dokument #78

„Ich will nie mehr so rein und so dumm sein wie weisses Papier….“*

Nächste Wochen ziehen wir um in eine neue Wohnung. Am Dienstag, um es genauer zu sagen… Dieses Wissen darum wirkt so fern und so unwirklich, und gleichzeitig sehr nah. Aber so ist da ja bei fast allem, und man kennt es auch nicht anders.

Im Grunde sollten hier Dinge getan werden, die damit zusammenhängen. Praktische Dinge, wie ausmisten und einpacken… aber noch hängen sie alle beim „begreifen“, „äußern“ und „debattieren“ darüber fest, und da will ich ihnen nicht dazwischenfunken. Zumal alles, was damit einhergeht, zur Zeit auch nur ein Nebenstrang für uns ist; wenn auch ein sehr wichtiger… Was zählt ist: dass diese notwendige Veränderung definitiv stattfinden wird. Logistik und Zeitpunkt des Umzugs, samt Bezahlung der Kosten, wurden schon, mit Hilfe der Betreuerin fixiert. Morgen wird der Flur hier voll mit leeren Kisten sein, die wir hierher geschleppt haben werden…das läuft, und „ich“ bin diesbezüglich sorgenfrei…. wahrscheinlich weil „ich“ schon  wieder viel, viel weiter bin bei allem, während alle anderen noch in der unmittelbaren Gegenwart, der gerade stattgefundenen Vergangenheit…und dem Wust des großen grell-nebligem „früher“  festhängen… dort eingesperrt sind, und nicht frei kommen.

Wir lernen zur Zeit so viel wesentliches…. begreifen und ziehen (endlich!) langfristige Schlüsse daraus…. und gleichzeitig zerreißt es uns immer mehr. – So wissen wir jetzt beispielsweise, dass, wenn man uns runterdekliniert auf die „starken, wesentlichen“, da nichts übrig bleibt, dass man „zusammenführen“ könnte, so wie es in Therapie die ganze Zeit versucht wurde. Das war sehr schlimm und sehr fatal für uns, diese Bemühungen…und auch sehr schädlich.

…und jetzt, wo sie „überstanden“ sind, und „abgewehrt“ wurden, da wissen wir, „wer“ übrig bleibt von uns, wenn man „sie“ freilegt. Wie eigen-ständig sie ihrem Wesen und ihrer Auffassung nach sind. Welche Bedingungen und Umstände sie brauchen…um an dem „arbeiten“ zu können, das für sie wichtig erscheint. Und vor allen Dingen: wie widersprüchlich und parallel sie sind. Zu unterschiedlich dafür „sie zu vereinen“, zu stark in ihrem Ausdruck, um sie „unter einem Hut“ zusammenzubringen…

Was soll’s. Im Grunde kennen wir es ja auch gar nicht anders…mit einer wesentlichen Neuerung allerdings: Diese „Klarheit“ darüber, so zu sein…die ist in diesem Ausmaß neu. Und auch sehr prägend. Doch was noch viel wichtiger ist: „ich“, der ich hier schreibe, ich weiß endlich… wofür und wesewegen ich „erwachsen“ werden will. Und weiß auch, wie schwer und keinesfalls geradeaus dieser Weg sein wird das zu erreichen, worauf ich hinauswill… – wie unglaublich herausfordernd auch dieser Aufwand damit sein wird…sich jeden Tag aufs Neue kallibrieren zu müssen, sich die Ein- und Zustimmung deren dafür einzuholen, die noch ganz woanders festhängen…anderes wollen und müssen, als „ich“… – doch dieses „wofür“ übertönt sie alle, letztendlich. Auch wenn gleich hinter ihm die „harte Realität“ des ihm nicht-Entsprechens lauert, mit all ihrer Ohnmacht…ihrer Verzweiflung…und all den Fakten, die das Gegenteil dessen beweisen, das man erreichen will…

Das schreibt sich alles so leicht, auch wenn schon dieser Satz darüber alles andere als „wahr“ ist. Denn es schreibt sich nicht leicht…wenn man die ganze Zeit Bilder sieht, in einem Vielstimmigkeiten-strudel gefangen ist…und andauernd auch alle_s in einem aufplatzt, das gerade noch „gesehene“ wegwischt… – Ach, Wirklichkeit, du wildes Land.

