dokument #24

„Zu kalt“ ist es draußen dann, wenn die Finger das Zigarettenpapier nicht mehr rollen können. So denke ich mir das. Es hat wohl irgendetwas mit dem Fettfilm der Haut und der trockenen, kalten Luft zu tun, dass sich das Papier nicht mehr so punktgenau greifen lässt, dass man es so um den Tabak drehen könnte, dass beides zusammen eine Zigarette ergibt.

„Auch gut“ denke ich mir,“rauche ich eben weniger“, während ich das zusammengeknüllte Paper samt des Tabaks, das es enthält, zurück in den Beutel stopfe. Manchmal, wenn die Hände zu steif und unbeweglich sind, werfe ich das ganze auch einfach auf den Boden, und gehe weiter, so als ob mich das ganze nichts anginge. In meinem Hirn blitzt dann kurz das Wort „Verschwendung“ auf, aber da Rauchen an sich sowieso unnötig ist, berührt es mich auch nicht weiter.

„Ignorieren“ ist wichtiger. Dieser Verdrängungsreflex, der immer sofort greift, wenn körperliche Signale darauf hindeuten könnten, dass etwas nicht „richtig funktioniert“. Starre Hände samt unbeweglicher Finger, die das einfachste nicht zustande bekommen, könnten ja auch auf etwas anderes hindeuten. Etwas ernsteres, tieferes, unreparierbares. Doch das kann einem nur ein Mediziner beantworten, zu dem man nicht geht.

„Immer gleich zum Arzt rennen“ ist das Gegenteil von „sich nicht so anstellen“, oder wie es früher immer hieß in der vereinfachten lautmalerischen Sprache, die mit mir gesprochen wurde: „Oochh“. Das bedeutete so viel wie „Kann nicht sein“, hörte sich an wie ein zu tief genervtes Ausatmen und war die Standardantwort auf meine emotionalen Äußerungen. Es enthielt viel unausgesprochenes, das dennoch sehr hörbar war, viel abweisendes. Man kannte das so, und war es gewohnt.

Einmal spuckte ich beim Hinabgehen einer Treppe etwas in meine Hand, das plötzlich auf meiner Zunge gelegen hatte, und dort einen sehr harten Eindruck vermittelte. Es war der Rest eines Zahns. „Auch gut“, dachte ich. „Draußen ist er und ich wohl ein Problem los“. – Zahnschmerzen erkenne ich übrigens daran, dass man statt einzuschlafen lieber hin-und her rennt. Aber das tue ich ja oft, aus den verschiedensten Gründen. Erst der abwesende Griff nach Schmerztabletten zeigt mir dann, dass es anscheinend „etwas mit den Zähnen“ sein muss. Zum Arzt gehe ich deswegen nicht, das kann ich nicht. Und früher oder später lässt das ganze ja auch wieder nach. So wie alles.

Dieser „Mangel an Körpergefühl“ ist nichts weiter als ein Glaubenssatz, der mit anderen wiederum verknüpft ist. Etwas zu erklären ist immer leichter, als es zu ändern. Gerade bei Dingen, die sich ursächlich sehr logisch anhören. Man hat oft den Eindruck, als sehr, sehr dumm wahrgenommen zu werden, wenn man die Ursachen und ihre heutige Wirkung zum Thema macht, darüber spricht, wie sie sich immer noch äußern.

Als ich doch mal vor einem Mediziner saß, nutzte ich die Gelegenheit und fragte ihn, ob das wirklich Hunger sei, wenn der Magen lange schon knurrt. Er gab mir nicht mal eine Antwort darauf, sondern schaute mich einfach so an, als ob ich gerade etwas sehr anstößiges getan hätte. Das war zu der Zeit, als in Therapie gerade diese „weit fortgeschrittene Essstörung“, wie es der Psychologe ausdrückte, behandelt wurde. Ich wusste einfach nicht was „Hunger“ ist, und weiß es heute immer noch nicht. Wenn der Magen stundenlang knurrte, setzte das diesen Hinterfragungsprozess in Gang, ob er das denn „dürfe“. Da war kein weiterer Handlungsreflex diesbezüglich vorhanden, als der ihn nicht zu spüren, zu ignorieren. Aß man dann irgendwann ein wenig, erschien es einem gleich wie eine Fressorgie, zu der man „kein Recht hatte“.

Gekotzt hinterher habe ich nie, dafür war es schon zu wenig, was ich aß und genau das meinte der Psychologe auch mit „weit fortgeschritten“: diese absolute Entfremdung von einem Grundbedürfnis. Es war nicht so, dass da „ein Drang“ war, den man wahrnahm, von ihm dachte „ihn nicht haben zu dürfen/sollen“, mit ihm rang, ihm dann dennoch nachgab und hinterher „ein schlechtes Gewissen hatte“, weil man „nicht stark genug“ war ihm nicht widerstehen zu können, und dann das „Selbstbild, das man von sich haben will“ damit begann jenen Konflikt auszufechten zwischen „Anspruch an sich“ und „wirklicher Handlung“, was darin gipfelt „sich selbst zu bestrafen“ etc… So war das nie bei mir. Das „Bedürfnis an sich“, dieses körperliche, war einfach so abstrakt geworden, von „dem Selbst“ abgespalten, dass es komplett entfremdet und dadurch inexistent war. Ich hatte einfach keinen Hunger. Dieses Gefühl gab es nicht.

