dokument #73

Da ist jemand in mir, der ist immer schon weiter. Zwei, drei Straßen, immer schon weiter. Er läuft vorneweg, und vor mir weg, so dass ich mir dabei vorkomme, als sei ich nur ein Schatten, der ihm folgt. So als sei ich nichts weiter bloß, als eine hinterlasse Hülle. Schneller als die Zeit, die ich nicht mag, und ihrem Drängen, eilt und rast er durch den Tag und die Tage hindurch, die ihn nicht berühren. Nie hält er an, nie verlangsamt, nie entschleunigt er sich. Jede Verringerung seines unmenschlichen Tempos scheint ihm wohl wie eine Art Stillstand vorzukommen, der nicht zu dulden ist.

Die Tiefe eines Augenblicks, und überhaupt ihr Vorhandensein, existieren für ihn nicht. Wertlos, weder bekannt noch interessant. Seiner Natur widersprechend… Wer auch immer er ist.

Wenn ich morgens aus dem Schlaf, voll schweißtreibender Träume, wieder erwache, und mich umsehe, um herauszufinden, wer und wann und wo ich bin, den Tag, der vor mir liegt, begrüssen und begreifen will, ist für ihn schon längst der Abend angebrochen; der nächste Tag, die nächste Woche, und immer so fort. Er rast durch das Verstreichen der Tage, als wären sie eine Rutsche, und ich habe nicht den Eindruck, dass er jemals irgendwo ankommen wird. Und auch, dass er das gar nicht will, geschweigen denn kann.

Alles, was ich tun könnte, ist für ihn längst schon erledigt, ohne dass ich überhaupt erst damit angefangen habe. Ich hinke ihm stets hinterher, bin immer zu spät, erreiche ihn nie… und alles, was mir wie ein „Jetzt“ noch erscheinen mag, hat sich für ihn längst schon erübrigt.

Der nächste Tag, die kommende Woche, die nahende Stunde… sind für ihn nichts weiter als ein einziger Abwasch. Da ist kein Unterschied mehr übrig, der in all den kommenden Zeitformen und -spannen verblieben ist. Nie ist er da, wo ich auch bin. Nie bin ich da, nie kann ich da sein, wo er schon vorbei gerannt ist. Mein heute ist sein gestern, sein heute mein morgen…

Er scheint sich vom Ticken der Uhr zu ernähren. Sich davon zu stärken. Die Minuten und Tageseinheiten zu fressen, und daraus Beschleunigungsenergie zu generieren, die ihm ununterbrochen Antrieb und Recht gibt, ihn bestätigt und manifestiert. Er hat schon längst abgeschlossen mit Dingen, die ich für ihn erst noch erledigen muss. Das wird scheinbar vorausgesetzt, meine Rolle zu sein, und, allem Anschein nach, von mir erwartet ausschließlich. Auch wenn ich so natürlich keinen spürbaren Anfang mehr finden kann. Denn diese einzige Wirklichkeit, in der ich mich ihm hinterher bewege, löst sich auf vor mir, sobald ich sie denke. Jeder Moment, in dem ich stehe, ist nur noch dadurch gekennzeichnet, dass sich seine hinterlasse Duftspur in ihm verflüchtigt. Ich trage eine Leine um den Hals, an der ich mich selbst hinter ihm und mir her ziehe, gezogen werde, während ich den Augenblick, der zählt, nicht mehr erfassen kann: vorbei, bevor er begann. Schon erledigt, gefälligst, ohne, dass etwas getan worden wäre, das es wert ist zu tun. Nur abgehakt, lediglich, auf dieser Liste, die er unter Verschluss hält, und dort deponiert hat, wo dieses ungreifbare Herz sitzen soll.

Was zählt mein nachhinkende Tun noch, wenn das Protokoll darüber, über mich hinweg, schon längst abgefertigt wurde? Jede Kleinigkeit, die ich angehe, hinkt hinterher, erscheint obsolet… Da vorne rennt er. Jedes Etappenziel schon von ihm abgefertigt… Beim Gehen durch die Straßen ist es am augenscheinlichsten. Durch seine Augen sehe ich den Weg, den ich einschlagen werde. Sehe jeden Abzweig, jedes Detail, sehe die volle Länge der Strecke, sehe die Zeit, die man braucht, sie zu durchqueren. Und alle_s in mir ist zeitlich schon längst dort angekommen, und von dort weiter gezogen, schon wieder, wo ich eigentlich hoffte, dass wir uns begegnen.