…und zu allem Überfluss, steht nun auch noch, für einen von uns, diese Vermutung „hochfunktionaler Autismus/Asperger-Autismus“ ausgesprochen im Raum. Als wenn es nicht schon genug wäre mit „bezeichnenden Worten“…doch es würde (neben dieser „Hochsensibilität“) einiges erklären in Bezug auf diese „zu wenigen/zu durchlässigen Reizfilter“, die so vieles aufnehmen, womit dieses Gehirn dann überfrachtet wird, sich aufhängt…dieses „Orientierungslosigkeit“ so mancher in Folge geringfüger Veränderungen, die nicht verarbeitet werden können…und auch diese (lebenslange) Konzentrationslosigkeit so mancher in Bezug auf diese Dinge, für die kein gegenwärtiges, direktes Interesse besteht…auch wenn man weiß, dass man es gerne aufbringen würde, es geht einfach nicht, während man für das, das einen „wirklich interessiert“ keinerlei Mühe aufwenden muss, um sich da jedes noch so kleine Detail zu behalten… – all diese Worte.

Und dann diese „Wirklichkeit“, die um mich herum passiert, und irgendwie stattfindet…und viel zu oft: fernab von mir. – Letztens habe ich ein Tagebuch, der jüngsten Vergangenheit, gelesen, das ein anderer von uns woanders führt… ich war so entsetzt darüber zu sehen, was hier doch alles noch so los war…und wie sehr man es doch abspalten und ausblenden kann… es überrascht einen doch immer wieder sehr, diese „Fähigkeit“ zu zelebrieren… Und das ist noch sehr positiv formuliert. Innendrin sieht man das anders.

Ich komme kaum mit dem hinterher, das für uns aufzuzeichnen ist, so dass es „beschriebenes Wissen“ für uns wird, und sich so setzen und verinnerlichen kann… auch das ist sehr merkwürdig zu sagen: „ich komme nicht zum schreiben, ausformulieren…“ – denn wenn man nur die letzten drei, vier Tage nimmt, dann sind hier bestimmt 60, 70 Seiten alleine schon von Hand beschrieben worden nur…irgendwer schreibt immer irgendwas, aus den verschiedensten Gründen, und kaum ist „es“ fertig, geht es gleich weiter, vorwärts und im Kreis,… womit auch immer. Und für das, was gerade war, fehlt „der Blick“… – und mir die Zeit und die Muße all das so annotierte auszuformulieren. Noch wartet es… – auch wenn es sich jeden Moment, der verstreicht, immer weiter erübrigt…

…und ich, beinahe alle Kraft dafür aufwende, in alle dem, dieses „wofür“ in all seiner Klarheit, die es für mich bedeutet, nicht aus den Augen zu verlieren. Abgespaltene Wochen, die so vergehen, verstreichen….bis man dann irgendwann vor einer Wand steht, von der aus einem die Buchstaben entgegenstrahlen „zu spät!“, und um die es scheinbar keinen (Aus-)Weg gibt. Keinen anderen als den: wieder neu anzufangen, und so zu tun…als ob das gerade stattgefundene nichts weiteres gewesen wär, auch wenn die Sprache, die es spricht, im Inneren, ganz anderes erzählt… was soll’s. So ist das Leben. Und dieses „wofür“…ist jenes, das ich mir wünsche. Auch wenn es so vielen in mir widerspricht. Wir werden sehen, worauf das hinausläuft.

Doch was ich eigentlich (noch) sagen wollte, in Bezug auf die nun kommende Wohnung, ist:  dass ich mich sehr freue, auf diese „Chance“, die sie zum jetzigen Zeitpunkt für uns ist…. denn hier, wo wir gerade jetzt noch sind, da geht es nicht mehr weiter. So viel, dass hier passierte, sich veränderte…uns entsprach, und dann wiederum nicht… „Weisses Papier“: so wird diese neue Bleibe für uns werden. Nichts von hier, wird uns nach da begleiten, so wollen wir das. Kein Krempel, an dem Erinnerungen haften…nichts von „Bedeutung“, das uns ihm Weg rumsteht, und unsere zersplitterte Aufmerksamkeit, in seinen Bann zieht, verwirrt… Nur das allernötigste wird uns noch begleiten. – Ich hoffe, dass es uns so leichter fallen wird bei dieser alltäglichen Kallibrierung, dieses „wofür“ nicht aus den Augen zu verlieren…in Bezug darauf, wie denn der kleinste, nächste, mögliche Schritt in seine Richtung aussehen kann, und wie wir ihn bewerkstelligen werden.

