dokument #14

Das für einen selbst am desillusioniernendste sind jene langsamen, fließende Wechsel, die man erst bemerkt, wenn man sie hinterher aufgezeigt bekommt. Es ist nicht so, dass man die einhergehende Veränderung nicht merken würde, im Gegenteil, man kämpft sogar dagegen an, doch gerade ihr allumfassender Charakter macht sie so diffus, so unerkennbar für einen. Alles ist so damit beschäftigt sich dagegen zu stemmen, dass nichts mehr übrig bleibt, das benennen und erkennen könnte.

Es geht so schleichend von statten, zieht sich über mehrere Tage meist, und wenn es abgeschlossen ist, fällt einem nicht mal mehr auf, wie sehr das momentane Handeln von jenem abweicht, das die momentan anerkannte Primär-Persönlichkeit (Host) gut heißen, oder zumindest in Frage stellen, würde. Und jenes „momentane Handeln“ ist ja nur die Spitze eines Eisbergs, der sich aus Denken, Fühlen, Geschmack, Anschauungen und alle dem zusammensetzt, woraus eine „Persönlichkeit“ gemeinhin besteht. Bestehen mag.

Dabei hat man gar nicht „mehrere Persönlichkeiten“, wie es der bald veraltete Begriff nahe legt, man hat nicht mal eine. Zumindest keine, die konstant wäre, vorhersehbar in Reaktion und Emotion, und dadurch erklärlich. Erst kommt die „Identität“. Ist diese gegeben ensteht aus ihr (die) „Persönlichkeit“. Doch wenn die Identität sich nie entwickeln konnte, in tausend kleine Teilstücke zersprungen ist, erübrigt sich das weitere…

„Sie erfüllen zwar auch alle Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung, aber da sie eine Indentitätsstörung haben, können sie keine Persönlichkeitsstörung haben, das schließt sich gegenseitig aus…“ sagte z.B. die Psychologin in der Klinik zu einem.

Es gibt auch Ärzte, Psychologen und Psychiater, die gar nicht glauben wollen, dass es das gibt, dass Menschen so zersplittert sind, dass all das abgespaltene in ihnen „fremd“ ist. Dass es „all die anderen“ da drin in einem gibt. Darüber kann man sicherlich streiten, wenn man weiß, worin der Ursprung liegt. Doch niemandem ist je damit geholfen worden, dass man ihm erzählt „das was Du fühlst, empfindest und erlebst ist falsch“. Das führt nur zu falschem Gehorsam, dem Recht des „Stärkeren“. Und da jeder Druck einen Gegendruck erzeugt auch zu Trotz und Manipulation.

Erst vor wenigen Tagen saß man vor einer Amtspsychologin zur Begutachtung. Man sollte berichten, wie der Alltag funktioniert, welche Probleme man hat. Und so weit das ging den Gesprächsfaden zu halten, berichtete man von jenen Situationen, in denen man „zur Seite geschubst wird“. Jene Situationen, in denen jemand anderes übernimmt, was man genau dann so nicht will. Dabei hatte man vorher schon versucht diesen Konflikt zu besprechen, einen Kompromiss zu finden, damit es, wenn es darauf ankommt, sich niemand übergangen fühlt und anfängt „zu schubsen“….doch es funktionierte nicht.

Man schilderte es ihr, so wie man es erlebt. Sie wollte wissen, wer „diese Anderen“ sind, die einen da zur Seite schubsen und man erklärte. So weit man einem Außenstehenden erklären kann. Es erscheint einem ja selbst immer alles so fragmentarisch, was man mitbekommt von „alle dem“. Und erst recht jenes, das man hinterher noch weiß, erinnern kann. All diese Lücken…

Das mit „den Anderen“ wollte Sie so nicht stehen lassen, als Sie das Geschilderte paraphrasierte. „Es kommt also zu Situationen, in denen Sie ihren Impulsen nachgeben etwas zu tun…“. Beim ersten Mal widersprach man noch, dass es nicht „die eigenen“ Impulse sind, die dazu führen, dass man blind handelt, ferngesteuert wird. Doch sie ließ das nicht zu, dass etwas „fremd“ sein kann, das man doch selbst tut, selbst wenn man es nicht mitbekommt. Also war man kompromissbereit nach außen hin und sagte „Anteil. Sagen sie einfach Anteil. Ein anderer Anteil meldet sich zu Wort…“. Dabei beließen wir es dann.

Anteile….

Nun gut, meinetwegen. Man weiß, woher dieses Wort stammt, wo es benutzt wird und wer es verwendet. Doch es hat nichts mit dem zu tun, das mein alltägliches Leben so fragmentiert und so oft so sehr entfremdet, dass man nicht weiß, wer und was das ist um einen herum. Und jene laute Vielstimmigkeit in einem, die erst dadurch weniger konfus wurde, dass man den Versuch, nach außen hin, aufgab all das mit einem Wort erfassen zu wollen: „Ich“.

