dokument #20

Und manchmal ist es so, dass einem alles, das man glaubte „darüber“ zu wissen, wie ein weit entfernter Traum erscheint. So wie ein Buch ohne Sinn, von dem nichts hängen blieb, das man irgendwann einmal gelesen hat.

Alles, woran es sich aufhing, ist fort und verschwunden. Man erwacht in frischer Schlangenhaut. Wie eine Leitung, die man kappt, ist das Vorherige abgetrennt, mit dem man so verbunden war. „Das muss wohl jemand anderes gewesen sein“, der gestern stundenlang versuchte, mit professioneller Hilfe, etwas zu bewältigen, woran es im Alltag oft scheitert, könnte man meinen. Doch man weiß nicht einmal mehr, was gestern war und was man versuchte. Ja man weiß nicht einmal mehr, dass gestern überhaupt war.

Und man ahnt noch nicht einmal, was genau gerade alles fehlt, von dem, das man wohl wissen sollte über sich. Jeglicher Bezug zu den eigenen Erfahrungen ist weg. Nichts ist geblieben, woran man anknüpfen könnte. Weißes Papier. Vage spürt man, dass irgendetwas wohl fort ist. Abgefallen, wie eine reife Kastanie. Man hat den morgentaufrischen Eindruck, dass es besser so ist und erleichternd dazu.

Irgendwo durch den Raum schwebt klein wie eine Motte, transparent, dieser eine, ganz bestimmte Begriff. „Soll er doch aus dem offenen Fenster davon flattern. Raus aus der Stadt, vorbei an den Milch- und Honigfabriken.“, denkt man sich „ganz weit weg soll er sein.  Denn hier ist erm allem Anschein nach, falsch, vollkommen deplatziert. Ganz sicherlich…“.

Natürlich weiß man nicht, dass er gerade jetzt am kennzeichnendsten ist. Dieser Begriff der totalen Entfremdung. „Das muss wohl jemand anderes sein, der damit zu tun“, denkt man sich, und wundert sich nicht einmal darüber, dass man ein Mensch ohne Vergangenheit ist. Viel mehr noch als sonst. Kein „gerade eben“, kein „gestern“, absolut keine : Vergangenheitsform. Keine Information, ist mehr übrig, aus der man ableiten könnte, wer man wohl selbst gerade ist. Sogar die sonst übliche „nicht der, der…“-Methodik ist deinstalliert.

Doch in einem solchen Modus interessiert das einen nicht im geringsten.

Man sieht die Zettel nicht, auf die man am Vorabend schrieb, was zu tun ist. Man hat die Schwierigkeiten nicht, die jemand anderes in diesem Körper an den Vortagen, und überhaupt: alle Zeit, hatte. Usw. usf., und würde jemand fragen, wäre alles gut, so wie es ist.

Doch es ist niemand da, der solche Fragen stellt. Und selbst wenn da jemand wäre, zu dem man Bezug, aufgrund einer Bekanntschaftsstringenz, haben sollte, man würde sich gegenseitig nicht kennen. Nicht mehr. „Das muss wohl jemand anderes sein, von dem er_sie da gerade spricht“, würde man meinen…

Man weiß nicht mehr, dass man den Großteil des gestrigen Tages damit verbrachte, sich nicht zu verlaufen_zu verfahren, während man zur neuen Betreuungsstelle unterwegs war. Dass man alle Kraft und Aufmerksamkeit, die einem zur Verfügung steht, darauf bündelte, dass man nicht die Orientierung, und vor allen Dingen :“sich selbst“ aus den Augen verliert. So wie es meistens geschieht.

Denn die Erfahrung zeigt, dass dem fast immer so ist. Völlig gleich, wie sehr man sich auch vorbereitete, wie viele Wegpläne man sich im Vorfeld schrieb und dann auch dabei hat. Etwas setzt aus, wenn es darum geht ein örtliches Ziel zu erreichen. Zeit und Raum sind verschwunden. Und all den externen Reizen ausgesetzt, die auf diese ganz spezielle Art der Wahrnehmung einprasseln, switcht man in einen Modus, der keine Verknüpfungen mehr herstellen kann, zwischen dem, was er darüber aufschrieb und nun anschaut, und dem, woran er sich in der Umgebung anhand dessen, das er so ableiten könnte, zu orientieren hat. Alles wesentliche verliert sich auf dem Übertragungsweg, den die Information nimmt. Wird fehlgeleitet, verzerrt. Nichts weiter als Überfrachtung und Flimmern, Flackern und Zischen.

