dokument #23

„Lass es raus“, brüllt die Stimme des Erziehers von der anderen Seite der abgeschlossenen Tür mir entgegen…

Mit „rauslassen“ meint er wohl, dass ich aufgrund der Tatsache eingesperrt zu sein, gegen die Tür vor meinem Gesicht anschreie. Es sind schon lange keine Worte mehr, die ich da von mir gebe.

Die Worte verschwanden gleich als erstes, nachdem ich zu ihnen gekommen war. Es war sinnlos sie, dort wo ich nun war, zu besitzen. Aber da sie alles waren, was ich hatte, schloss ich sie ein in mir, versuchte sie so zu beschützen vor denen, die mich immer wieder einsperrten, schlugen oder anderswie bestraften, und dabei immer wieder behaupteten, dass es nur „zu meinem besten sei“.

„Das beste“ für mich war allem Anschein nach diese ganz spezielle Mischung aus grenzenloser Ohnmacht, unaushaltbarer Verzweiflung, tiefster Angst und körperlichem Schmerz, der ich dort beständig ausgesetzt war. Seltsamer Sadismus, der anderen so etwas antut. Ich werde ihn wohl nie verstehen.



„Ja, lass es raus“, brüllt die Stimme des Erziehers von der anderen Seite der abgeschlossenen Tür mir entgegen…

Trotz aller Kälte und Schärfe des Tons, hatte man doch immer auch den Eindruck, dass Genuss mitschwang in solchen Sätzen. Eine helle Aufregung, freudige Bestätigung. Seltsamer Sadismus, der mir immer fremd bleiben wird. Alls was ich weiß über ihn ist, dass er ein Feind ist. Das reicht mir.

Man sieht ihn aus den Augen und Gesichtszügen derer schimmern, die vorgeben nur ihre Pflicht zu erfüllen. Völlig gleich, welche Mittel ihnen jene Pflicht dazu in die Hand gibt. Die Kaltherzigkeit des Handels wird dadurch legitimiert, dass man sich auf etwas höheres beruft. Immer geht es um eine Form der „Ordnung“, die einzuhalten oberstes Gebot ist. Jede_r von ihr abweichende wird als ein Feind dieser Ordnung wahrgenommen, infolgedessen zu einem entmenschlichten Objekt degradiert. Es gibt nur „gut“ oder „böse“, „richtig“ oder „falsch“ usw. in dieser dichotomen Sicht.

Wurde jemand als Feind dieser Ordnung identifiziert, tritt jene automatisierte Pflicht in Kraft, die dem einzelnen Subjekt, das diese Ordnung vertritt, die Mittel in die Hand gibt, die Ordnung durchzusetzen, aufrecht zu erhalten. Koste es was es wolle.

Bei allem, das dann geschieht, wird sich darauf berufen „nur eine Plicht zu erfüllen“. Im Grunde weiß man gar nicht genau, was man da tut. Man fügt sich an eine Ordnung, die man nicht in Frage stellt, sie als Naturgesetz empfindet.

Und sollte es sich aus irgendwelchen Gründen so ergeben, dass“die Ordnung“ durch eine andere ersetzt wird, ist man all das später nicht gewesen,  was trotz aller „Pflichterfüllung“ immer noch die eigenen Taten sind.

Gründe zur Rechtfertigung dieser Taten, die das Antlitz der Unmenschlichkeit zeigten, gibt es immer unzählige, im Nachhinein. Aufrichtige Reue dagegen nicht. Die ist sehr selten. Seltsamer- oder besser gesagt: bezeichnenderweise begegnete sie mir in der Psychiatrie am häufigsten. Bei jenen Opfern, die daran psychisch eingingen und gehen, dass sie bei sich selbst die Ursache suchen, für das, was ihnen angetan wurde.