Doch sobald ich die Wohnung, oder was auch immer, erreiche, hat er sie schon wieder verlassen. Und seine hinterlassenen Spuren, die ich viel deutlicher sehe und wahrnehme, als mich und uns, in diesem System, das wir sind, sind die nachfolgenden Handlungen, die ich tun sollte. Wie ein dichter Schwarm Moskitos, umschwirren sie meine Augen, und machen mich blind für das, was darüber hinaus noch vor mir liegen kann. „Ansonsten, und eigentlich, und an und für sich…“. Wie die Angst davor verlassen zu werden, besetzen, beherrschen und verzerren sie jeden einzelnen Gedanken. Jede Körperbewegung nichts anderes mehr, als die spürbare Ohnmacht darüber ihnen nichts entgegensetzen zu können. Nichts besänftigendes da, das sie zum Schweigen bringen könnte. Nichts, rein gar nichts, das ihnen gerecht werden könnte… Nicht einmal die Stärke und Wirklichkeit eines Augenblicks, der einem zeigt, dass er es wert ist. Nur die Lücken der Unzulänglichkeit, die sie ausfüllen, und dadurch dehnen und weiten.

Es hat für mich nicht den Anschein, als ließe sich an dieser Tatsache, dass er mir zeitlich vorauseilt, und so aus jedem jetzt ein unerfülltes danach macht, noch etwas ändern. Dafür ist sie zu allgegenwärtig. Und in jedem noch so entferntesten Gedanken, oder gerade auch in solchen, mit denen ich versuche die Verbindung zu ihm zu kappen, ihm ganz bewusst entgegenzuwirken, entdecke ich nichts anderes mehr als mein Nichtmehrvorhandensein. Ich stecke fest in einer Wirklichkeit, von der ich nicht sagen kann, ob sie für die äußere Welt überhaupt etwas sichtbares ist. Ob es Berührungspunkte gibt, Überhaupt: geben kann. Überschneidungen, die mehr nur sind, als die sich verflüchtigende Reste eines abgeschüttelten, vergessenen Traumes, der Abspann eines Filmes.

Und das paradoxe ist: dass während seine Zeit rast, nie anhält und immer schon weiter ist, steht meine still. Vollkommen still. Still, weil ich nicht weiß, was mit mir geschehen ist. Still, weil ich nicht verstehen kann, dass da jemand war, der nun fort ist. Still, weil ich irgendwo und irgendwie hängengeblieben bin. Die Fragen, auf die es keine Antwort gibt, weder beantworten noch abstellen kann… Still, weil ich in jedem Moment, nur darauf warte, und nichts andres mehr kann als dieses warten darauf, mit jemandem reden zu können, der gar nicht mehr da ist. ..

Manchmal, wenn er da vor mir her läuft, gelingt es mir einen Blick auf seinen Rücken zu erhaschen, der gerade im Begriff ist vor mir um die Ecke biegt. Ich weiß, dass der, der sich da so sputet, ich selbst bin. Ein abgespaltenes Selbst, das mir entronnen ist, sich aus mir herausgelöst hat. Ich weiß, dass er und ich uns auf irgendeine Art und Weise gegenseitig bedingen. Dass wir wie durch eine Nabelschnur miteinander verbunden sind. Noch… Doch ich bin mir nicht sicher, wer von uns beiden der wirklichere ist. Denn dieser Eindruck nur ein substanzloser Geist zu sein, der in der Vergangenheit vergessen, und von ihm stehengelassen, wurde, ist einfach zu stark. Zu überwältigend stark. Jede Handlung, die ich versuche bewusst zu erreichen, erscheint mir, wie etwas lang schon verstrichenes. So als hätte er sie hinterlassen, wie eine offene Wunde, die längst schon wieder verheilt ist.

