dokument #16

Wenn die Dringlichkeit verschwunden ist, erscheint einem alles bekannt. So bekannt, dass man es nicht mehr kennen will.

Es ist merkwürdig, dass der Sommer nun vorbei ist. Eben war er noch da. Fast kommt es einem vor, als ob er mit einem Wimpernschlag verschwunden ist. Doch gleichzeitig weiß man auch, dass das so nicht stimmen kann und nur an jener Wahrnehmung liegt, die verhindert, dass man die Übergänge registriert. Plötzlich ist etwas anders, und man weiß nicht mehr, wann genau es sich veändert hat. Das „davor“ erscheint einem sehr weit zurückliegend, ungreifbar. Völlig gleich, ob es nun Minuten, Tage oder Monate sind.

Man denkt zurück an die Krähen auf dem Feld, mit denen man sprach, ohne Worte. Denkt an das lange, weite Licht, das sich dort zeigte, wo keine Häuser stehen. An den Eindruck von „Zeit“ und das Beschreiten der Wege, die sich wie eine endlose Lust vor einem ausbreiteten.

All das ist nun fern und verschwunden und man weiß nicht wo es hin ist und wann es passiert ist, dass sich all das so änderte, dass das was gerade noch da war nun Vergangenheit ist. Man taumelt durch die Strassen, sucht nach dem Licht und findet nichts weiter als die fortwährende Dämmerung. Alles ist milchig und trüb und das färbt ab.

 

Wenn die Dringlichkeit aus den Handlungen verschwunden ist und die Stille nicht mehr spricht….ist es am schwersten. Dann kommen die Zweifel und das Ungewohnte. Es ist immer einfach den ersten Schritt zu tun, um etwas zu verlassen und so zu versuchen es zu verändern. Die Kunst ist das Weitergehen, wenn die bekannte Muster überwunden sind.

Als man im Frühling in die Klinik kam, war das erste was man tun sollte die eigenen Ziele der Therapie zu formulieren. Man sollte benennen, was man mit dem Aufenthalt dort erreichen will. Das war im Grunde nicht schwer, denn man hatte ja klar vor Augen, was genau man alles so nicht mehr tun und erleben wollte („Leidensdruck“ nannten sie das. Die Intensität des „nicht mehr“ und jener Mangel an Fertigkeiten es alleine zu händeln). Man wusste, was alles so nicht mehr passieren darf. Und man wusste auch, wer da in einem, sich nicht wieder aufschwingen durfte alles zu zerstören, woran man fest hing. Jener Teil in einem, der einen bekämpft und vernichten will. Man sagt „er“ und meint diesen Dämon, der hinter einem steht.

Nur hatte die Sache einen Haken. Den erfuhr man, als man das Blatt mit den verschiedenen, kaum leserlichen Handschriften, und den dringlich darauf aufgelisteten Gründen abgab. Sie sagten, dass all diese „nicht mehr“-Formulierungen keine wirklichen Ziele sein. Zwar sei es gut klar benennen zu können, welche gestörten Verhaltensmuster man überwinden will, doch sei ein „Ziel“, in ihrem Sinne , ein konkretes „ich will“, das sagen kann, was es erreichen will.

Ich will……

Schon das erste Wort ist so abstrakt, wenn man sich in jener inneren Systematik nur als der begreifen kann, der all die anderen eben nicht ist. „Man“ ist der im Hinterkopf, ohne jeglichen Zugriff, wenn ein anderer handelt…Zu wenig für „ein Ich“, zu viel für nur ein „ich“ zur selben Zeit.

Man saß sehr lange da und überlegte, versuchte zu greifen, wonach sie verlangten. Und nach mehreren therapeutischen Einzelgesprächen schrieb man dann mit psychologischer Hilfe positiv motivierte Formulierungen auf, die für einen selbst immer unfassbar blieben.

Man weiß nur, wer man nicht ist (in den klaren Momenten), wenn jemand anders vorne ist und handelt und sich als diese „ich“ empfindet, von dem man dann spürt, dass es das nicht sein darf. Es ist diese Gleichzeitigkeit der zersplitterten Wahrnehmung, die die DIS so schwer verständlich für jeden Beteiligten macht.

Und jetzt, wo all das hinter einem liegt, man all die Techniken erlernt hat, die einem helfen sollen „da zu bleiben“, wenn jemand anderes „übernimmt“, sitzt man immer noch da und überlegt, wer wohl in alle dem „man selbst“ ist. Und manchmal, wenn die Dringlichkeit aus jeder Handlung verschwunden ist, und die Stille nicht spricht, erhascht man eine Ahnung davon, wie es wohl in etwa sein könnte, wenn man selbst entscheidet, welchen Weg man nun einschlägt.

Doch gleichzeitig weiß man auch, dass dies nichts weiter ist als ein Wunsch oder ein Traum, da etwas entscheidendes fehlt, nämlich „sie“. All ihr Handeln, und Denken und Fühlen, das immer dann so entscheidend zum Ausbruch gelangt, wenn jemand (wer auch immer) diese innere Grenze berührt, innerhalb der sie nebeneinander co-existieren. Es ist ein großer Fortschritt irgendwann an diesen Punkt gelangt zu sein, an dem man wusste, wer von ihnen man nicht ist. Doch wenn sie fort sind, bleibt zu wenig zurück, aus dem man ableiten könnte, was nun da geblieben ist, von dem das bleibt. Wie ein lange schon verlassenen Haus, in dem die eingestaubten, zurück gelassenen Möbel davon zeugen, dass hier mal jemand lebte.

Vielleicht liegt irgendwo ein Zettel versteckt, auf dem geschrieben steht, wohin die bisherigen Bewohner aufgebrochen sind, und was sie dort wollen. Man könnte ihn suchen und ihnen hinter reisen, es ihnen gleich tun mit ihrem Aufbruch. Das mag sich anfangs vielleicht wie ein Ziel anhören. Dabei ist es nichts weiter als das von jeher vertraute.

Dieses „ich“, das man nie kannte.

 

2 Gedanken zu “dokument #16

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