Und oftmals (oder gar immer?) ist der Umkehrschluss „des Ichs“ das einzige, das einen verortet, einem zeigt, „wer man alles nicht ist“ in sich. So wird greifbar, was vorher ungreifbar war. Man muss sich das, was da abläuft, in etwa so vorstellen : man hört einem Musikstück zu und versucht dabei jedes einzelne Instrument und jede einzelne Stimme, für sich alleine zu hören, ihr zu folgen und so zu verstehen, zu entschlüsseln. Während man selbst Zuhörer bleibt, in dem man das Gehörte zu ganz eigenen Empfindungen führt. Und „man selbst“ ist all jenes gleichzeitig : jede einzelne Stimme, jedes Instrument und dieser Zuhörer. So ist das, wenn man eine Dissoziative Identitätsstörung hat.

So ist es oft. Zumindest, wenn es auf irgendeine Art und Weise greifbar bleibt. Doch dann gibt es ja auch noch all jene Zustände, die sich dem Wahr-nehmen entziehen…

Und jene „langsamen, fließende Wechsel, die man erst bemerkt, wenn man sie hinterher aufgezeigt bekommt“…So wie es letztens wieder vor sich ging. Zuerst beginnt es mit den Augen, dem Blick. „Etwas“ schiebt sich dort herein von der Seite, versucht die Sicht zu verändern. Und man nimmt wahr, wie „jene Sicht“ von „der eigenen“ abweicht. Und man versucht „es“ wieder zurück zu schieben. Da hin, wo es her gekommen ist. Doch wenn es so weit ist, ist es in der Regel schon zu spät. Das Denken ist schon zweigeteilt. Man bekommt mit, wie da zwei ganz starke im Clinch miteinander liegen und um die Vorherrschaft ringen. Und alles, was man sieht, betrachtet man aus zwei Sichtweisen, die sich zum großen Teil, einander widersprechen.

Man selbst bleibt bloß der Spielball, der hin- und hergeschoben wird. Und auch wenn einem jener Prozess aus der Vergangenheit her doch bekannt vorkommen sollte, so erlebt man ihn doch jedes Mal mit so einer Gegenwärtigkeit, dass das, was er einem abverlangt, jedes Erkennen im Keim schon verhindert. So groß ist die Anstrengung.

Und ist es dann so weit, dass jenes von der Seite, das vorherige  ersetzt, ist da keinerlei Erinnerung mehr daran, wie es „vorher“ wohl gewesen ist. Wer man war und wie man handelte. Wie man dachte und fühlte. Wie man die Welt sah und sie sich erklärte. Wie eine Schlange, die sich häutet. Nur dass „die Haut“, die man abstreift, all das ist, das man davor im Inneren und Äußeren war. Das ist kein willentlicher Prozess.

„Da ist auch gerade viel los bei Ihnen, viel Stress“, sagte der Psychologe dann neulich, als man ihm gegenüber saß. Zuvor fragte er nach all den sichtbaren Veränderungen an einem. Und es begann ja schon damit, dass man zu ihm kam und die vertraute Umgebung nicht mehr erkannte. Man fragte, ob dort im Eingangsbereich nicht mal ein Teppich lag. „Da lag doch immer ein Teppich, der gerade fehlt“, denkt man mit felsenfester Überzeugung. Doch da lag nie ein Teppich.

Und kurz darauf beschreibt man die diffuse Veränderungen des Raumes, den man doch eigentlich ganz anders kennt. Den man glaubt anders zu kennen. „So als ob eine Ebene fehlt….alles ist so klar und eindringlich. Als ob jemand alles hinaus geräumt hätte, um es gründlich zu scheuern und dann wieder hinein gestellt hätte…“

Und der Therapeut versichert einem, dass alles so ist, wie es immer schon war. Und natürlich weiß er schon, was los ist….und was er dann tut, weiß man nicht. Er führt einen durch den inneren Irrgarten, geleitet einen da wieder hinaus…

Und wenn einem im Nachhinein dann klar wird, was die letzten Tage alles so geschehen ist, was man alles getan hat, was man ansonsten so nicht tun würde, ohne, dass man es mitbekam… dann ist das sehr ernüchternd.

Später dann zurück, erscheint einem alles sehr merkwürdig und fremd. Die Spuren seiner selbst, die man so oft aus den Augen verliert, nicht mehr zurück verfolgen kann. Man wünscht, man würde sich kennen. Auch dann, wenn man sich aus den Augen verliert.



Gerade dann…

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