dokument #28

„Die Schatten sind etwas externes“ sage ich, Wochen später, als erstes, sofort nach der Begrüßung, in Richtung Therapeut. Das ist so eine Eigenart von mir, immer gleich mit der Tür ins Haus hinein zu fallen. Dieses Mal deswegen, weil ich nicht vergessen will mitzuteilen, was mir in der Nacht zuvor plötzlich klar wurde.

„Die Schatten“, sage ich gleich nochmal, nur um sicher zu gehen, dass ich es überhaupt gesagt habe. „Ich weiß jetzt, dass sie etwas externes sind. Sie gehören nicht zu uns. Das sind wir nicht“. Der Therapeut schaut mich an. Natürlich gehe ich mal wieder davon aus, dass er augenblicklich und auf der Stelle weiß, worüber ich rede. Auch so eine Eigenart.

Doch immerhin eine, die sich gebessert hat. Die ersten Monate bei ihm war es für mich überhaupt nicht ersichtlich gewesen, was ich sagte und was nicht. Ich dachte tatsächlich, dass er die Bilder da in meinem Kopf, in die ich „hineinfalle“ und die sich andauernd vor meinen Augen abspielen, auch sehen muss. Mir war nicht im geringsten bewusst, dass ich, in etwa, nur jedes zwanzigste Wort, das damit einherging, hörbar aussprach. Die anderen neunzehn dachte ich hingegen nur. Ich dachte sie zu sprechen, doch das tat ich nicht. Sie blieben in mir zurück. Wahrscheinlich war es ihre „Lautstärke“, die mich glauben ließ, sie seien auch äußerlich noch wahrnehmbar…

Dass ich die Schatten plötzlich dort neben mir bzw. um mich herum aufgetaucht waren, hatte ich dem Arzt irgendwann, einige Sitzungen später, geschildert. Bzw. es ansatzweise, und bruchstückenhaft angemerkt. Es war ja auch nicht weiter wichtig oder dringlich gewesen damit. Die wesentliche Thematik, um die es gerade geht, ist schließlich dieses Wort „ich“, mit dem es mir unmöglich geworden ist „mich“ zu bezeichnen. Und all das, was in mir ausgelöst wird, wenn man mich dazu bringen will es zu verwenden.

Im alltäglichen Allerlei waren die Schatten da nur eine Randnotiz, auch wenn sie wohl einen Ursprung verkörpern. Man sollte sich auch nicht an allem festkrallen, das man sich einbildet zu sehen, und von dem man weiß, dass es das gerade so gar „nicht wirklich“ gibt oder geben kann. Nicht in der Realität. Auch wenn man das glaubt…und „der Wahn“ naturgemäß immer mehr Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt, als diese leisen, rationalen Zweifel, irgendwo ganz am Rande.

Ich weiß noch wie es war, als mich vor einem Jahr diese ständigen krampfhaften Angstattacken andauernd bewegungsunfähig machten. Mich außer Gefecht setzten. Stundenlang lag ich da erstarrt in meinem Zimmer, unfähig auch nur einen Muskel zu bewegen, so sehr ich es auch versuchte. Starr vor Angst. Ich war der festen Überzeugung, jemand müsse kurz zuvor in meinem Zimmer gewesen sein. „Er war hier drin“ dachte ich immer wieder und nur. Ich konnte diese Anwesenheit fühlen, spürte sie um mich herum, an meinem ganzen gelähmt-verkrampften Körper: „Jemand ist eingedrungen hier“…

Jemand, den ich weder sah noch nachweisen konnte. Zum Glück bin ich kein mystisch veranlagter Mensch. Wer weiß, welche halbgaren Glaubenssysteme ich mir aus so etwas heraus ansonsten ableiteten würde, mir ausspinnen täte…

Später wurde mir klar gemacht, dass dieser Eindruck des „des Eindringens“ damit zusammenhing, dass alte Missbrauchserlebnisse hochkamen. Mir wurde, ziemlich deutlich, bestätigt zu der Zeit, dass dem früher wirklich so gewesen ist_war. Infolgedessen hatte ich das daraus resultierende „innere Erleben“ (dieses „bewusst werden“ und das damit zusammenhängende „nicht-wahr/haben-wollen“) auf den äußeren Raum projiziert, es so übertragen.

Dieses rumprojizieren… Man sieht doch außerhalb von sich nichts anders als diese „Vorstellung der Welt“, die man von ihr hat. Und in sich genau so. Als die Schatten sich neben mir aufgebaut hatten, hielt ich sie für „die anderen“ in mir, die ebenfalls mit diesem singulären Wort „ich“ zu bezeichnen sind. Schließlich ging es ja darum, ständig und andauernd „ich“ zu sagen. In jedem Zustand, zu jedem Modus… Auch wenn für mich deutlich unterscheidbar war „wer“ da seinen Handlungs- und Wahrnehmungsimpulsen nachgegeben hat bzw. das gerade vorhat zu tun und mich deswegen auch „zur Seite schieben“ will.

