dokument #12

„Wenn das die Realität ist, dann kann sie mich mal“, sagt da einer, und man lässt es einfach so im Raum stehen. Wahrscheinlich wollte es nur einfach mal ausgesprochen sein…

Angeblich soll es normal sein, wenn etwas in einem fortwährend an den Akt der Nahrungsaufnahme denkt. Besessen davon ist. Alles verschlingen könnte. Und wie ein Junkie dabei nie Befriedigung erfährt.

Allem Anschein nach ist es eine Nebenwirkung der Tabletten, die man „zur Beruhigung“ nachts einnimmt, dass sie den Appetit steigern. Dieses sonderbar fremde Bedürfnis, das vorher nie vorhanden war…Ständig hat man nun so eine sonderbare Form des „Hungers“. Es ist kaum zum Aushalten, man kennt das so gar nicht…man ist nichts weiter mehr als eine Bedürfnismaschine, die ferngesteuert wie ein Zombie, dem blinden Schlingen hinterherwankt. Es ist ekelhaft.

Und nie ist es genug. Die ganze Zeit läuft nun zusätzlich im Hirn eine Tonspur ab, die einem nichts weiter mitteilt, als das, was man als nächstes essen, in sich hinein stopfen könnte. Doch wie bei einem Süchtigen, wird sie nicht leiser, wenn man ihr nach stundenlangem Ringen (dem Versuch zu überhören) nachgibt. Man erliegt den Symptomen einer Sucht, und zieht aus diesem Tun keinerlei Befriedigung, sondern gibt nur dem Zwang nach. „Lust“, die man besänftigen könnte, ist das nicht..

Der Arzt sieht das anders. Er meint, durch die „Beruhigung“ meldet sich eben der Körper zurück und fordert nach dem, was ihm zusteht, was vollkommen normal sei. Schließlich sei man ja auch untergewichtig.

Und man erwidert, dass diese Permanenz im Denken da doch nicht normal sein könne. „Hauptsache fressen…“ – Es fällt so schwer an etwas anderes zu denken, wenn die Gedanken daran da sind. Sie sind so laut und vorherrschend, besetzen einfach alles andere. Verschlingen sogar die Konzentration auf das, worüber man nachdenkt.

Wenn man das so sagen kann, denn schließlich hört man ja stets mehrere andere, entfremdete Ebenen in sich (oder über sich, oder daneben…) auf diese sonderbare „dissoziative“ Art und Weise…

Der Arzt fragt, was man den heute schon gegessen hätte und man schildert es ihm. „Viel ist das nicht“, sagt der Arzt und fährt fort „das ist wie anorektisch sein bei Ihnen. Das zu wenig zu sich genommene liegt fremd und schwer im Bauch, wird als störend empfunden.“ – Als er das sagt, schmunzelt etwas innerlich über den Takt seiner Formulierungen. „Wie anorektisch“….er weiß doch schließlich, dass man es jahrelang war.

Genau das ist auch der springende Punkt. Man hat all diese Muster doch endlich überwunden, nach dem die eigentliche Ursache, in langer therapeutischer Auseinandersetzung damit, aufgedeckt war : Kontrolle und Ekel.

„Kontrolle“, weil „etwas zu sich nehmen “ „Schwäche zeigen“ hieß. So hatte man das verinnerlicht, von früher her. Es ging so weit, dass da keinerlei Empfinden mehr war. Man aß erst, wenn der Magen stundenlang geknurrt hatte. Doch man empfand das Magenknurren nichts als „Hungersignal“, zum Körper gehörig. Jedesmal ging eine nie endende innerliche „Wahrnehmungsprüfung“ voraus, ob das den nun „Hunger“ sein könne, wenn der Magen stundenlang knurrt. Man wusste es nicht, es war so fremd und abgespalten. Einmal war man mit dieser Fragestellung sogar bei einem Arzt, so abstrakt war all das.

Und dann aß man auch nicht einfach. Zuerst musste gesichert sein, dass es auch angemessen ist, das man das tun darf. Und jeder Biss erschien einem wie eine Fressattacke.

Später schrieb man lange Zeit Protokolle darüber. Vordergründig deswegen, um zu sehen, dass man überhaupt etwas isst bzw. am Tag schon gegessen hat. Tiefergründig wohl dafür, um die „Kontrolle“ zu behalten.

