dokument #18

Am Tag, als die Kälte zu mir kam, war ich gerade woanders. Also legte sie sich hin zu mir, ganz dicht an mich heran, und wartete. Denn niemand kann für immer weg sein. Außer die Toten, und die, die einen nicht mehr lieben. Aber das ist dasselbe.

Die Kälte schmiegte sich an mich heran, hielt mich fest in ihrem Arm und kroch an meinen Beinen entlang, hinauf und hinab. Wir lagen eng umschlungen, wie ein junges Liebespaar weit draußen auf dem Feld, so als ob uns etwas verband, das nur wir beide sehen. Ich war sehr lange unterwegs, und wusste, dass mich die Kälte schon erwartet, wenn ich irgendwann zurück komme.

Das freute mich, denn ich mochte die Kälte. Wie ein kleiner Junge sieht sie aus, der mit sich und seiner Welt beschäftigt ist. Ihre Haare sind dunkel. Nicht so schwarz, wie die Nacht, das kann man nicht sagen, denn die Kälte hat ihre ganz eigenen Farben, die es nirgendwo sonst auf dieser Erde gibt. Sie reicht mir gerade bis zu den Knien.

Am Rande meiner Pupillen, ganz am äußersten Winkel, ist ihr Lieblingsplatz, wenn sie bei mir ist. Das macht es schwer sie zu sehen. Denn jedesmal, wenn man sich zu ihr hindreht, ist sie schon wieder ganz außen am Rande. Doch ich weiß ja, wie sie aussieht. Von daher muss ich sie ja nicht ständig betrachten. Auch wenn sie schön ist.

Wenn wir zusammen unterwegs sind, geht sie mir stets ein paar Schritte voraus. So ist sie immer schon da, wenn ich irgendwo angelangt bin. Und ohne dass wir sprechen, weiß sie immer genau, wo ich hingehen will. Das ist auch nicht schwer, denn es gibt zwar viele Möglichkeiten im Leben, aber nur ganz wenige Wege. Und außerdem muss man ja auch zwischen den Bäumen hindurch.

So lagen wir da also und warteten auf mich. Wenn die Kälte da ist, ist alles ganz still und voller Musik. Sogar das Rauschen des Baches folgt einer Melodie. Vielleicht sind wir Geschwister, das kann man nicht wissen, denn der Mond verrät es uns nicht. Er schweigt, wie er das immer tut. Und damit ist auch schon, fast alles gesagt.

Wenn Du die Kälte siehst, wie sie da auf mich wartet, sag ihr, ich komme bald wieder zurück. Ich bin nur kurz in einem anderen Leben. Eines, in dem sie mir fehlt.

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