„Lass es raus“, brüllt die Stimme des Erziehers von der anderen Seite der abgeschlossenen Tür mir entgegen…

Meine Fäuste schlagen gegen die Tür, als ob das etwas bringen würde, und dann gegen die Wände, die immer alles hörten, doch nie etwas sagten. Was interessierte es mich, dass dabei die Finger kaputt gehen. Ich fühle sie nicht. Und schließlich ist es ja genau jene „Ausdauer“ in mir, die sie brechen wollen. Mich nicht mehr zur Wehr setzen, völlig gleich wie sinnlos es sich äußert, bedeutet, dass die eingesperrten Worte in mir sterben. Sie haben kein Recht dazu, sie zu morden. Auch wenn auf den Bildern ihres „gottes“, genau jenes mit solch uneinsichtig, widerspenstigen wie mir geschieht. Und sie nicht müde wurden mir jeden Tag, seit dem ich da war bei ihnen, einzubläuen, wie sehr ihr „gott“ mich dafür hasste, so zu sein, wie ich bin.

Die Logik dahinter war einfach : alles was sie taten, war „gut“ und „göttlich“, das setzte sie ins Recht. Alles was ich tat, war „böse“ und „schlecht“. Doch es lag nicht nur an den Handlungen. Denn wenn ich ihre übernahm, die Handgriffe nachahmte,sie imitierte, änderte sich nichts an den Vorzeichen.

War ich z.B. auf der Toilette und fasste mich dort, zwangsläufig, an jenen Stellen an, die andere bei kleinen Kinder nicht anzufassen haben, und sie sahen es, hieß es :“Schau mal, wo das kleine Schwein sich anfasst“. Dann zeigten sie mit dem Finger auf mich und waren in hellster Aufregung. Sie selbst waren keine „Schweine“, wenn sie mir dort hinlangten… Mich dazu brachten, sie dort auch zu berühren.

Das war der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen „einem Schwein sein“ und „meinem besten“…

Alles, was ich sagte war eine Lüge, behaupteten sie, und bestraften mich entsprechend. Völlig gleich, ob das was ich sagte faktischen Tatsachen entsprach oder ich die Worte übernahm, die sie mir in den Mund legten. Ich habe die Flexibilität ihrer „Wahrheit“ nie verstehen können. Entweder war ich nicht dumm genug dafür, oder es mangelte mir an Intelligenz. Ich kann nicht aufhören damit, mir diese Frage zu stellen, bis heute.

Und ihr „gott“ sah zu bei alle dem. Legitimierte ihre Taten, lieferte Mittel, Gründe und Rechtfertigungen. Ich fragte mich, woher sie ihn kannten…

Ich bin sehr früh immer schon davon gerannt vor alle dem. Anfangs flüchtete ich zu einem alten Mann am Rande des Dorfes, dem ich vertraute. Es gab niemanden sonst. Ich erzählte, wozu ich zu erzählen in der Lage war. Berichtete, wovor ich flüchtete. Jedes mal wurde ich mit der Ermahnung „doch dankbar zu sein, dass ich bei diesen Erziehern leben durfte“ zurück gebracht.

Diese „Dankbarkeit“, die stets von mir erwartet wurde, und der ich nie gerecht wurde, nie werden konnte, war das perfideste von allem. Sie wurde mir vom ersten Tag an, den ich dort war eingetrichtert. Ich war nämlich nicht das „richtige Kind“ dieser Erzieher, sondern „nur zur Pflege“ dort. Sie erzählten mir, dass man mich dort, wo ich vorher war, nicht gewollt hätte und ich glaubte es ihnen.

Erinnerungen an dieses „vorher“ hatte ich keine, dafür war ich zu klein. Und von all ihren sexuellen, körperlichen und emotionalen Misshandlungen schmerzte keine so sehr, wie dieser mir eingetrichterte Satz :“sie wollten Dich dort nicht“, auf den stets die Ermahnung folgte „ihnen nicht dankbar genug zu sein dafür bei ihnen zu sein“.

Doch ich hörte nicht auf damit zu schreien, wenn sie mir Schmerzen zufügten, statt „Danke“ zu sagen. Und jedesmal, wenn es mir gelang, flüchtete ich, satt mich ihrer Haft zu beugen, sie einzusehen.