„Sie sollten wie ein Pfadfinder, mit einem Plan in der Hand, lernen, sich auf den Wegen und in den Strassen zu orientieren“, sagt der Psychologe dazu. „Hinein in die rein sachliche Informationsebene. Und dort dann versuchen zu bleiben. Die Namen der Strassen mit dem Plan in ihrer Hand abgleichen, statt sich in dieser inneren Bildebene zu verlieren. Was nehmen sie wahr unterwegs, wenn sie so zu einem Termin unterwegs sind ?“

„Das erste versuche ich schon. Jedes Mal mit allen Mitteln. Man geht den Weg sogar schon am Vortag ab, damit der Körper ihn kennt, ihn so vielleicht „blind“ wieder findet. Wie er so vieles „blind“ tun kann und tut, wenn er denn darauf programmiert ist dies und jenes entsprechend zu tun“ entgegnet man. „Das macht der dann ganz von alleine, egal was ist, und wie lange es ist…“man selbst“ kann dabei vollkommen woanders sein. Und man ist es ja meist auch“, fügt man hinzu, so als wäre das was man schildert, das normalste der Welt. Man kennt es nicht anders.

„Und das zweite…weiß „ich“ nicht….„ich“ weiß es einfach nicht. Man hat den Eindruck klar und zielgerichtet zu sein, doch es funktioniert ja stets nicht…und was man „wahrnimmt“ währenddessen, weiß „ich“ nicht. ..“Ich“ weiß es einfach nicht“, fährt man fort und sitzt da. Betrachtet jemanden, der man wohl selbst ist da draußen. Jemand, der unterwegs ist wie ein ferngesteuerter Roboter, der auf ein Ziel programmiert wurde, dessen Herkunft „externe Erwartung“ genannt wird. Doch etwas geschieht jedes Mal, dass seine Schaltkreise durchbrennen lässt..

Da steht er, betrachtet die Skizze in seiner Hand und das Objekt genau vor ihm, welches sie darstellt. Jetzt muss man es nur in den räumlichen Kontext so richtig einsetzen, dass die Himmelsrichtungen, sowie die räumliche Anordnung ind ihre Verhältnisse zueinander, übereinstimmen. Dadurch erfährt man, in welche Richtung der nächste Schritt zu setzen ist. Doch etwas setzt aus, obwohl man glaubt die richtungsweisenden Fixpunkte zu erkennen…und irgendwann später bemerkt man, dass man an einem komplett anderen Ort und natürlich zu spät ist…

„Sich orientieren zu können, vermittelt einem den Eindruck der Sicherheit“, sagt der Psychologe weiter. Und man denkt an die „innere Landkarte“, die man so gerne von „den anderen“ und den dunklen Flecken in sich da zeichnen will. Zeichnen muss…denn „all das“ ist, aus dem Körper heraus übertragen, vollkommen räumlich ….

Und in diesem weit entfernten gestern, da übte man genau das: sich orientiern, um so herauszufinden, ob das denn zukünftig funktionieren kann und wird mit dem Zersplitterten und dem Weg, den er zur Hilfe, bewältigen muss. Eine stundenlange Odyssee, von Punkt A nach Punkt B. Und all den verlorenen Stationen und Posten dazwischen…

Der neue Betreuer hielt fernmündlich- und schriftlich Rücksprache nach den Fortschritten. Und ohne sein beharrlich-sachliches Dirigieren und Anleiten, wäre man mehr als einmal, da draußen, verloren gewesen.  Im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne jeglichen Bezug zu sich selbst und der Umgebung. Depersonalisiert, dissoziiert, dekonstruiert, determiniert auf das Vergebliche  …nur Reizüberflutung und örtliche Merkmale, die man noch niemals gesehen hat. Obwohl das letzte nicht stimmt, aber ein „erkennen“ ohne „entsprechende Zuordnung“ ist nichts weiter als ein Déjà-vu-Erlebnis. Oder eine Jamais-vu-Situation. Je nach Verfassung.

Doch das war gestern. Und es muss jemand anderes gewesen sein, der all das erlebte, durchstand. Denn gerade jetzt und heute ist nichts davon übrig. Und all die inneren Reflexe, die einen selbst nicht erkennen lassen, wieviel mal gerade wieder „von einem selbst“ so alles fehlt, die greifen. Die geübten Zahnräder knirschen auch nicht, so gut sind sie gepflegt und in Schuss. Wahnsinn, was man sich selbst alles vormachen kann. Erst durch das Protokollieren-müssen in der langen Klinikzeit fiel das ganze Ausmaß auf. Die stotternde Blindheit auf all die Fragen, was man in der allerjüngsten Vergangenheit denn so getan hat.

„Ich weiß es nicht….es war Donnerstag und ich ging hinaus, über das Feld, wo all die Krähen sind…..und dann…Dann ist Sonntag. Und dazwischen….“ – Nichts als schwarz und grau und dunkelblau, und weiss mit all seinen blendenden Schatten. Doch das auch nicht wirklich. Im Grunde nichts weiter als : nichts.