Das ist es übrigens immer noch: inexistent, auch wenn ich mich jetzt häufiger dazu zwinge zu essen, was nach außen hin den Anschein der Besserung vermittelt. „Gefühle“, die man nie als zu sich zugehörig empfinden konnte, ein Leben lang, sind nicht mit einem male da, wenn man sich ihnen von hinten, also durch die dazugehörige, entsprechende Handlung, annähert, indem man sie nachahmt. Das ist nichts weiter als unverknüpfte, inhaltsleere Imitation. Es kommt nicht von ungefähr, dass DIS als die „schwerste dissoziative Störung“ gilt. Das vergessen viele schnell und gerne, mit denen man, durch die Arbeit daran, Kontakt hat. So wie Höhenangst z.B. ja auch nicht dadurch verschwindet, dass man dem Betroffenen in diesem Ton, in dem man auch mit kleinen Kinder spricht, erklärt, ganz langsam und in einfachen Worte, dass die Höhe, um die es gerade gehen mag, doch nun „wirklich nicht“ so hoch sei, dass etwas passieren könne. Wäre dem so einfach, wäre der Markt für Ratgeberliteratur ein sehr überschaubarer, und viele selbst ernannte „Experten“ müsste sich nach einer anderen Einnahmequelle umsehen. Vielleicht dieses mal nach einer „praktischen Tätigkeit“ stattdessen, wie es so schön heißt.

Und so wie dieses Hungergefühl inexistent war und ist, so scheint das auch mit diesem Kälteempfinden zu sein. Letztens saß ich hier mal wieder rum und rätselte. Las medizinische Artikel über körperliche Symptomatiken, um am Ende der Recherche vage zu vermuten : allem Anschein nach friere ich gerade. Um daraufhin den örtlichen Wetterbericht zu frequentieren, damit dieser mir die reflexhafte Frage beantwortet : „darf ich denn frieren? Ist das denn angemessen?“ So braucht jedes verzerrte Gefühl erst seine Erlaubnis, die Grundlage ist, es entfremdet zu betrachten. Und erst nachdem es durch diese Bestätigung auf irgendeine Art und Weise als „angemessen“ gekennzeichnet wurde, wird mir selbst offensichtlich, wie gravierend dieser Mangel scheinbar doch ist. Etwas fehlt, das da sein sollte.

Es ist viel einfacher, in klaren Phasen, „die anderen“ in diesem multiplen System isoliert wahrzunehmen und zu erspüren, was sie gerade bewegt, oder was sie dadurch ausdrücken, wenn ihre Präsenz gerade so offenkundig zutage tritt, dass ihr Anteil „am Ganzen“ in jenem Augenblick der dominierende ist. Nur erlaubt mir selbst das eben keinerlei Rückschlüsse auf mich. Es wäre gelogen wenn ich sagte „das, was er_sie_es (der_die_das andere in mir) da gerade fühlt_empfindet_wohl ausdrücken will, bin ich“. Das wäre auch nichts weiter als Imitation. Und zwar die „ihrer (Therapie-)Sprache“, von der sie wollen, dass ich sie spreche, um so diese „erste Person Singular“ zu werden in jener Identitätsstruktur, in der meine Rolle scheinbar die eines Zaungastes ist.

Und während der intellektuelle Therapiefortschritt mich dahin drängen soll, all das, von dem ich froh bin es endlich mal ab und an benennen_verorten zu können in dieser Struktur, als „das meine“ auszugeben (was gelogen wäre), erscheint mir der dazugehörige Körper als etwas immer mehr abstrakteres. Etwas fehlt, das da sein sollte. So wie „die Gefühle“. Und völlig gleich wie klar sich das alles für Außenstehende darstellen mag, sieht meine Realität so aus, dass ich permanent Indizienanalysen durchführen muss, um zu wissen „was gerade da sein sollte“. Nicht mal die Menschen, die ich kennen sollte, erkenne ich „in einem anderen Modus“ wieder. Mich selbst: nie. Nur die anderen in mir sind für mich zuweilen ersichtlich, erkenntlich.

Ich habe keine Ahnung von dem, was dieser Körper mir wohl sagen will. Friert er ? Kalt ist es dann, wenn die Finger nicht mehr richtig funktionieren. Nicht mehr das mühelos verrichten, was sie tun sollten. „Auch gut“ denke ich und verheimliche mir umgehend das offensichtliche. Sich bloß nichts anmerken lassen. Und dieses zwanghaft dichotome Denken in seinen Schwarz-weiß-Mustern sorgt dafür, dass automatisch jede Form der zu erreichenden „Achtsamkeit“ und der daraus resultierenden Selbst-Wahrnehmung, inhaltlich klingt wie „übertriebene Wehleidigkeit“, so wird es gewertet. Schmerz zeigen (ihn überhaupt haben) ist Schwäche. Auch so ein Glaubenssatz.

