dokument #27

„Wollen Sie nicht wenigstens hier versuchen in der ich-Form zu sprechen?“ fragt der Arzt und fügt hinzu: „Dann ist es weniger distinktiv und sie könnten es üben.“

Wie ein plötzlich auftauchender Güterzug, aus einem eben noch dunklen Tunnel, brettert mir der Satz entgegen, dringt in meine Ohren ein, versetzt dort, im Inneren meines Schädels angekommen, augenblicklich die registrierende Schicht meines Hirns in Aufruhr. Den Sinn des Satzes, worauf er abzielt, begreife ich. Doch es ist mir nicht möglich, auch nur im Konjunktiv, an die daraus resultierende(n) Handlung(en) zu denken. Noch bevor ich sie in Betracht ziehen könnte, stehen sie aufgereiht neben mir: die Schatten.

Stumm und mahnend stehen sie einfach nur da. Sie sagen nichts, das müssen sie gar nicht. Ich, der ich für den Moment in diesem Kontext hier ihr Sprecher bin nach Außen hin, verstehe. So deutlich wie in diesem Augenblick habe ich sie noch nie gesehen. Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Obwohl gerade das nichts weiter zu bedeuten hat. Amnesien, Fugue-Zustände, „Amnesien für die Amnesie“, Nicht Zuordnen_Erinnern-können, und alles damit zusammenhängende und daraus resultierende, waren den Sommer über in der klinischen Einzeltherapie mein Hauptthema gewesen. Seitdem hat es sich dahingehend gebessert, dass die abstruse Panik davor an Alzheimer erkrankt zu sein eingedämmt ist. Immerhin.

Da stehen sie die Schatten. Links und rechts neben dem Stuhl auf dem ich sitze. Es wundert mich nicht einmal, dass ich nicht verwundert bin. Mir ist bewusst, dass nur ich sie gerade sehe, woraus sich ableiten ließe, dass sie „nicht wirklich“ sind. Doch sie sind meine Wirklichkeit: „die Anderen“.

Nun liegt es an mir, dem Therapeut zu übersetzen „wofür sie stehen“. Im Inneren treten und keifen sie von den verschiedensten Seiten. Aus mehreren Ebnen tönt es :“leugne uns ja nicht“, und ich weiß genau, wie sie das meinen: Das Unding „ich“, diese Unmöglichkeit.

„Nein“ sage ich in Richtung des Therapeuten, „das geht nicht…Wenn man das täte ginge es wieder nur darum zu erklären, wer mit diesem Wort „ich“, das man benutzen soll, gerade gemeint ist…das verkompliziert dann wieder alles so.. und alles drehte sich wieder nur darum..“

Dann wären sie wieder da bei jedem Wort, das man spricht : diese Drehtürwechsel. Der permanente Schwindel. Das Treten überall im Inneren. Das Ringen darum gesehen zu werden. Das Hin- und her-geschleudert-werden des Kopfes, wenn zwei Sichtbare gleichzeitig die Frontstellung beanspruchen, sich dabei ständig ins Wort fallen, einander nicht ausreden lassen, das technisch gar nicht können …Die ständige Gewissheit darüber, dass das, was man versucht zu beschreiben, zu erfassen : „wohl jemand anderes gewesen sein muss„. Diese Gewissheit die alles ist, nur nicht das, was sie dem Wortsinn nach zu sein hat: ein subjektives sich Sicher-sein.

Stumm und mahnend stehen die Schatten neben mir. Stellvertretend für das, was ich nicht leugnen darf. Nicht leugnen kann. Sie sind meine Wirklichkeit, dessen bin ich mir, in diesem Augenblick sicher. Wahr, weil ich sie sehen kann, sie spüre in mir. Weiß, was sie wollen…

Es wundert mich nicht einmal, dass ich nicht verwundert bin, so normal erscheint es mir, dass die Schatten sich neben mir manifestiert und aufgereiht haben. Auch wenn ich keinerlei Erinnerung an sie in so einer Deutlichkeit habe, gehe ich davon aus, dass sie „sinnbildlich“ für die im Inneren hörbaren „anderen“ stehen, die nicht durch dieses eine, bestimmte, nicht benutzbare Wort „ich“ verleugnet, und so getötet, werden wollen.

Konturen sind sie. Dichte, schemenhafte Schattengestalten. Allem Anschein nach sechs. Den durchdringenden Blick halb dorthin gerichtet, wo meine Augen hin sehen, halb auf mir ruhend. Ihre Präsenz hat sich ganz um mich gelegt. Kein Wort, das zu vernehmen oder nötig wäre. Kein Laut, der nach außen dringt. Im Inneren nur aufgebrachtes Strampeln, so als ob sie dort gerade ertrinken würden.

Der Therapeut versteht und beharrt nicht weiter auf dem Vorschlag. Das wäre jetzt zu viel.

Mir fällt die Frage nicht ein, diese eine, die ich mir stellen sollte. Doch genau das ist nicht eben nicht möglich, in Frage stellen, wenn es nur darum geht „das richtige“ zu tun. Richtig zu reagieren, entsprechend zu handeln. Jedes Denken setzt aus und „später“ ist die Erinnerung daran auch schon wieder abgeschnitten, verloren und begraben. Einfach fort. So wie die Schatten es jetzt auch sind. Mit einem Male plötzlich weg.

Die wahrnehmbaren anderen in mir, sind nach wie vor, ungreifbar, anwesend. Parallele Wirklichkeiten, so wie man das von ihnen kennt. Ihre zersplitterte Existenz so nachvollziehbar, dass man sie nicht in Frage stellen muss. Fragmente meiner selbst. Seltsam nur, wie schnell man doch „die anderen“ im Inneren mit den ungewohnt/vertraut(en) Externen neben sich verwechselt, obwohl der Unterschied so augenscheinlich ist…

Doch es fiel und fällt mir nicht auf oder ein. So normal, erscheint mir das alles…

 

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