Ich weiß auch sehr gut, dass wir solches wie mit der Wohnung schon sehr oft dachten, und auch tatsächlich daran glaubten… – Und der Therapeut meinte diesbezüglich ja auch mal, dass wir da aus der Not wohl eine Tugend machen würden, wenn wir immer nur so, wie in einem Hotel leben wollen…zum Absprung bereit, nur das allernötigste, und nichts, das einen festhält… – Doch dieses Mal weiß ich, dass es unserer Entscheidung entspringt so leben zu wollen… So leben zu müssen. Wir wollen „arbeiten“ an uns, und nicht an dem untergehen, ersticken, das vom vorherigen Tag (und allen weiteren) noch an uns haftet…so wirkungsvoll an uns haftet, und uns nicht loslässt… alleine schon all diese handbeschrifteten Seiten, der letzten paar Tage, die hier herumliegen…wofür sie stehen, und was sie enthalten…was sie noch erwarten, und woran es ihnen mangelt….
…und unterm Strich letztendlich übrig bleibt dieses: „wofür“, samt seiner Stärke und Reinheit. Und alles, was uns interessiert ist: wie wir es (irgendwann einmal) erreichen werden… – und alles andere ist nichts weiter als: eine Ablenkung davon, mit uns dafür im reinen zu sein.

Denn: Der Hungrige fühlt leeren Raum in sich…

 

*von: Element of Crime

dokument #77

das was zu sagen nie Gelegenheit hatte:

„…weißt Du, in solchen Momenten wie eben (und solche sind oft!), wenn ich da sitze, am Fenster, und rauche, und „was denn den ganzen Tag?“ auf mich einschlägt…und ich nicht weiß, was das soll, und was das ist, und wie man es.. ausdrückt, so dass es für einen selbst, wenn schon nicht lösbarer, so doch verständlicher wird… so verständlich, dass es ein Bild ergibt, das man betrachten kann, wodurch es erkenntlicher wird… immer dann, wenn meine Worte fort sind, und ich um sie ringe, und nichts anderes mehr sehe, als die Unausweichlichkeit der nächsten Minute, ohne Halt oder Ausweg… dann fallen mir plötzlich all diese Sätze von Dir ein. Die, die du geschrieben hast, und die ich mir ansehen durfte..

…und all das, was ich nicht ausdrücken, oder gar greifen kann, und deswegen an ihm auch so durchdrehe, das erzählen und zeigen sie mir… und das beruhigt mich dann, weil ich weiß…und verstehe, das was in uns… jegliche Ordnung vernichtet, und das Handeln verzerrt, nichts anderes ist… als ein Rätsel, das darauf wartet, dass jemand wie du ihm die Unlösbarkeit nimmt… durch eben jene Draufsicht, die auszudrücken vermag, was ich nicht aushalten kann…


So vieles, das ich so von Dir lernte. Und jedes Wort von Dir, das so bei mir verblieben ist… ist es wert niemals vergessen zu sein. Ich hoffe, Du weißt das.“


Ich denke jede Minute an Dich. Und vielleicht kommt irgendwann jemand daher, dessen Klugheit so beschaffen ist wie die Deine, und erklärt mir, wie sinnlos das ist, auf etwas zu hoffen, das ich nicht ausdrücken kann, und deswegen nie zeigen werde…



dokument #76

Wir brauchen einen leeren, weissen Raum für uns, in den kein Geräusch dringt, und unsere außen vor geblieben sind. Eine Unmöglichkeit.

Das einzig klare ist, dass wir diesen Ort hier, an dem wir sind, verlassen müssen und wollen. Und dabei nichts von dem unaushaltbarem mitnehmen werden, das uns hier jeden Tag noch umgibt. Kein einziges unserer Besitztümer soll uns noch weiterhin, auch nur für eine Minute noch, begleiten, belagern. Kein Ton aus der Nachbarschaft soll uns jemals wieder erreichen, und sich in uns… manifestieren.

„Irgendwann ist man wieder auf Null“… – das sind wir anscheinend. Zumindest rein äußerlich, wenn die Maßeinheit, die man zu Rate zieht, die Bezugslosigkeit ist. Sie und… der Ekel, die Ohnmacht, und diese Leere, die einen von innen heraus, immer mehr aushöhlt und auffrisst.