Er war nie da vorher, nicht dass ich mich daran erinnern könnte, und ich frage mich, was wohl geschehen sein muss, sich wohl ereignet haben muss, dass ihn in die Welt gesetzt hat. Oder besser gesagt: was verdammt noch mal ist bloß  passiert, dass mich aus seiner hinausgestoßen und hinauskatapultiert hat… und wann war eigentlich „vorher“, und wo begann dieses „danach“…

Alles, was er mir durch ihn verdeutlicht wird, ist dieser Eindruck: nur ungenügend, und niemals mit einem Augenblick im Reinen zu sein. Eine Verflüchtigung zu sein, und sich das nicht eingestehen können, weil das Verstehen dessen dazu nicht vorhanden ist. Denn etwas sehr entscheidendes fehlt: dieser Teil, oder dieses Stück, das zwischen uns vorhanden sein muss, damit wir einander ergänzen. Denn sollten wir so, wie es sich jetzt darstellt, tatsächlich einmal erreichen, muss die Formel dafür erst noch gefunden werden, die jene Achse wieder ins Lot bringt, auf der wir uns wie unbekannte relative Größen aus der Ferne bedingen, und gegenüber wohl stehen.

Der Abspann eines Filmes. Ohne Namen und Titel. Ich kann mich nicht daran erinnern ihn tatsächlich auch gesehen zu haben, Obwohl ich doch seit Monaten in diesem Kinosaal hier eingesperrt bin. Kein Ausgang in Sicht, und auch kein Vorhang, der sich hebt und wieder fällt. Und auch kein anders Publikum ansonsten, außer mir und jenem, der aus dem Bild herausläuft, in dem er nie war, und der ich selbst bin…



dokument #72

Jeden Dienstagmorgen hat man als erstes Therapie. Um 9.30 beginnt sie. Seit nem halben Jahr jetzt schon zu dieser Uhrzeit. Noch nie war man unpünktlich. Wenn auch häufig sehr knapp.

Dieses „sehr knapp“ würde man sehr gerne ändern. Doch weil das „eigene“ Zeiterleben so verzerrt, und in verschiedene, sich stets ändernde (Um-)Welten auch aufgeteilt ist, und morgens dann noch jeder schnell sein Zeug machen muss, das man nicht wirklich mitbekommt, nur eben dann, wenn dazu die Gelegenheit fehlte, ist das mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Einer, der anscheinend zu ungreifbar und händelbar ist, da so beim morgendlichen…poltern.

Doch auf den Körper ist Verlass. Der macht das schon, ist darauf programmiert um 09.30 da zu sein. Wenn der nicht wäre..

Als man heute morgen, pünktlich, vor der Praxistür stand, und klingelte, geschah daraufhin nichts weiter. Die Tür blieb zu. Kein Summen zu vernehmen, das sie aufspringen ließ. Das Wetter war auch wieder kühler geworden. Allem Anschein nach hatte der Therapeut sich erkältet, und die Handynummer nicht griffbereit, um anrufen zu können. Das war nämlich schon mal so gewesen. Man sah wieder auf die Uhr, und stellte fest, das alles stimmte. Uhrzeit und Ort.

Leute gingen vorbei, und man wartete. Die Therapie, und alles was damit zusammenhängt, ist gerade sehr heftig. Es löst sehr viel aus, das dann zeitverzögert sehr vorherrschend ist und einem selbst, so hat es den Anschein, noch blinder und zerrissener macht, als dies eh schon der Fall ist. Das Eingemachte eben.

Vor der Therapie schreibt man immer auch sehr viel über das, was man dort zur Sprache bringen will, weil es so Platz einnehmend im Raum steht, alles belegt und verzerrt, und was eher unter die Kategorie „multiples Alltagszeug, mit dem man selbst klarzukommen hat“ fällt.

So eine „Sortierung“ ist wichtig, wenn man „viele ist“. Denn oft hat man diesen Eindruck von sich und den anderen, dass vertraute Therapiegespräche ein wenig wie MauMau spielen sind. Jede_r hat seine Karten in der Hand und will sie unbedingt ausspielen. Nur dass es eben keine feste Reihenfolge gibt. Dann babbelt jeder einzelne so vor sich hin, platzt mit willkürlichen Sachen raus, die ihn beschäftigen und auf der Zunge liegen, nur damit sie mal gesagt sind. Man selbst bekommt das gar nicht so mit. Nur dieser sehr vage und gleichzeitig sehr verzweifelte Eindruck, dass das gerade alles eine Richtung einnimmt, die so nicht angedacht war.

