dokument #19

Jetzt rufen sie hier an, und ich traue mich nicht ranzugehen. Weil ich es einfach nicht kann. Es geht einfach nicht…

So wie bei jedem Klingeln, egal ob Tür oder Telefon, ist es mir einfach nicht möglich darauf so zu reagieren, dass darauf eine Handlung folgt, die kein Symptom mehr ist. So zu reagieren, dass es agieren ist. Statt einer „entsprechenden Handlung“ ist da nichts weiter als : blinde Aufruhr, Panik und ein inneres, spontanes Erstarren, das jede Handlungsfähigkeit unmöglich macht. Und das ist mehr als genug.

Und selbst wenn man es könnte: einfach abzuheben, wäre da eine Vielstimmigkeit, die aus einem herausspricht, die rein gar nichts mehr mit der „reinen Informationsebene“ zu tun hat, die das folgende Gespräch einem abverlangt. Man weiß nicht, was und wer da spricht aus einem, bekommt es nur am Rande mit. Es reicht und überfordert schon, all das wild durcheinander sprechende in sich im Sekundentakt verorten zu müssen, das von dem Klingen in höchste Erregung versetzt wurde. Und alleine schon dieses „verorten“ ist so ein großer therapeutischer Fortschritt…

Doch eine „angemessene, alltägliche Handlung“ ist es bei weitem nicht.

So ist das bei jedem Klingeln. Ein Reflex so vorhersehbar und altbekannt, dass Pawlow, der alte Tierquäler, sogleich jegliches Interesse daran verloren hätte.

Und selbst wenn man es könnte : einfach abzuheben, sind da zu viele Ebenen, durch die man hindurch fällt, ohne sie fassen zu können, dass alles, was man sagt, nichts weiter ist als das paralysierte Mitteilen der Ebene, an der man gerade vorbeirauscht, sie glaubt zu erkennen und hofft sich im vorüberrauschen an ihr festkrallen zu können, um so einen „Standpunkt“ zu haben, der das aus ihm resultierende verständlich macht für all jene Beteiligte, in die dieses „ich“ in das man zersplittert ist nun mal besteht.

Das ist keine Entschuldigung dafür etwas nicht zu tun und soll es auch nicht sein. Es ist bloß der Versuch sich selbst zu formulieren, was genau man gerade „einfach nicht kann“.

Sie rufen an, um zu erfahren, ob ich denn heute in die Gruppe komme. Wahrscheinlich geht es auch ums Geld, weil das Ganze ja schließlich auch eine „Maßnahme“ ist, die man selbst in die Wege geleitet hat, in dem Glaube daran, dass sie etwas bringen würde. Doch das tut sie nicht. Im Gegenteil : ihre Unprofessionalität und Unbeholfenheit bringt einem rein gar nichts.

Und was das schlimmste ist : die Stimmen der anderen, denen man ausgesetzt ist. Diese Stimmen, die man viel zu laut und grell wahrnimmt, und die so viel in einem auslösen, von dem man sich nicht abgrenzen kann, wenn sie ihre Symptomatiken bis ins kleinste Detail vor den anderen ausbreiten, und gar nicht mal merken, dass genau jenes Tun nichts weiter ist als die Verteidigung dessen, was man so kennt und insgeheim nicht ändern will, weil man jede Veränderung fürchtet.

Doch was genau ihre Stimmen in mir auslösen ist ja nicht ihre Sache, sondern ganz allein meine. Und man versucht ja schon permanent beim dort sein, sich dagegen zu skillen, sich dagegen zu wappnen, so wie man es lernte, doch es funktioniert nicht. Und man kann die „persönliche Herausforderung“ auch nicht mehr sehen an einem Ort in einer Gruppe zu sein, wo all das auf einen einprasselnde so viel in einem auslöst, dass es einen handlungsunfähig macht und man sich auch mit seiner ganz eigenen Symptomatik bedeckt hält, weil dort nicht der Ort ist, wo es darum geht sich und sein Da-Sein als „multiple Persönlichkeit“ zu erläutern.

Stattdessen versucht man mit allem, das einem zur Verfügung steht, da-zu-bleiben, wenn die viel zu lauten Anekdoten in einen eindringen wie es ist, depressiv zu sein, wie es ist essgestört zu sein…(nebenbei Symptomatiken, die man offiziell auch alle erfüllt)…und wie wenig „dies und das doch bringt, wenn man…“.

Was soll man sagen, wieso man nicht mehr kommt, wenn das im technischen Sinne am Telefon denn möglich wäre. Mit „technisch“ meine ich in einem Zustand zu bleiben, aus dem heraus nur einer spricht. Doch das ist momentan einfach nicht möglich, so leid das einem auch tut. Zu viel, das gleichzeitig spricht…und „die Wahrheit“ ist ja auch so eine Sache.

Denn man sagt sie ja nicht „einfach so“, sondern teilt sie mit über den so schwer zu kommunizierenden Zustand, in dem man gerade ist, und in dem einem auch aus gutem Grund, niemand anderes sieht.

So viele Ebenen da an diesem Hörer :

  • „das, was von einem erwartet wird“, worauf der Funktions-Modus anspringt und mit aller Gewalt versucht entsprechend zu agieren.
  • „Das was das Anspringen jenes Modi in einem auslöst“ (die Reaktionen „der anderen“, die gerade von ihm verdrängt werden)
  • „der Versuch des „Ich“ da-zu-bleiben, in dem es all die Wahrnehmungsübungen probiert, die in der Vergangenheit halfen
  • „das, was jene, die nicht wahrgenommen werden einem mitteilen, darüber, was all das gerade in ihnen auslöst“
  • „der Versuch „diese Wahrheit“ so in Worte zu formulieren, dass sie für andere verständlich wird“

usw. usf. – und all das gleichzeitig, ohne schon ein Wort gesagt zu haben.

Und natürlich all das „was die Stimme und das Gesagte des Gesprächspartners in einem auslösen“ x 1000

Man hat keinerlei Überblick mehr über das, was da gerade passiert, wie man sich verhält und wer_was die Worte formuliert nach außen, die man im Inneren aufgrund der Überlagerungen nicht hört.

Und selbst wenn man „die Wahrheit“ kommuniziert, so folgt darauf eine Einwandbehandlung, in deren Verlauf einem einfachste, pragmatische Lösung vorgesetzt werden, deren Unanwendbarkeit man sich nicht traut zurück zu spiegeln, da alleine schon ihr Äußern zeigt, dass man aneinander vorbei spricht.

Stattdessen läuft man hin- und her, weiß nicht, was man tun soll, probiert mit aller Kraft in einem Zustand zu bleiben, der die Lage überblickt, ohne in einen Modus zu verfallen, der mit alle dem nicht mehr das geringste zu tun hat, und der folglich keinerlei Bewusstsein für „das zu tuende“ besitzt, und seinen ganz eigenen Sachen nachgeht. Dinge, die mit „mir“, der gerade hier schreibt auch nichts mehr zu tun haben…

Was so ein Klingeln doch auslöst. Gut, wenn es aufhört.

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