Auf jeden Fall habe ich mir jetzt sicherheitshalber ein Thermometer bestellt, das mir dann sagen kann, welche Körperempfindung in diesem Zimmer, in dem ich das hier gerade schreibe, wohl angebracht ist. Die Außentemperatur abzulesen, zu bemerken, dass der Heizkörper meistens erkaltet ist, das Fenster permanent einen Spalt weit offen steht und der Körper „irgendwas wohl gerade hat“ reichen mir eben nicht aus als Indikatoren. Und es erscheint mir als so dermaßen wohlstandneurotisch, mit welcher Nabelschau ich mich da gerade befasse. Doch das erschien es mir ja beim Thema „essen“ auch. – „Essen sie überhaupt etwas, so dünn wie sie aussehen?“ fragte die Amtspsychologin letztens, worauf ich sie dann fragte „Ich? Ich bin doch so dick?“. Und es war wirklich eine Frage, weil es für mich eben so den Anschein hat, ohne begründen zu können, weswegen.

Ich kann schon ahnen, wie die Sache mit dem Thermometer weiter gehen wird. Sobald es angekommen ist, werde ich es vor mir selbst irgendwo verstecken und mich, so wie heute morgen, lieber weiterhin fragen woher dieser diffuse Eindruck der körperlichen Steifheit nach dem Erwachen rührt. „Ist er wirklich da (der Eindruck)?“ wird der Kopf fragen.
Und weiter :“was ist da gerade los mit dem Körper?“, ohne darauf eine Antwort abzuwarten. Er denkt dann auch schon lieber an den einen verschrobenen Haudegen, den er mal bei einem dieser Helferjobs kennengelernt hatte. Ein ganz harter Knochen war das. Verständlich, wenn man seine Geschichte, die er im Vertrauen beiläufig erzählte, kannte. Als man mit ihm zu tun hatte, war gerade die Zeit, in der es Nachmittags schon dunkel wird und wegen der Kälte niemand mehr draußen sein wollte, wo er, immer noch mit einem T-Shirt bekleidet, meistens arbeitete. Auf die Frage nach seiner Bekleidung antwortete er immer :“Es wird noch viel kälter hier“. Hier im Norden. Womit er recht hatte und hat. Alles lässt sich immer noch steigern. So lange, bis eine Grenze erreicht ist und diese überschritten wird…

Das Thermometer jedenfalls wird solange unfrequentiert irgendwo verstaut liegen, bis der neue Betreuer hier sein Stell-Dich-ein geben wird. „Hier ist es aber kühl drin“ oder „kalt“ oder „frisch“ wird er sagen, und zur Kenntnis nehmen, dass meine Kleidung sehr dünn ist.“Es wird noch viel kälter hier“ werde ich sagen, und „Moment, ich hole das Thermometer“ um an ihm dann abzulesen, welcher äußerliche Faktor diesem subjektiven Adjektiv zugrunde liegt. Ob es denn angemessen ist, es zu verwenden, oder nicht. Woher sollte man auch sonst wissen, ob das was andere empfinden stimmig erscheint, wenn einem selbst das alles so fremd ist und bleibt.

Und dann werde ich die Zahl anschauen, die das Thermometer anzeigt und auch nicht wissen, was mit ihr nun einherzugehen hat, welche Art von Empfinden. – Waagen z.B. sind da wesentlich leichter zu verstehen, die sagen, mit jeder Zahl, die sie anzeigen, einfach immer: „zu viel“. Deswegen habe ich auch noch nie eine besessen. Reiner Selbstschutz. Man kann ja nicht wissen, wozu das einen sonst anspornen kann…



3 Gedanken zu “dokument #24

    1. Hey liebe Roxie_s

      ist überhaupt gar nicht doof.

      Vielen Dank dafür, das freut uns sehr , nehmen gerne teil 🙂 Euer Blog bedeutet uns ja auch sehr viel, von daher ist das was besonderes von euch nominiert worden zu sein. Fangen später gleich an zu antworten.

      liebe Grüsse, spiegelscherbenkind

      (Wenn Ihr Euch das nächste mal unsicher seid beim schreiben, rechts oben, wenn man auf „widgets“ klingt bei „kontakt“ kann man auch „so“ schreiben )

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  1. Hallo Spiegelscherbenkind,
    die Sache mit dem Essen erinnert mich, dass ich viele Jahre dachte, in mehrere Mägen zu essen, denn ich hatte nie Hunger aber einen Automatismus um gewisse Uhrzeiten essen zu MÜSSEN. So konnte ich die Nahrung kaum aufnehmen, stets wurde uns schlecht. Also zwei Bissen und dissoziieren, wieder zwei Bissen und der nächste Switch etc. Wundervoll im wahrsten Wortsinne, dass ich das nicht mehr habe. Das wünsche ich dir auch. 🙂
    Liebe Grüße
    „Benita“

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