Nur bei manchen sexuellen Dingen, dachte ich zuweilen, dass sich so wohl „Wärme“ anzufühlen hat…ich war ein Kind, und es war die einzige Form der „Nähe“, die ich kannte. Doch wenn ich diesen Gedanken weiter denke, sehe ich auch, woher er rührt. Oder genauer gesagt : ich sehe gerade nicht, wie er in mich hinein kam. Ich sehe nur „die Schatten“, die um mich herum stehen und dass meine Beine nach ihnen treten, und dass ich wohl schreien muss…dann wird es sehr dunkel, tiefstes Schwarz. Und Jahre später wache ich auf.

Der Psychologe meint, ich solle da nicht weiter nach fragen im Moment, nach all den schwarzen Löchern in mir. Das würde ich noch nicht verkraften. Und ich weiß ja, dass es stimmt. Manchmal, wenn Therapeuten (oder solche, die sich dafür halten) einen kleinen Schritt zu weit gehen, kann es passieren, dass ein abgespaltener Teil in mir aufplatzt, einen Riss bekommt. Dann dreht sich alles und ich hänge fest in eingebrannten Bildern. Mein Körper tut dann Dinge und zeigt Reaktionen, auf die ich keinen Einfluss habe. Ich erzähle abwesend, mit fremder Stimme, was ich da sehe. Einzelne Worte, keines davon schön.

So eine multiple Persönlichkeitsstörung ist ja in erster Linie ein Schutzmechanismus, der aus sehr frühen, sehr anhaltenden Traumata entsteht. Ich kann das Ausmaß bei mir selbst nicht abschätzen. Als durch die Konfrontation damit in Therapie immer davon mehr ans Tageslicht kam, muss das sehr sonderbar für den Einzelpsychologen gewesen sein, welcher Anblick sich ihm da bot. Ich weiß, dass ich da vor ihm sitze, sich alles dreht und einer“der anderen“ in mir fragmentarisch schildert, was er da gerade vor, oder in, sich sieht. Ihm muss sehr schwindlig sein, das spüre ich, und es geht ihm wohl recht nah, stellt viel mit ihm an, löst viel bei ihm aus. Dem „anderen“.

Und während er das tut, dem Psychologen erzählt, betrachte ich die Maserung der Tapete am Fenster. Ich mag solche Muster, die auf den ersten Blick völlig unwillkürlich erscheinen. In ihnen gibt es viel zu entdecken. Ich habe sie immer schon sehr gerne betrachtet, so lange, bis sie zum Leben erwachten und mir Geschichten erzählten, anhand der Bilder, die sie enthalten.

Und während der andere da sitzt und dem Therapeuten von den Bildern erzählt, die er da eben sieht, entdecke ich plötzlich in dem Muster der Tapete, ganz klar und deutlich, einen Fuchs. Und Füchse mag ich sehr. Ihn dort zu sehen ist eine sehr bedeutsame Entdeckung für mich. Und da ich langsam auch genug von dem anderen habe, von seinem schwindlig-sein und seinem stammeln, springe ich auf und nach vorne und teile dem Therapeuten ganz aufgeregt mit, was ich da sehe.

„Da ist ein Fuchs“ rufe ich. Der überrumpelte Therapeut fragt „Wo?“. Und ich deute auf die Tapete und sage „Da!“, und ein wenig ist es mir auch peinlich, weil es eben nur die Tapete ist und kein echter Fuchs mit rotem Fell. Aber auf jeden Fall bin ich wieder „da“ und wir können über Füchse sprechen.

Ich habe keine Ahnung von dem, was der andere dem Therapeuten noch vor ein paar Sekunden schilderte. Das ist das sonderbare daran, wenn man sich einen Körper teilt. Man weiß nie wirklich, was die Person, die vor einem sitzt alles „davon“ sieht. Wie sich das darstellt, was da passiert. Aber der Psychologe gibt einem nicht dieses Gefühl, damit überfordert zu sein oder einem dabei nicht folgen zu können wenn man plötzlich wieder da ist und über etwas vollkommen anders spricht als der andere. Er lächelt nur und sagt „ich dachte schon da draußen auf der Strasse sei ein Fuchs“.

