mit meinem Ball zu spielen, lief dabei hin- und her und hatte sicherlich wieder „diesen Blick“ in meinem Gesicht. So wie der Arzt da vor mir stand wollte er mir wohl etwas sagen. „Zum Abschied“ sicherlich.

Ich glaube wir mochten uns nicht sonderlich. Doch da wir nicht viel miteinander zu tun gehabt hatten, war das unwesentlich. Gleich am ersten Tag, als er mir Blut abnahm, um zu überprüfen, dass da keine fremden Substanzen drin vorhanden sind, verbot er mir Kleidung mit kurzen Armen zu tragen. Die ganzen Bilder auf meinen Armen könnten die selbstmordgefährdeten Patienten_innen triggern, meinte er.

Mir war das recht, weil ich unter Menschen eh nie meine Haut zeige, und alleine deswegen immer schon komplett bekleidet bin. Völlig gleich welches Wetter gerade ist. Das rührt her aus diesem Mangel an Körpergefühl, sowie dem Ekel davor, von anderen Menschen, versehentlich oder willentlich, berührt zu werden. Außerdem erscheint mir die Haut an meinen Armen, dort wo sie unversehrt ist, als etwas sehr absonderliches. Ich ertrage ihren Anblick nicht. Wenn ich sie sehe paralysiert es mich. Von den verqueren Impulsen ganz zu schweigen.

Auf jeden Fall war es mir recht, dass er mir als Chefarzt, so eine ganz offizielle Begründung dafür lieferte, wieso ich den ganzen Sommer über lange Arme trug. Es war nur auffällig, in all den Monaten dort, zu sehen, dass ich der einzige war, den diese Regelung betraf. Genug andere mit „schlimmen Bildern“, oder Wunden, oder Narben auf den Armen gab es. Zudem war ich, was die „Affekte“ betraf, der suizidalste. Ob er als (dritt-)oberster Psychologe dort wusste, und sich eingestand, dass seine vorgeschobene „Sorge um andere“ in Wirklichkeit „persönliche Schikane“ war ? Eine Randnotiz nur.

Doch er lobte mich auch für „meine Fortschritte“, die ich dort gemacht hatte, auch wenn das in den Momenten gar nicht förderlich war, weil gerade jemand anderes „vorne war“, den so etwas eher im destruktiven bestärkte. Zudem hatte ich auch nicht den Eindruck, dass es in irgendeinem Bereich welche gab. Doch wie soll man auch sich selbst beurteilen können, wenn „man selbst“ nur ein abgespaltenes Fragment ist. Ein Teilstück, ohne Verbindung zu dem, was sich ihm entzieht…

Zum Abschied sagte er mir einen Satz, unter vier Augen. Dort draußen im Hof, wo ich gerade mit meinem Ball spielte. Ich drehte mich zu ihm hin, weil ich den Eindruck hatte, dass er mir etwas mitteilen wollte. Also standen wir da, schauten uns in die Augen. In all den Wochen hatte er ja mitbekommen, dass ich kein Redenschwinger bin. Und wenn ich sprechen musste dort, führte dass ja gleich unweigerlich zu Drehtürwechseln, Bilderfluten und all diesem Zeug.

„Ihre Arbeit möchte ich nicht haben“, sagte er schließlich und ging von dannen. Ich wusste sofort, dass das einer dieser Sätze war über die man nicht nachdenken sollte, weil man in ihn, sowie sein(e) Intention/Motive, alles und nichts hinein interpretieren kann. Also tat ich ihn „beiseite schieben“, wie es in der Skills-Sprache heißt.

Nur an einem Tag wie heute, an dem ich selbst „all diese Arbeit daran“ nicht mehr will, gerade auch weil der Erklärungsbedarf, der damit einhergeht „multiple zu sein“, so ein zermürbender ist, fällt er mir wieder ein.

Das ist immer lustig zu sehen, was man gleich daraus ableitet, wenn ein Tag mal halbwegs „normal“ bzw. „ungestört“ verläuft. Dann wenn (positive) Erinnerung da ist, man Herr seiner Sinne ist, nichts einen triggert und einen niemand anderes, von denen da drinnen, „zur Seite schieben“ will. Oder wenn ein gesundes Maß an Wut einen antreibt, einem zeigt, dass man lebendig ist. Z.b. diese, die einen befällt, wenn man sieht und liest, was da so an unglaublich unreflektiertem, dummen Zeug über „multiple Persönlichkeiten“ ins Internet geschrieben wird. So als wäre das eine willentliche Kostümparade, bei der man mit vollem Bewusstsein „die Rollen“, die man im Alltag inne hat, wechselt, nach Belieben…

Oder dann, wenn alles linear abläuft und man den Eindruck hat, dass doch im Grunde vieles noch möglich ist, in diesem Leben. Denn, wenn alles still und ruhig und gut und einsam ist… Dann fühlt man sich gleich verleitet dazu durch die Welt zu stapfen und zu tröten „hab das alles doch gar nicht mehr nötig“. – Doch dann reicht schon ein Blick in die Aufzeichnungen, die man permanent „darüber“ führt bzw. einer in diese Briefe, durch die man mit sich selbst kommuniziert, um augenblicklich wieder daran erinnert zu werden, woran man ist. Und dass man gerade wieder dabei ist jeglichen Bezug zu verlieren, bzw. ihn schon verloren hat.