Oder auch diese „Sprache“, die man spricht, wenn man sich mit aller Kraft darauf konzentriert „da zu bleiben“ und etwas lineares zustande zu bringen. Denn jedes Wort ist ja mit zig Bilder verknüpft, die man währenddessen sieht in sich. Deswegen verkürzt man sehr viel, versucht die Bilder zur Seite zu schieben, und ihnen nicht zu folgen. Zu jedem Wort gibt es unzählige Bilder. Fast alle davon „schlimm“. Die Bilder sind viel stärker und präsenter, als die Worte, die man benutzt, in die Situation, in der man sich befindet. Für denjenigen gegenüber ist das sehr schwer dann zu folgen, da man sehr lange Pausen zwischen den einzelnen Worten macht, andauernd mitten im Satz abbricht, und dann auch schon vergessen hat, wovon man gerade sprach. Und dann kann das Gegenüber ja auch nur die Worte vernehmen, die man ausstößt. Die ganzen Bilder sieht es ja nicht. – Wenn man da nicht genau abwägt, was man sagt, benutzt man die „falschen“ Worte, die das was man darstellen und besprechen will, gar nicht ausdrücken, und das Gespräch folgt einer Fährte, die nichts mehr mit dem zu tun hat, mit dem man gerade einen Umgang finden will… und löst dann eben noch zusätzliche Bilder, Dinge und zeitverzögerte, unbenennbare Zustände aus, in denen man dann feststeckt, wie in einem Wirbelsturm aus Treibsand.

Deswegen ist dieses „Vorsortieren“ so wichtig. Das ist wie ein Drehbuch schreiben, dem man dann folgt. Im Ideallfall. Würde man das nicht tun, wäre vieles auch gar nicht so präsent, wie es sein sollte, da man aufgrund der Amnesien vieles ja auch ständig vergisst, oder vollkommen abspaltet. Oder der Weg dorthin, mit all seinen Reizen, hat so viel in einem in Gang gesetzt, dass man schon gar nicht mehr weiß, wer man war, als man losging…

Als ich heute morgen vor der verschlossenen Praxistür stand, fand ich das gar nicht mal so schlimm, dass sie nicht aufging. Einfach aus dem Grund, weil vieles beim Vorsortieren in die Kategorie „multiples Allltagszeug“ gefallen war…und für die „großen Themen“, die all das alte-abgespaltene ans Tageslicht bringen..war man scheinbar auch nicht im entsprechenden Zustand. Aber das ist man ja nie.

Ich schmunzelte sogar ein wenig darüber, dass mir eine_r im Kopf, so beim Warten das Lied „Psychiater“ von Funny van Dannen vorsang („…der Mann war auch sehr witzig, ich dachte oft HaHa, ich lachte zwar nicht wirklich, doch der Lachreflex war da…ich brauche einen neuen Psychiater…“). „Euch scheint das ja nicht sonderlich viel auszumachen“, sagte ich.

Da stand ich nun. Und tatsächlich. Es gab Zeiten, die gar nicht so lange her sind, wahrscheinlich waren sie noch: letzte Woche und gestern, da wäre ich nun sehr kopflos hin-und hergerannt, vor dieser verschlossenen Tür. Die Beine hätten irgendwas getan, und das ganz dringend zu beredende, das so schwer auszudrücken und zu vermitteln ist, hätte komplett die Kontrolle über mich gehabt und gewonnen… So stand ich nun stattdessen da, und überlegte, was ich den nun halbwegs sinnvolles erledigen könnte, in dieser ausgefallenen Therapiezeit.

Ich wartete eine Vierstunde, schaute immer wieder auf die Uhr, um mich davon zu überzeugen, dass Zeit und Ort in Einklang sind. Ich rief an in der Praxis, und sprach auf den Anrufbeantworter. Sagte, dass ich da sei, und nun gehen würde, weil die Tür nicht aufgegangen sei. Und stellte auch noch die Frage, ob ich denn eventuell mal wieder etwas verpeilt oder vergessen hätte. Das geschieht ja auch leider sehr häufig. Dann ging ich.

