dokument #10

Trübes Licht. Man wird sich niemals an die Dämmerung gewöhnen. Es ist gut, wenn es Tag ist und es ist gut, wenn es Nacht ist.

Am Tag ist da das Licht, in dessen Wachstum man vergisst, dass die Dämmerung lebt. Und in der Nacht ist da die Ewigkeit, die den Ablauf der Zeit einfriert und anhält, so dass jeder Augenblick sich zur Unendlichkeit dehnt. Doch wenn es dämmert, geschieht etwas….das man auch, nach dem man es das ganze Leben schon wahrgenommen hat, niemals benennen können wird. Sie ergreift Besitz, durchtränkt das durchlässige mit düsteren Schatten, die nie greifbar werden, doch alles verdunkeln. Sie ist ein Zustand, der die Wahrnehmung steuert. So wie Träume, die man nach dem Aufstehen und am Tage vergisst. Doch sie kommt täglich wieder und dann ist sie : immer schon gewesen.

Man wird sich nie an das künstliche, grelle, zerschneidende Licht der Glühbirnen gewöhnen können. Sie bringen das System durcheinander, blenden die Augen und führen dazu, dass man die ausgeleuchteten Ecken anstarrt, ohne wahrzunehmen, dass man das tut. Licht ohne Schatten. So wie ein Mensch ohne Gefühle. Und wenn man den gerade zurück liegenden Therapiegesprächen glauben darf, dann ist man dieser Mensch. Zumindest zum Teil. Zumindest der Teil, der steuert und von dem alles weitere abgespalten ist.

Dieses weitere fürchtet man. Es darf nicht zurück kommen, das wäre fatal. Und obwohl man gute Gründe dafür kennt, dass dem so ist, so bleibt es doch unaussprechlich, was genau dann mit einem geschehen wird. Man weiß nur, dass es nicht zum Aushalten wäre. Und zerrissen hat es einen ja schon.

Irgendetwas ist dort in der Dunkelheit…irgendetwas muss dort sein. Denn seit dem Sommer in der Klinik weiß man, dass man die Dunkelheit ebenfalls fürchtet. Das war gar nicht mal so offensichtlich. Es waren lange, systematische Gespräche, die zutage förderten, was als Antrieb fungiert und in Vermeidungshaltungen mündet.

Am Anfang wollte man einfach wissen, wieso man nicht dazu in der Lage ist die durchlässigen Fenster mit Gardinen zu verhängen, obwohl die Durchsichtigkeit so viel unerwünschtes in einem auslöst. Harmloser Alltag, dessen Nicht-Bewältigen können einen ja in jene Klinik führte. Man sollte lernen „Probleme“ angehen zu können, dafür bekam man Werkzeuge . Skills, Verhaltensanalysen, Pro-und-Contra-Listen…und je genauer man das banale betrachtet, desto mehr kommt ans Licht. So wie jene Angst vor der Dunkelheit, die dann nach Wochen ein ausgesprochener Satz war, dessen Wirkung man sieht, doch dessen Ursprung versperrt ist.

Furcht ist nichts weiter als eine Projektion der Vergangenheit. Sie ist immer schon gewesen, so weit man sich erinnern kann. Man wird sich nie daran gewöhnen.

Vielleicht ist das ja auch der Grund, wieso es einen in die Großstadt zog, wie eine Motte ins Licht. Es gibt nichts hell erleuchteteres im Winter, als die zentralen U-Bahnhöfe. Ihr künstliches Licht lässt einen augenblicklich vergessen, woher man kam. Wie das war vor Sekunden, als man versuchte dem Draußen zu trotzen.

Es ist gut wenn es Tag ist und es ist gut, wenn es Nacht ist. Man wird sich nie daran gewöhnen, was passiert, wenn die Dämmerung einbricht. Doch auch das Licht der Glühbirnen bleibt wohl für immer : fremd und feindlich.

 

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