Kontrolle… Am Ende fand man heraus in Therapie, dass sie daher kam, dass man eine sehr, sehr tiefsitzende Angst vor einem „plötzlichen, körperlichen Angriff“ hatte.

Deswegen konnte man auch nicht mal kauen vor anderen Menschen. Das hätte bedeutet „angreifbar“ zu sein, „Schwäche zu zeigen“…Viele Jahre lang war es einem nicht möglich, vor anderen zu essen. Und weil es so tief drin war in einem, fiel es einem nicht mal auf, dass da eine normale menschliche Fähigkeit im Argen liegt, so verinnerlicht war das. Es erschien einem normal, es nicht zu tun. All diese damit einhergehenden Vermeidungsmuster…tief eingebrannt.

Das war ein langer Kampf in Therapie sich all das zu vergegenwärtigen. Und nachdem es dann „verstanden“ war, kamen die Übungen. Vor anderen kauen, essen…all das Zeug. Selbst heute, wo man es teilweise kann, wird es niemals „normal“ sein. Man hat immer ein Bewusstsein dafür, wieso man sich das beigebracht hat. Woher all das rührt..

Und der „Ekel“? Der war da, wenn man sich umsah. Allgegenwärtig. Man sah das blinde, ekelhafte Schlingen und Stopfen rings um sich herum. Die davon deformierten und entstellten Leiber. Die „Schwäche“, der sie nachgaben… Man sah, was sie blind und selbstgefällig in ihre Münder führten. Sah die Schlachthäuser, Fabriken, wo all das herstammte……“mit welchem Recht?“ erklang es angewidert in einem.

„Es geht um sie“, sagte der Therapeut dann jedes mal, wenn man es ihm schilderte. Den Ekel vor der Selbstgefälligkeit und Schwäche der anderen. Das Leid der toten Tiere, die verschlungen wurden…die wabbelnden, menschlichen Bäuche, zu denen sie wurden. Die hängenden Kinne. Die formverzerrten Hintern.

„Essen hat für sie nichts lustvolles. Es ist reine Information“ bekam man aufgezeigt. Und ja, es stimmt….und es lässt sich nicht abstellen. Nur überspielen. Und man lernte „bei sich zu bleiben“, während man aß. Essen musste. Bis man sich daran gewöhnt hatte.

Und nach all der Übung und Bearbeitung „funktionierte“ es letztendlich. Der Magen knurrte nicht mehr stundenlang, bevor man etwas zu sich nahm. Und man konnte auch vor anderen kauen….in der Klinik tat man bei den gemeinsamen Essen, vom ersten Tag an so, als sei es normal, dass man das tut. Verhaltenstherapie.

 

Im Grunde wähnte man sich im grünen Bereich…..bis zu den Tabletten, die man nun nehmen soll. Das kann kein „normales körperliches Bedürfnis-Empfinden“ sein, wenn etwas in einem nie genug bekommt. Wenn Gedanken so sehr auf etwas fixiert sind, auch wenn es nicht „die eigenen“ sind.

Man läuft durch die Strassen, und sobald „der Gedanke“ an die nächste Nahrungsaufnahme in einem aufsteigt, wird er der bestimmende, verdrängt alles weitere. So als sei man sein willenloser Sklave. Sogar das abgebildete Zeug auf den Werbeanzeigen spricht einen an. Das tat es nie.

Man geht einkaufen, versucht dabei rational zu bleiben, das ungesunde, gezuckerte Zeug außen vor zu lassen. Doch etwas oder jemand in einem schubst einen immer wieder zur Seite, so dass man nicht mehr mitbekommt, was man tut, wenn man vorbei gehen will, nachdem man „nein“ gesagt hat, packt das Zeug in den Korb. Und dann steht man da später „wieder bei sich“ und traut sich nicht, alles wieder zurück zu räumen, weil es sehr anstrengend ist, wenn man innerlich andauernd zur Seite geschubst wird und man denkt, dass man sich gerade zu lange schon wieder sonderbar in der Öffentlichkeit verhält, wie so oft.. Man will einfach nur noch raus aus dem Laden, weg von den anderen Augen…

Zurück in der Wohnung begutachtet man dann das Erworbene. Versucht es gedanklich einzuteilen für die nächsten Tage. Doch es ist von vornherein zum Scheitern verurteilt…in einem fremden, ferngesteuerten Takt, steuert man dann später das gebunkerte an, stopft es in sich hinein, ohne irgendeine Art von „Gefühl“ dabei zu haben, oder mitzubekommen, was man da tut. Keinerlei Maß. Nur blindes, sinnlosen Handeln.