So sitzen wir hier also, auf gepackten Koffern, ohne Inhalt, warten minütlich auf ein Wunder, das Veränderung heißt, und das es nicht gibt… und wissen, dass eine Antwort auf die Frage, vor der wir davonlaufen, immer unausweichlicher wird: „Wieso zur Hölle ist das, was einen umgibt, und das man nicht erträgt… immer um so vieles stärker, und mächtiger, als diese Kraft und das Können… es an sich abprallen zu lassen? Darüber zu stehen?“

Und irgendwann, ist man von diesem dagegen-halten, so mürbe geworden, dass man einfach nur noch weg von alle dem muss. Und wenn der zerrüttete Blick wieder ausreicht dafür nach vorne zu sehen, sitzt man da, auf diesen Koffern ohne jeglichen Inhalt, und wartet auf ein Wunder, wartet auf ein Zeichen aus einer anderen Welt. Alles besser als das… Sofort bereit loszugehen, wenn man nur wüßte wohin, und nie wieder umzukehren… – selbst wenn man auch dieses Mal die dumpf-gewisse Ahnung in sich spazieren trägt, dass das, vor dem man die Flucht ergreift und sich retten will, längst schon dort angekommen ist und auf einen wartet, wo man irgendwann vielleicht, am Ende einer zerreißenden Odyssee, einkehren wird und sich niederlässt.

Manches verlässt einen nicht. Egal, wie sehr man sich auch bemüht, es nicht zu sehen, es nicht zur Kenntnis zu nehmen… Und wenn der Punkt wieder mal erreicht wurde, dass etwas an seinem (natürlichen) Ende angelangt ist, ist das einzige, was meistens übrig bleibt, die Hoffnung darauf, dass die Fantasie ein weiteres Mal dafür ausreichen wird, im nächsten Neuanfang, die Kennzeichen der Wiederholung, mit anderen Nebenschauplätzen/ und -darstellern, gewissentlich zu übersehen, und stattdessen einen „Zauber“ zu riechen, der alle dem innewohnt, das anders erscheint, als das, was man mit geschlossenen Augen, von weitem schon, erkennt, und nicht länger mehr sehen kann. Kein einziges Mal.

Natürlich sagt man sich das nicht, sondern glaubt sich tatsächlich…

Und das einzige, das wirklich klar ist, ist diese unwiderlegbare Tatsache, dass wir diesen Ort, an dem wir hier sind, verlassen wollen und müssen.



dokument #75

Gerade platzt(e) hier alles auf, und es geht drunter und drüber. Alte Muster und Verhaltensweisen, „Persönlichkeiten“ stehen im Raum, und in einem drin, von denen man dachte, dass man sie längst schon überwunden, abgelegt, hätte. Ihnen entschlüft sei, so als ob sie abzustreifende Schlangenhaut wären.

Die Therapie ist nichts weiter als ein einzige Anstrengung, ein Kampf. Sie verwirrt, und entzweit uns noch zusätzlich, anstatt….uns Hilfestellung zu geben beim Orientieren und Fokussieren. Es ist so, als ob sie zu einer zusätzlichen Stimme in uns geworden sei, deren Befehlston uns ununterbrochen die dortigen Ansprüche an uns…entgegenschreit. Man sieht nur noch die eigenen Fehler, Unzulänglichkeit, ein generelles „so nicht sein dürfen“, und aufgrund des großen Zieles „uns zusammenzuführen“, ist unter einigen der Inneren ein Kampf entfacht worden, in dem wohl auch so empfundene Todesangst einen sehr gewaltigen Antrieb darstellt. – Zu viel für uns, um weiterhin….zu funktionieren, als System. Dieses System, das so „nicht sein sollte“, weil Menschen nicht in zig Identitätssplitter zerteilt durch dieses Leben rennen sollen. So empfinden wir das.

Es ist gut hier wieder zu schreiben. Denn hier schreibe „ich“. Das sind „meine“ Worte, „meine“ Texte. „Meine“ Art des Umgangs damit. Und von allen Mitteln, die ich kenne, ist das das wirkungsvollste, um zu verstehen, zu sehen…und vielleicht irgendwann auch: zu ver_ändern.

