dokument #6

Skillsgruppe. Die erste Teilnahme. Das erste Mal in einem solchen Kontext, außerhalb der Klinik.

Kleine Runde. Kleine Vorstellungsrunde. Name und Alter.

Einer von vielen muss jetzt vor, was sagen. Ok, das funktioniert. Einen solchen Kontext kennt man. Und den Namen, den hat man eben beim Hereinkommen ja schon geübt. Und im Flur davor, beim Händeschütteln auch. Eine eingeübte Buchstabenreihenfolge.

Gleich ist die Reihe bei einem. Man ist der letzte in der Reihe, reiner Zufall, ein Satz ohne Bewertung. Und ohne emotionale Grundannahme und auch ohne Glaubenssatz. So kennt man das ja aus der Klinik. So ist das hier auch. So hat es hier zu sein.

Man kann nicht hören, was die anderen sagen, nur die Art und Weise, wie sie etwas sagen. Das was der Klang ihrer Stimme verrät über ihr momentanes Empfinden. Eine Nebenhandlung gerade. Es gibt viel zu sehen hier, viel neues. Manche drängeln vor da drin, denn es riecht nach sicherem Ort.

Die Reihe ist nun bei einem. Etwas sagen. Das mit dem Namen funktioniert, den hat man ja auch gerade eben noch geübt. Eine einstudierte Buchstabenreihenfolge.

Das mit dem Alter ist dann nicht so leicht. Wie immer… Man versucht noch kurz einen Zusammenhang herzustellen zwischen dieser Zahl von der man weiß, dass sie als Geburtsjahr da im Ausweis steht und dem Jahr, das gerade ist. Das erste Abziehen vom zweiten, dann erhält man ein Ergebnis. Subtraktion zweier vierstelliger Zahlen. Ganz einfache Mathematik ist das.

Doch man hat vergessen, welches Jahr gerade ist.

Also macht man das, was meistens funktioniert, wenn man „damit“ nicht so auffallen will. Man schätzt grob in die Richtung, in der man jene Zahl, die sie nun hörern wollen, vermutet. Es geht nämlich nicht darum, dass das, was man sagt das richtige ist, sondern dass man das, was man sagt flüssig ausspricht. Und klar und deutlich soll man sprechen…dann fällt „es“ nicht so auf.

Und weil man eben auch sehr ehrlich ist, sagt man :„Name…..Alter….glaube ich…“

Beim Alter stellt man später fest, dass man sich ganz knapp nur verschätzt hat, bei dieser äußeren Zahl, die so rein gar nichts zu tun hat, mit denen da drin. Abstrakte Welt.

Als man sagt „glaube ich“ bringt das die anderen aus der Gruppe zum kichern. Das ist ok, hier dürfen sie das, in diesem Rahmen. Jeder hat sein Kreuz zu tragen, hier an diesem sicheren Ort. Und Kichern ist gut. Es erleichtert und lockert die Anspannung, deren Ausdruck es ist.

 

Draußen und woanders hat man nicht immer so ein Glück, wenn man reflexartig zu ehrlich ist, völlig ohne Selbstschutz. Und manchmal gerät man dann eben an einen ach-was-ist-schon-Alter-man-ist-doch-immer-nur-so-alt-wie-man-sich-fühlt-Menschen. Denen sollte man dann besser nicht erzählen, wie das ist mit dieser Bezugslosigkeit des Inneren zu den äußeren, abstrakten Zahlen. Denn das dazu der Bezug vollkommen fehlt, aus ganz bestimmten Gründen, heißt  nicht, dass man etwas ganz bewusst verdrängen und bekämpfen will wie jene, die einfach nicht wahrhaben wollen oder können, dass sie schon so alt sind. Das Verdrängen und Bekämpfen kann man nämlich hören in ihrer Stimme. Der Art, wie sie es sagen…

Und jene „ach…“-Menschen, die geben einem auch sehr gerne und ausführlich Ratschläge. Sie stellen nie Fragen, um zu verstehen, sondern lassen sich darüber aus, wie etwas ist und was man muss…Sie wissen gar nicht, was ein solcher Umgang, im Nachhinein dann selbstschädigendes in einem auslösen kann…dann hört man nämlich nur diese Stimme im Kopf, die im Imperativ auf einen einspricht, einem dabei alles abspricht und einem erzählt, bis man es selbst glaubt, dass man sich nicht so anstellen soll…

Alte Bilder.

„Ratschläge sind auch Schläge“, sagte früher gerne jemand, der einem auch immer erzählte, wie es ist und was man muss, bevor er später dann an seinen Psychosen zerbrach.

Früher, draußen und woanders…

 

Doch jetzt gerade ist man hier. Hier, an diesem sicheren Ort.

 

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