Als erstes wieder zur S-Bahn. Ich wollte einkaufen, und danach schreiben. Die zurückliegenden Tagen waren nicht so gewesen, dass es dafür ausgereicht hätte. Es war auch gut, dass ich dem ganz bestimmten Drang eines einzelnen in mir nicht folgte. Für ihn war diese atypische Gelegenheit nämlich ein „Hinweis“ darauf etwas für ihn sehr dringendes weiter verfolgen zu können. So verfolgen zu können, dass alles weitere sehr irrelevant und bedeutungslos wird. „Zudem sei die Fahrkarte ja auch noch abgestempelt, die könne man nun sehr gut dafür nutzen, um zu einem bestimmten Ort rauszufahren“, sagte er. „Wann, wenn nicht jetzt?“

Als ich aus der S-Bahn wieder ausstieg, klingelte das Telefon, und der Therapeut meldete sich. Er sagte, dass ich da wirklich etwas verpeilt hätte, und wir wie jeden Dienstag, seit einem halben Jahr, den Termin zur halben Stunde hätten. Ich sei dieses Mal viel zu früh, nämlich zur vollen Stunde, schon dagewesen. Der Termin zur vollen Stunde sei aber doch immer donnerstags. Auch schon seit einem halben Jahr.

Da stand ich nun also, hörte ihm zu, durch diesen Hörer, und stelle die erste und einzige Frage, die mir dazu auf der Zunge lag: „Echt, jetzt?“

dokument #71

All diese Schönheit, die einen umgibt… die sprießenden Blüten, da vor dem Fenster, zum Beispiel. Jetzt sind sie offen, und alles ergrünt und lebt auf. Ich gehe durch die Wälder, atme diese ganz besondere Ruhe ein, die sich mit der inneren vermengt, lasse den Blick wandern und bin einfach nur meine Sinne.

Ich verstehe es einfach nicht, kann nicht nachvollziehen, was da passiert ist… Obwohl ich sehr genau Bescheid weiß darüber, mir große Mühe gebe, alle Seiten zu verstehen, und sie auch nachvollziehen und akzeptieren kann.

Und dennoch verstehe ich es nicht. Es liegt an dieser Schönheit, die da ist. Die, die mich umgibt… und jene, die in mir drin ist. Dort aufbewahrt wurde. Die Fragen, die sich selbst sprechen hören nicht auf. Sie brechen nicht ab: „Wo ist es denn jetzt…? Wieso ist es denn jetzt nicht da und hier?… Jetzt wo es schön ist, und frei…“. Sie sind viel zu unschuldig, um jemals verstehen zu können. – Ich habe auch keine Worte und Erklärungen mehr dafür, die irgendetwas bezwecken, und erreichen könnten. Ich bin in der Unterzahl. Und alles, was ich anzubieten habe, gehört mir. Intelligenz und Verstand enden dort… wo nur noch das Herz sieht. Es schlägt viel stärker, als der schrille Lärm der Sätze, die das wonach (und wofür) man lebt… vernichten.

Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort…. – ich bin noch nie jemandem begegnet, der beides erreicht, oder gefunden, hätte.

Ich weiß sehr wohl um all die inneren… Grenzen, die einzuhalten, und auch zu pflegen sind. Weiß um den Ausschlag, und die Höhe der Wellen, die Kleinigkeiten schlagen… weiß um die Zeitverzögerungen, die Tropfen in den Fässern, und all die alten Wunden, und ihr gegenwärtiges Glühen und Lodern. Kann all dies sogar zusammensetzen zu etwas, das mir erklärt, wie es ist.

Und dennoch verstehe ich nicht. Einfach, weil all die Schönheit der Augenblicke, viel stärker und größer und durchdringlicher ist, als das, was ich bin. Nichts in mir verlangt Unmöglichkeit… – es ist diese sehen und spüren, und dieses „als schön empfinden“, das jegliches Wissen ad absurdum führt. Es zu etwas macht, das diese Welt anhält, sie stillstehen lässt. Jene kleine Eigenwelt, auf die man einen Einfluss hat, der teilbar ist, weil man aus ihr heraustreten und „da sein“ kann.

Einfach nur: Da sein kann.

…und all der Rest, den man sich selbst besorgt, und um den man sich zu kümmern hat, ist Angesichts der Schönheit ringsum, auch nichts weiter, als etwas… das niemals wirklich so zu verstehen ist, wie etwas, das einen Sinn ergibt, von dem man ein Teil ist.


„Man kann es nicht suchen. – Es findet es dich“…


Und an einem anderen Tag, da war ich jemand anders. Und dachte Dinge so klar, dass alles fremd erschien… man fühlt es, kann es jedoch niemals sehen.