Wir schreiben so viel… all die Zettel voller verschiedener Handschriften, die hier im Raum verteilt, existieren, und Zeugschaft geben von etwas….das ich ansonsten nicht sähe. Es gibt Tagebücher, in die jeden Tag, voller Drang und Notwendigkeit, sich jemand von uns mitteilt und austobt. Sich selbst sein „Sein“ vergegenwärtigt, und ausspricht, was nach außen, nahezu unmöglich ist, weil es dort auf jene, scheinbar unüberwindbare, Wand der ersten Person Singular trifft, die man für andere… darstellt, zu sein hat. Sie sehen und wissen ja nicht, „wer von uns“ da gerade spricht. Dass der eine, so gut wie nichts mit dem anderen zu tun hat, teilweise. – Also bemüht man sich als Host zu „übersetzen“, was nichts anderes heißt, als sich in sonderbaren Erklärungen über jene, unsere „Identitätsstruktur“ an sich zu verlieren, die man selbst gar nicht mal hört, wenn man sie roboterhaft vor sich hin faselt und aufsagt…. und schon ist man wieder in einem inneren Vielstimmigkeitenstrudel gefallen, bei dem man gar nicht mehr weiß, wer jetzt alles was sagen wollte, an wen es gerichtet sein soll_te…. und weswegen.

Wenn einer der anderen in eines jener Tagebücher schreibt, dann sehe „ich“ das nicht. Obwohl es doch „mein Körper“ ist, „meine Hände“, „meine Augen“, „mein Verstand“,  die diese Tätigkeit ausführen. „Ich“ sehe die Worte nicht, die dort geschrieben werden, kann, falls ich sie im Nachhinein betrachten sollte, nichts mit ihnen anfangen, da sie mir zu fremd, zu fern, und auch zu „anders“ sind, als das, was „ich“ …. ja was eigentlich? – Für mich ist diese „Fremdheit“ normal und alltäglich. Und ich/wir kenne_n unsere Mittel und Wege damit umzugehen, uns damit zu arrangieren und darin zurechtzufinden… Die darf man uns nicht nehmen (wollen), so wie es in der Therapie gerade geschieht. Denn das führt zu nichts anderem als zu Systemabstürzen, und einer generellen Blindheit, die wie ein nie endender Rausch auftritt, und immer mehr ausufert, sich ausbreitet… ohne, dass man dem selbst noch Einhalt gebieten könnte.

Es ist gut, dass „ich“ wieder da bin. Dass ich meine Worte wieder klar und deutlich vor mir sehe. Dass ich reden kann mit dieser Stimme, die unter allen die meinige ist. Ich weiß nicht wo ich war, und was um mich herum geschehen ist. Wieso hier wieder alles so ausuferte, so nahe am zerbrechen, am kollabieren, am (sich selbst) zerstören und am abstürzen ist…  doch das werde ich herausfinden, und dort, wo es mir möglich ist, nötigenfalls eingreifen, beschwichtigen,…und trösten. – Es ist dieses „blind sein“ mit offenen Augen, in das sie uns stürzen, in der Überzeugung….“ganze Arbeit“ zu leisten. Doch etwas, das so zersplittert ist wie wir, das lässt sich nicht so einfach zusammensetzen, als ob wir nur ein Puzzle wären, bei dem man alle Teile mal nebeneinander legt,  um fragend zu schauen, ob sie denn so in etwa zusammenpassen könnten…oder so, oder so. –  Das führt zu nichts. Und am Ende liegt alles wieder in Scherben…. und ich erwache irgendwo (in mir drin), schaue mich um, und stelle die Frage: „wo war ich denn nur die ganze Zeit?“. – Doch das sage ich keinem…. niemand Äußeren mehr. Da da in dieser Außenwelt, als nutzlos hingesprochenes Wort, verliert es sich nur… wird zu einem abgestoßenen Teilstück, das nachher fehlt dabei, wenn ich versuche….  mir eine Landkarte mit Worten zu schreiben, von denen, die „ich“ alle bin. Denn darum geht es mir. So finde ich mich zurecht in dieser Welt, von der ich selten sagen kann, wo genau die Grenzen verlaufen zwischen „innen“ und „außen“. Es ist eine klanglich-codierte Resonanz, die ich mir so erschaffe, und die mir den Weg zeigt, so wie die Laufzeit des eigenen Schallwellenechos der Fledermaus… Doch das erkläre ich nicht. Denn dafür müsste ich es ja selbst erst einmal komplett verstehen… und solange es wirkt, interessiert es mich nicht sonderlich, mit welchen Traumata sich andere erklären, wieso ich bin was ich bin….Und wieso ich das brauche „wir“ zu sagen anstatt „ich“…Denn sobald man die Sprache der anderen annimmt und spricht, sie lediglich kopiert, anstatt sie zu sein, verliert man sich in einem Konstrukt, aus so empfunden Lügen, und einer inneren Kompasslosigkeit, die wie ein Roboter äußere Ansprüche aufsaugt, denen sie gerecht werden will, weil sie selbst keine eigenen mehr hat an sich, oder gar wahrnimmt. Und das kann das Leben nicht sein.