Vielleicht ist da ja jetzt „der andere“, draußen auf der Strasse, ich weiß es nicht…

Manchmal, oder sehr häufig, wenn man „die anderen“ nicht spürt, nicht weiß, wo sie gerade sind, denkt man auch, dass man sich „das alles“ nur einbildet. Dass es an „dem Willen“ liegt so zu sein, dass man „so“ ist. Das ist dann ein sehr schädlicher Gedankengang, der sehr viel Druck erzeugt, gefälligst „normal zu sein“, sich „nicht so anzustellen“. Meist artet er in sehr dysfunktionalen Dingen aus, weil man sich Sachen zumutet, oder sich eben solchen stellt, für die man noch nicht bereit ist.

Doch in der Regel reicht es dann schon aus, sich zu fragen, was genau man aus der jüngsten Vergangenheit denn noch erinnern kann. Und wie viel davon denn nichts mit Depersonalisation etc. zu tun hat… Nicht sonderlich viel.



„Ja,lass es raus“, brüllt die Stimme des Erziehers von der anderen Seite der abgeschlossenen Tür mir entgegen…

Dass sie mich auf diese Art und Weise, ohne Vorspiel, in diesem Zimmer eingesperrt hatten war neu. Normalerweise riegelten sie nur die Etage ab hier unten, wo ich schlief, so dass man nicht aus dem Haus kam. Zumindest dachten sie das. Doch ich war clever und ausdauernd, wenn es darum ging Auswege zu finden.

Ein Weg heraus führte ganz durch den dunklen Keller hindurch. Dafür brauchte man viel Achtsamkeit, denn alles dort war äußerst hellhörig. Das leiseste Geräusch konnte einen verraten. Die Holzbalken, auf die man auf dem Weg durch den Keller treten musste, ächzten und knarren schon bei der zartesten Berührung. Man musste den Fuß ganz sanft und vorsichtig, in Zeitlupe, auf jeden Balken setzen, so dass kein Ton dabei entstand.

Nach einiger Zeit wusste ich genau, wo auf jedem einzelnen Balken die Stelle war, die die wenigsten Laute produzierte. Man brauchte viel Körperbalance und musste gleichzeitig auch nach oben lauschen, dass sich dort nichts regte. Hätte sich dort etwas geregt, hätte das geheißen, dass sie einen gehört hatten und nun runter kommen würden. Einen dort entdeckten, wo man gerade war und nicht zu sein hatte. Sich das vorzustellen war unvorstellbar. Also ließ man es bleiben und lauschte lieber angestrengt nach den Geräuschen, die man auszulösen hatte.

Das Lauschen dort im dunklen Keller war gar nicht so einfach. Das lag an den Ratten. Sie liefen dort nämlich herum und man durfte sich nicht von ihnen erschrecken lassen, was dazu geführt hätte, dass man schnellen, verräterischen Bewegungen nachgibt. Man musste also unterscheiden, welche Geräusche von den Ratten dort unten herrührten, und welche wohl von oben kamen.

Diese Ratten. Sie waren eine sonderbare, penetrante Gesellschaft. Selten bekam man sie direkt zu Gesicht. Aber man hörte sie ständig, wenn man dort unten alleine war, wie ich. Nachts liefen sie immer durch die Wände, nagten wohl einen Tunnel genau dort entlang, wo ich schlief. So hörte es sich an, über und neben meinem Kopf.

Doch man konnte sich auch auf sie verlassen. Denn sobald einer der Erzieher von oben im, Anmarsch war, stellten sie augenblicklich ihre ansonsten nie aufhörende Beschäftigung ein und flüchteten. Sie mussten die Erschütterung wohl spüren, denn immer erst, wenn sie schon fort waren für den Moment, hörte man den Klang der Schritte.

So ging das dreimal jede Nacht. Die Ratten verließen meine Nähe, die ihnen nichts bedeutete, schlagartig und die Erzieher kamen nachsehen, ob man schlief und noch an Ort und Stelle war.  Da ich nur nachts aus mir raus kam, den kleinen in mir spielen ließ, war ich auch wie eine dieser Ratten. Denn sobald man die Erschütterung von oben ahnen konnte, verschwand man augenblicklich, und das möglichst leise. Schnell zurück zur Schlafstelle und sich dort schlafend stellen. Hörte man die Schritte hingegen schon, war es schon zu spät, denn dann war man ja, aufgrund der Hellhörigkeit, auch hörbar. Das wäre dann augenblicklich bestraft worden.

