dokument #8

Zwischen uns auf dem Tisch liegt die Diagnose. Ein Begriff und seine Begründung.

Nach all den Terminen mittlerweile kennen wir uns. Sie ist da um mir zu helfen. Und weil sie das auch tatsächlich immer wieder tut, vertraue ich ihr. Zurecht.

Nicht einmal war sie invalidierend oder bevormundend. Nicht einmal hatte man den Eindruck, dass sie nicht sieht.

Von allen, an die man gerät, wenn man auf Hilfe angewiesen ist, um das, worin man steckt zu verändern, weil man sich alleine da nicht raus ziehen kann, sondern immer wieder tiefer nur hinein stößt, ist sie diejenige, die diese Muster und ihre Wurzeln dahinter wohl am genausten sieht. Man hat den Eindruck, dass sie versteht.

„Das kann man sich gar nicht vorstellen…“ sagt sie.

„Ja“ sage ich, „ich weiß….und ich dachte wirklich immer, dass alle Menschen so sind“.

„Alle Menschen sind anders“, sagt sie und lacht, „und sie sind eben so“.

„Wahrscheinlich habe ich das da in der Klinik gelernt,“ sage ich „dass die anderen Menschen so nicht sind…“

 

Ich dachte wirklich immer, dass insgeheim doch alle so sein müssen. Dinge, die so weit zurückreichen, so lange man denkt, die stellt man nicht in Frage. Und wie kann gewohnte „Normalität“ denn auch so dermaßen zersplittert und verschoben sein…all das Abgespaltene, zum Selbstschutz. Ein System zum Überleben. Zu klein, zu jung und zu allein, um sich anders zu wehren.

Und je mehr man heute lernt mit all dem in sich (und all denen) zurecht zu kommen, einen Weg und einen Umgang zu finden, desto schwerer fällt es in der Öffentlichkeit (also jenen kleinen Teil davon, in dem man sich bewegt) nicht „wir“ zu sagen, wenn man von sich spricht. Doch das vermeidet man aus Selbstschutz, weil man ja schließlich weiß, dass die mit denen man spricht, nur den einen Körper sehen, der man nach außen hin wohl ist. Sein muss.

Ich dachte wirklich immer, sie könnten sehen, wer in mir drin gerade vorne ist und handelt…ich dachte wirklich immer, sie sehen, wer da noch aus meinen Augen schaut, zur selben Zeit. Ich dachte wirklich immer, dass sie das sehen können, wo ich gerade bin in mir ….

…wenn man es doch selbst schon nicht sieht.

5 Gedanken zu “dokument #8

  1. Liebe Spiegelscherbenkind, ich möchte diesen Text gerne auf meinem Blog teilen, weil ich denke, dass DIS hier von euch besondeirs schön und auch berührend beschrieben ist. Allerdings hast du keinen reblog-Button, sodass wir nicht wissen, ob euch das recht ist. Sonst kann ich’s evtl. mit der „press this“ Funktion von WP es auf meinem Blog veröffentlichen. Selbstverständlich immer mit Link zu deinem Blog und Quellenangabe! Lass mich bitte wissen, ob das für euch in Ordnung ist. Danke für den berührenden Beitrag. Ich lese sehr gerne hier.
    Liebe Grüße
    „Benita“

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    1. Hallo Benita, im Grunde müsste die „rebloggen“-Funktion, wenn man sich den Beitrag als einzelnen aufruft, nun ersichtlich sein.
      Da wir meist einen Werbeblocker laufen haben, sind für uns viele Dinge bei den Einstellungen gar nicht ersichtlich gewesen.

      Danke noch mal für alles.
      liebe grüsse, spiegelscherbenkind

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Spiegelscherbenkind, ich habe erst jetzt Info von deinem Kommentar erhalten. Heute ist es uns zu spät. Ich sehe es mir morgen an mit dem rebloggen. Ich freue mich, dass es nun geht.

        … Ich danke auch für viele wunderbare Texte und dass du uns entdeckt hast. 🙂

        Liebe Grüße
        „Benita“

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  2. Hat dies auf lebendig werden … rebloggt und kommentierte:
    Spiegelscherbenkind fand unseren Blog vor Kurzem und wir sind sehr dankbar dafür. Ich möchte hier diesen Beitrag von ihr teilen, weil er sehr schön beschreibt, wie schwer die Annäherung an sog. „Normale“ ist. Dass das Erstaunen beidseitig ist und wenn von DIS-Menschen erwartet wird die „normale“ Welt zu verstehen ist es so anstrengend und schwierig bis unmöglich, wie umgekehrt. Es ist ein sich annähern, das die Anstrengung und das Wollen beider Seiten bedarf.

    Wir haben diesen Beitrag fast exemplarisch ausgewählt. Er passt sehr gut zu unserer momentanen Lebenssituation. Exemplarisch deshalb, weil wir allen Leser/inne/n diesen Blog ans Herz legen möchten. Noch haben wir keinen Text gefunden, der uns nicht im Innersten berührt und angesprochen hätte. SO ist ein Leben mit „multipler Persönlichkeit“, wunderbar beschrieben! So erleben wir es auch weitgehend.

    Danke Spiegelscherbenkind für diesen Einblick! 🙂

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