Es ist diese Ehrlichkeit, die in der Schönheit verborgen liegt, die mich nicht verstehen lässt. Wie soll ich ihr etwas erklären, wenn alles, was ich sage, wie eine Lüge klingen muss, die wie jede andere Lüge auch, ein Stück dieser Welt mordet. Das einzige, was ich aufrichtig, aus tiefstem Herzen, sagen kann, ist: dass ich nicht verstehe. Und niemals wohl verstehen werde.


Ist es nicht schön zu sehen, wie das Leben aufs Neue erblüht? Ich glaube wirklich daran, dass die Schönheit dieser Augenblicke, nicht weiter zu erklären ist. Sie ist aus sich heraus da. Das reicht mir als Grund. Ihn verstehe ich.



dokument #70

„Was man doch so alles machen kann in einer Stunde, gleichzeitig…“ – Ja.

„Von der Sache her alles ausgerichtet und strukturiert-geplant, was nun ansteht die nächsten 24 Stunden….“ – Ja.

„Und gerade auch inhaltlich gut auf den Punkt gekommen, bei den „Themen“, bei denen es wichtig und machbar ist…sich zu äußern…..“ – Ja.

„Für die Therapie schon alles aufgeschrieben, so dass es..entscheidend weitergeht da…“ – Ja.

„Und auch kein „Stress“ der ballert, der äußeren Sachen wegen, obwohl da viele sind ringsum, sehr gute Sache auch…“ – Ja.

„Hat auch so den Anschein, als ob man mit offenen Augen durch die Welt gehen könnte….“ – Ja.

„Und das heute viel, bzw. alles vorgenommene, erledigt wird, danach sieht es mit hoher Wahrscheinlichkeit aus….“ – Ja.

„Und das unlösbare…da steht es, als das was es ist: momentane Unlösbarkeit…akzeptiert und bereit ausgesprochen zu werden…“ – Ja.

„Auch nicht so schlimm, dass wir zu spät dran sind gerade…das können wir problemlos hintendran hängen die Zeit….“ – Ja.

„Und jetzt geht es ja auch schon los….“ – Ja.

„Aber?“ – Die Augen….

„Ja, ich weiß…da stehen Fragen drin. Und sie strahlen aus, was sie geöffnet hat…besser, wenn da keiner rein sieht zu lange momentan.“ –  Ja.

„Was machen wir mit ihnen?“ – Auf den Boden richten… „Und später draußen im Wald, wenn wir alleine mit uns sind….“ In den Himmel schauen. „..und nichts andere mehr hören als die Musik….“ – in uns.


Ok – Auf jetzt.



dokument #69

Morgens aufstehen. Müde, wohl. Sollte sein.

Ein Bild ohne Rahmen, und keines im Spiegel. Nur durch nahe Menschen, die es nicht gibt, erfährt man eine flüchtige Ahnung von sich. In alledem.

Kaum ist man wach, muss man erklären. Wieso man kein Lächeln bringen kann, wenn…die Zeit wegbricht. Wieso man nicht immun ist. Und ob man tatsächlich so schlimm ist, wie einer von denen, die…

Man kann all das selbst nicht mehr hören. – Und dieser riesengroße Egoismus traumatisiert zu sein. Immer nur: „bräuchte dies, brauche jenes…halte das und das nicht mehr aus, so.“. Macht kaputt, was sich nicht versteckt. Oder immun ist.

Sollen sein.


Und nebenbei: alles zum Laufen bringen, was gar nicht berührt.

„Brauchen“ und „müssen“ sind immer viel stärker als „wollen“ und „ver_ändern“. Es ist die Reihenfolge der Fragen, auf die man eine Antwort braucht, die man sich selbst nicht geben kann, an der es sich oft aufhängt und durchdreht. Denn bevor das wie nicht vom Tisch ist, kann an das wofür noch nicht zu denken sein.

Das vergesse und verwechsle ich oft. Und zwar immer dann, wenn ich denke: „Da(s) ist der Grund…“



dokument #68

Das Entscheidende, was es einzusehen gibt, ist nicht sagbar…man hält es in Händen, betrachtet es klar und deutlich, blickt hinein wie in den ehrlichsten Spiegel, in den man jemals hineinsah…doch es lässt sich nicht so ausdrücken, dass Sätze daraus werden…

Das kommt daher, dass das dadurch Angestoßene…Gesten sind, Verhalten wird und zu sein hat…ein Gegenüber-treten…eine Brücke wird zwischen Sender und Empfänger, die getrennt, von all dem unsagbaren zwischen ihnen…nach Worten ringen, wie um Luft.



