dokument #11

Irgendwo muss doch die Einsamkeit sein…

Dass sie da ist weiß man. Das hat man gelernt abzuleiten, anhand der Indizien. Man geht den Weg einfach rückwärts, betrachtet das momentan gezeigte Verhalten, füllt mit den Beobachtungen  die entsprechenden Analysenvordrucke aus und findet so heraus : welches Gefühl habe ich gerade ?

Die Einsamkeit muss offensichtlich sein…Doch ich traue dem nicht, denn auch sie ist: immer schon gewesen.

Jetzt, in der Gegenwart, versucht man gar den Gedanken zu ergründen, ob die (früh-)kindliche, langanhaltende Einsamkeit, abgesehen von den zu Grunde liegenden Traumata, eine sehr begünstigende/verstärkende Ursache für den Entstehungsverlauf einer dissoziativen Identitätsstörung ist…(wer jetzt an „imaginäre Freunde“ denkt ist hier beim falschen Thema)

Es ist so lange schon her, und die Erinnerung daran so fragmentarisch wie alles in einem. Doch abgesehen von „dem schlimmen„, sieht man sich, wenn man zurück denkt, stets allein. Allein…das stimmt so nicht ganz. Man hat die Spaltung mitbekommen, sie später dann immer wieder in Tagebüchern beschrieben, wie das war. Jahrelang stets davon gesprochen, so lange, bis es offiziell war. Und paradoxerweise hat man, seitdem es offiziell anerkannt ist, zum ersten Mal den Eindruck „vollständig, komplett“ zu sein. Sie (dürfen jetzt) leben….sie leben alle, da drin in einem. Sie haben aufgehört zu rebellieren gegen diesen äußeren „feindlichen“Eindruck bloß „ein Körper“ zu sein. Sie teilen in sich. So ist das.

„Sie haben gar keine Wahl“ , paraphrasiert der Psychologe immer, dem man fragmentarisch berichtet, woran man sich erinnern kann, von dem, womit man seine Zeit wohl verbringt. All die ferngesteuerten Sachen. Wie ein Roboter folgt man den wechselnden Realitäten. Oder versucht vor ihnen zu fliehen. Die Fetzen der Wahrnehmung….und wahr ist das, was man so wahrnimmt. Also meist schrille, äußere Reize und ein vertunnelter Blick. Und das, was innen in einem, dazu hinaufsteigt, von dort an die Pupillen klopft:

„Lass mich raus…“

„Mach es weg…“

Wenn man zurück denkt, zu dem, das man für einen Anfang hält, da waren es drei. Der kleine, über den man sich beugte und den man beschützte, der Dämon, der hinter einem wuchs, im dunklen und die Wut und den Hass in sich hinein fraß, der ihm die Kraft gab zum Trotz und zum davon rennen. Und der Erzähler da im Hinterkopf, der das meiste immer mitbekommt und mitbekam, aber so selten (im Grunde nie) einen Zugriff hat, der ihm ermöglicht einzugreifen…

Und heute ist es räumlich, alles. Man kann sie nicht zählen, nur vermuten in sich. Wenn man in Trance verfällt, beschreibt, wo sie zu orten sind in einem. Dann wird der ganze Raum, in dem man sich befindet zu einer Verlängerung, Verlagerung der Innenwelt. Und „da vorne rechts“, wohin man zeigt, ist irgendwo im Brustkorb. Man würde gerne mal sehen, was die Ärzte so beobachten, wenn es einen hin- und her wirft. Doch man hat ja leider nur die eigenen Augen, die man sich teilt, aus denen man sieht. Der geteilte Blick…von innen nach außen und wieder zurück.  So geht das meist.

Manche erkennt man bald, wenn man mich kennt, und weiß, wie es darum bestellt ist. „Der kleine“ beispielsweise hat so seine ganz eigene Art zu schauen. Von unten nach oben, kindliche Neugier. Und wenn er die Arme verschränkt und auf den Tisch legt und seinen Kopf dann darauf, ist das ein Zeichen für Vertrauen.