Weiter hinten im Keller, waren die Ratten jedoch eine Störquellen ein unkalkulierbares Risiko. Man konnte sie ja nicht sehen, dort in der Dunkelheit, nur hören, wie sie vorüber huschten. Manchmal scheuchte man eine direkt vor sich auf, die dann in die Finsternis davon rannte. Wer kann schon wissen, ob es eine Ratte interessiert, was sie dabei umwirft. Da nützt die eigene zeitlupenhafte Vorsicht wenig, mit der man versucht, durch das Dunkle zu kommen, ohne dabei versehentlich gegen einen Gegenstand zu stoßen.

Es gab zwei Biegungen dort unten, an denen man vorbei musste, dann traf man am Ende des Ganges auf eine Tür, mit einem jener Schlösser, die ich mit dem Draht eines gestohlenen Bügels aufschließen konnte. Mit ein wenig Übung war das gar nicht so schwer. Das einzige Problem war nur, dass man das Türschloss ganz langsam, in einer fließenden Bewegung umdrehen musste. Tat man das nicht und ließ es stattdessen „springen“, weil man es zu schnell gedreht hatte, gab es einen lauten, metallischen Ton von sich, dessen Echo sich in den Gängen verstärkt.

Das sind schon sehr seltsame Kindheitsbeschäftigungen. In der Dunkelheit eines Kellers, beobachtet von Ratten, sich selbst das Schlösser knacken beibringen und dabei so still sein wie möglich, so als wäre man inexistent. Seltsam auch, dass man keine Erinnerungen daran hat, was wohl tagsüber und abends war, wenn die Erzieher noch wach waren. Nur das Lauschen in die Stille, aus der kein Geräusch kommen darf. Und das sich-totstellen, wenn sie nachts zur Kontrolle kamen.

Hinter der Tür lag die Freiheit. Die Nacht, der Mond und die Luft. Die leeren Strassen, das Flüstern der Bäume und ich. Und die sonderbaren Irren des Dorfes, die nur nachts heraus kamen, und ihren Beschäftigungen nachgingen, und von denen keiner wusste, woraus diese bestehen. Doch sie sprachen ja nicht und sahen einen auch nicht an, wenn man ihnen zufällig begegnete.

Die Säufer konnte man getrost ignorieren. Von denen ging keine Gefahr aus. Sie stolperten blind durch die Nacht, führten dabei zusammenhangslose Selbstgespräche und waren so von weitem schon zu hören. Nie bekam mich einer von ihnen zu Gesicht. Ich sah ihnen aus den Schatten heraus zu, in denen ich ihrem Blick verborgen war. Sie setzten ihre Schritte so, als ob sie über Glatteis gingen. Stammelten dabei Satzbrocken an Geistern, die es gar nicht gab. Sie konnten nicht ahnen, wer sie da gerade alles aus den Schatten heraus betrachtete.

Ich freundete mich mit einer Katze an. Sie war Nachts ebenfalls dort draußen unterwegs. Zuerst bemerkte ich sie, ganz hinten, am Ende des Weges, in dem ich mich meistens aufhielt. Sie lief dort herum, wo hinter den verbotenen Häusern, in denen die „bösen Menschen“ wohnten, die „schwarzen Bäume“ begannen und ich mich, auch tagsüber, nie traute hinzugehen. Es war der kälteste, dunkelste Ort, den ich kannte. Sogar die Luft schien dort nach einem zu greifen. Sie war sehr feindselig, und wollte sich tief in einem festsetzen, einen so in die Dunkelheit dort zerren, die einen dann verschluckte. Ein Haus stand dort für sich alleine, in dem ein abgeschlossener Kreis lebte. Man sah sie sehr selten außerhalb des Hauses. Ich setzte keine Fuß in diese Richtung, das gelang mir nicht. Aus irgendeinem Grund wusste ich wie im Inneren dieses Hauses der dunkle Gang des Flurs aussieht. An ihn konnte ich mich erinnern, ohne zu wissen weswegen.