Ich such‘ dich in der Menge
als Fix-Punkt, als Halt
als Barometer der Stimmung
das zeigt was geschieht

Manchmal bin ich verloren
fast hilflos ohne Halt
mittendrin, doch fern von allem
lebendig und blind

Ein Lächeln zur rechten Zeit
kann alles…alles sein
ich schließe die Augen für Sekunden nur
und spreche zu dir

Dies sind die Momente
in denen wir sprechen (und.. doch nicht)
und schaust du mich an
werd‘ ich verstehen.




(EA80 – Fix-Punkt)

dokument #67

Der Tag achtzig Stunden, wie eine Eule ohne Wald, und das ganze wie ein teurer Kolbenfresser…

…wieso spricht man aus, wenn es da ist? Wieso denkt man bloß es ließe sich unterscheiden, von dem wie man „tatsächlich“ ist? – man selbst ist ja blind, obwohl man hört, das jene Stimme übertönt wird, die die tiefste, ehrlichste und sehendste ist. Wieso denkt man bloß, das ließe sich von außen unterscheiden? – Man sieht die Worte, die man sprach und denkt entsetzt: „Mach es nicht wahr, das war ich nicht!“ – da kann man noch so oft davor warnen…und wenn es laut wird, verstummt man nicht, sondern schreit. Schreit: „meine Seele kriegt es nicht“ – und alles was man aus Erfahrung weiß ist, dass nur die Liebe dieses Eis zerbrechen kann, in dem man gefangen ist.

…wieso nur spricht man, wenn die beste Stimme übertönt ist. – sind das Schreie nach Hilfe? Das Anheulen des Mondes? oder diese Warnung: geh weg von mir, ich bin das gerade nicht?

Was bringt es, wenn Wunden verheilen, die man sich doch immer wieder selbst aufreißt.

„Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdiene, weil ich es dann am meisten brauche“ sagten sie…-Ich sehe Bilder vor mir, wenn ich daran denke. erlebtes, das mich nicht loslassen will..-ich weiß, dass es viel braucht, um irgendwann einmal wieder jemanden umarmen zu können. Jemanden hier zu mir herein lassen zu können, als Besuch, ohne dass dadurch all diese Flashbacks da sind…-es erscheint mir eben auch immer stärker so, als wäre es die Mühe nicht wert. Wäre ich die mühe nicht wert. Der Grund weswegen man schwerbehindert ist.

Doch das entscheidende ist…-ich will diesen Bildern immer weniger Gewalt über mich geben. und zum ersten Mal ist da der Eindruck, dass es gezielt ist. Eben waren sie nämlich ganz stark da…als man den Satz schrieb, und wusste, in welchem Moment man so für jemand anderen dachte. – ich habe Angst davor zu küssen. Habe Angst davor….gesehen zu werden. Habe Angst davor an die Hand genommen zu werden, und meine Hand zu reichen…

Doch das entscheidende ist: es ist vorbei. Das was passiert ist, ist vorbei. Auch wenn die Bilder davon noch da sind, und jeden schönen Moment für sich erobern wollen.

„Neue Erfahrungen“ machen….auch wenn das nur in Zeitlupe geht. – doch nach und nach greift es…und ich glaube, es liegt daran…dass man immer wieder und immer wieder die reinen Wünsche freilegt. – Denn da ist keine Unverhältnismäßigkeit in ihnen, wenn ich sie sehe. Keine Gier und keine Ausschließlichkeit. nichts überzogenes – sie sind nur eben viel leiser als das, was sie übertönt…das was man selbst schon gar nicht mehr hört, wenn man es äußert. Denn das erledigen andere für einen. – und dort wo es ankommt, da soll es nicht hin…

Dass man den Dreck nicht einfach aus sich rausschwitzen kann…

Keine zerrissenen Bilder mehr, Keine verbrannten Tagebücher. Und keine verschwendete zeit mehr an Hyänen.

Auch wenn man selbst eine ist.




Schöne Erinnerungen schaffen, die es wert sind zu bleiben, und sie auch speichern und verinnerlichen können…- trotz, und gerade wegen, dieser Hörbarkeit in allem.