Meine Intelligenz weiß ja im Grunde, dass es das nicht geben kann: dass ein Mensch aus mehreren einzelnen besteht. Doch es fühlt sich nun mal so an. Und lügen will und kann ich einfach nicht. „Die anderen“ sind etwas abgespaltenes, zu dem ich zuweilen einen Zugang habe oder finde. Doch dieses Wort „ich“ bezeichnet weder „sie“ in ihrem Vorhandensein, noch bezeichnet es „mich“, der ich dieses hier schreibe. Es ist und bleibt : ein „entweder/oder“. „Ich“ ist ein Plural. Und seine Summe: kleiner als 1.

Dass die Schatten in der Nacht zuvor plötzlich wieder erinnerlich wurden, war letztendlich dem reinen Zufall geschuldet. Einem absichtlich herbeigeführten Zufall. Denn jemand_etwas in mir kann nicht aufhören damit zu graben. Anstatt zu schlafen recherchiert er_sie_es in diesem Wort „früher“ herum. Stochert und wühlt, folgt einer Ahnung, die immer schon Gewissheit hieß. So viele vollgekritzelte Seiten zeugen davon… Eine Plausibilitätsprüfung nach der anderen. Auf dass die vereinzelt, übrig gebliebenen Scherben erklären, was sich in den großen, abgespaltenen Erinnerungslücken von damals versteckt, sich so ableiten lässt, was geschehen sein muss und sich nicht aussprechen lässt. Das Ursächliche, das dazu führte und mein Leben bestimmt.

Und plötzlich stand „es“ da auf dem Bildschirm. Es war die Beschreibung einer Erziehungsmethode mit grausamer, „höherer“ Absicht. Es ging darum den Beteiligten beizubringen das Wort „ich“ nicht mehr zu benutzen. Wer es dennoch tat und es in Bezug auf sich selbst gedankenlos anwandte wurde bestraft. Nein, nicht „wurde bestraft“, sondern: „musste sich selbst augenblicklich bestrafen“. Sich Schmerzen zufügen.

Als ich das las kamen die Flashbacks. Und ich wusste, dass ich all das schon mal aufgeschrieben hatte, als mich die Erinnerung daran so gefangen hielt. Daran, dass ich auf dem Rücken lag und blind um mich trat, ihnen entgegen, mit aller Kraft, die ich dazu noch aufbringen konnte. Und dabei schrie und schrie und schrie, damit nicht aufhörte. Ich trat nach den Schatten, die wirkliche Menschen sind. Fleisch und Blut. Wille und Zwang. Die um mich herum standen, zu mir hinunter sahen und meine älteste Erinnerung sind. Langsam und stetig kommen sie näher, und wenn sie mich erreichen, wird alles schwarz…

Ich weiß wer sie sind. Und weil ich nicht wieder irgendwann später „zu mir kommen“ wollte, ohne mich daran erinnern zu können, woran ich mich erinnern will, tat ich alles in meiner Macht stehende, um nicht wieder „aus mir rauszufallen“. Und für den Fall, dass dies dennoch geschieht, schreib ich Erinnerungszettel, hielt alles fest. Dieser eine entscheidende Satz : „dass sie etwas externes sind“ sollte als Schlüssel hoffentlich taugen.

Da es auch schon wieder früh am nächsten Morgen war, gab es gar nicht so viel Zeit, gegen die man sich behaupten musste. Bloß nicht vergessen…Auf dem Weg zum Therapeuten, dem ich all das erzählen muss, damit es nicht wieder verloren geht, klammerte ich mich an diesen Satz fest, als wäre er das kostbarste, das ich hab. Das war gar nicht so einfach. Denn einerseits löst er ziemlich viel unkontrollierbares aus, und andererseits ist man auf dem Weg zur Praxis auch all den äußerlichen Reizen ausgesetzt, die ihrerseits dann dazu führen, dass bestimmte Programme sich verselbstständigen und ablaufen, ohne dass man selbst darauf Einfluss nehmen kann.

Und zwischen all den Menschen in der S-Bahn sitzt man dann da, mit weit aufgerissenen Augen, aus denen wohl vereinzelte Tränen kullern und rollen, die man gar nicht bemerkt, weil man ja doch schon wieder „weggetreten“ ist, von und vor alle dem. Alles was man versucht nicht zu vergessen ist, dass man diesen Satz nicht verlieren darf, der ein Schlüssel für die Erinnerung ist.

Und als ich endlich beim Therapeuten angekommen bin, wir die Begrüßung abgehakt haben, schleudere ich ihm den Satz blitzschnell entgegen, bevor er sich wieder im dichten Nebel verliert: „Die Schatten sind etwas externes“, sage ich.

Und nochmal: „Die Schatten. Ich weiß jetzt, dass sie etwas externes sind. Sie gehören nicht zu uns. Das sind wir nicht“. Der Therapeut schaut mich an. Natürlich kann er nicht auf der Stelle wissen, worum es mir gerade geht, auch wenn ich das immer denke.

„Wen meinen sie mit wir?“ fragt er zurück.

„Die anderen, die ich auch bin“, sage ich leise.



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