Die Katze ging dort hinten lautlos und stolz ihrer Beschäftigung nach, während ich auf der kalten Treppe eines stillen Hauses saß und den Mond betrachtete. Der Mond war der einzige von dem ich den Eindruck hatte, dass er „mich“ sah. Der einzige, der mich nicht ablehnte und dem ich keinen Dank schuldig war.

Wenn ich sehr weit weg lief, mit dem Plan nicht wieder zurück zu kommen, blickte er auf mich herab von dort oben, sagte nichts und leuchtete den Weg. Es ist heute immer noch so, dass wenn ich weglaufen muss, vor dem, dass ich nicht aushalte,  weglaufe, weil das für alle Beteiligten das beste ist, ich paralysiert dort hin renne, wo ich für mich alleine aus der Dunkelheit heraus den Mond anstarren kann, der das einzige dann ist, das ich noch sehe. Ansonsten nichts als Nebel und dissonanter Lärm, der die Ohren betäubt. Und „die Stimme“ des anderen, die sagt…

Wenn ich ihn den Mond dann lange genug anschauen kann, wird alles wieder still und ruhig und klar und pendelt sich ein. Der Nebel verzieht sich und die Dissonanz verblasst zu einer weit entfernten Vorstellung. So lange, bis ich wieder aufstehe und dorthin zurück gehe von woher ich wohl kam. Dann beginnt der Lärm von neuem und das Weltgeschehen verschluckt mich, wie ein Chamäleon ein Insekt, das von seiner ausgeschossenen Zunge geschnappt wurde…

Es schien so, als ob durch die nächtliche Strasse eine Grenzlinie verlief, anhand der sie zwischen der Katze und mir aufgeteilt war. Ich verspürte nie die Absicht in ihre Richtung zu gehen. Die zufällige Parallelität unseres eigenen Tuns reichte aus um ein Einverständnis entstehen zu lassen, das uns co-existieren ließ. Jeder für sich und nebeneinander, so wie es ist im Leben.

Irgendwann begann es dann, dass sie, unmerklich erst, näher kam, die unsichtbare Grenze überschritt. Es war immer noch ein gutes Stück, das zwischen uns lag, doch langsam schrumpfte es. Eines Tages saß sie am Fusse der Stufen und schaute zu mir hinauf. Der Mond über uns hatte seine Scheinwerfer auf das Weiß ihres Felles gerichtet. Ich ging nie davon aus, dass sie eine andere Absicht in sich trug, als die, einer Natur zu folgen, die auch dem leisesten Klang unserer Schritte inne wohnt, wenn sie uns tragen, ohne Ziel. Nur aus Lust daran, sich zu bewegen.

Am Tag, als sie die Stufen zu mir hoch, aus einem Ruck heraus, erklommen hatte, umkreiste sie mich einmal, schaute sich an, was hinter mir verborgen lag und verschwand wieder in den tiefen der Nacht. Von da an setzte sich nachts immer neben mich. Kam, sobald ich die Stufen erreicht hatte, aus ihrer Welt in meine Nähe. Es hatte den Anschein, sie erwartete mich. Sie wurde gesprächig und ich begann von dem Geld, das ich stahl, da ich ja keines besitzen durfte, ihr Leckereien zu kaufen.

Es ist so merkwürdig im Nachhinein, in Anbetracht all der Menschen, die so im Laufe dieses Lebens kurz in meine Existenz hinein geschnuppert haben, sie markierten, oder gleich wieder fallen ließen und ausnahmslos alle nun verschwunden sind. Doch wenn die Ruhe, die es braucht zum Denken da ist und sich im Kopf auch nichts dreht und mir das Wort „kennen lernen“ einfällt, denke ich stets daran, wie ich dort im Mondlicht auf der Treppe sitze und nach und nach zu einem Teil des Kreises wurde, den die weiße Katze um sich zog. All diese Zeit, die es braucht, sich einander anzunähern. Mit keinem Menschen ist mir bisher ähnliches gelungen.
Nicht mal mit mir selbst.


„Ja, lass es raus“, brüllt die Stimme des Erziehers von der anderen Seite der abgeschlossenen Tür mir entgegen...

