dokument #26

Wenn sogenannte Irre Musik machen, ist diese vor allen Dingen meist eines: authentisch.
Nun sollte man jedoch die Worte „Musik“ und „authentisch“ nicht in den selben Satz hineinschreiben, da dies in eben jener Kombination leider zu häufig dort geschieht, wo es darum geht, die abwertende Wortwahl (und alles daraus resultierende) sich selbst als „Randgruppe“ empfindender Individuen als entsprechenden Jargon zu verstehen. Nun gut. Es gibt wirklich nichts, das sich nicht auch positiv umformulieren ließe. Komme und geschehe was wolle.

Heute dachte ich an diese Schleim-Keim Schallplatte, die ich, wie die anderen zur Last gewordenen physischen Tonträger aus einer weit zurückliegenden Zeit, nach wie vor mit mir herum trage. Mich nicht lösen kann von Ihnen. Auch wenn es wohl besser wäre, aufgrund der permanenten „Wo schlafe ich als nächstes ?“-Problematik, mich solchem Ballast zu entledigen. Zum Leben braucht es so wenig. Nur das Herz, das taktlose Organ, glaubt ständig sich Sachen anhaften zu müssen, die dem Weiterkommen im Weg stehen. Auch wenn „weiter-kommen“ zuweilen nichts anderes bedeutet als „fort von hier“.

Der Grund, weswegen ich die Schleim-Keim Lp immer mochte, war dieser hörbare Wahnsinn in der Stimme des Sängers. Es war nur sonderbar, gleichzeitig auch zu wissen, dass dieser Sänger, irgendwann später, mit einer Axt seinen Vater erschlug. Beim Hören der Platte war dieses Wissen darum immer auch präsent. Und ähnlich der ehemals Vertrauten, die mir immer, wenn sie mir Elliot Smith vorspielte, dazu gleichzeitig auch tonlos jene Geschichte erzählte, die für sie nur aus einer einzigen endgültigen Tatsache bestand, wusste ich nicht, was davon zu halten sei. Aber es war ja auch nicht der ausschlaggebende Grund, weswegen ich mir die Platte anhörte. Es war die Aussagekraft mancher dieser einfachen Sätze, die durch die Art des Vortrages in mich hinein drangen. Mich so erreichten „Das Echte“ war nicht aufgesetzt und dadurch unsagbar ernst. Glaubwürdig.

Später, nachdem ich in der großen Stadt gestrandet war, erwähnte ich zuweilen in einem Gespräch, dass ich diese Platte mit mir herum trage. Es waren immer Mädchen, denen ich das dann erzählte, weil unsere Unterhaltung gerade an einer Stelle angelangt war, an der mir diese Beiläufigkeit passend erschien sie zu erwähnen. Und oftmals sage ich Sachen auch einfach nur, um überhaupt irgend etwas zu sagen. „Waaas, du hast die?“ sagten sie dann mit großen Augen, worauf ich so etwas entgegnete wie „ja, schon…“ und von der Resonanz verlegen war. Heimlich fand ich es aber toll, dass sie es scheinbar toll fanden und war jedes mal auch überrascht, weil es doch auch nichts weiter als nur eine Schallplatte war.

Es waren diese ganz bestimmten, in Ost-Berlin aufgewachsenen, Mädchen, die ich so mochte, weil ihre individuelle, spezielle Art mit dem Leben umzugehen, mir als so viel unkomplizierter und anders erschien als meine, oder die derer, die ich „von früher her“ aus den Dörfern und Kleinstädten kannte. Unbemerkt geschah es, dass ich bald schon so sprach wie sie. Sowieso waren die Berlin aufgewachsenen, mit denen ich in Berlin zu tun hatte, stets diejenigen, bei denen ich mich am heimischsten fühlte. Unabhängig von der Himmelsrichtung, aus der sie stammten, und die mit jedem Tag der vergeht, bedeutungsloser wird.

Seltsamer- oder bezeichnenderweise, je nachdem, teilten diese Mädchen, die ich kannte und mochte, und ich eine Gemeinsamkeit: die Diagnose einer „emotional instabile(n) Persönlichkeitsstörung“. Bei meinen letzten Partnerinnen, als all das damit zusammenhängende noch eine in Betracht kommende Handlungsoption war, verhielt es sich ja ebenso. Gleich und gleich erkennt sich schnell.

Später ging es dann bei mir ja noch eine Ebene tiefer. Und auch wenn „ich“ nach wie vor alle diagnostischen Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erfülle, habe ich diese Diagnose nun nicht mehr, was in der Tatsache begründet liegt, dass jemand „Identitätsgestörtes“ eben keine „Persönlichkeit“ besitzt. Und etwas nicht-vorhandenes kann nicht gestört sein. Es kann gar nichts sein, weil es eben nicht ist.

Als mir die Schleim-Keim Platte heute in den Sinn kam, dachte ich genauer gesagt an ein Lied, das auf ihr enthalten ist. Ich war gerade draußen und versuchte einzukaufen. Das Bemühen darum, im alltäglichen zu funktionieren. Der Wille war da. Ich war gut gerüstet, hatte die Einkaufsliste in der Reihenfolge geschrieben, in der zu erwarten war, wie die Dinge die ich brauche, im Laden angeordnet sind, so dass es nur ein einziger, konsequenter Gang wird, der mich zu ihnen führt. Es ist immer gut einen Plan zu haben, wenn man sich ansonsten verliert.