Er spricht mit mir, doch nicht in Worten. (Die Worte, die er spricht sind nur an „Äußere“ gerichtet. Mir traut er nämlich nicht). Es sind Klänge und Signale, die ich höre, wenn wir alleine sind, von mir losgelöste Reaktionen…so wie alles meistens klanglich ist in dieser nie aufhörenden Polyphonie.

Irgendwann dann wurde einem klar, wieso man früher immer, ganz alleine, da hin ist, wo es fast still war. Meist in die Wälder…man ist den Klängen hinterher gelaufen. Da hin, wo man versuchte sie zu ordnen, in Einklang zu bringen. oder zumindest da hin, wo sie das Äußere nicht lauter machte und in Aufruhr brachte…  „Dissoziative Fugue“ sagen sie heute dazu und man hat eingesehen, dass es wohl stimmt. „Ohne objektiv feststellbaren Grund…“

 

„Und dann plötzlich, verliere ich den Bezug zu allem, das mich umgibt. Alles, was man vorher wohl damit verband, ist weg. Man erkennt sich selbst nicht mehr und fragt sich, was man hier wohl macht, und wie man sich das glauben konnte.. Das passiert mir immer wieder, ständig. Und man kann raus gehen und losgehen, überall hin. Es macht keinen Unterschied…“ sage ich zum Psychologen und streife das, worum es geht nur am Rande. ..Man läuft immer weg und hinterher, meistens dorthin, wo es leiser wird. Nie irgendwohin.

„Ich dachte es sei früh

und nicht ganz so spät.

Ich dachte es sei hier

und nicht so weit weg.

Ich renne herum

ich renne hinterher

und wo ich hin komm

ist schon lang niemand mehr…“

(Aeronauten – früh/spät)

 

Wahrscheinlich ist das ein entscheidender Unterschied zu den Persönlichkeitsstörungen, abgesehen von der zersplitterten Identität : man braucht kein Objekt, an dem man sich ausagiert. Man braucht nichts und niemanden, auf den oder das man projiziert, seine (gestörten) Muster so widergespiegelt bekommt, auf dass sich die fehlgeleitete(n), verzerrte(n) Erwartung(en) erfüllen, so wie man es gewohnt ist. Man hat genug mit dem zu tun, das wechselnd in einem aufsteigt, von dort an die Pupille klopft…

Das schlimmste sind die erwartungsvollen Blicke anderer Menschen, die behaupten „ich kenne Dich“, das Bild, das durch sie entsteht, welches man wahrnimmt, und das sich zu häufig auf jemand anderen bezieht (Für sie ist man ja „einer“). Die Worte, die sagen „ich kenne Dich (so) nicht…“

Ich weiß nicht mal, wie sich dieses Wort „ich“ anfühlen soll. Wenn ich „ich“ sage, hört sich das so an : „i_c_h_ ?“ …( was übersetzt bedeutet : diese sogenannte erste Person Singular…) Vielleicht kenne ich die einzelnen Bestandteile dieses Wortes, größtenteils, doch sie ergeben keinen Sinn. Kein Ganzes. Fast alles davon ist mir fremd (man spielt es vor nach außen hin, damit „es“ nicht so auffällt)…und doch bin es „ich“, der sich diesen Körper hier teilt. Der gespaltene Blick. .. – Dessen Körper und Psyche aufgeteilt wurde…

Man kennt es eben auch nicht anders. So wie diese Einsamkeit, die immer schon da war, immer schon gewesen ist, so voll mit den verschiedensten Klängen, von denen man nicht sagen kann, ob sie von innen oder außen rühren…  „Alleine“ war man nie, wenn man es war und ist es heute nicht. Man ist unbeobachtet, das ist ein Unterschied.

Ein ganz entscheidender…

 

 

 

4 Gedanken zu “dokument #11

  1. Wow, wie schön geschrieben, wie sehr ich mich hier wiederfinden kann. Danke für deinen Besuch bei mir. Ich (das gibt es bei mir mittlerweile schon, auch wenn ich Zeiten erinnere, wo ein ICH ein Fragezeichen war.), ich also bin nur ein Teil von uns und ich werde mich später noch durch deinen/euren Blog lesen.
    Bis bald und liebe Grüße
    „Benita“

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