Und die eigene Hand schlägt und schlägt und schlägt gegen diese abgeriegelte Tür, und dann gegen die stummen Wände. So lange, bis die Hand das nicht mehr kann, weil sie kaputt gegangen ist davon. Und der Mund gibt Schreie von sich, in einem Ton, der schon lange keine Worte mehr enthält, deren Nutzen nie vorhanden war. Wie ein Fuchs in einer Bärenfalle, der sich das eigene Bein abnagt, um ihr zu entrinnen, scannt der enge-weite Blick die Möglichkeit der Auswege. Nur raus aus alle dem.

Und auf der anderen Seite der Tür, hat sich unüberwindbar etwas aufgebaut, das man niemals umstoßen kann. Und all das nur zum eigenen Besten. Ein seltsamer Schutz ist das, der dazu führt, dass man vor dem so ausgelösten in sich, nicht mehr beschützt werden kann, sondern ihm ausgeliefert wird. Wie in einer Gladiatorenarena.



“ Ja, lass es raus“..

„Es“ wäre nie da rein gekommen, wenn der Erzieher nicht gewesen wäre… Vielleicht hätten sie einen zusätzlich noch ans Bett fixieren sollen. Vielleicht wäre das ja die durchschlagende Hilfe gewesen „es“ zum implodieren zu bringen. Auf dass es an sich selbst erstickt. Doch das wäre wahrscheinlich zu unspektakulär gewesen, zu unbefriedigend. Hätte dem seltsamen Sadismus nicht ausreichend Gelegenheit geboten sich entladen zu können…Ich weiß das gar nicht, ob man ihn „heiß“ oder „kalt“ nennen soll.

Irgendwann später schlug ich zurück. „Was Hände alles können“ dachte ich da. Es war mit einem male so still, wie es das noch nie zuvor gewesen war, als der Erzieher dort vor mir auf dem Boden lag. Dabei war es kurz zuvor schon wieder so unerträglich schrill und grell gewesen. Als die an mich gerichteten Schreie und Beschimpfungen dazu genutzt wurden, den entsprechenden Energielevel zu erreichen, um auf mich losgehen zu können. Was Menschen alles tun, um in Stimmung zu sein.

Von da an traute er sich nicht mehr, mir körperlich nahe zu kommen. Hielt sich an einen Sicherheitsabstand von mehreren Schritten. Beschimpfte mich dann eben von dort aus. Nahm unwillkürlich jede äußerliche Sichtbarkeit als Indiz in ein Plädoyer auf, das keinen Sinn ergab, noch nie ergeben hatte. Trat ich einen Schritt auf ihn zu, trat er diesen zurück, so feige war er. Es war ein lustiges Spielchen. Seinen Worten ohne Nutzen hörte ich schon lange nicht mehr zu. Sie gingen durch mich hindurch, als wären sie Wind, der alles fortweht.

Kinder werden so lange gequält, geschlagen und misshandelt, bis sie sich körperlich zur Wehr setzen können. Darauf dann angesprochen was das vorher sollte setzt das (oftmals selbstmitleidige) Rechtfertigen ein. Das sich raus reden. Die „zu ihrem eigenen besten“-Rhetorik. Und wenn sich etwas zeigt im Dialog, das sich vordergründig tarnt als Reue, als ein „nicht wissen wollen oder können was da geschehen ist“, so ist es doch nichts weiter als uneinsichtige Feigheit, die da spricht und keine Reflexion des eigenen Handelns.

Denn dem Grund dafür, dass „es“ beendet wurde liegt keine Einsicht zugrunde, die eine Änderung in Gang setzen würde. Es ist nichts weiter als die Feigheit davor, dass der Gequälte körperlich in der Lage dazu erscheint sich wehren zu können. Wo liegt sonst der Unterschied darin bei Jenen Kinder misshandeln zu können, körperlich Herangereifte jedoch nicht mehr ? Es gibt nicht einen Punkt in ihrer Argumentation der „kindlichen Formbarkeit“ und all dem anderen , der ihrer Gewalt als eine entwicklungsförderliche „Wohl-tat“ begründen kann. Nicht einen. Gewalt ist niemals legitim. Das kann sie ihrem Wesen nach nicht sein. Nur in einem rückwärts gewandten Zivilisationsprozess kann sie es werden.