 

dokument #74

Anscheinend ist mein Herz (mal wieder) gebrochen. Vielleicht ist es das. Ganz sicher… Bestimmt.

Neulich war ich schon deswegen, zusammen mit der Betreuerin, beim Internisten. Allerdings fand der nichts organisches, das irgendwie defekt ist. Auch sonst sei alles ok mit diesem Ding, so wie er meinte. „Psychosomatisch“, ist das also, wenn ich diesen überwältigenden körperlichen Eindruck habe, dass mein Herz… 1000 Kilo wiegt und gleich zerspringt. Oder so ähnlich…

Liebe tut weh, auch wenn sie das schönste ist, das ich kenne. Vielleicht ja gerade deswegen. Und alles, was ich scheinbar mit ihr anzustellen weiß, ist sie jedes Mal kaputt zu machen, sie mit meinen Ängsten zu verschrecken, und sie dadurch zu verjagen. Und immer wenn es vorher heißt ich sei „der erste, einzige, und der wahrhaftigste, dem man jemals begegnet ist etc.“, dann glaube ich das. Obwohl ich es doch langsam auch mal besser wissen müßte. Doch es klingt einfach zu schön. Und auch zu ehrlich. Und wenn ich sehe, wer das sagt zu mir… in diese menschliche Schönheit hineinblicke, die mich so blendet…und wärmt, und zu all den Dingen antreibt, die nur noch ein Ziel kennen: sie wiederzusehen, und wieder und wieder, dann wüßte ich nicht, was daran falsch sein soll, dieser Schönheit zu glauben.

Und jetzt, wo sie fort ist von mir…  und all der Schmerz darüber mich beinahe schon wieder komplett zerrissen hätte, aber nicht hat, sitze ich mal wieder hier, und denke: „es ist doch jedes Mal dasselbe“. Außer dass die Lust auf Wiederholungen, immer mehr nachlässt, und auch der Körper, scheinbar, immer lädierter wird von alledem. Und ich mir selbst immer weniger noch glaube(n kann). Doch alles andere ist fad, sagt meine Stimmung. Und ich weiß, dass wenn mir irgendwann die Lust daran vergangen sein sollte „wahrhaftig“ zu sein, dass ich dann nicht mehr mag. Dann kann mich dieses Leben hier mal am Arsch lecken. Aber gewaltig. Doch noch bin ich da… Auch wenn ich das vorgestern nicht dachte, fühlte, oder mir gar glauben konnte, dass ich das heute noch bin oder sein kann. Man täuscht sich so oft, und lernt doch nie aus seinen Fehlern. Außer Kalendersprüche, die man irgendwo postet. Und wenn man nicht gestorben ist, dann lebt man noch heute.



dokument #73

Da ist jemand in mir, der ist immer schon weiter. Zwei, drei Straßen, immer schon weiter. Er läuft vorneweg, und vor mir weg, so dass ich mir dabei vorkomme, als sei ich nur ein Schatten, der ihm folgt. So als sei ich nichts weiter bloß, als eine hinterlasse Hülle. Schneller als die Zeit, die ich nicht mag, und ihrem Drängen, eilt und rast er durch den Tag und die Tage hindurch, die ihn nicht berühren. Nie hält er an, nie verlangsamt, nie entschleunigt er sich. Jede Verringerung seines unmenschlichen Tempos scheint ihm wohl wie eine Art Stillstand vorzukommen, der nicht zu dulden ist.

Die Tiefe eines Augenblicks, und überhaupt ihr Vorhandensein, existieren für ihn nicht. Wertlos, weder bekannt noch interessant. Seiner Natur widersprechend… Wer auch immer er ist.