Hier dieser von Hand vollgeschriebene Zettel auf dem Tisch beispielsweise, muss von letzter Nacht sein. Einer von vielen. „Das schreiben darüber triggert mich… Ich merke, wie die Perspektiven darauf immer schneller hin- und her springen. Aus „ich“ wird „er“, aus „er“ wird „ich“…x 1000/s..“ steht dort als letztes geschrieben. Das meiste davor ist unleserlich. Oder sehr kryptisch. Ich kann mich nicht daran erinnern ihn irgendwann nachts noch verfasst zu haben. Wie denn auch ?

„Schreiben funktioniert“ erklärte ich neulich dem Psychologen. „Wie bei einem Schlafwandler, der Schubladen öffnet, läuft das dann ab.“. – Normalerweise bin „ich“ darauf trainiert, wenn „ich“ schon von Hand schreibe, dies in großen Druckbuchstaben zu tun, damit es im Nachhinein leserlich bleibt. Sechzehn Jahre eingeübt. Seit einiger Zeit scheint sich das automatisierte Wissen darum, dieser „körperlich gewordene Reflex“, wieder verflüchtigt zu haben. Davon zeugen all die vollgekritzelten, verstreuten Seiten hier in diesem Zimmer.

Wie sieht sie aus die Heilung davon irgendwann ? Ganz, ganz große Frage, auf die es keine Antwort gibt. – Und auch nicht geben darf oder soll, weil sie im selben Atemzug ja auch die Deutungshoheit darüber, und das geistige Patentrecht darauf, in Anspruch nehmen müsste, festzulegen, was „gesund“ ist. Dieses „mehr“ zu verifizieren, das über „die Abwesenheit von..“ hinaus geht…Müsste es selbst sein. Und alle damit anstecken können. Es wie einen Virus verbreiten.

„Vollzeit arbeitsfähig“ definiert es meine Krankenkasse, das weiß ich. Und damit wär’s, fürs erste schon getan.

Was ist das nur für einer da in mir? Der andere, der „hinter mir“… In Therapie erwarten sie, der Benennung wegen, dass ich ihm einen Namen gebe. Doch das tue ich nicht. „Der böse“ tut es auch, das reicht vollkommen. Oder „der Dämon“. Doch meistens sage ich nur „der“, und das, wenn es mir möglich ist,: verächtlich. So wie Menschen, die die Namen derer, die sie verabscheuen, vermeiden auszusprechen, wenn sie über sie sprechen, um so diese Verachtung noch zu unterstreichen. Zu veranschaulichen, zu verdeutlichen.

Sie haben den Vorschlag gemacht, dass wir ihn in die Therapie miteinbeziehen. Wie immer das, theoretisch und in der Praxis, aussehen soll. Dabei bin ich gerade froh, dass er sich von ihr fern hält. Ich kriege ja nichts mit, wenn er da ist, außer dieses „Kopf hin- und her reißen“, das nach außen hin anzeigt, dass wir gerade um das „da sein“ rangeln. Vereinfacht formuliert.

Das geht so an die Substanz, sich dagegen zu behaupten. Und in den meisten Fällen gelingt mir das ja auch nicht. Es ist und bleibt eben: keine willentliche Kostümparade, bei der man mit vollem Bewusstsein „die Rollen“, die man im Alltag inne hat, wechselt, nach Belieben. Schön wär’s.

So weit das „ihn“ betrifft ist es ein Kampf um alles. Er ist der Tod und „das Programm“. Unfassbar, wie viel Angst man, in Bezug auf das zweite, vor sich selbst haben muss_hat. Auch wenn er eine vollkommen andere, für mich „äußere“ Person ist.

Er ist so lange schon da drin in mir, verschwindet einfach nicht, obwohl er mich hasst. Und ich ihm, so gut das geht, keinerlei Beachtung mehr schenke. Ihm kein Futter mehr gebe… Zur professionellen „Hilfe“ renne, wenn ich spüre, dass er sich anschickt „mich zur Seite zur schieben“, um das zu tun, was er schon immer tat und mit mir vorhatte: Mich vollständig vernichten. Doch nicht mal das kriegt er hin.

Und was er scheinbar auch nicht versteht ist, dass wenn ich fort bin, dieser Körper es dann ja auch ist. Dieser Körper, den er braucht, und von dem er dennoch losgelöst scheint.

piegelscherbenkind (2016). dokument #29 [disparat] multiple systematik

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