Wer ist „man“, wenn „man nicht ist“ ? Man sollte bezahlt dafür werden lebendiges Anschauungsobjekt für Philosophie-Grundkurse zu sein, statt herum zu laufen und sich immer wieder in konstruierten Identitäten wiederzufinden, die einem selbst nicht entsprechen, weil man vergaß, wer einem statt da wohl gehandelt haben muss („das muss wohl jemand anderes gewesen sein…“), dass es in so etwas mündete. Wobei „konstruieren“ noch ein aktiv-handelndes Verb ist. Eines, dem man unterstellen kann, aus sich heraus entsprechend zu agieren. In der Wirklichkeit ist es meist anders. In fast allen Fällen… so weit man „von sich“ sprechen kann.

I looked in the mirror

trying to see

what it was

they had killed in me*

Doch das gestern ist fort, heute. Nichts, das von ihm übrig blieb. Heute ist man jemand anderes, und es besteht keinerlei Verbindung zwischen Punkt A und Punkt B. Man tut Dinge, von denen man nicht mehr weiß, dass sie einem schwer fallen, beinahe schon unmöglich sind. Man handelt als jemand anderes, der sich selbst nicht mehr kennt.

Und irgendwann im Nachhinein, wenn so ein Zustand wieder vorbei ist, denkt man, vielleicht ist das das schlimmste daran, auch wenn es sich währenddessen völlig gegenteilig anfühlen mag, „jene Phasen, in denen man sogar vergisst, was man gerade nicht weiß über sich. Bzw. wer genau man gerade nicht ist“. Wenn alles entfernt ist, woran man anonsten versucht anzuknüpfen, um das fragmentierte zu einen.

Und genau so wie das Wort einen im Satz da zuvor so ist „es“. Denn es kann sowohl die Grundform eines Verbs bezeichnen, als auch den 4.Fall eines Nomens, woran sich dann, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die Frage anknüpft „wen oder was wollen sie einen?“ Und genau das ist so schon schwer genug mit „den Zerstreuten da in sich“, die man oft sogar benennen kann….da braucht es nicht noch jene, die all die Anstrengungen, die das kostete, vergessen.

Doch sie sind da.

….und um irgendwann als Antwort auf die Frage „wen oder was“, „mich“zu sagen und es auch zu meinen, weil es der Selbstwahrnehmung entspricht, statt irgendeine Pluralform zu verwenden, die man so empfindet, die aber gleichzeitig auch immer weniger ergeben wird und kann als „ein Ganzes“, darauf muss es am Ende hinauslaufen.

„Es ist möglich, dass sie sich irgendwann in der ersten Person Singular empfinden können und werden“, sagte die bescheinigende Psychologin des gegenteiligen Zustandes zum Abschied. „Es ist sehr schwer, aber möglich“.

Manchmal denke ich an das, was sie da sagte. Und immer, wenn ich glaube, dass sie recht haben könnte, mit dem was sie uns mir da in Aussicht gestellt hat, denke und glaube ich gleichzeitig auch : „Der, der da in der Klinik bei ihr war und all die Sitzungen dort mir abhielt, muss jemand anderes gewesen sein….“ich“ war das ganz sicher nicht…Denn so wie „ich“ all die Monate dort (und gestern und vorgestern..) war, bin „ich“ doch gar nicht…“

Ganz sicher nicht….

*(Dead Moon -„down the road“)

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3 Gedanken zu “dokument #20

  1. Hier bei uns versteckt versteckt sich ich, dass hat es wohl mit jeder Zelle am ersten und letzten Tag seines Seins lernen müssen. Therapie erkennt das oft nicht, wie soll auch jemand erkennen wo nichts ist, vielleicht nie etwas sein wird.
    Hier wird versucht mit SE- Therapie über den Körper zu gehen. Finden in deinen Beiträgen einiges erlebtes und ähnlich empfundenes wieder. Danke dafür.

    l.g. sternenstaub

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  2. Hallo Sternenstaub,

    vielen Dank für die Worte.

    Haben heute viel über die Therapieform gelesen, die Ihr da macht. Die kannten wir so noch gar nicht. Klingt sehr darauf abgestimmt. Wir hoffen sehr, dass sie Euch etwas bringt.

    Mussten auch an die Versuche denken, die man bei uns „über den Körper“ versuchte…leider fehlte da die personelle Kompetenz auf der anderen Seite, um mit komplex-Traumatisierten umzugehen. Aber es war eine Erfahrung, die zeigte, was genau man gerade lassen sollte und wie viel doch bestimmte Dinge (Haltungen, Bewegungen etc.) auslösen können in einem.

    Alles Gute Euch und liebe Grüsse

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