Die Menschen auf dem engen Bürgersteig strömten an mir vorbei, wie zu schnelle, feste Hagelkörner. In jeder Drogerie, vor der ich stehen blieb, sah man, wie sie sich an den Kassen stauten. Ich dachte an die Anderen, die ich kenne, die ebenfalls eine dissoziative Identitätsstörung haben. Rief mir ins Gedächtnis, wie man sich ausgetauscht hatte über die Problematiken damit und dabei „einkaufen zu gehen“, „unter Menschen zu sein“ etc. pp. All die Skills und Taktiken, die man sich nach und nach für sich erarbeitet, um einen Umgang damit zu finden, nicht weiter aufzufallen. „Rein statistisch“ dachte ich, „müsste es einem oder zwei da drin doch gerade genauso ergehen wie mir“. So zu denken hilft zuweilen, „die Anderen“ als Individuen zu sehen, satt einem bedrohlich-fremden, unüberwindbaren, verschmolzenen Plural gegenüber zu stehen.

Doch es gelang mir nicht, einen Laden zu betreten. Etwas in mir ließ mich einfach weiter gehen, zerrte mich mit sich davon. Immer weiter und weiter. „Bewegung ist gut“ dachte ich, „es gibt ja noch weitere Läden…“ und war mir dennoch im Klaren darüber, dass ich gerade auf nichts, das ich tue, überhaupt einen Einfluss besitze. Vier oder fünfmal schaute ich kurz aus den Augenwinkeln durch die Scheiben der Läden, während der Körper automatisch immer weiter trieb und zog, immer weiter, an ihnen vorbei.

Ich hörte den verschiedenen, gleichzeitig ablaufenden Tonspuren in mir mit halbem Ohr zu und versuchte gleichzeitig dem Weg, den der Körper eingeschlagen hatte, das nächste mögliche Ziel vorzuschlagen. Doch der folgte eigenen und war nicht angewiesen auf jemanden, der neben ihm, verkrampft auf dem Beifahrersitz, saß und nicht einmal wusste, wie herum der halb entfaltete Stadtplan in seinem Griff zu lesen ist. „Wenn möglich bitte wenden, wenn möglich bitte wenden…“ fabulierte der ausgeblendete Motor, währenddessen ohne Unterlass, vor sich hin.

So ging es weiter ging durch den Strom der schnellen Menschen. Zerfetzte Gedanken, samt des Eindruck-zu viels von außen, prasselten auf mich ein. Auch sie : angreifende Hagelkörner. Plötzlich, an einem bestimmten Punkt, tauchte die Idee eines Vorhabens in mir auf. Ich dachte, dass es vielleicht nützlich, angebracht und hilfreich sei, einen dieser Briefe, die man nie abschicken wird, an jemand ganz bestimmtes zu verfassen. Diese Briefe, die nicht dafür bestimmt sind den Adressaten zu erreichen, weil sie nur dafür geschrieben worden sind, dass sich der Verfasser klar darüber wurde, was bisher Ungesagtes in ihm darauf ausharrte endlich formuliert zu sein. Dadurch zu diesem Punkt zu werden, der die Geschichte schließt. Diese schöne Illusion und ihr Prinzip der Statik.

Doch parallel zu der Idee und ihrer Dringlichkeit meldeten sich gleichzeitig auch andere Gedankenbilder, samt ihrer Vorstellungen, zu Wort. Sehr laute und besitzergreifende. Den Raum ausfüllende. Es war die Angst davor, dass sobald der Brief, dessen Bestimmung es nicht ist gelesen zu werden, fertig vor einem liegt, sogleich das Telefon klingelt, und damit nicht mehr aufhört. So lange, bis man abhebt und jemand ganz bestimmtes am anderen Ende damit beginnt auf einen einzuschimpfen. Gar nicht mehr zu bremsen ist darin. Und man kann nichts dazu sagen, nur zuhören und dabei aus sich raus fallen, weil man gleichzeitig auch weiß, dass man all das zu verstehen hat, wofür ein anderer nichts kann. Den guten Grund dafür zu kennen, wieso das gerade passiert.

Oft ist „Verständnis“ nichts weiter als eine Handlungsaufforderung an andere, die einen selbst davon ausnimmt verstehen zu wollen, was man in denjenigen anrichtet, die nicht nachvollziehen können, wie es ist so zu sein, dass man gewisse Dinge tut, die ihre ganz eigene Logik verfolgen.

Und sich selbst entschuldigen zu können das gibt es einfach nicht. So wenig wie den Weihnachtsmann. Man kann andere nur darum bitten, dass sie einem  verzeihen. So lange und so oft, bis sie das nicht mehr können, weil jedes Fass einmal auch überläuft, der Bogen überspannt ist, und das was da war fort ist. Auch wenn es zurück bleibt da im Inneren, wo all das nicht Ausgesprochene und Unausformulierte auf einen Komposthaufen fällt, unter dem die Zuversicht begraben liegt.

Mir fiel die Textzeile von Schleim-Keim ein: „Du warst Minus, ich war Plus. Der Strom ging weg und dann war Schluss“ und ich dachte daran, wie befreiend es wohl sein muss, es genau dabei auch belassen zu können. Doch das gelingt mir nicht. Ich bin aber zuversichtlich, und denke auch gute Gründe dafür zu haben, davon ausgehen zu können, irgendwann einmal zu verstehen, wieso dem so ist.



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