Wenn ich morgens aus dem Schlaf, voll schweißtreibender Träume, wieder erwache, und mich umsehe, um herauszufinden, wer und wann und wo ich bin, den Tag, der vor mir liegt, begrüssen und begreifen will, ist für ihn schon längst der Abend angebrochen; der nächste Tag, die nächste Woche, und immer so fort. Er rast durch das Verstreichen der Tage, als wären sie eine Rutsche, und ich habe nicht den Eindruck, dass er jemals irgendwo ankommen wird. Und auch, dass er das gar nicht will, geschweige denn kann.

Alles, was ich tun könnte, ist für ihn längst schon erledigt, ohne dass ich überhaupt erst damit angefangen habe. Ich hinke ihm stets hinterher, bin immer zu spät, erreiche ihn nie… und alles, was mir wie ein „Jetzt“ noch erscheinen mag, hat sich für ihn längst schon erübrigt.

Der nächste Tag, die kommende Woche, die nahende Stunde… sind für ihn nichts weiter als ein einziger Abwasch. Da ist kein Unterschied mehr übrig, der in all den kommenden Zeitformen und -spannen verblieben ist. Nie ist er da, wo ich auch bin. Nie bin ich da, nie kann ich da sein, wo er schon vorbei gerannt ist. Mein heute ist sein gestern, sein heute mein morgen…

Er scheint sich vom Ticken der Uhr zu ernähren. Sich davon zu stärken. Die Minuten und Tageseinheiten zu fressen, und daraus Beschleunigungsenergie zu generieren, die ihm ununterbrochen Antrieb und Recht gibt, ihn bestätigt und manifestiert. Er hat schon längst abgeschlossen mit Dingen, die ich für ihn erst noch erledigen muss. Das wird scheinbar vorausgesetzt, meine Rolle zu sein, und, allem Anschein nach, von mir erwartet ausschließlich. Auch wenn ich so natürlich keinen spürbaren Anfang mehr finden kann. Denn diese einzige Wirklichkeit, in der ich mich ihm hinterher bewege, löst sich auf vor mir, sobald ich sie denke. Jeder Moment, in dem ich stehe, ist nur noch dadurch gekennzeichnet, dass sich seine hinterlasse Duftspur in ihm verflüchtigt. Ich trage eine Leine um den Hals, an der ich mich selbst hinter ihm und mir her ziehe, gezogen werde, während ich den Augenblick, der zählt, nicht mehr erfassen kann: vorbei, bevor er begann. Schon erledigt, gefälligst, ohne, dass etwas getan worden wäre, das es wert ist zu tun. Nur abgehakt, lediglich, auf dieser Liste, die er unter Verschluss hält, und dort deponiert hat, wo dieses ungreifbare Herz sitzen soll.

Was zählt mein nachhinkende Tun noch, wenn das Protokoll darüber, über mich hinweg, schon längst abgefertigt wurde? Jede Kleinigkeit, die ich angehe, hinkt hinterher, erscheint obsolet… Da vorne rennt er. Jedes Etappenziel schon von ihm abgefertigt… Beim Gehen durch die Straßen ist es am augenscheinlichsten. Durch seine Augen sehe ich den Weg, den ich einschlagen werde. Sehe jeden Abzweig, jedes Detail, sehe die volle Länge der Strecke, sehe die Zeit, die man braucht, sie zu durchqueren. Und alle_s in mir ist zeitlich schon längst dort angekommen, und von dort weiter gezogen, schon wieder, wo ich eigentlich hoffte, dass wir uns begegnen.

Doch sobald ich die Wohnung, oder was auch immer, erreiche, hat er sie schon wieder verlassen. Und seine hinterlassenen Spuren, die ich viel deutlicher sehe und wahrnehme, als mich und uns, in diesem System, das wir sind, sind die nachfolgenden Handlungen, die ich tun sollte. Wie ein dichter Schwarm Moskitos, umschwirren sie meine Augen, und machen mich blind für das, was darüber hinaus noch vor mir liegen kann. „Ansonsten, und eigentlich, und an und für sich…“. Wie die Angst davor verlassen zu werden, besetzen, beherrschen und verzerren sie jeden einzelnen Gedanke. Jede Körperbewegung nichts anderes mehr, als die spürbare Ohnmacht darüber ihnen nichts entgegensetzen zu können. Nichts besänftigendes da, das sie zum Schweigen bringen könnte. Nichts, rein gar nichts, das ihnen gerecht werden könnte… Nicht einmal die Stärke und Wirklichkeit eines Augenblicks, der einem zeigt, dass er es wert ist. Nur die Lücken der Unzulänglichkeit, die sie ausfüllen, und dadurch dehnen und weiten.