Es ist diese Gewalt, zu der sie mich brachten, sie in mir einpflanzten, heraus lockten, die mir Angst macht, bis heute. Ich habe sie gesehen und kann sie nicht vergessen. Sie hat mich gespalten. Und so wie einst die Erzieher (und die Schatten) meine körperliche Unversehrtheit immer wieder verletzten, so setzte es sich fort all die Jahre. Nur, dass dazu (meist) niemand anderes mehr notwendig war, außer mir selbst. Und die anderen in mir.

All die Schläge gegen den eigenen Kopf. Die Schnitte, Verbrennungen und alles weitere, das nur das eine Ziel kannte : „es“ oder „ihn“ in mir zu töten. Den anderen Teil. All die Jahre der Vernichtung.

Die Psychologin sitzt mir gegenüber, während der Kopf sich, samt dem ganzen Zimmer, unaufhaltsam dreht. Ich starre ins Nichts und den Nebel. Alles was ich sage ist „Ich sehe mich da stehen, blutüberströmt. Es ist mein eigenes..“ Sonst nichts. Und als es aufhört sich zu drehen und „ich“ wieder da bin, was häufig auch sehr schnell passiert, bin ich jemand anderes. Unendlich hilflos mit all dem Abgespaltenen und Selbstständigen da drin in mir, von dem ich nichts weiß, es nur ahnen kann…

„Lass es raus“ brüllt die Stimme….


2 Gedanken zu “dokument #23

  1. Hallo spiegelscherbenkind,

    fehlen uns etwas die Worte auf so etwas unaussprechbares angemessen zu reagieren. Die Worte können ja nur wenig von dem an das Licht transportieren, wie es damals empfunden wurde.

    Wünschen Euch mit diesem Innenleben einen lebbaren Weg für Euch zu finden. Auch verlässliche Wegbegleiter/innen die da sind wenn es nicht mehr weiterzugeht.

    Wir selbst haben früh erkannt, dass wir kein Fehler auf zwei Beinen sind, sondern wir einfach ausgeliefert sind. Es gab Durchhalteparolen im Kopf, die Alles wegfegten. Danach irgendwann die Rückkehr in den Körper. Wir lernten das nicht schreien oder wehren das Leiden verkürzt. Da hat er den Spass schneller verloren, wenn es scheinbar nichts mehr zu brechen gab.

    Hoffe wir haben nicht zuviel von uns erzählt.

    l.g. sternenstaub

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo sternenstaub,

      Danke für die Worte. Für alle. Auch wenn wir nicht immer antworten, lesen wir sie. Fällt oft schwer die richtigen festzuhalten als Antwort bei allem, das spricht (sprechen will) und dann passieren die Tage und wirbeln sie weg…

      Können nicht einschätzen, ob Ihr zu viel erzählt habt, in welchem Bezug. Uns nicht.

      Ja, diese „Durchhalteparolen“ um Kopf…das ist bei uns gerade ein starker Kampf, weil die Therapie gerade erwartet, dass wir an die Zeit anknüpfen lernen, wo sie uns durch den Tag ( das „Leben“) gebracht haben. Dass wir daran erkennen, was wir alles können…doch das war man ja nicht selbst. Und ständig platzte es auf.

      Das gute an der Diagnose DIS ist, dass nachdem sie bei uns offiziell wurde, man das erste mal denken konnte „es hat wirklich Spuren hinterlassen, sie waren Täter…und das ist kein „sich dran stellen“.

      Gute, professionelle Hilfe ist fast sogar da. Man muss nur gerade weiter durch die Ämter gehen, diesen langen Weg…Da kommt es einem dann zugute, dass man denkt, man macht das alles „für ihn“ (den man früher davor beschützte), das macht einen ausdauernd. Auch wenn man genau dieses „dissoziieren“ bleiben lassen soll und stattdessen behaupten soll es wäre dieses „ich“, das das tut. Aber das wäre gelogen, das zu behaupten, also tun wir es nicht.

      Alles Gute Euch 🙂

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