dokument #3

Die Uhr sagt : Promethazin. Aber da man am Tag schon kurz geschlafen hat, nachdem man es die Nacht zuvor nicht getan hat, weil man eben kein Promethazin nahm, trinkt man eben Kaffee. So durcheinander wie es ist, macht das wohl keinen Unterschied.

Was ist „es“ im Satz da zuvor ?

Wahrscheinlich das worauf die Frage abzielte, die der Therapeut stellte: „was man den ganzen Tag macht“. Wie so ein Tagesablauf denn aussieht.

Und dann sitzt man da und kann nicht antworten. Man beginnt mit „Früh wach werden und Aufstehen..“ und schon hängt diese seltsame Platte, die man sich im Inneren vorspielt bzw. vorgespielt bekommt. Nichts ist mehr greifbar. Und dabei soll und kann und darf und muss und will man doch gerade erzählen. Man sitzt ja schließlich nicht vor diesem Therapeuten, den man kennt von früher noch, um ihm aufzuzählen, was sich an der Anordnung der Möbel im Raum, seit dem letzten Besuch vor Monaten, geändert hat. Das weiß er selbst ja am besten.

Die einfachen Fragen. Die Unmöglichkeit ein lineares „ich“ erzählen zu lassen, was zwischen Punkt A und Punkt B wohl geschehen ist. Wie es dorthin gelangte und was dazwischen passiert ist.

Den Sommer verbrachte man damit in einer Klinik zu lernen, mehr oder weniger, an diesem Punkt „jetzt“ zu bleiben und ihn zu beschreiben. Dass es gelingt nun zuweilen ist ein Erfolg, verglichen mit dem Zustand davor. Die Risiken und Nebenwirkungen : ein anderer Kontext.

Und die Art und Weise wie man lernt, ist die eines Golems. Von außen beschriftet reproduziert und erfüllt man, was als Erwartung im Raum steht. Ohne Erinnerung formbar. Kein Gedächtnis eines „Selbst“ oder der Zeit die davor lag.

So bleibt das „jetzt“ immer jetzt. Abgeschnitten, losgelöst. Ein einzelner Punkt, kein Teil einer Linie. Und man sitzt da vor einer einfachen Frage, verstummt. Weil wirklich rein gar nichts erinnerlich ist. Außer dieses „jetzt“, um das es nicht geht.

Und dann versucht man die einzelne Handlungsstränge, in die man zerfallen ist, zu greifen, und dadurch zu sehen. Sie neben- oder nacheinander zu berichten, auf dass daraus ein Bild entsteht, das einem selbst nur aus der Ferne bekannt ist.

Z.B. Promethazin. Wenn man es nimmt kann man schlafen, das weiß man wohl. Und dass, wenn man es genommen hat, man, innerlich und äußerlich, immer noch schläft, selbst wenn man längst wieder wach ist. Alles, was einen umgibt, ist dann hinter Milchglas. Sogar die Anderen im Innern, die man ja selbst alle ist. Sie gehen dann neben einem her, wie ein stolpernder Schatten. Alle in Aufruhr, entfernter und entfremdeter, als man sie kennt. Sie winken durch den Nebel und beschweren sich, und man hört sie sehr weit entfernt.

Manchmal steht man dann auch einfach da und starrt in die Leere oder fixiert das äußere Licht, das einen so blendet, dass es körperlich schmerzt. Doch man kann diese Verbindung  meistens nicht herstellen: äußerer Reiz, innere Wahrnehmung, ausgelöstes Empfinden und Handlungsdrang.

Und wenn man es nicht nimmt, ist der Schlaf kein Reflex. Dann tut man, was man tut und kann sich später nicht erinnern, wie lange das war, und wer es war, der da , aus seiner Sicht heraus, gehandelt hat. Man sieht nur die Spuren. Seine oder Ihre Hinterlassenschaft. Und je nachdem, ob man das will oder nicht, kann man sie zur Kenntnis nehmen und Ableitungen anstellen….Meistens will man es nicht.

Funktionieren heißt: die zeitlichen Lücken überspielen, die dadurch entstehen. So kennt man das und ist es gewohnt…

 

Doch das ist nur ein Bruchstück, ein Teilaspekt. Keine Antwort auf die Frage, die da im Raum vor einem steht. Man ringt nach Worten, die nicht kommen, weil nichts greifbar wird, worauf man sich bezieht.

Man weiß um die Stunden, die damit vergehen, dass man wie aufgezogen und ferngesteuert da draußen herum läuft. Doch tut man das, nur weil es geschieht? Es könnte auch ein Film gewesen sein, den man vor langer Zeit, in einem anderen Leben mal sah. Das ist kein Unterschied, zwischen gestern, gerade eben und irgendwann einmal vor langer Zeit. Alles ist gleich fern, und man erzählt, wenn man das tut, von sich selbst als eine dritte Person. So wird kurz greifbar, was beim Erblicken wie eine Fata Morgana zerrinnt.

Funktionieren heißt, dass sichergestellt ist, dass kleine alltägliche Ziele erreicht sind. Völlig gleich wer in einem drin sie erledigt.

Man kann von verschiedenen Handlungsstränge erzählen, so weit sie eben erinnerlich sind.,die parallel ablaufen, sich abwechseln nach außen hin. Doch zusammen ergeben sie kein g, obwohl sie das sollten. Sie sind „das Ich“, doch „ich“ bin nicht sie. Ein Bruchstück nur, das sie nach außen hin sehen.

Wenn es gut läuft dirigiert man und wenn nicht, dann ist man weit weg. Irgendwo im Hinterkopf , zur Seite geschoben…ohne Einfluss auf das, was geschieht.

Und statt erzählen zu können, dass zwischen Punkt A und Punkt B eine Verbindung besteht, schildert  man, um überhaupt etwas zu sagen, dass man in sich „jede einzelne Tonspur hören kann, und dass man sich tastend dahin bewegt, dass der Gesamtklang auf irgendeine Art und Weise ein harmonischer wird…und dass es auch viel um innere Räumlichkeit geht…und…wie lautete die Frage noch mal, um die es gerade geht?“

Die einfachen Fragen. Und das Verstummen vor ihnen, das immer umfassender wird, je mehr man es spürt…

„wie sieht ein Tag bei Ihnen aus?“

Und während man da sitzt und nichts sieht, außer das, was die im Inneren nicht zeigen, weil es ihr Antrieb ist, der mich nichts angeht, und man nichts fassen kann, dass „einem Tag“ entspricht, außer „wach werden, Aufstehen…“, versteht man einmal mehr, dass man nicht weiß wer „man“ ist…

 

Vielleicht ein Golem, der die Scherben aufliest, in die er selbst zersprungen ist.

 

 

2 Gedanken zu “dokument #3

  1. So, wie du alles beschreibst, wird es auch für mich verständlich nach Außen getragen. Mir fehlen leider meist die passenden Worte, weil ich wohl auch noch nicht wirklich genau wahrnehme, was da in mir passiert. Kompliment für deinen Blick!

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen, lieben Dank, Mari 🙂 Das tut gut zu hören, dass man inhaltlich verstanden wird.
    Gerade in einem therapeutischen Kontext ist das leider ja nicht immer so, wenn man am ehrlichsten erzählt von diesen inneren Prozessen.

    Es ist nach innen hin mehr zuhören, wer etwas sagt, als hinsehen.

    Viel Erfolg Dir/Euch beim weiteren Herausfinden und Kennenlernen.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s