Es hat für mich nicht den Anschein, als ließe sich an dieser Tatsache, dass er mir zeitlich vorauseilt, und so aus jedem jetzt ein unerfülltes danach macht, noch etwas ändern. Dafür ist sie zu allgegenwärtig. Und in jedem noch so entferntesten Gedanken, oder gerade auch in solchen, mit denen ich versuche die Verbindung zu ihm zu kappen, ihm ganz bewusst entgegenzuwirken, entdecke ich nichts anderes mehr als mein Nichtmehrvorhandensein. Ich stecke fest in einer Wirklichkeit, von der ich nicht sagen kann, ob sie für die äußere Welt überhaupt etwas sichtbares ist. Ob es Berührungspunkte gibt, Überhaupt: geben kann. Überschneidungen, die mehr nur sind, als die sich verflüchtigende Reste eines abgeschüttelten, vergessenen Traumes, der Abspann eines Filmes.

Und das paradoxe ist: dass während seine Zeit rast, nie anhält und immer schon weiter ist, steht meine still. Vollkommen still. Still, weil ich nicht weiß, was mit mir geschehen ist. Still, weil ich nicht verstehen kann, dass da jemand war, der nun fort ist. Still, weil ich irgendwo und irgendwie hängengeblieben bin. Die Fragen, auf die es keine Antwort gibt, weder beantworten noch abstellen kann… Still, weil ich in jedem Moment, nur darauf warte, und nichts andres mehr kann als dieses warten darauf, mit jemandem reden zu können, der gar nicht mehr da ist. ..

Manchmal, wenn er da vor mir her läuft, gelingt es mir einen Blick auf seinen Rücken zu erhaschen, der gerade im Begriff ist vor mir um die Ecke zu biegen. Ich weiß, dass der, der sich da so sputet, ich selbst bin. Ein abgespaltenes Selbst, das mir entronnen ist, sich aus mir herausgelöst hat. Ich weiß, dass er und ich uns auf irgendeine Art und Weise gegenseitig bedingen. Dass wir wie durch eine Nabelschnur miteinander verbunden sind. Noch… Doch ich bin mir nicht sicher, wer von uns beiden der wirklichere ist. Denn dieser Eindruck nur ein substanzloser Geist zu sein, der in der Vergangenheit vergessen, und von ihm stehengelassen, wurde, ist einfach zu stark. Zu überwältigend stark. Jede Handlung, die ich versuche bewusst zu erreichen, erscheint mir, wie etwas lang schon verstrichenes. So als hätte er sie hinterlassen, wie eine offene Wunde, die längst schon wieder verheilt ist.

Er war nie da vorher, nicht dass ich mich daran erinnern könnte, und ich frage mich, was wohl geschehen sein muss, sich wohl ereignet haben muss, dass ihn in die Welt gesetzt hat. Oder besser gesagt: was verdammt noch mal ist bloß  passiert, dass mich aus seiner hinausgestoßen und hinauskatapultiert hat… und wann war eigentlich „vorher“, und wo begann dieses „danach“…

Alles, was mir durch ihn verdeutlicht wird, ist dieser Eindruck: nur ungenügend, und niemals mit einem Augenblick im Reinen zu sein. Eine Verflüchtigung zu sein, und sich das nicht eingestehen können, weil das Verstehen dessen dazu nicht vorhanden ist. Denn etwas sehr entscheidendes fehlt: dieser Teil, oder dieses Stück, das zwischen uns vorhanden sein muss, damit wir einander ergänzen. Denn sollten wir uns so, wie es sich jetzt darstellt, tatsächlich einmal erreichen, muss die Formel dafür erst noch gefunden werden, die jene Achse wieder ins Lot bringt, auf der wir uns wie unbekannte relative Größen aus der Ferne bedingen, und gegenüber wohl stehen.

Der Abspann eines Filmes. Ohne Namen und Titel. Ich kann mich nicht daran erinnern ihn tatsächlich auch gesehen zu haben, Obwohl ich doch seit Monaten in diesem Kinosaal hier eingesperrt bin. Kein Ausgang in Sicht, und auch kein Vorhang, der sich hebt und wieder fällt. Und auch kein anders Publikum ansonsten, außer mir und jenem, der aus dem Bild herausläuft, in dem er nie war, und der ich selbst bin…