Man kennt das so nicht….und wenn das Wieder-Erwachen kommt, ekelt man sich vor dem passierten. Man nimmt sich vor, es beim nächsten Mal von vornherein zu unterbinden, es mitzubekommen.. Sich nicht zur Seite schubsen zu lassen. Den Zwang zu bekämpfen.

„Dadurch, dass die Tabletten beruhigen, meldet sich der Körper zurück“, erklärt der Arzt. Mag sein….doch wir sind mehrere, die sich einen Körper teilen. Das kann fatale Folgen haben, wenn so ein System durcheinander gerät. Das/der momentan Vordergründige beachtet keine Folgen seines Handelns. Er/Sie/Es muss das ausnutzen, dass man gerade vorne ist…Und nur weil einer „hungrig“ ist auf was auch immer, bedeutet das nicht, dass kurz davor ein andere nicht schon genug geschlungen hat für alle zusammen…

(Dass einem körperlich nie schlecht wird dabei ist auch so ein multiples Phänomen…)

Und weil man die Schnauze voll hat von solchen Kontrollverlusten, die blind und selbstschädigend sind, und alles andere als ein“normales Bedürfnis“, kehrt man zurück zu Verhaltensweisen, die man für überwunden hielt : man fängt wieder an Protokolle zu führen und all das andere… Man will wieder dorthin zurück, wo man mal war, als man jene „Kontrolle“ zur Selbstverteidigung hatte, die einem Andere so eingepflanzt hatten.

Schließlich will man keine stumpfe Bedürfnismaschine sein, ohne Maß. Kein ferngesteuerter, schlingender Zombie….nur aufgrund der Nebenwirkung(en) der Tabletten, die man zur Beruhigung einnimmt…

 

Doch eines muss man den Tabletten lassen : man schläft dazwischen wenigstens mal ein. Das war vorher nicht der Fall. Da war schlafen so etwas wie essen. Etwas, das man tun sollte, aber eben nie tut.

 

Weil man es einfach nicht kann.

 

Aus welchem Grund auch immer…

3 Gedanken zu “dokument #12

  1. Hey,
    ich verstehe diesen Text ganz genau! Mir geht es genau so mit dem neusten Medikament. Ich habe ständig hunger, dabei habe ich davor nicht zu wenig gegessen, sondern so viel, dass ich mein Gewicht einfach im Rahmen der normalen Schwankungen gehalten habe. Das war seit Januar kein Problem mehr. Aber jetzt ist da der ewige Hunger, der sich super vom Heißhunger unterscheiden lässt, weil auch der ständig aufkommt, aber immerhin kontrollierbar bleibt. Wenn ich mir jetzt ein „normales“ Lunchpaket für einen langen Wochenendtag in der Unibib packe, wo es nur Schokolade am Automaten nachzukaufen gibt, ist das zwei Stunden nach Ankunft weggefressen, obwohl ich vorher gut gefrühstückt habe. Und wenn der Hunger weg ist, kommt der Heißhunger auf und ich kann nur noch an die Schokolade im Automaten denken, bis ich nachgebe… Das kann nicht normal sein. Aber ja, immerhin hilft es beim Schlafen und macht die ständige Angst etwas kleiner…

    LG,
    Amy

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  2. Hey Amy, Danke für die Worte. Gerade auch bei Dir den neuen Beitrag gelesen, da geht es ja auch darum…da steht man nun, und nichts ist klar. Man bemerkt, dass man wohl irgendwie einen hohen Preis für etwas zahlt, man etwas hergibt, aber auch etwas besser wird dadurch…nur weiß man eben nicht, was nun überwiegt.

    Auf dass es klarer wird. Darüber schreiben zeigt einem ja wenigstens schon mal, woran man ist…

    LG

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