dokument #17

All die praktischen Fähigkeiten, die man in Therapie lernte „dagegen“, erscheinen so klein, so selbstverständlich. Und dennoch. Oder gerade deswegen…

Zumindest helfen sie ein wenig dort, wo sie es können. Sie machen einen „handlungsfähig“, wo es vorher undenkbar schien, auch wenn sie das, worum es eigentlich geht nicht beseitigen können. Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe.

Sie liefern auch keine Antworten auf „Sein“-Fragen. Das ist gar nicht ihr Zweck. Doch sie helfen bei der inneren und äußeren Abgrenzung, machen einen weniger verwundbar, und das ist mehr als all die Antworten auf „große Fragen“ einem anbieten können.

Und immer dann, wenn es wirklich darauf ankommt, erinnern sie einen daran, dass man Handlungsalternativen, zumindest im Ansatz erlernt hat, die einen anderen Weg einschlagen, als die allzu bekannten, alten, dysfunktionalen, starren (Verhaltens-) Muster, von denen man immer glaubte, sie seien der einzige Ausweg, so sehr waren sie verinnerlicht…. Letzte Ausfahrt Selbstvernichtung.

Doch nichts wird das Unaussprechliche jemals beseitigen. Z.B. diesen eigenständigen Teil da in mir, der mich umbringen will. Früher, als die DIS-Diagnose nichts weiter war als ein weites, sumpfiges Nebelfeld, durch das man blind stolperte und von allen Seiten an einem gezerrt wurde, nannte ich diesen eigenständigen Teil immer „diesen Dämon“. Denn so erscheint er einem.

Hier liegen so viele Tagebücher über ihn, die sich über mehrere Jahre erstrecken. Jedes Wort, das in ihnen geschrieben steht, ist im Grunde nichts weiter als der Versuch sich von ihm abzugrenzen, ihn zu benennen und diesen Teil von mir auf irgendeine Art und Weise zu verstehen und dann zu entfernen, der von ihm in Beschlag genommen ist. Ich weiß nicht, wie oft ich in Ausnahmesituationen, die in der „wilden“, ungezügelten Vergangenheit zum Alltag gehörten, versucht habe ihn zu vernichten, so wie er mich vernichten will, damit er seinen Einfluss endlich und endgültig verliert. Damit er diesen Körper verlässt. Damit er aufhört zu zerstören, was man liebt. Und das was man sich aufbaute. Denn das kann er am besten : alles zerstören. Und jeden, der ihm dabei im Weg steht, aufs tiefste verletzen. Er hat so einen tiefen Blick, erkennt sofort die Schwachstellen der anderen und weiß, wie man sie dort treffen kann.

Natürlich geht das nicht ihn zu vernichten, ohne sich selbst dabei zu opfern. Doch dafür hat man kein Bewusstsein beim Austragen dieser „rituellen, inneren, andauernden Kämpfe“. Der Körper, den man sich teilt, wird zur Nebensache oder besser gesagt zu einer Kampfzone. Man will einfach nur, dass „es“ aufhört, will, dass „er“ verschwindet und für immer verstummt…

Ich werde nie vergessen, wie ich am Anfang der anstrengenden Therapie vor dem klugen Therapeuten, vor dem man sich öffnen kann, saß und ihn anschrie, als es im Sekundentakt wohl hin-und herging in mir :“Ich weiß, dass ich das alles selbst bin!“. -Doch was nützt diese Phrase, wenn man nicht sieht, wer man ansonsten noch ist…wenn die eigene Wahrnehmung aussetzt und „er“ übernimmt, und man hinterher nur an den Spuren erkennt, was „er“ mal wieder getan hat…

Wenigstens hat man „es“ so gut unter Kontrolle bekommen, dass man nicht mehr irgendwo weit weg aufwacht und sich fragt wie man dort hingekommen ist…und was davor wohl alles geschehen ist. Und man lässt auch niemanden mehr so nahe an sich heran, damit der- oder diejenige erlebt, wer da sonst noch so lebt in diesem wehrlosen Körper…dieser zerrissenen Psyche.

Und dieses, die meiste Zeit spürbare, Wissen, das aus jedem Spalt der eigenen Wahrnehmung zu einem durchdringt, „dass er mich umbringen will“ ist ja auch keine überspitzte Metapher, sondern eine Tatsache, der man sich bei jedem Schritt den man tut, zu stellen hat.

Und dabei bin das nicht mal „ich“, um den es geht, bzw. den ich retten will vor dieser Bedrohung, wenn „ich“ in Therapie an „all dem“ arbeite, um „es“ zu verhindern, zu verstehen, zu verarbeiten, zu händeln….was auch immer. Es geht um „ihn“, für den ich das alles tue. Und ich weiß nicht mal, wer mit diesem „ihn“ wohl gemeint ist. …so wie ich jetzt, wo ich beim Schreiben an dieser Stelle angelangt bin, auch nicht mehr weiß, wer in mir die vorherigen Worte dorthin getippt hat in den zurückliegenden Stunden, von denen in der Erinnerung daran so vieles fehlt und im Nebel liegt.

Es sind die Worte, die man schreibt, die irgendwann zur Landkarte werden, mit der man sieht, was vorher in der Finsternis verborgen lag.

 

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